Die Sys­te­me der Welt


Kapi­ta­lis­mus kon­tra Sozia­lis­mus

Viel zu oft ver­wen­den wir viel zu viel Ener­gie dar­auf, die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sys­te­me für die Miss­stän­de in der Welt ver­ant­wort­lich zu machen. Die Ener­gie, die wir bei der Bekämp­fung die­ser man­gel­haf­ten Staats­for­men ver­brau­chen, fehlt uns dann, um das eigent­li­che Pro­blem zu erken­nen: unser Ver­hal­ten.

Die einen has­sen den Kapi­ta­lis­mus, die ande­ren den Sozia­lis­mus. Unbe­merkt sta­bi­li­sie­ren wir so die Unge­rech­tig­kei­ten in der Welt, denn weder Sozia­lis­mus, Kapi­ta­lis­mus noch ande­re Staats­for­men sind für die Miss­stän­de in der Welt ver­ant­wort­lich.

Höchst­wahr­schein­lich wur­den im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te schon alle Sys­te­me aus­pro­biert, doch keins davon konn­te sich als ide­al erwei­sen.

Wir soll­ten also nach einer ande­ren Lösung suchen. Hilf­reich bei die­ser Suche könn­te fol­gen­der Gedan­ke sein: Unse­re Sys­te­me wären gut, wenn wir es wären!

Sys­te­me, das fal­sche Feind­bild

Immer wie­der hören oder lesen wir, nur die Sys­te­me oder Gesell­schafts­ord­nun­gen müss­ten geän­dert wer­den und schon wür­de die Welt eine bes­se­re sein. Mit einem ande­ren, bes­se­ren Sys­tem gäbe es auto­ma­tisch mehr Gerech­tig­keit, den­ken wir. Das ist für vie­le Sys­tem­kri­ti­ker eine Patent­lö­sung. Doch soll­te das stim­men, wür­de das kein gutes Licht auf unse­re Spe­zi­es wer­fen: Nach die­ser „Sys­tem­theo­rie“ ver­hal­ten wir uns nur des­we­gen so oft destruk­tiv, weil unse­re Gesell­schafts- und Wirt­schafts­sys­te­me man­gel­haft sind. Das wür­de bedeu­ten, unse­re Moral und Ethik besitzt einen labi­len und abhän­gi­gen Cha­rak­ter. Wir sind gut und freund­lich, wenn die Umstän­de es erlau­ben.

Zwei­fel­los stimmt das bis zu einem gewis­sen Grad. In den demo­kra­ti­schen Staa­ten, mit einer gut funk­tio­nie­ren­den Wirt­schaft, ist die Kri­mi­na­li­täts- und Kor­rup­ti­ons­ra­te deut­lich nied­ri­ger als in ande­ren. Doch ein gutes Ver­hal­ten, das sich nur in einer güns­ti­gen Situa­ti­on ent­fal­ten kann, hat kei­ne Chan­ce auf Dau­er­haf­tig­keit. Denn es liegt in der Natur einer jeden Anstren­gung, irgend­wann zu erlah­men. Sind wir nur freund­lich und fried­lich, weil die Umstän­de es erlau­ben, ist die­ses Ver­hal­ten nicht viel wert. Denn frü­her oder spä­ter wer­den die güns­ti­gen Umstän­de sich ändern.

Miss­brauch der Sys­te­me

Bei Sys­te­men ist es wie bei Maschi­nen oder Gerä­ten: Sie sind von uns erschaf­fe­ne Instru­men­te. Und die kön­nen rich­tig, falsch, posi­tiv oder nega­tiv ein­ge­setzt wer­den.

Ein Gewirr aus Ästen und Zweigen, das kaum zu durchblicken ist.Die Art und Wei­se, wie ein Instru­ment benutzt wird, sagt nichts über sei­nen Cha­rak­ter aus. Das bes­te Werk­zeug, das bes­te Instru­ment wird zu einem Fluch, wenn es auf destruk­ti­ve Wei­se zum Ein­satz kommt. Dar­an hat das Werk­zeug kei­ne Schuld.

