Religion

Religion


Gewohnheitsdenken

Wenn wir religiös glauben, richten wir unser Leben teilweise nach dem aus, was unsere Vorfahren sich vor Jahrtausenden einmal ausgedacht haben. Dieses Verhalten empfinden wir als intelligent und fortschrittlich.

Genau wie unser Denken und Handeln, wird auch unser Glaube von Gewohnheiten bestimmt, manchmal gegen unseren Willen. Wir sind Christen, Moslems oder Juden, weil man uns dazu gemacht hat. Dann gewöhnen wir uns daran und denken, es wäre unsere Wahl gewesen. Und nur aus diesem Grund nennen wir uns so, und nicht etwa, weil wir es sein wollten. Das sollte uns bewusst werden und auch zu denken geben. Uns wurde natürlich gesagt, dass unsere traditionelle Landesreligion besser, richtiger oder wahrhaftiger ist als die anderen und da wir diese Vorstellung mögen, glauben wir sie gerne.
Eine Gestalt, halb im Dunkel, halb mit der Umgebung verwachsen.Sehr selten setzen wir uns mit unserer Religion auseinander, denn es geht uns nicht darum, eine wahre oder richtige zu haben, selbst wenn wir das behaupten. Es reicht uns, einer anzugehören, denn das ist in den Gesellschaften so üblich und nur das Übliche interessiert uns. Aus den gleichen Gründen, aus denen wir beispielsweise ein Auto oder bestimmte Kleidungsstücke besitzen, haben wir eine bestimme Religion: Es ist in der Gesellschaft, in die wir zufällig hineingeboren wurden, aus traditionellen Gründen üblich, dieser Religion anzugehören oder diese Art von Kleidung zu tragen. Allein auf die Konformität kommt es uns an, denn die Gesellschaften funktionieren am besten, wenn alle mehr oder weniger gleich denken und einen ähnlichen Lebensstil pflegen.

Unser religiöser Glaube ist nur ein Anpassungsmechanismus. Wir gleichen uns bewusst oder unbewusst den vorherrschenden Konventionen an, denn Konformität ist eine wichtige Voraussetzung für ein reibungsloses Leben in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz, Neid und Erfolg aufgebaut ist. Und jede Anpassung funktioniert am besten, wenn sie zur zweiten Haut wird. Deshalb ist unser Glaube, unsere Religion nicht mehr als eine (letztendlich beliebige) Gewohnheit.

Ein archaischer Welterklärungsversuch

Religionen sind in archaischen Zeiten entstanden. Die Wurzeln wurden schon zum Ende der Steinzeit gesetzt. Die allerersten schriftlichen Fixierungen (zumindest der jüdischen Religion, aus der später das Christentum hervorging) wurden zum Ende der Bronzezeit gemacht, etwa 800 Jahren vor Christus.

RELIGION IST AUSDRUCK DER VOR 3000 JAHREN VORHERRSCHENDEN UNWISSENHEIT, GEPAART MIT ANGST UND DEM WUNSCH, BEIDES ZU ÜBERWINDEN. SIE MUTET SICH AN, DIE EXISTENZ UND DAS LEBENS ERKLÄREN ZUM KÖNNEN. DESHALB IST SIE VON ANFANG AN ZUM SCHEITERN VERURTEILT.

Religion ist ein »geistiges Perpetuum Mobile« und muss deshalb irgendwann zum Stillstand kommen. Früher oder später wird die Ära der Religionen also ein natürliches Ende finden, weil ihr der Nährboden – eben die umfassende Unwissenheit – mit der Zeit verloren geht. Wir können die archaischen Religionen auch als Vorläufer der Philosophie verstehen und die moderne Religion als das Festhalten an diesem Vorläufer.

Vertrauen auf das Alte

Eine dunkle Höhle mit einer blendend hellen  Öffnung.Wir stellen fast nie die alten, überlieferten Traditionen und Gewohnheiten infrage, da sie uns Sicherheit geben. Wir sagen: „Unsere Vorfahren dachten und fühlten so. Man lehrte uns, ebenfalls so zu denken und zu fühlen. Das hätte man nicht getan, wenn es nicht gut und richtig ist.“ Genauso, wie wir auf das vertrauen, was unsere Eltern uns lehren, vertrauen wir auf die Überlieferungen unserer Vorfahren. Diese Einstellung ist berechtigt, denn unsere Eltern und Vorfahren verfügen über Erfahrungen, die uns als Kinder oder Jugendliche fehlen. Eine Lehre ist jedoch nicht deswegen wahr, weil der Lehrer von ihr überzeugt ist und wir sie angenommen haben. Auch unsere Eltern und Vorfahren waren vor Irrtümern nicht gefeit. Und je weiter der Ursprung einer Lehre in der Vergangenheit liegt, desto stärker ist sie fehleranfällig. Das ist ganz natürlich und kein Makel. Aber aus genau diesem Grund sollten wir sie kritisch betrachten. Da es aber nicht immer leicht ist, zwischen Irrtum und Wahrheit zu unterscheiden, übernehmen wir unbemerkt die Irrtümer im Schatten der Wahrheiten.

