Wir sind keine offenen Menschen


Offenheit braucht Individualität

Eine braun-rötlich Struktur, aus der drei Zapfen herauswachsenDamit die Menschheit als Ganzes entwicklungsfähig bleibt, entwicklungsfähiger wird, muss sie aus möglichst vielen Individuen bestehen, von denen jedes auf seine ihm eigene Art die Welt wahrnimmt. Individualität setzt ein offenes Bewusstsein voraus. Je einheitlicher und geschlossener eine Gesellschaft ist, desto weniger besteht sie aus Individuen. Das heißt: Je offener und daher weniger konform eine Gesellschaft ist, desto mehr Individuen gibt es in ihr. Nur in der Offenheit – also der Freiheit – kann sich etwas weiterentwickeln. Verschlossenheit behindert Entwicklung, reduziert sie auf ein kaum merkliches Maß oder macht sie ganz unmöglich, manchmal sogar rückläufig. Das gilt für Systeme, Organismen wie auch Gesellschaften.

Die gesellschaftliche Weiterentwicklung setzt die individuelle Weiterentwicklung voraus.

Wir dürfen uns nur in dem Maß den Konformitätszwängen ausliefern, wie unbedingt nötig, uns gegen unsere Mitmenschen nur in dem Maß abgrenzen, wie die augenblickliche Situation es gebietet. Diese Grenze ist nicht immer leicht zu finden, doch das darf uns nicht abschrecken. Mit etwas Sensibilität und vertrauen wird uns das schon gelingen.
Ein profanes Beispiel, das wahrscheinlich viele kennt: Wir stehen einem Menschen gegenüber, der starken Mundgeruch hat. Eigentlich würden wir ihn gerne darauf hinweisen, doch wir möchten ihn mit dieser Peinlichkeit nicht konfrontieren. Also unterlassen wir es und nehmen ihm dadurch die Möglichkeit, an seinem Problem zu arbeiten.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, Offenheit mit Unsensibilität gleichzusetzen. Wir sollten tun und sagen was wir tun und sagen wollen, solange wir dabei die elementaren Bedürfnisse und Rechte unserer Mitmenschen nicht verletzten. Und das bedeutet wiederum: Nicht jede Albernheit, nicht jede Marotte, nicht jede Spinnerei hat das Recht auf respektvolle Behandlung. Richtet beispielsweise jemand sein Leben nach den Vorstellungen seiner archaischen Vorfahren aus, hat er selbstverständlich das Recht dazu. Erwartet er allerdings Respekt für dieses Verhalten, geht er zu weit, denn es ist albern.

Wer nicht möchte, dass über seine Kindereien gelacht oder gespottet wird, darf sie nicht in die Öffentlichkeit tragen. Man kann auch sagen: Wer nicht wahrgenommen werden will, darf sich dort, wo er wahrgenommen wird, nicht aufhalten. Tut er es trotzdem, gibt er unausgesprochen sein Einverständnis für Spott und Kritik. Über Albernheiten und Dummheiten darf und sollte gelacht werden.

Offenheit fördert die seelische Gesundheit

Eine Nische hinter Bäumen vor einer Felswand

Offenheit nach außen und innen ist wichtig für unsere eigene seelische Gesundheit. Indem wir offen sind und bleiben, korrumpieren wir unser inneres Selbst nicht durch übertriebene Anpassung. Dadurch sind wir kreativer, fantasievoller, lebensbejahender und gleichzeitig weniger manipulierbar.
Klug ist es, unsere Gedanken und Gefühle nicht vor unseren Mitmenschen zu verstecken. Unsere versteckten Gedanken und Gefühle wirken dann unbemerkt aus ihrem Versteck auf uns ein und sorgen für eine permanente Anspannung. Besitzen unsere Gedanken und Gefühle infantile und unreife Züge, hilft uns das Feedback anderer Menschen das zu erkennen. Wir sollten also nicht nur nach außen, sondern auch nach innen offen sein. Wir sollten uns erlauben, über uns und unser Verhalten nachzudenken und fähig sein, unsere Meinungen schmerzlos zu ändern. Dabei verlieren wir unnötigen mentalen Ballast und gewinnen geistige Beweglichkeit.

Wenn wir schlau sind, mögen wir unsere sentimentalen oder unreifen Gefühle und freuen uns, träumerisch und naiv sein zu können! Anderen Menschen geht es wahrscheinlich ähnliche, auch sie halten ihre träumerischen Gedanken vor der Außenwelt verborgen. Doch alles, was wir verstecken, belastet uns.

Je mehr Geheimnisse wir mit uns herumschleppen, desto mehr Energie kostet es, sie weiterhin geheim zu halten. Diese Energie fehlt uns dann, unsere wirklichen Probleme anzugehen.

Eine Lichtkonstruktion, wie eine Explosion

Als offene Menschen können wir uns trotzdem an die wichtigen Konventionen halten. Doch wir sollten unsere Meinungen und Lebensstile selbst entwickeln und darauf achten, zumindest die bedeutendsten Gedanken ständig auf Authentizität und Plausibilität zu überprüfen. Das ist sehr wichtig, denn wenn wir offene Menschen sein wollen, gibt es keine ultimativen Meinungen. Dann wissen wir, das Leben ist ein Fluss und entwickelt sich kontinuierlich weiter.
Unsere Meinungen sind meistens kaum mehr als Momentaufnahmen und vom augenblicklichen Stand unserer Entwicklung abhängig. Das sollte uns bewusst sein. Wenn wir offen sind, gibt es keinen lang anhaltenden, inneren Konflikt. Wir haben kein Problem damit, heute anders zu denken, als vor einem Jahr, denn wir halten uns nicht für absolut. Wir können es als Zeichen für echte Offenheit verstehen:

Verändern unsere Meinungen sich im Laufe der Jahre, sind wir offen. Bleiben sie hingegen ein Leben lang gleich, sind wir es nicht. Denn es ist ganz unmöglich, von Jugend an bereits ein ausgereiftes und realistisches Verständnis von der Welt und dem Leben zu haben. Das ist selbst zum Lebensende nicht so.


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