Gott


Gott nach unse­rer per­sön­li­chen Vor­stel­lung

Wir besit­zen Bewusst­sein und Wahr­neh­mung, den­ken über uns selbst nach und kön­nen über die Phä­no­me­ne der Welt und des Uni­ver­sums phi­lo­so­phie­ren und stau­nen. Wir bau­en kom­pli­zier­te Maschi­nen, ent­wi­ckeln mathe­ma­ti­sche Glei­chun­gen und ken­nen die kleins­ten Bau­tei­le der Mate­rie. Die Welt, in der wir leben, ist oben­drein voll­ge­packt mit Pro­ble­men, die drin­gend auf eine Lösung war­ten. Unse­re Auf­merk­sam­keit, Neu­gier und Ener­gie soll­te eigent­lich von all­dem in Anspruch genom­men wer­den, doch selt­sa­mer­wei­se inter­es­sie­ren uns die Wun­der und Pro­ble­me der Welt nur am Ran­de:

Anstatt uns mit dem zu beschäf­ti­gen, was rele­vant für unser tat­säch­li­ches Leben ist, wen­den wir uns lie­ber dem zu, was jen­seits der rea­len Welt und Wahr­neh­mung ange­sie­delt ist: Mythen, Sagen oder fer­ne, fik­ti­ve Zukünf­te bedeu­ten uns oft mehr als das Leben selbst.

Und ganz beson­ders sind wir von einer Idee ange­tan: Gott & Co., denn in dem Vaku­um der reli­giö­sen Welt ist alles mög­lich. Hier kön­nen wir hin­ein­pro­ji­zie­ren, was immer uns beliebt, jeder nach sei­nem per­sön­li­chen Geschmack, denn nichts kann über­prüft wer­den. Wir erschaf­fen uns Gott nach unse­ren per­sön­li­chen Vor­stel­lun­gen und Vor­lie­ben.

Die vie­len Gesich­ter Got­tes

Nun ver­steht natür­lich jeder etwas ande­res unter Gott. Für die einen ist er eine tran­szen­den­te Ener­gie, die alles durch­dringt, für ande­re eine Art omni­po­ten­tes über­na­tür­li­ches Super­we­sen, das jen­seits von Zeit und Raum exis­tiert, dem man sich unter­wer­fen muss. Oder wir spre­chen vom Gött­li­chen in uns oder einem gestalt­ge­ben­den Geist usw. Doch letzt­end­lich bedeu­ten die­se Unter­schei­dun­gen nicht viel. Sie reprä­sen­tie­ren ledig­lich unse­re unter­schied­li­chen intel­lek­tu­el­len Gemü­ter oder unse­re kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de.
Das Co. wäre in die­sem Fall: Engel, Dämo­nen, Geis­ter, See­le, Nir­wa­na, Inkar­na­ti­ons­leh­re und Ähn­li­ches mehr. Es könn­te ja sein, dass es das eine oder ande­re, ja viel­leicht sogar alles davon gibt (und mög­li­cher­wei­se noch viel, viel mehr), denn: Was wis­sen wir schon wirk­lich über die Hin­ter­grün­de der Exis­tenz? In Wirk­lich­keit wis­sen wir gar nichts! Es gibt berech­tig­te Grün­de, das alles für mög­lich oder wahr zu hal­ten und es gibt berech­tig­te Grün­de, es für falsch zu hal­ten. Defi­ni­tiv ist nichts zu ent­schei­den. Doch eins soll­te uns in jedem Fall klar sein:
 
 

Was auch immer dafür ver­ant­wort­lich ist, dass es die Welt und das Leben gibt, kann nichts mit dem zu tun haben, was unse­re archai­schen Vor­fah­ren einst geglaubt und nie­der­ge­schrie­ben haben.