Als Beispiel mag gelten: Lange Zeit dachten wir, die Sonne bewegt sich um die Erde, denn dieser Eindruck entsteht, beobachtet man unser Zentralgestirn am Himmel. Wer das Gegenteil behauptete, wurde ausgelacht oder getötet. Wir glaubten die geozentrische Lehre, weil unsere Lehrer sie glaubten und es gab keinen Grund für uns, daran zu zweifeln. Doch heute wissen wir: Man hatte uns etwas Falsches gelehrt. Aufgrund unserer technischen Möglichkeiten wissen wir jetzt, dass die Erde sich auf einer Bahn um die Sonne bewegt und die Sonnenbewegung am Himmel ein Effekt der Erdrotation ist. Der Grund für diesen Paradigmenwechsel ist pragmatisch: Es ist schlichtweg nicht mehr zu übersehen! Aus diesem Grund glauben wir heute die geozentrische Lehre nicht mehr (und nicht etwa, weil wir intelligenter geworden sind).

Jedes falsche oder ungenügende Wissen wird in einem langen, anstrengenden Prozess durch besseres ersetzt, das nicht unbedingt perfekt sein muss. Oft ist es nur eine genauere Annäherung an die tatsächlichen Gegebenheiten. Und die moderne Wissenschaft weiß das auch.

Das Vermächtnis der Bronzezeit

Jede Religion ist heutzutage Ausdruck geistiger und seelischer Unreife.

Eine Nische in einer grau-grüne FelswandDiese Behauptung klingt ziemlich intolerant, jedoch nur, wenn man nicht berücksichtigt, dass alle Religionen frühgeschichtliche Welterklärungsversuche sind. Kein Mensch kann rationale, logische oder vernünftige Gründe nennen, warum es die Existenz gibt. Das Universum auf einen Schöpfungsakt eines übernatürlichen Wesens zurückzuführen, reicht nicht aus, um das Phänomen der Existenz zu erklären, denn dieses Wesen wäre ein Bestandteil der Existenz. Wir kennen also keinen Grund für das Phänomen der Existenz, von der das Universum (wahrscheinlich) nur der für uns wahrnehmbare Ausdruck ist. Das Universum ist in diesem Sinn unlogisch und widersprüchlich, denn weder mit rationalen, logischen Überlegungen noch »intuitivem Wissen« lässt sich es sich fassen.

Aus rational-logischer Sicht dürfte es das Universum nicht geben, denn wir sind nicht in der Lage sagen oder schließen zu können: „Aufgrund bestimmter Überlegungen oder Beobachtungen wissen wir, warum es die Existenz gibt.“ Solche Aussagen sind nicht möglich, ohne dabei irrational zu werden. Wir können zwar darüber philosophieren – und sollten es natürlich auch – doch keine wie auch immer geartete Assoziation, Theorie oder Lehre hilft uns, dem Phänomen der Existenz beizukommen.

Theisten können sich mit dieser intellektuell unbefriedigenden Situation nicht abfinden. Deswegen brauchen sie das Postulat eines Schöpferwesens.

Dieses Bedürfnis charakterisiert das »Gemüt« aller etablierten Religionen in der heutigen Zeit. Doch indem sie das Universum auf das Wirken eines Wesens reduzierten, rationalisieren, entmystifizieren und banalisieren sie es letztendlich.

Archaische Moralvorstellungen

Wissen und Bewusstsein haben uns zwar aus dem »Paradies der Unwissenheit« vertrieben, doch wir weigern uns, dieses Wissen und die damit verbundene Verantwortung anzunehmen. Die Menschheit ist wie ein Kind, das nicht erwachsen werden will. Aus diesem Grund pflegen und schützen wir instinktiv unsere Unwissenheit und zögern neue Erkenntnisse und neues Wissen möglichst lange hinaus.

