Unser Leben, unser Leid


Das Leben ist ein Jam­mer­tal

Leid ist ein Bestand­teil des Lebens. Wir haben gelernt, uns mit die­sem Umstand abzu­fin­den und zu arran­gie­ren. Aller­dings gibt es ver­schie­de­ne Leid-Arten: Mit dem Leid, das von Natur­ka­ta­stro­phen, Unfäl­len oder Krank­hei­ten erzeugt wird, müs­sen wir tat­säch­lich leben und kön­nen nur ver­su­chen, es so weit wie mög­lich zu redu­zie­ren oder aus­zu­gren­zen. Die­ses Leid kann als »natür­li­ches Leid« bezeich­net wer­den. Die zwei­te Art ist das selbst gemach­te, men­schen­er­zeug­te Leid, und ist im Gegen­satz zum natür­li­chen ver­meid­bar. Es ist allein auf unser Ver­hal­ten zurück­zu­füh­ren. Wir kön­nen es als künst­lich bezeich­nen.

Beim men­schen­ge­mach­ten Leid han­delt es sich in der Regel um Leid, das ein Mensch einem ande­ren zufügt.

Wir benut­zen die Not­la­ge ande­rer, um uns zu berei­chern. Wir betrü­gen, hin­ter­ge­hen und besteh­len ande­re, was für die­se Leid bedeu­tet. Wir ver­ge­wal­ti­gen, mor­den, ver­let­zen und demü­ti­gen ande­re und erzeu­gen dabei beson­ders viel Leid. Und sind unse­re Opfer schwä­cher als wir (Frau­en, Kin­der, alte und wehr­lo­se Men­schen), berei­tet uns das manch­mal auch Ver­gnü­gen.

Lei­der­zeu­gung bei ande­ren Men­schen kann für uns eine Tech­nik zur eige­nen Leid­min­de­rung sein. Indem wir ande­ren Men­schen schlim­me Din­ge antun, len­ken wir uns von unse­rem eigen Leid ab: Uns geht es viel­leicht nicht gut, aber wir besit­zen die Macht, es ande­ren Men­schen noch schlech­ter gehen zu las­sen. Das rela­ti­viert unser eige­nes Leid.

Es gibt aber noch eine drit­te, sub­ti­le Art des Lei­des: das schick­sal­haf­te Leid. Es ist abhän­gig von unse­ren per­sön­li­chen Dis­po­si­tio­nen und Erwar­tun­gen und viel­leicht das weit­ver­brei­tets­te, beson­ders in den west­li­chen, demo­kra­ti­schen Staa­ten: Ganz all­ge­mein kön­nen wir unter unse­rer Lebens­si­tua­ti­on lei­den, je nach­dem, wel­che Erwar­tun­gen wir vom Leben haben.

Leid­ver­drän­gung

Ein schmaler Pfad an einem steilen Abrund in einem Gebirge.Wir alle stre­ben ein Leben an, das mög­lichst vie­le Annehm­lich­kei­ten beinhal­tet. Anders aus­ge­drückt: Wir ver­su­chen, mög­lichst vie­le Unan­nehm­lich­kei­ten zu ver­mei­den. Nie­mand will hun­gern, frie­ren, Schmer­zen haben oder krank sein. Nie­mand will allei­ne, trau­rig und ver­zwei­felt sein. Nie­mand will ein Leben, das aus Angst und Stress besteht. Daher tun wir alles, was geeig­net ist, die­se unan­ge­neh­men Zustän­de zu min­dern oder sogar in ihr Gegen­teil umzu­wan­deln — selbst dann, wenn das nur durch Lei­der­zeu­gung bei ande­ren mög­lich ist. Gelingt uns das gut, haben wir tat­säch­lich ein Leben mit wenig Schmerz, Krank­heit und Leid. Voll­kom­men wird das jedoch nie­man­dem gelin­gen. Selbst die­je­ni­gen, die nie­mals hun­gern müs­sen und kei­ne kör­per­li­chen Pro­ble­me haben, erfah­ren im Lau­fe ihres Lebens Leid: Ein gelieb­ter Mensch stirbt plötz­lich, wir wer­den von einer ver­trau­ten Per­son bit­ter ent­täuscht oder betro­gen, wir fin­den kei­nen Part­ner und sind allei­ne.

Des­il­lu­sio­nie­rung

Ein voll­kom­men glück­li­ches Leben gibt es höchst­wahr­schein­lich nicht oder nur äußerst sel­ten. Leid und Leid erzeu­gen­de Umstän­de sind natür­li­che Beglei­ter eines jeden Men­schen­le­bens.

In unse­rer Kind­heit und Jugend sind wir oft naiv und pfle­gen idea­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen von unse­rem spä­te­ren Leben als Erwach­se­ne. Doch kaum, dass wir unse­re Jugend hin­ter uns haben, wer­den wir von der nüch­ter­nen Rea­li­tät des Lebens des­il­lu­sio­niert.