Ein dicker Lichtstrahl in einer zerklüfteten Eiswüste.Denn: War­um soll­te es das? Weil man es uns gelehrt hat? Das ist lächer­lich! Weil wir es glau­ben? Auch das ist albern. Es ist bekannt, dass Men­schen ziem­lich oft, schnell und gern alles Mög­li­che glau­ben, obwohl es nicht wahr ist. Es wird von uns erwar­tet, dass wir es glau­ben oder zumin­dest so tun, als wür­den wir es, denn wir wol­len nicht abseits­ste­hen.

War­um soll­te also aus­ge­rech­net der Glau­be, dass die Bibel ein Zeug­nis für die Exis­tenz eines Schöp­fer­got­tes ist, da eine Aus­nah­me sein? Es gibt dafür kei­ne seriö­sen Grün­de. Wer sich mit den Tex­ten der Bibel (aber auch ande­ren reli­giö­sen Schöp­fungs­ge­schich­ten) beschäf­tigt, wird nichts fin­den, was die Annah­me einer sol­chen Schöp­fer­in­stanz recht­fer­tigt. Wenn wir es doch tun, dann nur, weil wir kon­di­tio­niert wor­den sind, sol­che Bewei­se zu sehen.

Und des­halb besitzt die­ser Glau­be kein krea­ti­ves Poten­zi­al, denn in den meis­ten Fäl­len wur­de er uns gegen unse­ren Wil­len ein­ge­pflanzt. Gleich­zei­tig wur­de durch die­sen Vor­gang ein bereits even­tu­ell vor­han­de­nes Krea­ti­vi­täts­po­ten­zi­al ver­drängt, in die Latenz ver­scho­ben oder sogar ganz ver­nich­tet. Außer­dem:
 

Sol­che Fra­gen (nach Gott & Co., dem Sinn des Lebens usw.) sind nicht rele­vant für unse­re Situa­ti­on, für unser tat­säch­li­ches Leben auf die­sem Pla­ne­ten. Ande­re Sachen sind wich­ti­ger als die aus früh­ge­schicht­li­chen Zei­ten über­lie­fer­ten Welt­erklä­rungs­ver­su­che unse­rer längst ver­stor­be­nen Vor­fah­ren. Wir soll­ten uns mehr um den erbärm­li­chen Zustand der Welt und der Mensch­heit küm­mern, als in säku­lar-eso­te­ri­schen Tag­träu­men zu schwel­gen.

Kol­lek­ti­ve Kon­di­tio­nie­rung

Hät­ten unse­re Vor­fah­ren, vor ein paar Tau­send Jah­ren, Gott nicht asso­zi­iert oder pos­tu­liert, anschlie­ßend über Jahr­tau­sen­de hin­weg Hun­der­te von Genera­tio­nen die­se Idee in Form eines Glau­bens nicht in den Kul­tu­ren ver­an­kert und so in unse­re Zeit hin­ein­ge­tra­gen, wür­de heu­te nie­mand von Gott oder dem Gött­li­chen reden.

Unser Glau­be ist eine tra­di­tio­nel­le Kon­di­tio­nie­rung – mehr nicht. Wir alle ken­nen Gott und das Gött­li­che allein aus Erzäh­lun­gen, vom Hören und Sagen. Uns wur­de von »Ihm«, »Es« oder auch: »Ihr« ledig­lich erzählt. Auf­grund eige­ner, wirk­lich unab­hän­gi­ger Über­le­gun­gen hat im 20. und 21. Jahr­hun­dert noch nie­mand asso­zi­iert, es müs­se ein sol­ches Wesen oder die­sen Geist geben. Ohne die Über­lie­fe­run­gen unse­rer archai­schen Vor­fah­ren gäbe es den Glau­ben an ein über­na­tür­li­ches Schöp­fer­we­sen nicht.

Wir kön­nen natür­lich behaup­ten, wäre uns unser Glau­be an Gott nicht über­lie­fert, hät­ten wir ihn selbst ent­wi­ckelt — doch das ist eine Behaup­tung, die schnell gemacht ist und nicht über­prüft wer­den kann. Theo­re­tisch könn­te das zwar sein, doch auch für die­se Annah­me gibt es kei­nen seriö­sen Grund.

