Wissenschaft als Glaubenssystem

Wissenschaft als Glaubenssystem


Wissenschaft und Glauben

Manchmal zählen wir auch die Wissenschaften zu den Glaubenssystemen. Diese These oder Assoziation ist ein Argument, mit dem wir unseren religiösen Glauben in modernen Zeiten verteidigen. Manche Wissenschaften, beispielsweise die Philosophie, Ökologie oder auch Ökonomie, den Charakter eines Glaubens haben. Diese Wissenschaften sind nicht exakt, denn eine ihrer wichtigsten Variablen ist der Mensch und sein Verhalten. Und da unser Verhalten in vielen Lebensbereichen nicht exakt vorherbestimmbar ist, lassen sich Ungenauigkeiten bei der geisteswissenschaftlichen Arbeit nicht vermeiden. Vermutungen, Annahmen, Extrapolationen oder Schätzungen gehören bei diesem Wissenschaften zu den Standardwerkzeugen. Das ist uns bewusst und deshalb ist unser Anspruch an diese Disziplin auch kein absoluter.
 

Allgemein beschäftigt Wissenschaft sich mit den Dingen, die wir tatsächlichen sehen, anfassen oder wahrnehmen können, allerdings nicht in allen Fällen (beispielsweise die Experimentalphysik). Die angewandte Mathematik zählt auch zu den Wissenschaften. Man könnte sie virtuelle Mechanik nennen. Zwei mal zwei ist vier oder 148/625^(12/5)*50572=1,459. Diese Aussagen sind leicht nachprüfbare Tatsachen, haben also nichts mit Glauben zu tun. Anders ist es jedoch bei den Wirtschaftswissenschaften. Dort verstehen wir bestimmt das ein oder andere als Tatsachen, obwohl es nur Annahmen, Theorien oder Hypothesen sind. Ähnlich wird es wohl auch in der Psychologie und der Philosophie sein.

 
Diese Schwierigkeit der Definition von »harter Wissenschaft« hat damit etwas zu tun, dass wir viel zu schnell und gern alles Mögliche als Wissenschaft bezeichnen. Ein gutes Beispiel sind die sogenannten Grenzwissenschaften. Dieser Ausdruck hört sich viel seriöser an, als beispielsweise Esoterik oder Magie – deswegen wurde er eingeführt.

Die meisten Wissenschaften beansprucht für sich allerdings nicht das Attribut der Endgültigkeit. Wissenschaftler sprechen von der bestmöglichen Annäherung an eine Wahrheit, denn mehr ist oft nicht möglich. Sie wissen von der potenziellen Ungenauigkeit und Fehlerhaftigkeit ihrer Arbeit. Diese Offenheit und Selbstkritik findet man bei den Religionen nicht. Deswegen entwickeln Wissenschaften sich ständig weiter, Religionen hingegen nicht: Sie halten seit Jahrtausenden an den alten Doktrinen fest, die aus den Ängsten und Assoziationen unserer archaischen Vorfahren entstanden sind. Religionen beanspruchen für sich a priori und ungeprüft Wahrhaftigkeit – Wissenschaften nicht! Letztere legen stattdessen sehr viel Wert auf Verifizierbarkeit oder auch Falsifizierbarkeit.

In der Wissenschaft versuchen wir die Dinge zu erforschen, machen also Erfahrungen und lernen daraus – auch aus den Irrtümern. In den Religionen hingegen übernehmen wir einfach ungeprüft die überlieferten Lehren unserer archaischen Vorfahren.

Erweist sich eine wissenschaftliche Theorie als falsch, verwerfen wir sie, obwohl wir auch hin und wieder mal an einer lieb gewonnenen Theorie festhalten. Doch früher oder später werden alle veralteten Theorien durch neue, bessere ersetzt.

Potenzial der Wissenschaften

Wenn also vom Glauben an die Wissenschaft gesprochen wird, ist der Glaube an ihr Potenzial gemeint: Sie kann die Rätsel der Natur entwirren oder erklären, sie kann uns Lösungswege für technische und soziale Probleme liefern. Und da das in einigen oder sogar vielen Bereichen schon geschehen ist, ist dieser Glaube nicht irrational. Nur in diesem speziellen Sinn kann sie zu den Glaubenssystemen gezählt werden.

Wenn wir an die Wissenschaft glauben, dann nicht auf die blinde Art und Weise, wie an Gott. Unser Dieser Glaube wurde uns gegen unseren Willen meistens antrainiert, aufgezwungen, eingebläut oder abverlangt. Unsere vermeintlich freie Entscheidung zum religiösen Glauben ist nur ein (intuitiver) Anpassungs- und auch Überlebensmechanismus: Das Ergebnis von Konformitätszwängen.

Unser Glaube an die Wissenschaft wurzelt jedoch in der Erfahrung, dass beobachtbare Phänomene erklärt werden können. Die Mathematik ist uns dabei eine Hilfe. Vielleicht überbewerten wir die Wissenschaft manchmal und trauen ihr mehr zu, als sie zu leisten vermag. Doch das ist kein Mangel: Grenzüberschreitungen und Fehlinterpretationen gibt es in jeder wissenschafatlichern Arbeit. Fehler sind manchmal wichtige Voraussetzungen zur Weiterentwicklung einer Arbeit. Ohne unsere Irrtümer im Denken und Assoziieren (die wir anschließend erkennen und aus ihnen lernen) hätte die Wissenschaften sich wahrscheinlich langsamer entwickelt. Religion besitzt dieses Potenzial nicht. Abweichungen von der Doktrin werden dort in der Regel sofort abgetötet – früher (und heute manchmal auch noch) im wörtlichen Sinn.

Im Großen und Ganzen schätzen wir die Wissenschaft also richtig ein: als Werkzeug oder Methode zur Wissenserweiterung. Religion hingegen fungiert eher als Disziplin zur Erkenntnisvermeidung.