Schnell ler­nen wir, dass uns nichts geschenkt wird und wir uns unser Glück erkämp­fen, erkau­fen oder auch erschum­meln müs­sen. Kom­pro­mis­se sind nötig, damit unser Leben wenigs­tens halb­wegs so ist, wie wir es uns wün­schen. Meis­tens blei­ben dabei von unse­ren ursprüng­li­chen Idea­len nicht vie­le übrig. Die­se Ver­lus­te kom­pen­sie­ren wir in unse­ren Tag­träu­men und Fan­ta­si­en.

Kom­pro­miss und Gewöh­nung

Den ers­ten gro­ßen Kom­pro­miss bege­hen wir oft bei unse­rer Part­ner­wahl. Nor­ma­ler­wei­se wol­len wir nicht allei­ne durchs Leben gehen, und da es unse­ren Wunsch­part­ner nur sel­ten gibt, neh­men wir schließ­lich den, den wir krie­gen kön­nen. Haupt­sa­che wir haben einen (Ehe­mann, Ehe­frau, Freund, Freun­din) und müs­sen nicht Abend für Abend, Jahr für Jahr allei­ne in unse­rer Woh­nung vor dem Fern­se­her sit­zen.

Frau­en ler­nen schnell zu akzep­tie­ren, dass ihr Mann sie eigent­lich nur gehei­ra­tet hat, damit sei­ne Wäsche gewa­schen wird, ihm etwas zu essen gekocht wird und er eine Frau fürs Bett hat, wann immer ihm danach ist. Sie wol­len nicht allein sein, brau­chen ein Dach über dem Kopf und eine gewis­se mate­ri­el­le und sozia­le Absi­che­rung. Dafür neh­men sie in Kauf, mit­un­ter gede­mü­tigt und aus­ge­nutzt zu wer­den, denn die Alter­na­ti­ve (allein und schutz­los in einer män­ner­do­mi­nier­ten Welt leben zu müs­sen) ist schlim­mer als ein unsen­si­bler, gleich­gül­ti­ger, besof­fe­ner, fremd­ge­hen­der oder auch des­po­ti­scher Ehe­mann. Denn an all das kann man sich gewöh­nen.

Dem Mann sind die Grün­de, aus denen sei­ne Frau ihn gehei­ra­tet hat, eigent­lich egal. Er könn­te gut allei­ne zurecht­kom­men, aller­dings möch­te er nicht auf die Vor­tei­le ver­zich­ten, die eine Ehe bie­tet: kos­ten­lo­se Putz­frau, kos­ten­lo­se Köchin und kos­ten­lo­ser Geschlechts­ver­kehr. Nicht alle Ehen sind so, doch vie­le.

Authen­ti­zi­tät ist kaum mög­lich

Konzentrische Ringe auf einer Wasseroberfläche.Aber nicht nur unse­re Part­ner­schaf­ten bestehen zu gro­ßen Tei­len aus Kom­pro­mis­sen. Auch in ande­ren Lebens­be­rei­chen beu­gen wir uns aus Hilf­lo­sig­keit den Not­wen­dig­kei­ten. So wäh­len wir sel­ten den Beruf, den wir ursprüng­lich aus­üben woll­ten. Denn meis­tens geht es nicht dar­um, einen Beruf zu haben, der unse­ren Fähig­kei­ten und Inter­es­sen ent­spricht. Einen sol­chen hät­ten wir natür­lich gern, doch wir sind auch gezwun­gen, mit unse­ren Beru­fen das Geld zu ver­die­nen, das wir zum täg­li­chen Leben drin­gend brau­chen. Unse­re Beru­fe sind daher meis­tens nur Jobs, letzt­end­lich belie­bi­ge Tätig­kei­ten, die wir wegen der Bezah­lung ver­rich­ten. Die Tätig­kei­ten selbst inter­es­siert uns meis­tens nicht, denn um die­se aus­zu­üben, ist das unnö­tig.

Anpas­sung und Kon­di­tio­nie­rung

Wir alle wur­den von Kind­heit an kon­di­tio­niert, kein ech­tes Inter­es­se an Selbst­be­stimmt­heit und Authen­ti­zi­tät zu ent­wi­ckeln. Oft wis­sen wir noch nicht ein­mal, was das ist.

Wir haben nur gelernt, uns den gesell­schaft­li­chen Zwän­gen oder Kon­ven­tio­nen anzu­pas­sen — aus unter­schied­li­chen Grün­den. Der wich­tigs­te ist viel­leicht unser Bestre­ben, mög­lichst rei­bungs­lo­se durchs Leben zu kom­men. Wird von uns erwar­tet einen bestimm­ten Klei­dungs­ko­dex ein­zu­hal­ten, tun wir das, selbst wenn wir ihn nicht mögen. So funk­tio­niert das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben: Wir pas­sen uns an, indem wir so tun als ob.