Eine Lichterscheinung am Himmel zwischen den Wolken.Unse­re reli­giö­sen Erleb­nis­se haben eben­falls nicht viel zu bedeu­ten: Hat bei­spiels­wei­se jemand eine Got­tes­er­fah­rung, geschieht das stets im Rah­men der Tra­di­tio­nen und Erwar­tun­gen, die sich aus den lan­des­ty­pi­schen reli­giö­sen Kon­di­tio­nie­run­gen ablei­ten las­sen. Das heißt, einem Chris­ten erscheint Jesus, Maria oder eine ande­re Gestalt aus der christ­li­chen Mytho­lo­gie, einem Bud­dhis­ten Bud­dha und einen Hin­di Krish­na. Und einem Urwald­be­woh­ner, der nie von den eta­blier­ten Welt­re­li­gio­nen gehört hat, erscheint viel­leicht irgend­ein Wald- oder Baum­gott sei­ner Stam­mes­re­li­gi­on. Auch hier kön­nen wir ein­wen­den: Gott drückt sich in jeder Gesell­schafts­form anders aus, in jeder Kul­tur hat er eine ande­re Erschei­nung. Doch die­se Argu­men­ta­ti­on hat einen Makel: Ein abso­lu­tes, unend­li­ches Super­we­sen hät­te es bestimmt nicht nötig sich »kon­form zu machen«, also anzu­pas­sen, um akzep­tiert zu wer­den! Nur Men­schen — also unvoll­kom­me­ne Lebe­we­sen — gehen so vor.

Unser Glau­be an Gott oder das Gött­li­che stammt nicht von uns selbst. Er wur­de uns ein­ge­pflanzt, er ist eine Kon­di­tio­nie­rung, die meis­tens wäh­rend unse­rer Kind­heit statt­fand, als wir noch leicht beein­fluss­bar waren.

 

Früh­kind­li­che Indok­tri­na­ti­on

Eine Art Stab rammt in dem Boden und sprengt alles auseinander.Sagt man uns als Kin­der, Aus­län­der neh­men uns die Arbeits­plät­ze weg, glau­ben wir das. Sagt man uns in unse­rer Puber­tät, Selbst­be­frie­di­gung ist gesund­heits­schäd­lich, glau­ben wir das. Und erzählt man uns im Reli­gi­ons­un­ter­richt, ein über­na­tür­li­ches Wesen erschuf das Uni­ver­sum und das Leben, glau­ben wir das eben­falls. Natür­lich nicht alle, aber vie­le.

In unse­rer Kind­heit und Jugend glau­ben wir fast alles, was uns erzählt wird, denn in die­ser Ent­wick­lungs­pha­se sind wir von Natur aus offen für jede Art von Input, selbst wenn er der größ­te Blöd­sinn ist. Unser kri­ti­sches Bewusst­sein ist noch nur schwach aus­ge­präg­tes. Des­we­gen glau­ben wir an Gott, nicht weil wir sei­ne Exis­tenz erfah­ren haben oder füh­len. Erst wenn wir erwach­sen sind, erken­nen wir, dass Leh­rer und Eltern sich irren kön­nen oder mit­un­ter ganz bana­les, dum­mes und unre­flek­tier­tes Zeug reden. Doch dann ist es oft zu spät: Wir bekom­men die­se Kon­di­tio­nie­run­gen aus unse­ren Köp­fen nicht mehr her­aus, selbst wenn wir wol­len!

Ohne dass es uns bewusst ist, wur­den wir also indok­tri­niert. Wenn wir das als Erwach­se­ne irgend­wie ahnen, töten wir die­ses Gefühl ab, so als wären es »böse« Gedan­ken und Asso­zia­tio­nen, die ver­bannt wer­den müs­sen. Außer­dem mögen wir die Vor­stel­lung nicht, mani­pu­liert wor­den zu sein, denn wir emp­fin­den uns als sou­ve­rän.

