Anti­se­mi­tis­mus

Juden — der uni­ver­sel­le Sün­den­bock

Schattenfiguren in einem Wald, die wie dunkle Gespenster hin und huschen.

Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nicht­ju­den nicht übel nimmt, ist ein Anti­se­mit.
Hen­drik M. Bro­der

Fana­ti­sche Anti­se­mi­ten behaup­ten, Juden wären der Feind der Deut­schen und sogar der gesam­ten Mensch­heit und müss­ten des­halb bekämpft und letzt­end­lich ver­nich­tet wer­den. Infol­ge­des­sen gäbe es eine natür­li­che Feind­schaft zwi­schen ihnen und dem Rest der Welt. Doch für die­se Behaup­tung gibt es weder Bewei­se noch Indi­zi­en. Ortho­do­xe Juden haben sicher­lich ihre skur­ri­len Eigen­ar­ten und im Lau­fe der letz­ten 1000 Jah­re haben Juden ganz all­ge­mein ihre Nischen in der Wirt­schafts­welt gefun­den — doch das trifft auch auf ande­re Völ­ker zu.

Vie­le Juden sind im Show­busi­ness, in der Wirt­schaft und der Geld­wirt­schaft tätig. Im Mit­tel­al­ter hat­te man ihnen alle bür­ger­li­chen und hand­werk­li­chen Beru­fe ver­bo­ten und ihnen nur die erlaubt, die von der christ­li­chen Kir­che als unmo­ra­lisch bezeich­net wur­den. Sie durf­ten Juwe­lie­re, Geld­ver­lei­her oder Kauf­leu­te sein, denn die­se Tätig­kei­ten hat­ten einen schlech­ten Ruf, obwohl sie drin­gend gebraucht wur­den. Heu­te wirft man ihnen vor, sich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te auf die­se Beru­fe spe­zia­li­siert zu haben und dort jetzt über­re­prä­sen­tiert sind. Doch die Mensch­heit hat sich ihren Uni­ver­sal­sün­den­bock absicht­lich über die Jahr­hun­der­te hin­weg selbst her­an­ge­züch­tet und kul­ti­viert.

Dass aus­ge­rech­net den Juden im Lau­fe der letz­ten 2000 Jah­re die Rol­le des All­zweck-Sün­den­bocks zuge­dacht wur­de, wur­zelt viel­leicht in ihrer Wei­ge­rung, Jesus als Mes­si­as bzw. Got­tes Sohn anzu­er­ken­nen. Hät­ten sie nach und nach die­se Hal­tung im frü­hen 1. Jahr­tau­send auf­ge­ge­ben, hät­te sich viel­leicht kein dau­er­haf­ter Anti­se­mi­tis­mus ent­wi­ckeln kön­nen. Viel­leicht hät­te man dann ein ande­res Volk zum glo­ba­len Sün­den­bock gemacht und die staa­ten­lo­sen Juden hät­ten sich nor­mal in die euro­päi­schen Völ­ker inte­griert und wären letzt­end­lich in ihnen auf­ge­gan­gen und als Israe­li­ten ver­schwun­den. Doch mit ihrer Ver­wei­ge­rung, Jesus als Got­tes Sohn anzu­er­ken­nen, haben sie sich bei den Chris­ten unbe­liebt gemacht — von vie­len wer­den sie des­halb noch heu­te gehasst.

Der gegen­wär­ti­ge isla­mi­sche Anti­se­mi­tis­mus ist hin­ge­gen haupt­säch­lich ein Pro­dukt der Neu­grün­dung Isra­els inmit­ten ara­bi­scher Staa­ten über deren Köp­fe hin­weg.

Ein­fäl­tig­keit der jüdi­schen Welt­ver­schwö­rer

Den Juden wird vor­ge­wor­fen, seit Jahr­hun­der­ten die gesam­te Mensch­heit heim­lich zu mani­pu­lie­ren und aus­zu­beu­ten. Sie sol­len das hin­ter­lis­tigs­te, betrü­ge­rischs­te und raf­fi­nier­tes­te Volk sein, das es auf die­sem Pla­ne­ten gibt. Doch war­um sind sie dann so erfolg­los, wenn es dar­um geht, sich selbst zu ver­tei­di­gen? Denn wer in der Lage ist, gan­ze Län­der zu mani­pu­lie­ren und im Ver­bor­ge­nen die Wirt­schafts­welt steu­ert, soll­te auch kein Pro­blem haben, die eige­nen Leu­te zu beschüt­zen. Doch auf die­sem Gebiet ver­sa­gen die jüdi­schen Welt­ver­schwö­rer jäm­mer­lich. Seit dem Mit­tel­al­ter ist es ihnen nicht gelun­gen, auch nur einen ein­zi­gen Pogrom abzu­weh­ren. In Nazi-Deutsch­land wur­den sogar 6 Mil­lio­nen Juden ermor­det. Eine Ver­bre­cher­or­ga­ni­sa­ti­on, wie die jüdi­sche Welt­ver­schwör­erge­mein­de, die mit allen Was­sern gewa­schen ist und kei­nen Skru­pel kennt, selbst die per­fi­des­ten Ver­bre­chen aus­zu­üben, schafft es nicht, sich gegen ein­fa­che Angrif­fe zu weh­ren?

