The­is­mus


Intui­ti­ves Wis­sen

Wenn wir uns im 21. Jahr­hun­dert in mora­li­schen, ethi­schen und phi­lo­so­phi­schen Fra­gen an uralten, archai­schen Tex­ten ori­en­tie­ren, leh­nen wir ein eigen­ver­ant­wort­li­ches Leben ab.

Die­se Behaup­tung hört sich wie eine Unter­stel­lung an, die sich bei genaue­rer Betrach­tung des Phä­no­mens „Gott­gläu­big­keit“ jedoch bestä­tigt. Wenn wir für unser Den­ken und Han­deln nicht ver­ant­wort­lich sein wol­len, suchen wir uns eine Auto­ri­tät, die uns die­se Bür­de abnimmt. Das kann eine Ideo­lo­gie oder eine Reli­gi­on sein. Die­se Absi­che­rung benö­ti­gen wir zur Fes­ti­gung unse­res see­li­schen Gleich­ge­wich­tes, um unse­re man­gel­haf­te see­li­sche Inte­gri­tät zu ver­ber­gen.

In Moral und Ethik eigen­ver­ant­wort­lich den­ken­der, füh­len­der und han­deln­der Men­schen ori­en­tie­ren sich nicht an den Nie­der­schrif­ten ande­rer, erst recht nicht, wenn die­se bereits Jahr­tau­sen­de alt sind. Des­halb kann über­spitzt gesagt wer­den: Als The­is­ten sind wir neu­ro­ti­sche Oppor­tu­nis­ten und benö­ti­gen für unser Wohl­be­fin­den eine fes­te Struk­tur und Hier­ar­chie.

Wir strei­ten nicht ab, dass unser Glau­be kein Wis­sen ist. Wir reden vom Glau­ben und pfle­gen ihn auch. Er sei jedoch nur for­mel­les Glau­ben, behaup­ten wir. Eigent­lich sei er eine Form aprio­ri­sches Wis­sen, das wir auf­grund sei­ner Unbe­weis­bar­keit jedoch Glau­be nen­nen. Die­ses inne­re, intui­ti­ve Wis­sen ist eine unge­prüft über­nom­me­ne Leh­re. Es ist kein Wis­sen, das auf Fak­ten grün­det, son­dern eher ein Gefühl. Doch unse­re reli­giö­sen Gefüh­le sind auf früh­kind­li­che Mani­pu­la­tio­nen zurück­zu­füh­ren und bedeu­ten des­halb nicht viel. Das ist uns nicht bewusst.

Spi­ri­tu­el­les Füh­len

Füh­len ist eine Form des Tas­tens. Wenn wir tas­ten, inter­pre­tie­ren wir blind bestimm­te Ein­drü­cke. Wir ver­trau­en einer äuße­ren Sen­so­rik.

Das Ver­trau­en beim Füh­len mit den Fin­gern ist sehr sinn­voll, denn die tak­ti­le und hap­ti­sche Wahr­neh­mung ist evo­lu­tio­när ent­stan­den, sie ist ein rea­les Wahr­neh­mungs­sys­tem, das nach­weis­lich funk­tio­niert. Bein Füh­len und Tas­ten mit den Fin­gern gibt es eine rea­le »Schnitt­stel­le«: die Fin­ger­kup­pen und die befühl­te Ober­flä­che.

Das »men­ta­le Füh­len«, das intui­ti­ve Erfas­sen vom Wis­sen über (bei­spiels­wei­se) Gott, ist hin­ge­gen etwas völ­lig ande­res. Hier ver­trau­en wir auf das Vor­han­den­sein einer spi­ri­tu­el­len Schnitt­stel­le, für die es kei­ne Bewei­se gibt. Wir füh­len oder glau­ben ein­fach, dass es sie gibt, weil es uns gesagt wur­de.

Intui­ti­on ist etwas sehr Gutes und oft kön­nen wir uns auch auf sie ver­las­sen. Spü­ren wir bei­spiels­wei­se, einer bestimm­ten Per­son nicht trau­en zu kön­nen, hat unser Unter­be­wusst­sein Infor­ma­tio­nen auf­ge­grif­fen und ver­ar­bei­tet. Wir haben viel­leicht die Kör­per­spra­che die­ser Per­son unbe­wusst gele­sen oder erin­nern uns, wie sie sich in der Ver­gan­gen­heit in bestimm­ten Situa­tio­nen ver­hal­ten hat. Die­se gesam­mel­ten Ein­drü­cke befä­hi­gen uns, ihre Ver­trau­ens­wür­dig­keit ein­zu­schät­zen. Natür­lich kön­nen wir uns irren (viel­leicht auf­grund von Vor­ur­tei­len oder Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen), sodass unser Urteil über die­se Per­son falsch ist. Dann hat unse­re Intui­ti­on uns getäuscht, was vor­kom­men kann.

Bei der the­is­ti­schen oder spi­ri­tu­el­len Intui­ti­on ver­hält es sich jedoch anders. Hier gibt es nicht die Mög­lich­keit, ver­steck­te Infor­ma­tio­nen auf­zu­grei­fen, denn der Gegen­stand unse­rer Betrach­tung (der Hin­ter­grund des Phä­no­mens der Exis­tenz) lässt sich von innen her­aus nicht wahr­neh­men.

Sub­je­ti­vi­tät täuscht

Die Per­son, der wir gefühls­mä­ßig nicht ver­trau­en, kön­nen wir von außen sehen und in ihrer Gesamt­heit wahr­neh­men. Des­we­gen erhal­ten wir Infor­ma­tio­nen, die es uns ermög­li­chen, ihre Glaub­wür­dig­keit (intui­tiv, gefühls­mä­ßig) zu beur­tei­len. Bei dem Phä­no­men Exis­tenz haben wir die­se Mög­lich­keit nicht, denn wir sind selbst ein Teil davon. Alles, was wir also glau­ben über die Exis­tenz und den Ursprung allen Seins intui­tiv oder a prio­ri wis­sen zu kön­nen, ist rein sub­jek­tiv und hat eher etwas mit uns selbst zu tun, als dem Phä­no­men, das es zu beur­tei­len gilt.

Sind wir also von der Exis­tenz Got­tes über­zeugt, weil wir sie »spü­ren«, »füh­len«, in unse­rem Inne­ren von ihr »wis­sen«, sub­li­mie­ren wir nur unse­re reli­giö­se Erzie­hung. Uns wur­de in unse­rer Kind­heit so oft gesagt, es gibt Gott, dass wir jetzt tat­säch­lich glau­ben, es spü­ren zu kön­nen — im Prin­zip ein ein­fa­cher Effekt. Denn wird uns etwas nur oft genug gesagt, glau­ben wir es auch irgend­wann.

Es ist leicht und ver­füh­re­risch, das zu glau­ben, wovon wir emo­tio­nal und men­tal abhän­gig sind. Dann igno­rie­ren oder über­se­hen wir schnell, dass unse­rem Glau­ben die rea­le Grund­la­ge fehlt. Die tat­säch­li­che Grund­la­ge unse­res Glau­bens ist dann die emo­tio­na­le Abhän­gig­keit, von der wir nichts wis­sen und auch nichts wis­sen wol­len.


INTERPRETATION VON TEXTEN