Und so schlep­pen wir uns durch unser Leben, wis­send, dass es nicht das ist, das wir uns einst erhoff­ten. Und wir wis­sen, dar­an nichts ändern zu kön­nen. Wir fin­den uns damit und dem Jam­mer­tal unse­res Lebens ab und ver­su­chen das Bes­te dar­aus zu machen. Gleich­zei­tig ver­su­chen wir, uns nichts anmer­ken zu las­sen.

Selbst­täu­schung ersetzt Krea­ti­vi­tät

Nie­mand darf von unse­rer per­ma­nen­ten Unzu­frie­den­heit wis­sen, des­halb ver­ber­gen wir sie auch vor uns selbst. Wir tun so, als wären alles in Ord­nung, denn nie­mand gibt ger­ne zu, des­il­lu­sio­niert zu sein. Wir ver­su­chen aus der Not eine Tugend zu machen, doch im Ver­bor­ge­nen lei­den wir, viel­leicht sogar ohne es zu wis­sen.

Wir haben uns an unser Leid gewöhnt und damit arran­giert. Solan­ge es uns rela­tiv gut geht (wir also wis­sen, dass es an deren noch schlech­ter geht), sind wir mehr oder weni­ger zufrie­den, doch es ist eine durch Betäu­bung erzeug­te Zufrie­den­heit.

Die­se schein­ba­re Zufrie­den­heit ist eine Leid­ver­mei­dungs­tech­nik, die wir instink­tiv beherr­schen und mit der wir uns dar­über hin­weg­täu­schen, dass unser Leben eigent­lich eine Kata­stro­phe ist, ver­gli­chen mit dem, was es sein könn­te: Ein Leben vol­ler Krea­ti­vi­tät, durch­drun­gen von Freu­de und inspi­riert durch Fan­ta­sie. Statt­des­sen träu­men wir nur davon:

Ersatz­er­folg

In Mil­lio­nen Woh­nun­gen sit­zen Mil­lio­nen Men­schen, und jeder erin­nert sich heim­lich an eine glor­rei­che Ver­gan­gen­heit, die es nie gege­ben hat.
Ver­fas­ser unbe­kannt

Um die Bedeu­tungs­lo­sig­keit unse­res Lebens lebens­lang zu ertra­gen, pfle­gen vie­le von uns eine gehei­me Tag­traum­welt. Nie­mand außer uns weiß von ihr, denn sie ist sehr intim. Wüss­ten ande­re davon, wäre uns das pein­lich, denn die­se Fan­ta­sie besitzt einen infan­ti­len Cha­rak­ter. Des­we­gen ver­ste­cken wir sie.

In die­ser gehei­men, ima­gi­nier­ten Welt haben wir ein ande­res, alter­na­ti­ves Leben, meis­tens in der Ver­gan­gen­heit, sel­ten in der Gegen­wart oder Zukunft, da die­se sich dafür nicht gut eig­net. Dort ver­wirk­li­chen wir uns auf die Art, die uns in der rea­len Welt ver­wehrt ist. Wir sind viel­leicht erfolg­rei­che Sport­ler, Künst­ler, Musi­ker, Schau­spie­ler oder etwas ande­res, das uns gefällt. So ermög­li­chen wir uns Erfolgs­er­leb­nis­se, die uns im wirk­li­chen Leben ver­währt blei­ben.

Pla­ce­bo­ef­fekt

Die­se Tag­traum­welt dient nicht nur als Unter­hal­tung oder Ablen­kung vom nüch­ter­nen All­tag. Wich­tig ist auch ihr Pla­ce­bo­ef­fekt: Er erzeugt in uns ein Gefühl der Befrie­di­gung oder Genug­tu­ung auf­grund der Aner­ken­nung für eine beson­de­re Leis­tung.

Die­ses Gefühl brau­chen wir alle, beson­ders wenn unse­re sozia­le Stel­lung nied­rig ist — was auf die meis­ten zutrifft. Haben wir die­ses Gefühl nicht auf­grund real erbrach­ter Leis­tun­gen, ima­gi­nie­ren wir es uns. Die­ses künst­li­che Erfolgs­er­leb­nis, in Kom­bi­na­ti­on mit dem Gefühl der Aner­ken­nung, stärkt unser »see­li­sches Immun­sys­tem«, was uns wider­stands­fä­hi­ger gegen­über der schein­ba­ren Sinn­lo­sig­keit unse­res tris­ten All­tags macht. Wir haben zwar kei­ne Erfolgs­er­leb­nis­se, aber das Gefühl, das ein Erfolgs­er­leb­nis erzeugt.


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