Religion ist in ihrem Ursprung der Versuch unserer archaischen Vorfahren, die Existenz, das Leben, einfach alles, was es gibt, zu erklären. Dieser Versuch fand vor ein paar Tausend Jahren statt, und reflektiert deswegen auch das Denken, Fühlen und Assoziieren der Menschen dieser Zeit. Die Fragen, die wir uns damals stellten, lauteten etwa so: Warum gibt es die Welt? Warum gibt es mich? Hat meine Existenz eine Bedeutung, und wenn ja, welche? Was bedeuten das alles? Solche grundsätzlichen Fragen gab es schon vor 10000 Jahren. Selbst heute können wir keine endgültigen und erst recht keine befriedigenden Antworten darauf geben. Nach wie vor ist die Existenz für uns ein großes Rätsel, möglicherweise das einzige unlösbare.

Religion, das heißt, die Postulierung eines Schöpfergottes, ist die Philosophie des nicht-intellektuellen Verstandes. Sie erklärt die Existenz mit banalen Assoziationen. Theologie ist der Versuch, der Religion einen intellektuellen Anstrich zu geben, ihr eine Tiefe zu verleihen, die sie nicht besitzt.

Vor ein paar Tausend Jahren, als wir fast gar nichts von den Zusammenhängen, Ursachen und Gegebenheiten der Existenz und der Natur wussten, war unsere natürliche Assoziation, dass ein allmächtiges Wesen die Welt erschaffen haben musste. Alles, was es gab und in der Welt geschah, war aus der Sicht unserer archaischen Vorfahren von diesem Wesen gewollt. Und da die Natur in Form von Katastrophen wie Erdbeben, Fluten, Blitzen oder gefährlichen Tieren schrecklich und grausam war, unterstellten unsere archaischen Vorfahren diesem Schöpferwesen die gleichen Attribute. Deswegen sind unsere Götter so grausam, gewalttätig und unberechenbar. Dass solche Eigenschaften für einen Gott, der das Gute repräsentiert, unpassend sind, wäre uns damals nicht in den Sinn gekommen, denn das Konzept des bedingungslosen Guten kannten wir noch nicht.

Deshalb war es für uns in der Bronzezeit logisch, sich dem vermuteten Gott zu unterwerfen, wie man sich einem Tyrannen unterwirft. Dieses Verhalten haben wir bis heute in vielen Gesellschaften nicht abgelegt.

Unterwerfung und Anpassung

Die unreifen Assoziationen unserer archaischen Vorfahren sind daher für die Inhalte unserer heutigen Heiligen Schriften verantwortlich. Sicherlich handelt es sich bei diesen Texten um Meisterwerke, um die Highlights der archaischen und antiken Literatur! Als Lebensorientierungshilfe sind sie jedoch vollkommen ungeeignet. Vieles von dem, was in der Bibel steht, war zu archaischen und mittelalterlichen Zeiten vielleicht fortschrittlich oder lehrreich, heute ist es das mit Sicherheit nicht mehr. Denn im Laufe der Jahrtausende (und insbesondere der letzten Jahrhunderte) hat sich unser Wissen erheblich gesteigert. Wir wissen inzwischen von der Beschaffenheit der Erde, des Sonnensystems, des Universums, des Lebens (in groben, aber ausreichenden Zügen). Wir wissen jetzt, was Blitze, Erdbeben und dergleichen sind. Hätten die Bibelautoren dieses Wissen bereits besessen, wäre der Inhalt ihrer Schriften ein vollkommen anderer.

Und wir haben unsere Ethik weiterentwickelt, obwohl noch nicht sehr weit. Doch in vielen Bereichen ist sie jetzt reifer als die unserer Götter. Aus diesem Grund hätten wir unser archaisches Gottesbild längst ablegen müssen, um ein neues zu entwickeln, eines, das der Zeit angemessen ist: Ein humaner, freundlicher und verständlicher Gott wäre zeitgemäß! Doch hier beginnt das Problem:

Wir lehnen ein modernes Gottesbild ab, denn wir brauchen einen autoritären Übervater!

