Das Nichts

Das Nichts


Das Nichts und das Etwas

Es ist nicht möglich, über das Nichts nachzudenken,
ohne es zu einem Etwas zu machen!

Wir wissen noch nicht einmal ernsthaft, ob es das Nichts überhaupt gibt und wenn ja, was es sein könnte. Wir wissen nicht, ob das Nichts eine intellektuelle Spielerei oder eine unbekannte Existenz- oder Energieform ist, die wir aufgrund nicht vorhandener Möglichkeiten zur Interaktion »Nichts« nennen. Wir wissen noch nicht einmal wirklich, was ein Etwas ist (also Materie, Raum, Zeit, Energie, Gedanken oder Bewusstsein), glauben aber wissen zu können, was ein Nichts ist.

Um über ein Etwas eine Aussage zu machen, müssen wir dieses Etwas kennen. Diese Möglichkeit haben wir beim Nichts nicht. Da die Existenzbasis des Nichts die Nichtexistenz ist, ist es unmöglich, mit ihm in eine irgendwie geartete Beziehung zu treten. Ohne diese Beziehung können wir jedoch keine brauchbaren Aussagen über das Nichts machen. Wenn wir über das Nichts philosophieren und nachdenken, uns mit ihm beschäftigen und es als ein Phänomen verstehen, sollte uns klar sein, dass diese Vorgehensweise für unser Vorhaben ungeeignet ist.

Egal was auch immer wir tun und welche Systeme, Philosophien, Dialektiken, Ideologien, Glaubensrichtungen, Denkweisen oder Methoden wir benutzen, um das Wesen des Nichts zu verstehen: Wenn diese Methoden auch bei der Ergründung eines Etwas funktionieren, taugen sie zur Erfassung des Nichts nichts. Tatsache ist: Alle Methoden, die uns zur Verfügung stehen, sind Methoden, die zur Untersuchung eines Etwas entwickelt wurden, denn wir gehören der „Etwas-Welt“ an und können deshalb nur „Etwas-Dinge“ erschaffen und verstehen. Um Methoden zur Untersuchung eines Nichts zu entwickeln, müssten wir der „Nichts-Welt“ angehören oder sie zumindest betreten können.

Die Null-Dimension

Die verständlichste Analogie zur Veranschaulichung des Nichts ist vielleicht ein erweitertes Dimensionenmodell: Stellen wir uns zu den drei bekannten räumlichen Dimensionen noch zwei weitere vor, dann haben wir folgende Hierarchie:

0. Dimension: Nichts – kein Punkt
 
1. Dimension: unendlich kleiner Punkt – ein Punkt
 
2. Dimension: unendlich dünne Linie (erste Dimension des Standard-Modells) – zwei Eckpunkte
 
3. Dimension: unendlich dünnes Rechteck (zweite Dimension des Standard-Modells) – vier Eckpunkte
 
4. Dimension: 3-dimensionaler Raum (dritte Dimension des Standard-Modells) – acht Eckpunkte

Eine Zeitdimension (normalerweise unsere 4. Dimension, hier wäre sie die 5.) fällt in diesem Modell weg, da nicht eindeutig geklärt werden kann, an welcher Stelle sie in der Rangfolge einzufügen wäre. Denn wenn wir uns beispielsweise eine Flächenwelt (Flatland) vorstellen können, dann nur, weil es auch in ihr, wie im 3-dimensionalen Raum, einen zeitlichen Ablauf der Geschehnisse gibt. Die Zeitdimension kann also keine sein, die erste später hinzukommt. Doch wo genau sie einzufügen wäre, ließe sich ohne größere „Untersuchung“ nicht sagen. Deshalb gibt es in diesem Modell auch keine – nötig wäre sie ohnehin nicht. Auch ist bis heute nicht geklärt, ob es »Zeit« überhaupt gibt usw.
Bereits die 1. Dimension (der unendlich kleine Punkt) käme als Kandidat für das Nichts in Betracht, denn etwas »unendlich Kleines« ist genauso wenig vorstellbar wie ein »unendlich Großes«.
Im Sinne des erweiterten Dimensionenmodells entspräche das Nichts also der Null-Dimension. Das hilft uns zwar auch nicht weiter, das Wesen des Nichts besser verstehen zu können, durch die Einordnung in das Dimensionen-Modell bekommen wir jedoch einen Ansatz für dieses unmögliche Unterfangen. Mehr ist nicht möglich.