Eine ande­re Vari­an­te: Wir ver­tei­di­gen die­se Beein­flus­sung als gut und rich­tig, als etwas, das uns zwar auf­ge­zwun­gen wur­de, aber nur, weil es rich­tig ist: “Man hat uns den Glau­ben an Gott zwar unge­fragt ein­ge­pflanzt”, sagen wir, “aber nur, weil er wahr ist!” Doch die­se Sicht­wei­se wur­de uns eben­falls ein­ge­pflanzt, das ver­schwei­gen oder über­se­hen wir geflis­sent­lich.

Wir mögen den Gedan­ken nicht, even­tu­ell viel Ener­gie und Zeit in etwas inves­tiert zu haben, das es gar nicht gibt. Aus die­sem Grund klam­mern wir uns mit rhe­to­ri­schen und men­ta­len Tricks so sehr an das, was uns bei­gebracht wur­de und womit wir uns jetzt iden­ti­fi­zie­ren, denn wir haben nichts ande­res. Bes­ser einer Glau­ben haben, selbst wenn er falsch ist, als ohne zu sein.

Der Kern Got­tes

Wer­den wir gebe­ten, Gott zu defi­nie­ren, beant­wor­tet wahr­schein­lich jeder die Fra­ge anders. Abhän­gig von Kul­tur und Bil­dung sagen wir viel­leicht: Gott ist der Ursprung allen Seins, unser inners­ter Kern, Alpha und Ome­ga oder Ähn­li­ches. Obwohl unse­re Defi­ni­tio­nen unter­schied­lich aus­fal­len, in einem Punkt sind sie jedoch iden­tisch: Gott ist für uns das ulti­ma­ti­ve Gute. Gut ist das, was Gott tut, selbst wenn sei­ne Taten aus zivi­li­sa­to­ri­scher Sicht kri­mi­nell sind. Unser bibli­scher Gott darf Völ­ker­mord bege­hen, Men­schen fol­tern oder zer­stü­ckeln, lügen und betrü­gen, ohne dass wir es ihm übel neh­men. Wir ver­bin­den den Begriff Gott manch­mal sogar mit dem Adjek­tiv gut, obwohl die­se Wör­ter ety­mo­lo­gisch mit­ein­an­der nicht ver­wandt sind.
 
Ein anderer Stab der auf den Boden aufschlägt.Lesen wir die Bibel, macht Gott bekann­ter­ma­ßen kei­nen guten Ein­druck. Das in die­sem Buch beschrie­be­ne omni­po­ten­te Super­we­sen besitzt vie­le nega­ti­ve mensch­li­che Eigen­schaf­ten. Einen Men­schen, der so han­delt wie Jeho­va, ste­cken wir für den Rest sei­nes Lebens ins Gefäng­nis oder ver­ur­tei­len ihn zum Tode. Sei­ne Taten sind nach huma­nen Maß­stä­ben oft das genaue Gegen­teil von gut. Da er jedoch unan­ge­foch­ten an der Spit­ze der Macht­hier­ar­chie steht und unan­greif­bar ist, darf er tun, was immer er will. Unse­re Defi­ni­ti­on von Gut und Böse gilt für ihn nicht. Er muss sich an die Geset­ze, die er uns auf­er­legt, selbst nicht hal­ten, denn es gibt kei­nen Rich­ter über ihn, der ihn für sei­ne Taten ver­ant­wort­lich machen könn­te. Doch das ist die Defi­ni­ti­on eines Tyran­nen. Mit dem des­po­ti­schen Cha­rak­ter Got­tes haben wir jedoch kein Pro­blem — er ist uns oft gar nicht bewusst, denn solan­ge wir ihm gehor­chen, ihn also nicht ver­är­gern, tut er uns nichts.
 
 

Was ist gut?
 