Sche­ren wur­de bei­spiels­wei­se erfun­den, um bestimm­te Mate­ria­li­en zu zer­schnei­den. Man kann mit ihnen aber auch Men­schen erste­chen – was auch oft geschieht. Trotz­dem kommt nie­mand auf den Gedan­ken Sche­ren abzu­schaf­fen, damit mit ihnen nie­mand mehr getö­tet wird. Wir wis­sen, die Sche­re wur­de miss­braucht und ist für den Mord nicht ver­ant­wort­lich. Die­se Gefahr besteht, solan­ge es Sche­ren gibt.

Glei­ches gilt für unse­re Sys­te­me: Das Ban­ken­sys­tem, die Wirt­schafts- und Gesell­schafts­sys­te­me sind von uns geschaf­fe­ne Instru­men­te, Insti­tu­tio­nen oder Ein­rich­tun­gen, die genau wie die Sche­ren nichts dafür­kön­nen, für destruk­ti­ve Zwe­cke miss­braucht zu wer­den. Ihr ursprüng­li­cher Sinn war der Ver­such, das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben auf den unter­schied­li­chen Ebe­nen zu orga­ni­sie­ren und zu ver­bes­sern, was bestimmt auch auf die eine oder ande­re Art gut funk­tio­niert. Schnell haben wir jedoch gelernt sie zu miss­brau­chen, um uns per­sön­lich zu berei­chern oder Macht anzu­häu­fen.

Schaf­fen wir bei­spiels­wei­se den Kapi­ta­lis­mus ab und erset­zen ihn durch den Sozia­lis­mus, wer­den die Men­schen, die zuvor den Kapi­ta­lis­mus miss­braucht haben, jetzt den Sozia­lis­mus miss­brau­chen.

Das ist der gan­ze Unter­schied. Dem­nach ist es bes­ser, nicht nach dem opti­ma­len Sys­tem zu suchen. Wir kön­nen es bis in alle Ewig­kei­ten tun und wer­den trotz­dem nichts fin­den. Erst wenn wir auf­hö­ren gie­rig, selbst­süch­tig, gewalt­tä­tig, hin­ter­häl­tig, heuch­le­risch und ver­lo­gen zu sein, wer­den unse­re Insti­tu­tio­nen und Sys­te­me kei­nen Scha­den mehr anrich­ten.

Das wah­re Pro­blem: unser Ver­hal­ten

Die eigent­li­chen Pro­ble­me sind also nicht unse­re man­gel­haf­ten Sys­te­me, son­dern unser wider­sprüch­li­cher Cha­rak­ter: Wir kri­ti­sie­ren die Feh­ler der ande­ren und sind blind für unse­re eige­nen. Wir wol­len alles haben, geben aber selbst nur ungern. Wir sind sel­ten bereit, uns ehr­lich auf­ein­an­der ein­zu­las­sen. Jeder glaubt, er weiß bescheid und hat den Durch­blick. Wir sind nur freund­lich und groß­zü­gig, wenn wir in irgend­ei­ner Form davon pro­fi­tie­ren oder es uns locker leis­ten kön­nen. Natür­lich sind wir nicht alle so, doch lei­der viel zu vie­le.

Und weil wir so sind, sind es auch unse­re sozi­al­po­li­ti­schen Ein­rich­tun­gen markt­wirt­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten. Sie sind Spie­gel unse­re inne­re Beschaf­fen­heit. Ein ängst­li­cher, depres­si­ver Künst­ler schafft bei­spiels­wei­se kei­ne fröh­li­chen, lebens­be­ja­hen­den Kunst­wer­ke und ein unbe­schwer­ter, lebens­lus­ti­ger Schrift­stel­ler schreibt kei­ne neu­ro­ti­schen Bücher. Und ego­zen­tri­sche Men­schen schaf­fen kei­ne men­schen­freund­li­chen Sys­te­me oder Insti­tu­tio­nen.

Die Men­schen, die vor Ort sind, sind für das, was vor Ort geschieht, auch ver­ant­wort­lich.

