Dumm­heit


Auf einem langen Holztisch steht eine große, leere Gestalt aus facettiertem blauem Glas, deren Form an einen schweren Mantel erinnert. Aus einem Krug gießt sie einen goldenen Strom in einen silbernen Löffel, in dem sich eine kleine menschliche Figur aus der Flüssigkeit zu erheben scheint. Der elegante Innenraum verstärkt den Kontrast zwischen alltäglichem Gegenstand und fantastischer Handlung. Die Szene wirkt wie ein rätselhaftes Ritual der Entstehung.

Dumm­heit ist Ein­sichts­ver­wei­ge­rung

Dumm­heit ist ein Tabu­the­ma. Das ist auch kein Wun­der, denn wir sind alle mehr oder weni­ger dumm. Es fällt uns schwer, dar­über zu spre­chen, ohne ein dif­fu­ses Gefühl der Rat­lo­sig­keit. So ist das bei Dum­men.

Des­we­gen hal­ten wir uns mit gegen­sei­ti­gen Dumm­heits­vor­wür­fen wei­test­ge­hend zurück. Wir wol­len nicht unsen­si­bel oder indis­kret sein und behan­deln Dumm­heit als eine Art Han­di­cap, für das man nicht ver­ant­wort­lich ist.

Wenn wir dar­auf ver­zich­ten, ande­re auf ihre Dumm­hei­ten hin­zu­wei­sen, tun wie unse­rer intel­lek­tu­el­len Beweg­lich­keit auf Dau­er kei­nen Gefal­len und neh­men dem Dum­men die Mög­lich­keit zur Wei­ter­ent­wick­lung.

Anders als bei­spiels­wei­se das Tour­et­te­syn­drom, von dem die Betrof­fe­nen gezwun­gen wer­den, dum­me Sache zu sagen und zu tun, ist Dumm­heit kei­ne Erkran­kung, son­dern eine Form der Ver­wei­ge­rung von Ein­sicht oder Erkennt­nis.

Und da wir mehr oder weni­ger alle Lebens­be­rei­che haben, in denen wir Ein­sichts­ver­wei­ge­rung prak­ti­zie­ren, akzep­tie­ren wir auch die Dumm­heit unse­rer Mit­men­schen. Die Ursa­chen für die­se Ver­wei­ge­rung mögen viel­sei­tig sein, doch im Kern haben sie alle den glei­chen Ursprung: das “Nicht-Wis­sen-Wol­len” von den unan­ge­neh­men Aspek­ten unse­rer Exis­tenz.

Dumm­heit im Netz: Selbst­ver­stär­kung durch ein­sei­ti­ge Recher­che

Das Inter­net kann dum­me Men­schen schlau­er machen, aber auch die Dumm­heit dum­mer Men­schen ver­grö­ßern. Wer sich ernst­haft inter­es­siert und sein Wis­sen erwei­tern will, kann „schlau­er“ wer­den, wer jedoch nur nach Bestä­ti­gung für eine bestimm­te Mei­nung sucht, wird dumm blei­ben oder auch lang­fris­tig düm­mer wer­den.

Wer ernst­haft inter­es­siert ist und nicht nach Bestä­ti­gung sucht, wird vie­le ver­schie­de­ne Web­sei­ten auf­su­chen und ernst­haft lesen, um sich eine all­ge­mei­ne Mei­nung über ein bestimm­tes The­ma zu machen. Wer nur nach einer Bestä­ti­gung für eine bereits fest­ste­hen­de Mei­nung sucht, schaut sich des­halb nur die Sei­ten an, auf denen das steht, was er bereits glaubt und des­halb hören will.

Man infor­miert sich also gar nicht, son­dern bestärkt nur die bereits bestehen­de Mei­nung und ist an einer Mei­nungs­bil­dung nicht inter­es­siert. Die­se Art der „Infor­ma­ti­ons­bil­dung“ ist nur ein Ali­bi: Man kann dann behaup­ten, recher­chiert zu haben, obwohl man das gar nicht getan hat. Als Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker gehen wir über­wie­gend so vor.

Dumm ist der, der dumm bleibt

»Dumm sein« kann einen ver­füh­re­ri­schen Vor­teil haben, denn als Dum­me sind wir nur ein­ge­schränkt für unse­re Hand­lun­gen ver­ant­wort­lich.

Doch auch dann müs­sen wir die Kon­se­quen­zen unse­rer Hand­lun­gen tra­gen. Als dum­me Men­schen ist uns das egal, denn meis­tens inter­es­siert uns nur der augen­blick­li­che Nut­zen einer Sache oder Hand­lung.

  • Die nega­ti­ven Kon­se­quen­zen wer­den erst in der Zukunft ein­tre­ten, viel­leicht blei­ben sie aber auch aus, sug­ge­rie­ren wir uns.
  • In der Zukunft sieht sowie­so alles anders aus, und wer weiß, wie die Din­ge sich ent­wi­ckeln wer­den, betäu­ben wir unse­re dunk­le Vor­ah­nung von dem zukünf­ti­gen Ärger.
  • Was ich nicht weiß (weil ich es gar nicht wis­sen will), macht mich nicht heiß, scheint das Mot­to hin­ter die­sem Ver­steck­spiel zu sein, das wir Leben nen­nen.

Raf­fi­nier­te Dumm­heit

Wir wen­den die­se Prin­zi­pi­en an, um den unan­ge­neh­men Aspek­ten des Daseins aus dem Weg zu gehen. Das klappt sehr gut, solan­ge die Aus­wir­kun­gen unse­res oft kurz­sich­ti­gen Ver­hal­tens noch irgend­wie hand­hab­bar sind. Und sind sie es irgend­wann nicht mehr, sind wir sehr erfin­dungs­reich im Umgang mit ihnen:

Wir ver­la­gern unse­re Pro­ble­me in die Zukunft (küm­mern uns nicht um sie, igno­rie­ren sie) oder geben ihnen neue Namen, um sie nicht als das wahr­neh­men zu müs­sen, was sie sind: selbst ver­schul­de­te Hemm­nis­se unse­rer Ent­wick­lung. Ande­re oder spä­te­re Gene­ra­tio­nen (ger­ne auch unser zukünf­ti­ges Ich) wer­den das Pro­blem schon irgend­wie meis­tern, reden wir uns unaus­ge­spro­chen ein.

Doch war­um ver­hal­ten wir uns so oft und auch sehen­den Auges dumm und selbst­schä­di­gend? Auf den nächs­ten zwei Sei­ten ver­su­che ich dar­auf eine Ant­wort zu geben.


DIE DUMM­HEIT DER GESELL­SCHAFT IST UNSE­RE DUMM­HEIT


Letz­te Ände­rung am 25 Okt. 2026

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