Eigent­lich soll­te die­se Fra­ge eine der am ein­fachs­ten zu beant­wor­ten­den Fra­gen über­haupt sein. Mei­ner Mei­nung nach for­dert das Gute kei­ne Unter­wer­fung und Anpas­sung, ist nicht aggres­siv gewalt­tä­tig, stellt kei­ne Bedin­gun­gen. Das Gute ist auch nicht nach­tra­gend, eifer­süch­tig, besitz­ergrei­fend oder rach­süch­tig. Vom Guten geht nie­mals eine Gefahr aus, selbst für Men­schen nicht, die Böses tun. Vor dem Guten muss sich also nie­mand fürch­ten, weder gute noch böse Men­schen. Denn wäre das Gute nur für gute Men­schen gut, wäre es nur der Lohn für ein ganz bestimm­tes Ver­hal­ten, das selbst nicht gut sein muss.
 
Stiehlt bei­spiels­wei­se jemand einem Men­schen Geld und schenkt die­ses dann einer ande­ren Per­son, kann die­se das als gut emp­fin­den und den Räu­ber als Wohl­tä­ter, als guten Men­schen. Aus der Sicht des Beschenk­ten ist der Dieb gut, aus der Sicht des Bestoh­le­nen schlecht. Nach die­ser Defi­ni­ti­on gäbe es »das Gute« gar nicht, son­dern nur »Vor­teil­haf­tes«.

 


Der sün­di­ge Gott

Gott unter­schei­det sich nur in einem Punkt von uns Men­schen: Er ist all­mäch­tig. In allen Aspek­ten ist er wie wir.

Von einem Gott erwar­te ich jedoch, dass er nicht eifer­süch­tig, nicht rach­süch­tig, nicht zor­nig und nicht gewalt­tä­tig ist. Sol­che nega­ti­ven Cha­rak­ter­merk­ma­le erwar­te ich nur bei Men­schen.

Wir sind dafür bekannt, dass wir gegen unse­re eige­nen Regeln ver­sto­ßen. Von Gott soll­ten wir jedoch erwar­ten, dass er sich nicht so ver­hält. Denn nur ein Herr­scher, der auch ein gutes Bei­spiel ist, kann ernst genom­men wer­den.

Es gibt sie­ben bibli­sche Tod­sün­den: Maß­lo­sig­keit, Hab­gier, Träg­heit, Wol­lust, Hoch­mut, Neid und Zorn. Eini­ge davon begeht Jeho­va selbst.

Zorn: Oft wird in der Bibel vom Zorn Got­tes gespro­chen. Zor­nig ist er ziem­lich oft, bei­spiels­wei­se wenn er gan­ze Städ­te oder Völ­ker aus­lö­schen lässt, oder bei der Sint­flut gleich fast alle Men­schen. Zorn ist eine extrem impul­si­ve und mensch­li­che Gemüts­er­re­gung, nicht sel­ten mit Gewalt­aus­brü­chen gekop­pelt und ein Zei­chen von star­ker Unaus­ge­gli­chen­heit.
 
Neid: Gott bezeich­net sich selbst als eifer­süch­tig. Eifer­sucht ist eine Form des Nei­des. Selt­sa­mer­wei­se ist er eifer­süch­tig auf ande­re Göt­ter, die es gar nicht gibt, da er laut eige­nen Anga­ben der ein­zi­ge exis­tie­ren­de ist. Sein Selbst­be­wusst­sein scheint also nicht sehr zu hoch, wenn er sei­ne Auto­ri­tät von einer fik­ti­ven Kon­kur­renz bedroh sieht.
 
Träg­heit: Wenn wir wol­len, kön­nen wir Gott auch Träg­heit vor­wer­fen: Träg­heit im Den­ken. Die Träg­heit des Den­kens ist viel­leicht die schlimms­te aller Faul­hei­ten. Mit einem krea­ti­ven und beweg­li­chen Ver­stand wüss­te Gott, dass man Men­schen mit Gut­mü­tig­keit und Ver­ständ­nis bes­ser zur Folg­sam­keit ani­miert, als mit Gewalt­an­dro­hung und Stra­fe. Letz­te­res funk­tio­niert nur vor­über­ge­hend.