Über einen Künst­ler, der frem­de Ein­flüs­se für die schlech­te Qua­li­tät sei­ner Wer­ke ver­ant­wort­lich macht, schüt­teln wir wahr­schein­lich den Kopf. Doch die Vor­stel­lung, dass die Wirt­schaft und Ban­ken, die Sys­te­me und unse­re Eli­ten für den deso­la­ten Zustand der Welt ver­ant­wort­lich sind (also eine klei­ne Min­der­heit), gefällt uns sehr. Die­se Sys­te­me wür­den uns dazu zwin­gen, gleich­gül­tig und ego­is­tisch zu sein, ver­tei­di­gen wir unser Ver­hal­ten, doch in Wirk­lich­keit waren wir bereits schlecht drauf, bevor es all das gab. Wir soll­ten also auf­hö­ren, die Ver­ant­wor­tung zu leug­nen, indem wir die Schuld an den Miss­stän­den in der Welt den Sys­te­men, Min­der­hei­ten oder Eli­ten in Poli­tik und Wirt­schaft zuschie­ben.

Viel­leicht wären sogar vie­le Sys­te­me taug­lich, doch solan­ge wir nicht bereit sind, bedin­gungs­los fried­lich und freund­lich mit­ein­an­der zu leben, wird sich die Situa­ti­on in der Welt kaum ändern. Wir hät­ten die Mög­lich­kei­ten dazu, nut­zen sie aber nicht. Und um uns dar­über hin­weg­zu­täu­schen, dass unser Unwil­le, unse­re Dumm­heit und Gier die Ursa­chen für fast alles Elend auf die­sem Pla­ne­ten sind, fin­den wir stän­dig irgend­wel­che Aus­re­den und Sün­den­bö­cke:

Kapi­ta­lis­mus, Kom­mu­nis­mus, Freie Markt­wirt­schaft, das Ban­ken­sys­tem, Neo­li­be­ra­lis­mus, Geheim­bün­de, Welt­ver­schwö­run­gen, The­is­mus, Athe­is­mus aber auch … Aus­län­der, Juden und sogar Außer­ir­di­sche. Allem geben wir die Schuld, abso­lut allem – nur uns selbst nicht!

Die Lösung: Mehr Men­schen­freund­lich­keit

Selbst­ver­ständ­lich sind wir nicht alle Oppor­tu­nis­ten und Heuch­ler. Es gibt vie­le Men­schen, die grund­sätz­lich fried­lich und freund­lich sind und nur dann auf Gewalt zurück­grei­fen, wenn sie sich gegen kör­per­li­che Angrif­fe weh­ren müs­sen. Dar­über hin­aus ableh­nen sie es ab, ihr Leben auf Kos­ten ande­rer durch Dieb­stahl, Betrug oder Gewalt­ta­ten zu gestal­ten. Doch sol­che Men­schen gibt es schon immer. Die Fra­ge lau­tet des­halb: Nimmt der Anteil der grund­sätz­lich fried­li­chen Men­schen im Lau­fe der Zeit zu oder bleibt er gleich?

Wahr­schein­lich nimmt er zu — wenn auch nur sehr lang­sam. Denn alles ent­wi­ckelt sich im Lau­fe sei­ner Exis­tenz wei­ter, also auch der Cha­rak­ter der Mensch­heit. Es ist dem­zu­fol­ge nur eine Fra­ge der Zeit, selbst wenn es noch Jahr­tau­sen­de dau­ern soll­te, bis die aller­meis­ten Men­schen ein fried­li­ches und freund­li­ches Gemüt besit­zen.

Es gibt vie­le Men­schen, die fried­lich leben wol­len und es auch tun, selbst wenn sie arm sind und es immer blei­ben wer­den.

Sie füh­len sich unwohl, wenn es ande­ren Men­schen schlecht geht, wäh­rend es ihn gut geht. Wor­an liegt es also, dass ein bestimm­ter Teil von uns raubt, plün­dert, mor­det, ver­ge­wal­tigt und aus­beu­tet? War­um ist so vie­len Men­schen das Leid ihre Mit­men­schen egal?