Methoden zur Nichts-Erforschung

Um das Nichts zu untersuchen, brauchen wir also Methoden oder intellektuelle Werkzeuge, die speziell für das »Phänomen Nichts« entwickelt wurden. Doch um solche entwickeln zu können, müssen wir das Nichts zumindest kennen. Da dies aber nicht der Fall ist (und aufgrund der Natur des Nichts niemals sein kann), wird es solche Werkzeuge oder Methoden nicht geben. Man kann keinen Hammer entwickeln oder erfinden, wenn man noch nie einen Nagel gesehen hat, geschweige denn weiß, was ein Nagel ist.

Wenn wir uns mit dem Nichts beschäftigen, vergessen wir meistens, dass das Nichts ein von uns erfundenes oder erdachtes „Phänomen“ ist. Wir reden nicht deswegen vom Nichts, weil wir es gesehen oder sonst wie wahrgenommen haben, sondern weil wir fähig sind, es zu „assoziieren“. Diese Assoziation könnte jedoch auch falsch sein. Es gibt also kein Nichts, außer wir denken es.

Das Nichts ist die reine Idealisierung seines Gegenstückes: Raum, Zeit, Materie und Energie. Pragmatisch betrachtet ist das Nichts die vollkommene Abwesenheit von irgendetwas, also auch die Abwesenheit vom leeren Raum, denn dieser ist ja etwas: eine Region der Ausdehnung ohne Substanz. Wir können dem Nichts also keine Werte oder Eigenschaften zuordnen. Tun wir es doch, ist es kein Nichts.


Kategorien des Nichts

Leere: Das scheinbare Nichts

Manchmal wird das Vakuum als Nichts bezeichnen. Wissenschaftler sprechen vom physikalischen Nichts. Pragmatisch betrachtet ist das Vakuum jedoch kein Nichts. Man kann das Vakuum als „Ausdehnung ohne Substanz“ bezeichnen, Materie hingegen als „Ausdehnung mit Substanz“. Beide Ausdehnungsarten sind ein Etwas. Das Nichts des Vakuums ist also nur eine Art der optischen Täuschung. Da wir gewohnt sind, mit einem Etwas immer auch etwas Anfassbares zu verbinden, kommt uns das Vakuum wie ein Nichts vor. Doch obwohl das Vakuum keine Substanz besitzt, besteht es nicht aus nichts, denn wir können es ja wahrnehmen. Wir können es „sehen“ denn es besitzt bestimmte Dimensionen (Höhe, Breite, Tiefe). Dieser leere Raum, der nichts anderes enthält als sich selbst, ist etwas: eben eine Region der Ausdehnung ohne Substanz. Das Vakuum als Nichts zu bezeichnen, ist demnach ein Trugschluss.

Nicht-da-sein: Das Abwesenheits-Nichts

Dies ist die »Alltagsexistenz« des Nichts, wie es jeder kennt: Ein Gegenstand ist verschwunden, er ist nicht dort, wo er eigentlich hätte sein sollen. Dort, wo etwas sein sollte, ist nichts (außer der luftgefüllte Raum). Wir erleben dieses Nichts im Alltag ganz real, es besitzt feste Stellenwerte in unseren Leben. Existent sind die Dinge für uns nur dann, wenn wir über sie verfügen können oder wir in einer Beziehung zu ihnen stehen.
 