Alles in allem wirkt Gott wie ein ver­zo­ge­nes Kind, das nie gelernt hat, sei­nen Wil­len zu kul­ti­vie­ren. Von einem all­mäch­ti­gen, unend­lich wei­sen Wesen erwar­tet ich jedoch etwas völ­lig ande­res. Es ist klar, die­se Eigen­schaf­ten spie­geln nur das Den­ken und die Ängs­te unse­rer archai­schen Vor­fah­ren wider. Doch heu­te soll­te uns längst klar sein, sol­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten wider­spre­chen ekla­tant der Defi­ni­ti­on eines guten Got­tes.

Unser Gott ist nur ein all­mäch­ti­ger Mensch

Oft wird vom Wil­len Got­tes gespro­chen. Er will, dass wir an ihn glau­ben, sei­ne Gebo­te ein­hal­ten, auf eine bestimm­te Art leben und Ähn­li­ches mehr. Zeigt jemand einen Wil­len, zeigt er dadurch jedoch auch sei­ne Unvoll­kom­men­heit: Er ist noch nicht per­fekt, denn er strebt eine Zustands­ver­än­de­rung an. Doch das Voll­kom­me­ne kann nicht ver­än­dert wer­den oder unzu­frie­den sein. Das abso­lut Zufrie­de­ne strebt nichts an. Nur das Unvoll­kom­me­ne tut das und hat Inten­tio­nen, stellt Bedin­gun­gen, will sich oder etwas ver­än­dern oder errei­chen. Das trifft auf Men­schen zu, aber nie­mals auf Gott, einem Lebe­we­sen, dem sei­ne Gläu­bi­gen Unend­lich­keit und Voll­kom­men­heit attes­tie­ren. Folg­lich dürf­te Gott kei­nen Wil­len besit­zen. Wenn doch, wäre er nicht voll­kom­men, nicht per­fekt, nicht abso­lut, nicht das Höchs­te. Und damit wäre er nicht Gott, son­dern bloß ein Wesen mit unglaub­lich viel Macht, das zur Durch­set­zung sei­ner Inter­es­sen auch bru­ta­le Gewalt anwen­det.

Eine sol­che Vor­ge­hens­wei­se ist typisch mensch­lich. Doch wer sou­ve­rän ist, benö­tigt kei­ne Gewalt. Gewalt­an­wen­dung ist die nied­rigs­te Metho­de zur Pro­blem­be­wäl­ti­gung. Und so, wie wir in den Hei­li­gen Schrif­ten Gott beschrei­ben, ist er sehr gewalt­tä­tig. Manch­mal wen­det er auch fie­se Tricks an, die einem guten und sou­ve­rä­nen Gott unwür­dig sind. Das ent­larvt Jeho­va als Mensch mit all­mäch­ti­gen Fähig­kei­ten:

Er hat Bedürf­nis­se – genau wie ein Mensch.
Er stellt Bedin­gun­gen – genau wie ein Mensch.
Er hat Plä­ne — genau wie ein Mensch.
Er ist eifer­süch­tig – genau wie ein Mensch.
Er kennt Hass und Lie­be – genau wie ein Mensch.
Er will, dass an ihn geglaubt wird — genau wie ein Mensch.
Er ist jäh­zor­nig – genau wie ein Mensch.
Er ist unge­dul­dig – genau wie ein Mensch.
Er sagt manch­mal die Unwahr­heit – genau wie ein Mensch.
Er bricht manch­mal sei­ne Ver­spre­chen – genau wie ein Mensch.
Er ist manch­mal unge­recht und will­kür­lich — genau wie ein Mensch.
Er ist grau­sam und gewalt­tä­tig – genau wie ein Mensch.
Er ist besitz­ergrei­fend – genau wie ein Mensch.
Er ist unzu­frie­den – genau wie ein Mensch.