Sicher­lich gibt es dafür unter­schied­li­che Grün­de, all­ge­mei­ne und spe­zi­el­le. Ein spe­zi­el­ler Grund ist: Wenn wir in unse­rer Kind­heit und Jugend viel Gewalt und Unge­rech­tig­keit erlebt haben, kom­pen­sie­ren wir die­se Erfah­run­gen manch­mal im spä­te­ren Leben durch eige­ne Gewalt­ta­ten und Unge­rech­tig­kei­ten. Aller­dings gibt es genü­gend Bei­spie­le, die das Gegen­teil zei­gen: Gewalt­op­fer kön­nen im Erwach­se­nen­al­ter — trotz ihrer schreck­li­chen Kind­heit – fried­li­che, freund­li­che und ver­ständ­nis­vol­le Men­schen sein, nicht sel­ten sogar auf­grund die­ser schreck­li­chen Kind­heits­er­fah­run­gen. Wer eine schlim­me Kind­heit und Jugend hat­te, kann trotz­dem ein lie­be­vol­ler, krea­ti­ver Erwach­se­ner wer­den.

Fried­lich­keit ist kei­ne Kunst

Eine offene Landschaft mit Hügeln und Wolken.Ein all­ge­mei­ner Grund ist: Die pri­mä­re Beschaf­fen­heit unse­res Bewusst­seins, unse­rer Psy­che, ist noch rela­tiv pri­mi­tiv, hat also noch vie­le archai­sche Aspek­te. Wir haben uns ja aus dem Tier ent­wi­ckelt und in der Tier­welt gibt es kein Erbar­men und Mit­füh­len mit ande­ren Lebe­we­sen, außer für die eige­nen Nach­kom­men und Ver­wand­ten – und das auch nicht immer. In vie­len Punk­ten sind wir dem Tier also noch ähn­lich: Auch uns ist das Leid frem­de Lebe­we­sen meis­tens egal, denn unser Über­le­bens­in­stinkt ver­bie­tet die Rück­sicht­nah­me auf die Inter­es­sen Frem­der. In vie­len unse­rer Stäl­le ste­hen bei­spiels­wei­se unse­re Milch­kü­he ihr gesam­tes Leben lang ange­ket­tet an der­sel­ben Stel­le in ihrem eige­nen Kot. Die­se Wider­lich­keit und Grau­sam­keit schreckt uns auch als fried­lie­ben­de Kon­su­men­ten nicht ab, denn die Milch die­ser Tie­re wird ja gerei­nigt und ist oben­drein bil­lig. Die Lis­te unse­rer unglaub­li­chen Gleich­gül­tig­kei­ten gegen­über Tie­ren und Men­schen könn­te belie­big ver­län­gert wer­den.

Fol­gen­de Fra­ge drängt sich des­halb auf: War­um sind wir in die­sem Zusam­men­hang so unter­schied­lich? War­um hat ein Teil aller Men­schen kein Pro­blem damit, das eige­ne Leben auf Kos­ten ande­rer zu gestal­ten, wenn nötig mit bru­ta­ler Gewalt, wäh­rend ein ande­rer Teil die­se Vor­ge­hens­wei­se grund­sätz­lich ablehnt? Denn wir dür­fen nicht ver­ges­sen:

Fried­lich­keit und Freund­lich­keit sind kei­ne Kunst­stü­cke, die schwer zu erler­nen sind. Es ist viel ein­fa­cher, einem ande­ren Men­schen nichts anzu­tun, als umge­kehrt.

War­um wol­len nicht alle Men­schen eine fried­li­che und freund­li­che Welt? In einer sol­chen lebt es sich doch viel bes­ser, als in einer feind­li­chen. Es ist eines der größ­ten Rät­sel die­ser Welt. Wir Men­schen sind die am wei­tes­ten ent­wi­ckel­te Spe­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten und besit­zen Fähig­kei­ten, mit deren Hil­fe wir sprich­wört­li­che Wun­der voll­brin­gen. Wir flie­gen zu ande­ren Pla­ne­ten, berech­nen den Anfang des Uni­ver­sums, erfor­schen die Struk­tu­ren von Ato­men und voll­brin­gen noch viel grö­ße­re Wun­der. Doch geht es dar­um, fried­lich und freund­lich zu sein (was wirk­lich sehr ein­fach ist und kei­ne beson­de­ren Fähig­kei­ten vor­aus­setzt), ver­sa­gen wir kläg­lich. Sind wir es doch ein­mal, dann oft aus Berech­nung. Das zeigt, wir ver­ste­hen nicht wirk­lich, was Fried­lich­keit und Freund­lich­keit eigent­lich sind: die Vor­aus­set­zun­gen für ein krea­ti­ves, erfüll­tes Leben.


WIR SIND NICHT ERWACHSEN