Dass es Gegenstände oder auch Menschen plötzlich nicht mehr gibt (sie verschwunden sind), ist normal für uns. Wir können davon profitieren, wenn etwas nicht mehr existiert (beispielsweise Schulden). Wenn unser Auto plötzlich weg ist (für uns also nicht mehr existiert), haben wir jedoch einen Verlust. Das Abwesenheits-Nichts besitzt also einen pragmatischen Charakter, und wir betrachten es – wenn überhaupt – nur selten unter philosophischen Gesichtspunkten. Es ist banal.

Das Ideal: Das assoziative Nichts

Das assoziative Nichts ist das Nichts, von dem meistens die Rede ist, wenn über das Nichts philosophiert wird. Es hat einen hypothetischen, spekulativen Charakter und ist stark abhängig von der Person, die sich mit ihm beschäftigt. Das ist wichtig: Die Existenz des assoziativen Nichts steht und fällt mit der Aufmerksamkeit, die wir ihm schenken. Obwohl das Nichts nichts ist, assoziieren oder imaginieren wir es trotzdem – obwohl uns das nur „nebelhaft“ gelingt. Diese Imagination verleiht dem Nichts eine Art Statuierung. Wir machen ein Phänomen aus ihm, unserer eigentlich fiktiven Assoziation und so das Nichts zu einem Etwas.
 
Nur weil wir fähig sind, uns etwas vorzustellen, muss das Ergebnis unserer Vorstellung nicht auch Sinn ergeben. Davon gehen wir jedoch aus: „Ich kann es mit vorstellen, also muss auch etwas dran sein“, denken wir.

Die Nichtexistenz: Das reale Nichts

Das reale Nichts ist das wahre Nichts. Nicht-Existenz ist ein besserer Ausdruck dafür. Im Gegensatz zum Abwesenheits-Nichts, das mit einem potenziell realen Etwas interagiert (indem es anzeigt, dass etwas weg ist), hat die Nicht-Existenz keinerlei Beziehung zu irgendetwas. Während dem assoziativen Nichts noch ein gewisser Energiewert (beispielsweise negative Energie) oder Lokalisation („außerhalb“ des Universums) zugeschrieben werden kann, ist das reale Nichts vollkommen energielos. Es kann nicht assoziiert werden, es kann nicht in Relation zu irgendetwas gesetzt werden. Deswegen gibt es nichts, was man über das reale Nichts, die reine Nicht-Existenz, sagen kann.


Das Spiel mit dem Nichts

Das reale Nichts kann seine „Existenz“ nur in der Nicht-Existenz haben.

Das Nichts kann nur dann wahrhaftes Nichts sein, wenn es nichts ist. Das heißt: Damit das Nichts existieren kann, darf es nicht existieren. Das jedoch ergibt keinen Sinn, und so erkennen wir unser Philosophieren über das Nichts als das, was es eigentlich ist: eine intellektuelle Spielerei.

Andernfalls wäre das Nichts eine andere Art des Daseins, eine uns völlig fremdartige Existenz- oder Energieform, die es noch zu entdecken gäbe (beispielsweise außerhalb des Universums). Doch dadurch wäre das Nichts kein wirkliches Nichts mehr. Deswegen ist das (existierende) Nichts ein Widerspruch in sich selbst.

Eigentlich ist die Beschäftigung mit dem Nichts ausgesprochen müßig! Es gibt Tausende Bücher, die sich mit dem Nichts befassen und bei allen ist das Ergebnis wahrscheinlich das gleiche: Nichts! Doch die Idee, das intellektuelle Konzept des Nichts, fasziniert uns offenbar. Das Nichts existiert nur deshalb, weil es von uns gedacht wird.