Juden zie­hen im Hin­ter­grund die Strip­pen der Welt­po­li­tik, haben Ein­fluss auf alles Mög­li­che, sind gleich­zei­tig aber unfä­hig, ihre Lebens­si­tua­ti­on in den Griff zu krie­gen? Wozu soll die­ser all­um­fas­sen­de Ein­fluss auf Poli­tik und Wirt­schaft denn gut sein, wenn er nicht hilft, davon zu pro­fi­tie­ren? Nach wie vor wer­den Juden auf offe­ner Stra­ße ange­pö­belt oder zusam­men­ge­schla­gen, jüdi­sche Fried­hö­fe wer­den geschän­det oder jüdi­sche Geschäf­te zer­stört. Eine extrem kri­mi­nel­le Orga­ni­sa­ti­on, wie das angeb­li­che Welt­ju­den­tum (gegen die die Mafia wie ein Kin­der­gar­ten wirkt), soll­te mit sol­chen „Stö­ren­frie­den“ jedoch kein Pro­blem haben. Es müss­te den jüdi­schen Agen­ten ein Leich­tes sein, die­se Leu­te aus­fin­dig zu machen und zu eli­mi­nie­ren. Noch viel ein­fa­cher: War­um töten sie ihre Fein­de nicht (also alle Men­schen, die die Wahr­heit über die Juden erkannt haben) und über­neh­men dann die Welt­herr­schaft? Auch das dürf­te ihnen mit soviel Macht und Ein­fluss auf alles in der Welt ein Leich­tes sein.

Auch haben sie es über einen Zeit­raum von etwa 3000 Jah­ren nicht geschafft, ein eige­nes, neu­es Ter­ri­to­ri­um zur Staa­ten­grün­dung zu erobern oder zu fin­den. Laut Bibel haben sie mehr­mals ande­re Völ­ker ver­nich­tet, waren dann aber zu blöd, das erober­te Gebiet zu besie­deln. Erst nach dem 2. Welt­krieg wur­de ihnen dann ein Teil ihres alten Gebie­tes „zurück­ge­ge­ben“.

Die bös­ar­tigs­ten und hin­ter­häl­tigs­ten Men­schen der Welt sind also gleich­zei­tig auch die ein­fäl­tigs­ten? Mit wel­cher Logik begrün­den Anti­se­mi­ten die­sen ekla­tan­ten Wider­spruch?

Ent­eig­nung der Paläs­ti­nen­ser

Die Art und Wei­se, wie der Staat Isra­el 1948 ent­stand, ist ziem­lich frag­wür­dig. Er wur­de gegen den Wil­len der Paläs­ti­nen­ser auf deren Ter­ri­to­ri­um errich­tet, umge­ben von juden­feind­li­chen Nach­bar­staa­ten. Das war nicht nur unsen­si­bel, son­dern auch dumm. Denn aus die­sem Grund gibt es bis heu­te per­ma­nent Kon­flik­te zwi­schen dem rest­li­chen Paläs­ti­na und Isra­el. Isra­el muss sich gegen sei­ne Nach­bar­staa­ten abschot­ten und über­le­ben nur, wei­le es von den USA und der UNO beschützt und unter­stützt wird. Das ist auf Dau­er kein akzep­ta­bler Zustand und es gibt auch kei­ne Anzei­chen, dass er sich irgend­wann ein­mal ändern könn­te. Wenn doch, wird es wohl noch hun­dert Jah­re dau­ern.

Die Situa­ti­on ist absurd: Die Paläs­ti­nen­ser wer­den auf ihrem eige­nen Ter­ri­to­ri­um als Staat nicht aner­kannt, wäh­ren die Juden dort einen eige­nen grün­den durf­ten. Hat­te Paläs­ti­na denn etwas getan oder ver­bro­chen, das eine sol­che Ent­eig­nung gerecht­fer­tigt hät­te? Hat­ten die Juden immer noch ein Anrecht auf die­ses Gebiet, weil ihre archai­schen Vor­fah­ren dort einst leb­ten? Oder weil sie sich (nach dem Holo­caust, all den Tor­tu­ren, Pogro­men und Demü­ti­gun­gen über 2000 Jah­re hin­weg) ein Ende ihrer Dia­spo­ra ver­dient hat­ten? Selbst wenn das stim­men soll­te, ent­schul­digt das nie­mals die Ent­mün­di­gung eines ande­ren Vol­kes, denn die Paläs­ti­nen­ser waren sicher­lich nicht dafür ver­ant­wort­lich, dass die Juden vor 3000 Jah­ren ihr Ter­ri­to­ri­um ver­lo­ren hat­ten.

