Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien


Sublimierung von Neid und Missgunst

Verschwörungstheorien sind wie Blumen,
die in den Beeten der Missgunst und des Neides wachsen.
Unzufriedenheit ist ihr Dünger.

Unser Leben ist durchdrungen von Neid und Missgunst. Selten freuen wir uns für das Glück Anderer. Wir beneiden andere nicht nur darum – wir missgönnen es ihnen oft auch. Haben wir es selbst, sind wir insgeheim froh, wenn andere es nicht haben. Haben wir keins, machen wir manchmal andere für diesen Mangel verantwortlich, denn meistens sind wir ziemliche Kleingeister. Diese Empfindung kann dann zum Nährboden für Verschwörungstheorien werden.

ERHALTEN WIR NICHT DIE ANERKENNUNG IM LEBEN UND IN DER GESELLSCHAFT, VON DER WIR GLAUBEN, DASS SIE UNS ZUSTEHT, MACHEN WIR MANCHMAL FREMDE EINFLÜSSE DAFÜR VERANTWORTLICH. WIR GÖNNEN ANDEREN IHRE SOZIALEN UND WIRTSCHAFTLICHEN ERFOLGE NICHT, BENEIDEN SIE VIELLEICHT DARUM – WAS WIR UNS UNMÖGLICH EINGESTEHEN KÖNNEN. DESHALB FÜHREN WIR UNSERE GESELLSCHAFTLICHE ABSEITSSTELLUNG AUF DIE DIREKTE ODER INDIREKTE MANIPULATION GEHEIMER ODER AUCH BEKANNTER MÄCHTE ZURÜCK. SO VERMEIDEN WIR DIE ERKENNTNIS, DASS UNTALENTIERTHEIT UND MANGELHAFTE DISZIPLIN DIE GRÜNDE UNSERER WIRTSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN ERFOLGLOSIGKEIT SIND – MIT ANDEREN WORTEN: WIR SELBST.

Doch das geschieht meistens nicht bewusst, eher instinktiv. Denn das Gefühl, von der Existenz eines Geheimbundes oder einer Verschwörung zu wissen, macht uns zu Mitgliedern einer exklusiven Gruppe, welche die Wahrheit kennt und den Durchblick hat. Wir sind zwar nach wie vor in sozialer und wirtschaftlicher Abseitsstellung, fühlen uns aber nicht mehr bedeutungslos, denn wir gehören zu den Eingeweihten oder Auserwählten, welche die wirklichen Zusammenhänge in der Welt kennen.

Das Unzufriedenheitssyndrom

Unser Leben als Normalbürger ist meistens nüchtern und trist. Oft wären wir gern ein Prominenter, Millionär oder Ähnliches. Doch da nur wenige eine solche exponierte Stellung in der Gesellschaft einnehmen können, finden wir alternative Wege, um uns von der Masse abzuheben. Dadurch ist unser Leben besser auszuhalten, obwohl diese Besonderheit nur in der eigenen Wahrnehmung existiert. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich damit abfinden oder kein Problem darin sehen, ein einfaches, durchschnittliches Leben zu führen und die in ihrem Alltag (Familie, Kinder, Haus, Beruf) gar keine Zeit hätten, etwas zu vermissen.

Wer sein Leben trotzdem bereichern möchte, pflegt vielleicht ein ungewöhnliches oder einsames Hobby. Oder wir flüchten uns in Onlinespiele, in denen wir unsere Fantasien ausleben und unseren tristen Alltag würzen, indem wir in die Rollen von Zauberern, Kriegern, Trollen oder Feen schlüpfen. Eine weitere Methode kann ein ausgeprägtes Vereinsleben sein, von dem wir uns einspannen lassen.

Wenn uns all das nicht reicht oder möglich ist, finden wir andere Wege, zum Beispiel die Esoterik, die Ufologie oder die Religion. Das sind die normalen Methoden, mit denen wir unsere soziale Bedeutungslosigkeit übertünchen, wenn wir es nötig haben.

Eine weitere Möglichkeit ist der Glaube an irgendeine Verschwörung, je nach persönlicher Vorliebe ausgewählt, vielleicht auch rein zufällig. Nicht selten ist es auch ein ganzes Bündel. Doch hier kommt noch ein weiteres Element ins Spiel: Als Verschwörungstheoretiker besitzen wir oft, wenn nicht sogar überwiegend, ein rechtskonservatives Gemüt. Wir sind nicht selten antisemitisch eingestellt und auch meistens gegen Abtreibung, homophob, tendenziell demokratiefeindlich und allgemein keine Menschenfreunde. Unser Glaube an Verschwörungen ist Ausdruck unserer repressiven Lebenseinstellung. Je unzufriedener wir als rechtskonservative Menschen sind, desto mehr neigen wir dazu, andere für unsere Situation verantwortlich zu machen. Deswegen können Verschwörungstheorien auch als »Unzufriedenheitssyndrom« bezeichnet werden.

Als Verschwörungstheoretiker sind wir meistens national eingestellt und besitzen einen autoritären Charakter. Unsere gesellschaftliche Abseitsstellung hat uns verbittern lassen.

Das Glück anderer, besonders fremder Menschen, kann uns ein Dorn im Auge sein. Wir hassen alle, die leicht und locker durchs Leben gehen. Lebenslustige Verschwörungstheoretiker sind daher die große Ausnahme und eigentlich ein Widerspruch in sich selbst.