Unsere Fixierung darauf zeigt: Autorität gefällt uns! Wir schätzen die Unterwerfung anderer und sind bereit, uns dafür selbst zu unterwerfen. Es ist eine Hierarchiekette, die es jedem ermöglicht oder zumindest in Aussicht stellt, legitimierte Macht über andere Menschen zu haben. Erkennen wir Gottes Allmachtsanspruch an, erhalten wir eine Position in dieser Machtrangfolge. Religionen machen uns das Angebot: Unterwirfst du dich Gott, wird er dich nicht nur verschonen, sondern auch belohnen. (Wobei die Verschonung bereits der Hauptbestandteil der Belohnung ist.) Aber wichtiger ist uns die Macht über andere, die uns implizit angeboten wird. Und wir sind ziemlich machtgierig, obwohl wir das nicht zugeben können oder es uns nicht bewusst ist. Deswegen nehmen viele von uns dieses Angebot dankend an. Wir können zwar nicht der oberste Herrscher sein, doch besser ein kleiner als überhaupt keiner! Jeder kann weisungsbefugt über andere Menschen sein, einen Machtbereich haben, im Kleinen oder Größeren, wenn er sich unterwirft. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen (Menschen, die dieses Angebot ablehnen), und ich glaube, sie werden mehr. Doch dieser Prozess schreitet sehr langsam voran, weil das aggressive Prinzip stets das sanfte dominiert.

Faschistoider Kerncharakter

Ein anderer Grund, aus dem die archaischen, monotheistischen, autoritären Religionen nach wie vor nicht aussterben, ist ihr Absolutheitsanspruch, der in seinem Kern faschistoid ist oder zumindest die Tendenz dazu besitzt. Keine Religion sagt beispielsweise: Auch wer nicht an mich glaubt, wird Erfüllung finden. Jesus sagt nirgendwo (selbst sinngemäß nicht): »Egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt – das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass ihr friedlich und freundlich durchs Leben geht.« Oft werden Andersgläubige verdammt und bestenfalls geduldet aber nicht wirklich respektiert.

Wir haben eine in uns verborgene Sehnsucht nach einer Führung, die unsere Taten moralisch legitimiert und uns die Verantwortung für unser Handeln uns Denken abnimmt. Religionen verharmlosen nach wie vor Gewalt, denn sie akzeptieren das gewalttätige und grausame Vorgehen ihres Gottes in seiner Anfangszeit. Manchmal befürworten sie Gewalt und Leid sogar. Schlimmer noch: Gewalt- und Leidensbereitschaft sind nicht selten die Voraussetzungen für eine gut funktionierende Religion. Monotheistische Religionen, die auf Freundlichkeit und Friedlichkeit gründen, haben kaum Chancen sich durchzusetzen. Es gibt sie auch gar nicht.

Oft reden monotheistischen Religionen zwar von Liebe, Vergebung und Sanftmut, stets aber in Kombination mit Unterwerfung, Gehorsamkeit und Bestrafung.

Verschonung als Belohnt

Liebe und Vergebung sind im Sinne der monotheistischen Religionen bloß Belohnungen für unsere Gottesfurcht (obwohl wir ihn doch lieben sollten). Sie sind keine Geschenke und keine Liebe, sondern nur Duldung oder Großzügigkeit. Solange wir das tun, was Jehova von uns verlangt, verzichtet er darauf, uns zu vernichten, hält sich diese Option aber weiterhin offen. Wir liefern uns unserm Gott aus, und hoffen für unsere Unterwerfung, die wir euphemistisch »Hingabe« nennen, als Belohnung Gnade zu erhalten.

In diesem Sinn reflektieren unsere Religionen nur die Zustände in den Gesellschaften. In totalitären Staaten ist das besonders deutlich: Verhält man sich dem Alleinherrscher gegenüber unterwürfig, wird man wahrscheinlich verschont und kann mit Privilegien rechnen. Aber auch in den freien, demokratischen Gesellschaften werden wir selten bedingungslos geliebt, gemocht oder anerkannt. Das ist meistens nur dann der Fall, wenn wir uns liebenswert verhalten, uns den Konformitäten also anpassen (was vorgetäuscht sein darf, solange es nicht bemerkt wird), und uns die Liebe und Anerkennung durch ein ganz bestimmtes, gewünschtes Verhalten erwerben.

Religionen sagen nicht: Werde selbstständiger, werde unabhängig im Denken und Fühlen, entwickle deinen eigenen Lebensstil.