Aller­dings: Heu­te, 70 Jah­re nach der Neu­grün­dung Isra­els in Jahr 1948, wur­den sehr vie­le Men­schen dort gebo­ren. Die israe­li­sche Bevöl­ke­rung besteht jetzt über­wie­gend aus Ein­hei­mi­schen, die das Recht haben, Isra­el als ihre Hei­mat zu bezeich­nen und dort leben dür­fen. Die Grün­dung Isra­els auf paläs­ti­ni­schem Gebiet war zwar unrecht­mä­ßig, kann jetzt aller­dings nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den, ohne ein neu­es Unrecht zu bege­hen.

Unab­hän­gig davon ist Isra­el nicht anders als alle ande­ren Staa­ten in der Welt: Es macht Poli­tik, die genau­so ego­is­tisch und kurz­sich­tig ist, wie die Poli­tik ande­rer und nutzt sei­ne Mög­lich­kei­ten, um sich Vor­tei­le auf Kos­ten ande­rer Län­der zu sichern — genau wie alle Natio­nen! Wir kön­nen die­sem Staat nichts vor­wer­fen, was wir ande­ren nicht auch vor­wer­fen kön­nen. Bei­spiels­wei­se hält Chi­na seit 1950 Tibet besetzt und Russ­land hat sich vor ein paar Jah­ren einen Teil der Ukrai­ne vor der Welt­öf­fent­lich­keit ein­ver­leibt (und ist augen­blick­lich damit beschäf­tigt, sich den Rest zu holen) — dage­gen pro­tes­tiert kein Anti­se­mit. Beim Anti­se­mi­tis­mus han­delt es sich also um eine künst­li­che Feind­schaft.

Soll­ten wir es irgend­wann nicht mehr nötig haben, ande­ren Men­schen, Volks­grup­pen oder sogar gan­zen Völ­kern Machen­schaf­ten, Bös­wil­lig­kei­ten, Intri­gen oder Betrü­ge­rei­en zu unter­stel­len, weil wir unse­re eige­nen Feh­ler nicht sehen wol­len, brau­chen wir auch kei­ne Feind­schaf­ten mehr. Dann wird der Anti­se­mi­tis­mus ver­schwin­den, denn alles Künst­li­che zer­fällt, wenn es nicht auf­recht­erhal­ten wird.

Künst­li­che Feind­schaft

Feind­schaf­ten sind absicht­li­che, for­cier­te Aggres­si­on, die auf­grund ihrer künst­li­chen Natur auch in ihr Gegen­teil umschla­gen kön­nen. Aus die­sem Grund kön­nen Natur­ge­wal­ten wie schwe­re Stür­me, Erd­be­ben, Vul­kan­aus­brü­che oder gefähr­li­che Raub­tie­re nicht als feind­lich gel­ten, denn die­se Gefah­ren wer­den immer eine Bedro­hung sein. Genau­so wenig sinn­voll ist es, den Zufall oder die Unge­wiss­heit als Feind zu bezeich­nen.

Jede Form von Feind­schaft ist künst­lich. Es gibt kei­ne natür­li­chen Feind­schaf­ten, wie bei­spiels­wei­se Natur­kräf­te, die sich auf­grund ihrer gegen­sätz­li­chen Eigen­schaf­ten bekämp­fen müs­sen, obwohl es manch­mal so schei­nen mag.

Was­ser ist bei­spiels­wei­se nicht der natür­li­che Feind des Feu­ers. Ein Brand kann mit Was­ser gestoppt wer­den, doch es gibt vie­le Din­ge, mit denen man ein Feu­er löschen kann. Jeder Stoff oder Effekt, der die Sauer­stoff­zu­fuhr ver­hin­dert, kann eine Flam­me ersti­cken. Was­ser eig­net sich dafür gut, denn es umschließt den bren­nen­den Gegen­stand schnell, da es sehr flüs­sig ist. Es ist jedoch nicht das Was­ser, wel­ches das Feu­er aus­ge­hen lässt, son­dern der Sauer­stoff­man­gel. Und ist das Feu­er sehr heiß, ver­dampft das Was­ser, bevor es den bren­nen­den Gegen­stand bedeckt, sodass es sei­ne Lösch­ei­gen­schaf­ten ver­liert und das Feu­er jetzt sogar stär­ker ent­fa­chen kann. Das ist bei Ölbrän­den zum Bei­spiel der Fall. Dann ist Was­ser sogar der Freund des Feu­ers!