Ein weiterführender Aspekt von Verschwörungstheorien: Sie geben uns scheinbare einfache Lösungen für komplexe Probleme und sie nehmen uns die Verantwortung ab. Nicht wir sind dann für das, was auf diesem Planeten schief läuft verantwortlich, sondern die Juden, Illuminaten, Freimaurer, Ausländer, Reptiloiden oder Aliens – also fiktive oder reale Fremde, die stets als Minderheit in Erscheinung treten. Und damit sind wir aus der Verantwortung. Wir müssen uns nicht ändern, sondern haben den Freibrief, so weiterzumachen wie gewohnt, da wir ja sowieso nichts ändern könnten: Die Außerirdischen, Geheimbünde oder auch Hohlweltbewohner sind schuld – und wir die Opfer.

Fremdschuldzuweisung

Doch der Zustand der Welt spiegelt nur unsere inneren Beschaffenheit wider, das übersehen wir ständig oder wollen es nicht sehen. Wir könnten es allerdings wissen, doch dafür müssten wir uns für die Welt und die Menschen interessieren. Meistens interessieren wir uns jedoch ausschließlich für uns selbst – und das auch nur oberflächlich.

Wir sind widersprüchliche und korrupte Wesen und ohne es zu merken, gestalten wir die Welt so, wie wir selbst sind.

Doch da wir davon nichts wissen wollen, suchen wir andere Ursachen, die den desolaten Zustand der Welt erklären. Deswegen finden wir als Verschwörungstheoretiker die Verantwortung für ein Übel außerhalb uns selbst, außerhalb unserer Gesellschaft. Stets sind es andere Menschen, andere Völker, fremde Kulturen oder Minderheiten, die verantwortlich für einen Missstand sind und bekämpft werden müssen. Denn es ist viel einfacher andere zu beschuldigen, verantwortlich zu machen oder an Verschwörungen zu glauben, als das eigene Verhalten zu ändern.

Verschwörungstheorien sind auch ein Werkzeug zur Selbsterkenntnisvermeidung. Sie dienen uns zum einen als Lebensaufwertung (wir gehören zu den Eingeweihten, zur »Wissenselite«), zum anderen als Ablenkung von den eigenen Problemen: Neid, Hass, Unzufriedenheit und Erfolglosigkeit. Wir leiden darunter, nicht zu den Leuten zu gehören, die Macht und Einfluss besitzen. Überspitzt ausgedrückt sind Verschwörungstheoretiker verhinderte Autokraten.

Wir sind zwar alle mehr oder weniger verhinderte Machtmenschen, doch Verschwörungstheoretiker in besonderem Maß.

Das Selbstverständnis der Verschwörungstheoretiker

Verschwörungstheoretiker bezeichnen und verstehen sich selbstverständlich nicht als solche. Dieser Ausdruck ist in ihren Augen eine absichtlich abwertende Bezeichnung. Sie nennen sich gerne »Truther«, was vielleicht mit »Wahrheitsliebender« übersetzt werden kann. Ihnen ist nicht bewusst, dass jeder, der tatsächlich die Wahrheit kennt und liebt, sich niemals so bezeichnen würde, denn dieses plakative Etikett wirkt extrem suggestiv und ist deswegen unseriös. Denn nur weil etwas mit dem Schild „Wahrheit“ versehen wird, muss noch lange keine drin sein. Und die Erfahrung zeigt auch: Meistens ist das Gegenteil der Fall.

Sie bezeichnen sich als Fragen stellende oder kritisch denkende Menschen. Tatsächlich tun sie jedoch das Gegenteil: Alles, was ihre Ressentiments bestätigt, saugen sie auf wie ein Schwamm und geben es ungeprüft weiter. Kritische Fragen ignorieren sie entweder oder bezeichnen sie als Propaganda. Sprechen sie von Beweisen, handelt es sich fast immer um Texte oder Videos, in denen lediglich das behauptet wird, was sie glauben oder glauben wolle. Dass die Dokumente keine Beweiskraft besitzen, erkennen sie nicht (oder interessiert sie nicht), denn es geht ihnen nur um die gefühlsmäßige Bestätigung ihrer Abneigung gegenüber der Gesellschaft und dem sozialen Leben.

Ihrer tatsächlichen Motive sind ihnen nicht bewusst, denn um diese ergründen zu können, bräuchten sie selbst-analytische Fähigkeiten, die ihnen völlig fehlen. Meistens besitzen sie nur ein geringes Allgemeinwissen, können sich nur eingeschränkt artikulieren und begegnen Fragen und Kritik eher mit einer aggressiven Rhetorik (also mit Pöbeleien und Beschimpfungen), als mit Argumenten. Das lässt vermuten, wahrscheinlich spüren sie, den intellektuellen Anforderungen (die eigentlich nicht sehr hoch sind) nicht gewachsen zu sein. Deswegen gehen sie ihnen aus dem Weg, durch Ignoranz und verbale Aggressivität.

Jeder, der nicht so denkt wie sie, ist ein Opfer, eine Marionette oder auch ein Agent der Verschwörungsmächte. Dieses Verhalten ist eine auffällig plumpe Strategie, die es ihnen ermöglicht, Kritik einfach abprallen zu lassen. Zur kreativen Auseinandersetzung mit ihren Ideen sind sie unfähig, da ihnen hierfür der Wille fehlt.


MISSBRAUCH VON AUSDRÜCKEN