Glauben


Glauben ist Ersatzwissen

Glau­ben wir an etwas, machen wir eine Annah­me, ver­mu­ten etwas, ver­trau­en auf das, was nicht bewie­sen wer­den kann, oder betrach­ten eine Tat­sa­che von ges­tern heu­te immer noch als gege­ben. Wir sind von etwas über­zeugt, obwohl es nicht beweis­bar ist. Die­se Über­zeu­gung muss nicht auf reli­giö­se oder spi­ri­tu­el­le Inhal­te bezo­gen sein. Sie kann auch einen bana­len All­tags­hin­ter­grund haben, wie der Glau­be an die Treue des Part­ners, dass wir mor­gen unse­ren Job noch haben oder unser Auto in der nächs­ten Stun­de kei­nen Motor­scha­den hat. Denn nichts davon wis­sen wir definitiv.

Prak­tisch betrach­tet unter­schei­den All­tags­glau­be und reli­giö­ser Glau­be sich nicht von­ein­an­der. In bei­den Fäl­len han­delt es sich um Spe­ku­la­tio­nen, unab­hän­gig von der Art und Höhe des Wahr­schein­lich­keits­gra­des. Der All­tags­glau­be hat jedoch einen welt­li­chen Hin­ter­grund (Job, Part­ner, Auto), der reli­giö­se einen mytho­lo­gi­schen oder über­lie­fer­ten. Der All­tags­glau­be hat viel mit Mut­ma­ßun­gen und Wahr­schein­lich­kei­ten zu tun, der reli­giö­se eher mit Hoff­nun­gen, Wün­schen und Ängsten.

Unser All­tags­glau­be hilft uns bes­ser ein­schät­zen zu kön­nen, wie wir uns in unsi­che­ren Situa­tio­nen ver­hal­ten sol­len. Den reli­giö­sen Glau­ben benut­zen wir, um die Trist­heit und Trost­lo­sig­keit des All­tags­le­bens bes­ser auszuhalten.

Stabilitätsfaktoren und Orientierungshilfen

Der reli­giö­se Glau­be ist zwar nur eine über­lie­fer­te Tra­di­ti­on, die wir in unse­rer Kind­heit (einer Lebens­pha­se, in der wir leicht mani­pu­lier­bar sind) unre­flek­tiert über­neh­men. Doch da unser Leben zu gro­ßen Tei­len aus Anstren­gung, Leid, Arbeit und Ent­beh­rung besteht, gefällt uns die Idee einer über­ge­ord­ne­ten Sinn­ge­bung, auch wenn wir sie viel­leicht nicht wirk­lich ernst neh­men. Des­we­gen fun­giert unser reli­giö­ser Glau­be als Sta­bi­li­täts­fak­tor und ist drin­gend nötig, damit unse­re mit Wider­sprü­chen durch­zo­ge­nen Gesell­schaf­ten nicht aus­ein­an­der­fal­len oder kollabieren.

Auch Glau­bens­sys­te­me müs­sen kei­ne reli­giö­sen oder spi­ri­tu­el­len Hin­ter­grün­de haben. Poli­ti­sche Ideo­lo­gien eige­nen sich auch sehr gut als Glau­bens­sys­te­me. Wer nicht an das Jen­seits, Gott oder Engel glau­ben kann, der glaubt viel­leicht an den Kom­mu­nis­mus, den Natio­na­lis­mus oder irgend­ei­ne ande­re Ideo­lo­gie. Und die­se Uto­pien oder Fan­ta­sien sind über­wie­gend in der Zukunft oder alter­na­ti­ven Wel­ten ange­sie­delt, sel­ten im Hier und Jetzt, denn mit ihnen wol­len wir uns vom Hier und Jetzt (also dem tat­säch­li­chen Leben in der Rea­li­tät) ablenken.

Grenzen des Glaubens

Wenn wir über bestimm­te exis­ten­zi­el­le Aspek­te des Lebens nichts wis­sen, weil es unmög­lich ist, dar­über etwas wis­sen zu kön­nen, erzeugt die­ser Umstand in vie­len von uns Unzu­frie­den­heit oder eine unter­schwel­li­ge Unru­he, ein Unbe­ha­gen, dass auch Angst machen kann.

Wir sto­ßen auf unse­re intel­lek­tu­el­len oder geis­ti­gen Gren­zen und wer­den mit der Tat­sa­che kon­fron­tiert, dass es Din­ge gibt, die sich unse­rer Wahr­neh­mung ent­zie­hen. Das frus­triert uns – bewusst oder unbe­wusst – denn das Unbe­kann­te kön­nen wir nicht beein­flus­sen oder kon­trol­lie­ren. Die­ser Kon­troll­ver­lust kann unser Selbst­wert­ge­fühl bedro­hen. Er bedeu­tet, nicht in allen Belan­gen des Lebens sou­ve­rän sein zu kön­nen. Wol­len oder kön­nen wir uns mit die­ser Ein­schrän­kung nicht abfin­den, nei­gen wir dazu, die­se Wis­sens­lü­cke mit Ersatz­wis­sen, also Schein­wis­sen zu über­de­cken. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die­ses einem wirk­li­chen Wis­sen eben­bür­tig ist. Es soll uns ledig­lich ver­ges­sen las­sen, dass es in der Welt Din­ge gibt, die sich unse­rer Wahr­neh­mung und Ein­fluss­nah­me ent­zie­hen. Die­ses Ersatz­wis­sen wird reli­giö­ser Glau­be (The­is­mus) aber auch nicht-reli­giö­ser Glau­be (Athe­is­mus) genannt. Ideo­lo­gien der unter­schied­lichs­ten Arten zäh­len eben­falls dazu.