Sie sagen das Gegenteil: Unterwerfe dich und gehorche, ordne dich ein und unter, stell keine Ansprüche, sei bescheiden usw., dann wird Gott dich lieben und dafür wird er dich belohnen! Diese Forderungen kommen uns entgegen, denn so verhalten wir uns schon seit Anbeginn der Zivilisation. Wie man sich unterwirft und gehorsam verhält, wissen wir sehr gut. Wie wissen auch, wie man andere unterwirft und ihnen Gehorsam abverlangt. Das Gegenteil würde uns überfordern, denn meisten sind wir es nicht gewohnt selbstständig zu denken, selbstständig zu fühlen und eigenverantwortlich zu handeln. Und besonders schwer fällt es uns, zu akzeptieren oder sogar zu schätzen, dass andere Menschen andere Meinungen, andere Lebensstile, andere Traditionen und andere Kulturen haben. Von diesem Unvermögen leben unsere Religionen. Sie sind Spiegel unserer Toleranzunfähigkeit.

Gewohnheit und Anpassung

Ein weiterer Aspekt der religiösen Konditionierung ist das Gewohnheitsprinzip: Sich von alten Strukturen und Rollen zu lösen ist schwer, oft sogar unmöglich. Zusätzlich spielt der Herdentrieb eine Rolle. Wir machen alles mit, was die Mehrheit macht, denn wir sind in unserem Inneren alle Opportunisten.

Wir sind nicht deswegen Moslems, Christen oder Juden, weil wir uns bewusst für diese Religionen entschieden haben, sondern weil unsere Eltern das sind oder waren, beziehungsweise die Gesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, so geprägt ist.

Eine bewusste, autonome Wahl findet fast nie statt. Wir sind meistens gar nicht daran interessiert, ob das, woran wir glauben oder wovon wir überzeugt sind, wirklich wahr ist. Hauptsache wir haben etwas, woran wir glauben können, und sind mit diesem Glauben nicht allein. Inhalte spielen nur eine untergeordnete Rolle. Kinder haben, so heißt es manchmal, imaginäre Freunde, mit denen sie reden und spielen. Werden sie älter und reifer, wissen sie, dass diese Fantasiegestalten nicht real sind. Sie haben ihre Funktion erfüllt und werden nicht mehr gebraucht.

Betrachtet man die Menschheit als noch nicht erwachsen, vergleicht sie also mit einem Kind, scheinen ihre Götter ihre imaginären Freunde zu sein.

Kinder imaginieren sich Fantasiegestalten, weil sie sich allein fühlen, wir imaginiert uns unsere Götter aus einem ähnlichen Grund. Beendet die Menschheit also im Laufe der nächsten Jahrhunderte ihre Jugend, muss sie unbedingt auch den fiktiven Charakter ihrer Götter erkennen. Das ist die unbedingte Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Erwachsenendasein der Menschheit.

Überlebensstrategie

Der Glaube an den biblischen Gott ist manchmal der Glorifizierung eines finsteren Tyrannen ähnlich. Diese Verherrlichung geschieht aus der Not heraus. Sie ist dem sogenannten Stockholmsyndrom ähnlich: Man ist einem Tyrannen, einem Gewalttäter ausgeliefert, der alles mit einem machen kann, was er will. Diese Person oder Macht ist unberechenbar. Sich der Situation zu entziehen oder den Tyrannen zu bekämpfen ist nicht möglich, da er viel zu mächtig ist. Die einzige Chance, die Situation unbeschadet zu überstehen, ist sich ihr anzupassen. Das geht am besten, indem man sich den Tyrannen zum Freund macht. Intuitiv spürt man, dass die eigene Überlebenschance größer ist, wenn diese Freundschaft nicht nur vorgetäuscht wird. Sie sollte möglichst echt sein. Und das bedeutet: Man muss lernen, die Gebote und Regeln dieses Tyrannen wirklich zu mögen und zu lieben, denn täte man nur so, würde er es früher oder später merken. Sobald man die Gesetze aber verinnerlicht hat und an sie glaubt, weiß man nicht mehr, dass der ursprüngliche Grund, aus dem man sich angepasst hat, die Angst vor dem Tyrannen war. Im Unterbewusstsein könnte man die ursprünglichen Motive für den Glauben an den göttlichen Tyrannen vielleicht noch finden, doch das könnte die eigene Tarnung gefährden, also unterlässt man solche Nachforschungen instinktiv.

Wir sind nicht fähig, dauerhaft in einer moralisch zwiespältigen Situation zu leben, ohne früher oder später daran zu zerbrechen oder zu erkranken. Deswegen empfinden wir das, was wir zuvor aus Furcht angenommen hatten, jetzt als Segen. Dieser Prozess kann sich über ganze Generationen erstrecken und der Glaube an einen tyrannischen Gott erscheint am Ende wie der Glaube an einen Wohltäter.


RELIGION IM 21. JAHRHUNDERT