Wir wissen, dass es ein Etwas (das Universum) gibt, also assoziieren wir das Gegenstück, weil wir dazu in der Lage sind. Wir sind in der Lage, Sätze zu bilden, die keinen Sinn ergeben und genauso sind wir auch in der Lage, uns Dinge auszudenken, die es nicht gibt oder keinen Sinn ergeben. Das ist kein Kunststück: Wir können uns das Nichts denken, also tun wir es auch. Nur aus diesem Grund gibt es das Nichts für uns.


Die polare Logik unseres Denkens

Vielleicht ist auch unsere Neigung, in Polaritäten zu denken, dafür verantwortlich, dass wir uns ein Nichts assoziieren: Wir können uns das eine nicht ohne sein Gegenteil vorstellen.

Von Helligkeit können wir nur deshalb sprechen, weil es beispielsweise auch Dunkelheit gibt, von Wärme nur, weil es auch Kälte gibt, von Bewusstsein nur, weil es auch Unbewusstsein gibt usw. usf. Und auf dieser Logik gründet auch unsere Annahme, dass es das Nichts geben muss. „Es gibt ein Etwas, also muss es auch ein Nicht-Etwas geben“, ist unsere Assoziation. Die Existenz macht (für uns) nur dann einen Sinn, wenn es einen Gegenspieler gibt, eine Nicht-Existenz, so empfinden wir. Doch bei dieser Polaritäts-Geschichte übersehen wir meistens folgendes:

Dunkelheit und Helligkeit sind nicht wirklich zwei sich ergänzende, polare Größen oder Werte, die sich gegenüberstehen, denn Dunkelheit besitzt keinen Energiewert, auch keinen negativen! Es gibt eigentlich keine »Dunkelheit«, sondern nur die Abwesenheit von Licht. Wenn es nicht so wäre, müsste Folgendes möglich sein:

In einem Raum, indem es weder Dunkelheit noch Helligkeit gibt, müssten wir Helligkeit oder Dunkelheit herstellen können. Doch das ist nicht möglich, denn schon diesen speziellen Raum gibt es nicht.

Das Gleiche gilt für viele andere Polaritäten: Kälte ist nur die Abwesenheit von Wärme, Unbewusstsein die Abwesenheit von Bewusstsein. Dunkelheit, Kälte und Unbewusstsein können nicht erzeugt werden, indem beispielsweise Energie hinzugefügt wird. Dunkelheit, Kälte und Unbewusstsein bleiben zurück, (sie entstehen also nicht!) wenn Licht, Wärme und Bewusstsein entfernt werden. Leere (ein leeres Gefäß) bleibt zurück, wenn wir den Inhalt des Gefäßes entfernen. Andersherum geht es jedoch nicht: Wir können keine Leere hineintun oder entfernen. Wir können nicht mit einem Nichts hantieren, sondern stets nur mit einem Etwas.

Wir können kein Nichts irgendwo hintun, und damit ein Etwas verdrängen. Deswegen ist es auch nicht möglich, mit einem Etwas ein Nichts zu verdrängen. Wir können nur ein Etwas durch an anderes Etwas ersetzen.

Wir können Kälte, Dunkelheit oder Unbewusstsein nicht hinzutun, und haben anschließend dann mehr davon. Wenn man „ein Nichts“ zu einem Etwas hinzutut, ist das Etwas anschließend nicht kleiner. Tausend plus null ergeben immer noch Tausend. All das sind müßige Gedanken, aber wenn man will, können sie Spaß machen.

Diese Analogien zeigen auf, dass das Nichts eigentlich gar kein wirkliches Nichts ist. Irgendjemand hat mal sinngemäß gesagt: „Alles was wir uns vorstellen können, gibt es irgendwo und irgendwann auch.“ Doch bei dieser Aussage handelt es sich nur um einen Satz, den wir schnell aussprechen, ohne ihn je verifizieren zu können oder zu müssen. Alle Theorien über das Nichts werden immer Gedankenspiele bleiben. Und so verhält es sich auch mit dem, was ich hier über das Nichts schreibe: Ein Spaß, ein Spiel!