Bekämp­fen sich im Tier­reich zwei Arten, hat das stets einen situa­ti­ons­be­ding­ten Anlass: Es geht um die Nah­rungs­kon­kur­renz. Amei­sen­staa­ten bekämp­fen ande­re Amei­sen­staa­ten, weil sie das Habi­tat, aus dem sie ihre Nah­rung bezie­hen, für sich allein bean­spru­chen, und nicht weil sie die ande­re Amei­sen­art nicht mögen und des­halb als Erz­feind betrach­ten. Das gilt für alle Kämp­fe und Feind­schaf­ten in der Tier­welt, denn Tie­re sind rei­ne Oppor­tu­nis­ten – sie inter­es­sie­ren sich allein für ihre Fort­pflan­zung und Exis­tenz­si­che­rung. Wer­den Fort­pflan­zung und Exis­tenz durch das Ver­hal­ten einer ande­ren Tier­art gefähr­det, bekämp­fen sie die­se — andern­falls wird sie nicht beach­tet. Des­halb sind Feind­schaf­ten stets zweck­ge­bun­de­ne, zeit­li­che begrenz­te Aggres­sio­nen zur Vor­teils­be­schaf­fung.

Der stark aus­ge­präg­te Anti­se­mi­tis­mus ist hin­ge­gen Selbst­zweck. In der moder­nen Mensch­heits­ge­schich­te vor 1948 ist kein ein­zi­ger Fall bekannt, in dem ein Land von Juden über­fal­len oder sonst wie geschä­digt wur­de. Von den meis­ten ande­ren Völ­kern der Welt kann das nicht gesagt wer­den. Oft haben Juden die Kul­tur des Lan­des, in dem sie leben, sogar berei­chert, denn vie­le von ihnen sind Künst­ler, Wis­sen­schaft­ler oder Phi­lo­so­phen. Des­we­gen könn­te der Juden­hass ursprüng­lich auch aus einem Neid­ge­fühl her­aus ent­stan­den sein.

Funk­ti­on der »natür­li­chen Feind­schaft«

Natür­li­che Feind­schaft ist übri­gens mit der »natür­li­che Ord­nung« ver­wandt: Bei­de sind von uns erfun­de­ne Vor­ur­teils­sys­te­me, die uns hel­fen, Erkennt­nis­se über unser eige­nes Leben zu ver­mei­den, denn alles, was unse­re gewohn­ten Den­k­rou­ti­nen stört, mögen wir nicht. Sicher­heit (also Sta­bi­li­tät in sozia­len und wirt­schaft­li­chen Belan­gen) ist uns wich­ti­ger als Authen­ti­zi­tät, Ori­gi­na­li­tät und Indi­vi­dua­li­tät, denn davon kön­nen wir uns nichts kau­fen – so die Logik unse­res All­tags­ver­stan­des.

Natür­li­che Feind­schaft und natür­li­che Ord­nung erset­zen indi­vi­du­el­le Erfah­run­gen und Gedan­ken. Sie neh­men uns die Auf­ga­be ab, selbst bestim­men zu müs­sen, was gut oder rich­tig ist. Denn wir sind auf die eine oder ande­re Art alle Oppor­tu­nis­ten und Feig­lin­ge und tun stets nur das, was uns den größt­mög­li­chen Vor­teil für unse­re augen­blick­li­che Situa­ti­on ver­spricht.

Spre­chen wir von natür­li­cher Feind­schaft, geht es uns also weni­ger um die Feind­schaft selbst. Wir brau­chen »Pro­jek­ti­ons­flä­chen« (Aus­län­der, Juden, Außer­ir­di­sche, Anders­den­ken­de etc.), auf die wir unse­re Feh­ler und Unzu­läng­lich­kei­ten aus­la­gern kön­nen – das ist alles. Unse­re wirk­li­chen Fein­de erken­nen wir statt­des­sen oft nicht oder hal­ten sie sogar für Freun­de: Unse­re Träg­heit im Den­ken, unse­ren aus­ge­präg­ten Hang zum Oppor­tu­nis­mus, unse­re Unfä­hig­keit, uns von unse­ren über­flüs­si­gen und hin­der­li­chen Gewohn­hei­ten zu lösen.

Unse­re wah­ren und ein­zi­gen natür­li­chen Fein­de sind daher nicht irgend­wel­che Mäch­te, die es gilt außer­halb uns selbst zu bekämp­fen, son­dern unse­re ent­wick­lungs­hem­men­den Ange­wohn­hei­ten und Dumm­hei­ten, mit denen wir uns ein selbst­be­stimm­tes und krea­ti­ves Leben ver­bau­en.