Menschlichkeit


Schizophrenie der Menschlichkeit

Das, was Tiere machen, ist tierisch.
Das, was die Natur macht, ist natürlich.
Das, was Maschinen machen, ist mechanisch.
Und das, was wir machen, ist menschlich.

Menschen erschaffen Kunstwerke, machen großartige Entdeckungen, erfinden fantastische Maschinen und entwickeln sich ständig weiter. Und sie können altruistisch lieben. Kein anderes Lebewesen in der Welt besitzt diese Eigenschaften und Fähigkeiten. Im Bündel sind sie ein Alleinstellungsmerkmal für die Spezies Mensch. Deswegen können wir sie als menschlich bezeichnen. Aber: Menschen machen auch Kriege, vergewaltigen, foltern, betrügen und missbrauchen andere. Im Bündel sind diese Attribute ebenfalls menschlich, als Alleinstellungsmerkmal sogar typisch menschlich.

Menschlichkeit ist kein Ausdruck für Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Freundschaft, sondern die Art und Weise wie Menschen sind, also handeln und denken.

Und da unsere destruktive Seite unsere kreative oft dominiert oder unterdrückt (zumindest in Stress- und Krisensituationen), steht die kreative im Schatten der destruktiven, kann sich nur entfalten und ausweiten, wenn unsere destruktive Seite es zulässt.

Die Idealisierung der Menschlichkeit

Immer wieder lesen und hören wir, im Zusammenhang mit von Menschen verübten Gräueltaten, von der Unmenschlichkeit. Als unmenschlich bezeichnen wir ein Verhalten, das im besonderen Maß gewalttätig, kaltherzig, grausam, kriminell, ausbeuterisch oder betrügerisch ist. Dabei impliziert der Ausdruck »unmenschlich«, dass solche Taten für uns untypisch, dem menschlichen Grundcharakter entgegengesetzt, eben nicht menschlich sind. Eigentlich neigen wir zum gegenteiligen Verhalten und haben eher einen freundlichen, friedlichen, liebevollen, fürsorglichen, großzügigen und ehrlichen Charakter – so die Legende. Diese idealisierten Eigenschaften nennen wir menschlich. Unmenschlichkeit ist nach dieser Definition eher eine krankhafte Abweichung von der Normalität, der Menschlichkeit.

»Unmenschlichkeit« ist typisch menschlich

Doch ist das wirklich so, ist Unmenschlichkeit wirklich nur eine Abweichung von der Normalität? Wäre es nicht realistischer und fairer, unsere destruktiven Qualitäten ebenfalls als menschlich zu bezeichnen? Denn kein Lebewesen, außer dem Menschen, mordet und foltert. Wenn Tiere grausam sind, dann nicht mit Absicht – wir meistens schon. Wir fügen anderen Menschen Leid zu, weil es uns gefällt, das zu können. Das ist typisch menschlich, denn außer uns macht kein anderes Lebewesen so etwas.

Das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen, ist meistens kein Versehen, sondern oft pure Absicht. Tiere machen das (soweit wir wissen), nicht. Das Leid, das Tiere anderen Tieren oder Menschen zufügen, geschieht unbeabsichtigt und ist ein Nebenprodukt, wenn sie sich ernähren oder bedroht fühlen.
 

Doch auch wenn wir den Ausdruck Menschlichkeit im rein gebräuchlichen Sinn verstehen, ihm also nur die positiven Attribute wie Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Verständnis, Friedlichkeit usw. zuschreiben, muss man früher oder später anerkennen, dass diese Eigenschaften kein absolutes Alleinstellungsmerkmal für den Homo sapiens ist: Auch einige höher entwickelte Tiere sind hilfsbereit und friedlich gegenüber fremden Artgenossen. Es gibt jedoch keine Tiere, die andere Tiere foltern oder zum Vergnügen töten – nur Menschen machen so etwas.

Unmenschlicher werden

Deshalb kann gesagt werden (natürlich mit etwas Ironie), dass Freundlichkeit, Friedlichkeit usw. typisch unmenschliche Charaktereigenschaften sind. Unsere Freundlichkeit ist oft nur eine Strategie, mit der wir uns Vorteile verschaffen. Es geht uns um den Vorteil: Bringt Unfreundlichkeit uns Vorteile, sind wir eben unfreundlich.

Tieren geht es nur um das persönliche Überleben und um ihre Fortpflanzung. Wir interessieren uns zusätzlich für Macht, Unterhaltung, Überfluss, Kunst und Vergnügen. Und perverserweise macht es uns nicht selten Spaß, andere Menschen leiden zu lassen oder leiden zu sehen. Dieses Verhalten ist menschlich. Wenn wir uns also weiterentwickeln wollen, sollten wir dringend „unmenschlicher“ werden.

3 Gedanken zu “Menschlichkeit”

  1. Jedes physikalische Modell ist eine Idealisierung, da Wechselwirkungen mit der Umwelt teilweise ausgeschlossen werden oder nur über Effektivwerte einfließen.

    • Ja, okay. Ich weiß aber nicht, was das mit dem zu tun hat, was ich auf dieser Seite schreibe. Ich bespreche kein Modell und mit Physik hat es auch nichts zu tun.

      • Alles ist miteinander verbunde, auch die Naturgesetze und das menschliche Handeln. Manchmal hilft es den Aphorismus zu hinterfragen und kreative, neue Ansätze zu generieren. So wie Sie es im Artikel beschrieben haben, die destruktive Seite darf die kreative Seite nicht unterdrücken.

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