Da es sich in all die­sen Fäl­len um kein wirk­li­ches Wis­sen han­delt – denn das basiert stets auf beob­acht­ba­re und beschreib­ba­re Tat­sa­chen – und wir uns unwohl mit die­sem Man­ko füh­len, eti­ket­tie­ren wir unse­ren reli­giö­sen Glau­ben als meta­phy­si­sches oder gefühl­tes Wis­sen und unse­ren anti-reli­giö­sen als Ratio­nal­wis­sen oder ein­fach als Wissenschaft.

Wir behan­deln unse­ren Glau­ben als eine höhe­re Art des Wis­sens, als »aprio­ri­sche Wahr­heit«, die einen Beweis oder eine Über­prü­fung nicht benö­tigt. Das macht ihn immun gegen jede Art von Kri­tik. Und des­we­gen fällt es uns so leicht, all das zu glau­ben, was uns hilft, unse­re inne­re Unru­he zu bekämp­fen. Wir müs­sen nur an etwas glau­ben und davon über­zeugt sein – und schon ist unse­re inne­re Unru­he ver­schwun­den. Doch in Wirk­lich­keit haben wir sie nur betäubt.


GLAU­BEN AN ALLES MÖGLICHE


2 Gedanken zu „Glauben“

  1. Hal­lo Michael, 

    coo­le Sei­te von dir. Was mich bzgl. dem The­ma Glau­ben zur Zeit inter­es­siert ist eine Ant­wort auf die Fra­ge: Kann man aus dem Nicht­glau­ben an eine Leh­re eine Schluss­fol­ge­rung zie­hen? Wür­de ger­ne dei­ne Mei­nung bzw. Her­lei­tung zu dem The­ma wis­sen. Danke

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    • Hal­lo Muc
      Dan­ke für dei­ne inter­es­san­te Fra­ge, die mich zu fol­gen­den Gedan­ken ani­miert hat. 

      Fra­ge: Kann man aus dem Nicht­glau­ben an eine Leh­re eine Schluss­fol­ge­rung ziehen?

      Zunächst:
      Leh­ren ver­mit­teln Wis­sen, Erfah­run­gen, Erkennt­nis­se, Phi­lo­so­phien und Ideen. Die­se kön­nen ganz oder teil­wei­se rich­tig oder falsch sein. Eine Leh­re, die zumin­dest in ihrem Kern rich­tig ist, wird auch unser Den­ken und Leben bes­ser, zukunfts­taug­li­cher und krea­ti­ver machen. Eine Leh­re, die in ihrem Kern nicht rich­tig ist, besitzt die­se Eigen­schaft nicht — höchs­tens zufäl­lig oder über Umwe­ge: Manch­mal ver­fol­gen wir ohne es zu wis­sen eine fal­sche Idee, die dann doch zum rich­ti­gen Ziel führt. Eine For­mel oder Hand­lungs­wei­se kann zwar falsch sein, doch indem wir sie bis zu Ende den­ken, erken­nen wir neue und wei­ter­füh­ren­de Aspek­te unse­rer ursprüng­li­chen Fragestellung.

      Meis­tens ver­las­sen wir den Pfad unse­rer fal­schen Ideen jedoch nicht und hal­ten ein Leben lang an ihnen fest. Des­we­gen ist es sinn­voll zwi­schen ratio­na­len und irra­tio­na­len Leh­ren zu unter­schei­den. Bei­de haben ihre Berech­ti­gung. Die irra­tio­na­len kön­nen jedoch destruk­ti­ve Aus­wir­kun­gen haben (im Sinn einer Irr­leh­re) und soll­ten des­halb geson­dert behan­delt und kri­tisch betrach­tet werden.

      Die Ant­wort auf die Fra­ge nach der Schluss­fol­ge­rung muss des­halb in zwei Tei­le auf­ge­split­tet werden:
      Der „Nicht­glau­ben“ an ratio­na­le Leh­ren (bei­spiels­wei­se Natur­wis­sen­schaf­ten) könn­te als Ver­wei­ge­rung moder­nen Wis­sens bezeich­net wer­den, der Nicht­glau­ben an irra­tio­na­le Leh­ren (bei­spiels­wei­se Reli­gi­on) als die Los­lö­sung von den über­lie­fer­ten Asso­zia­tio­nen unse­rer archai­schen Vor­fah­ren und als Vor­aus­set­zung für einen offe­nen Blick für die Anfor­de­run­gen einer moder­nen, zukünf­ti­gen Welt.

      Das ist jeden­falls das, was mir auf die Schnel­le zu die­sem The­ma einfällt.

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