Die­se Eigen­schaf­ten und Ambi­tio­nen sind nicht gött­lich, son­dern typisch mensch­lich. Sie spie­geln die Inten­ti­on eines ego­zen­tri­schen Wil­lens wider. Gäbe es tat­säch­lich die­sen Gott, stän­de es schlecht um die Mensch­heit. Wir wären den Lau­nen und der Will­kür eines Wesens aus­ge­lie­fert, das nicht zurech­nungs­fä­hig ist, wäh­rend es die Macht besitzt, abso­lut alles zu ver­nich­ten.

Anmer­kung:
Zur Trau­er, zum Mit­ge­fühl und zur Selbst­kri­tik ist Jeho­va übri­gens nicht fähig, obwohl die­se Fähig­kei­ten zu den wich­tigs­ten über­haupt zäh­len, die ein intel­li­gen­tes und krea­ti­ves Lebe­we­sen haben soll­te. Sei­ne Fans schei­nen sich an die­sem Man­gel jedoch nicht zu stö­ren. Könn­te es sein, dass sie die­se Fähig­kei­ten des­halb nicht ver­mis­sen, weil sie sie gar nicht schät­zen, auch bei sich selbst nicht? Viel­leicht eine Unter­stel­lung, die aller­dings gut erklä­ren kann, war­um wir in moder­nen Zei­ten immer noch einen des­po­ti­schen Gott anbe­ten.

Der gewalt­tä­ti­ge Gott

Theo­di­zee beschäf­tigt sich mit dem Wider­spruch, dass Gott das Böse und Leid in der Welt zulässt, obwohl er es ver­hin­dern könn­te. Dabei über­se­hen oder igno­rie­ren wir, dass Gott einen nicht unbe­deu­ten­den Teil des Lei­des und der Unge­rech­tig­keit (zumin­dest in archai­schen Zei­ten) selbst erzeugt. In der Bibel wird die Grau­sam­keit und Unge­rech­tig­keit Jeho­vas aus­führ­lich doku­men­tiert. Der bibli­sche Gott zet­telt Krie­ge an, befiehlt Völ­ker­mord sowie schreck­li­che Grau­sam­kei­ten und bestraft sei­ne Anhän­ger, soll­ten die­se einen Feind aus­nahms­wei­se ein­mal ver­scho­nen. Die Theo­di­zee soll­te sich also bes­ser mit fol­gen­der Fra­ge befas­sen:

War­um hal­ten wir an einem Gott fest, der nach­weis­lich nicht gut ist? Denn ein guter Gott mor­det und brand­schatzt nicht und befiehlt auch kei­ne Gräu­el­ta­ten. Selbst in „jun­gen Jah­ren“ nicht.

Jeho­va ist manch­mal unehr­lich und hin­ter­lis­tig: So ver­birgt er sich absicht­lich vor ande­ren Völ­kern, die er anschlie­ßend mit der Ver­nich­tung bestraft, da sie ihn nicht anbe­ten. Heut­zu­ta­ge nen­nen wir ein sol­ches Ver­hal­ten Zynis­mus der übels­ten Sor­te.

Lot, der sei­ne Töch­ter sexu­ell miss­braucht und dann dem Mob über­gibt, damit zwei Engel nicht beläs­tigt wer­den, ist ein „Lieb­ling“ Got­tes. Das sagt viel!

Als Gott die letz­ten Pla­gen über das Ägyp­ti­sche Reich kom­men lässt, bricht er sei­ne Ankün­di­gung, die Pla­gen ein­zu­stel­len, wenn der Pha­rao die Juden frei­lässt. Denn der hat­te bereits ein­ge­wil­ligt, Got­tes aus­er­wähl­tes Volk zie­hen zu las­sen. Die letz­ten Pla­gen waren also nur pri­mi­ti­ve Rache.

An die­sen paar weni­gen Bei­spie­len ist abzu­le­sen, in Wirk­lich­keit gibt es kei­nen Wider­spruch: Es gibt das Böse und das Leid nicht nur, weil Gott es zulässt, er pro­du­ziert es zum Teil selbst! Im Neu­en Tes­ta­ment sagt Jesus an irgend­ei­ner Stel­le: „Gott mag es, wenn ihr lei­det …“