Athe­is­mus


Athe­is­ti­scher Glau­be

Es gibt logisch-meta­phy­si­sche Athe­is­ten, nomi­na­lis­ti­sche, meta­phy­sisch-ratio­na­lis­ti­sche und radi­kal-szi­en­tis­ti­sche Athe­is­ten, pos­tu­la­to­ri­sche und szi­en­tis­ti­sche prag­ma­ti­sche sowie agnos­ti­sche Athe­is­mus. Als Athe­is­ten glau­ben wir auf unter­schied­li­che Arten nicht an Gott. Doch wie kann man auf unter­schied­li­che Arten davon über­zeugt sein, dass es etwas nicht gibt? Ent­we­der es gibt Gott oder es gibt ihn nicht. Für Dif­fe­ren­zie­rung gibt es kei­ne Grün­de.

Des­halb hat unser Athe­is­mus den Cha­rak­ter eines Glau­bens. Nicht sel­ten ist er auch eine Reak­ti­on auf den offe­nen oder ver­steck­ten Druck, der von der the­is­ti­schen Welt auf uns aus­ge­übt wird und uns sozu­sa­gen aus Trotz zu Anti-The­is­ten wer­den lässt.

Als athe­is­ti­sche Ratio­na­lis­ten igno­rie­ren wir, dass das Phä­no­men der Exis­tenz irra­tio­nal ist.

Wis­sen auf einem Gebiet, das außer­halb unse­rer Mög­lich­kei­ten liegt, ist unmög­lich. Bei der Got­tes-Fra­ge, der Fra­ge nach dem Ursprung und Sinn des Universums/der Exis­tenz usw. kön­nen wir nicht auf irgend­ei­ne Form von Wis­sen zurück­grei­fen, da es ein sol­ches nicht geben kann. Sobald wir uns mit der Exis­tenz­fra­ge beschäf­ti­gen, kommt daher not­ge­drun­gen Glau­be ins Spiel, ob wir es mögen oder nicht, denn alle Welt­erklä­rungs­mo­del­le, ob archa­isch oder modern, sind letzt­end­lich nur Spe­ku­la­tio­nen, Hypo­the­sen, Pos­tu­la­te oder Theo­ri­en, an die wir glau­ben kön­nen oder auch nicht.

Ent­schei­den wir uns, nicht an Got­tes Exis­tenz zu glau­ben, haben wir uns ent­schie­den zu glau­ben, dass es die­ses über­na­tür­li­che Wesen nicht gibt. Leh­nen wir als The­is­ten das natur­wis­sen­schaft­li­che Welt­erklä­rungs­mo­dell ab, haben wir uns ent­schie­den zu glau­ben, dass es falsch ist. Denn wir kön­nen nicht wis­sen, ob ein über­na­tür­li­ches Wesen das Uni­ver­sum erschaf­fen hat, es eine natur­wis­sen­schaft­li­che Ursa­che gibt oder eine noch völ­lig fremd­ar­ti­ge, nicht zu ima­gi­nie­ren­de Ursprungs-Sphä­re der Grund ist. Behaup­ten wir es doch, täu­schen wir uns ledig­lich dar­über hin­weg, dass uns die jewei­li­ge Vor­stel­lung (Uni­ver­sum wur­de erschaffen/Universum exis­tiert aus einem ande­ren Grund oder auch ganz ohne usw.) Angst macht oder beun­ru­higt oder ein­fach nur unsym­pa­thisch ist.

Unter­schied­li­che Athe­is­mus­for­men

Ein ande­rer, wich­ti­ger Aspekt: Wäre der Athe­is­mus kein Glau­be, könn­te es kei­ne unter­schied­li­chen Athe­is­mus­for­men geben. Denn war­um soll­te man den Nicht­glau­ben an Gott aus­dif­fe­ren­zie­ren? Gott kann es nur auf eine Art nicht geben: Es gibt ihn nicht. Doch solan­ge wir auf unter­schied­li­che Arten nicht an Gott glau­ben und auch dar­über strei­ten kön­nen, ist unser Nicht­glau­be sub­jek­tiv und das bedeu­tet: Auch er ist eine Form des Glau­bens. Als Athe­is­ten bean­spru­chen wir für uns Objek­ti­vi­tät. Die unter­schied­li­chen Athe­is­mus­for­men wider­spre­chen die­sem Anspruch.

Glau­ben wir an die Exis­tenz Got­tes, kön­nen wir uns trotz­dem unei­nig sein, wie die­se Exis­tenz beschaf­fen ist.

Eine tat­säch­li­che Nicht­exis­tenz kann es hin­ge­gen nicht auf unter­schied­li­che Arten geben. Als Athe­is­ten kön­nen oder wol­len wir nicht an Gott glau­ben. Das ist natür­lich sehr gut! Uns ist jedoch nicht bewusst, dass unser Nicht­glau­be tech­nisch gese­hen nur ein Glau­be an sei­ne Nicht­exis­tenz ist. Um die­sen Umstand vor uns selbst zu ver­schlei­ern, ent­wi­ckeln wir Phi­lo­so­phi­en, Theo­ri­en, Stra­te­gi­en oder Rede­küns­te, die unse­rem Glau­ben einen ratio­nal-wis­sen­schaft­li­chen Anstrich geben, der in den diver­sen Athe­is­mus­for­men sei­nen Aus­druck fin­det. Jeder tut das auf eine ande­re Wei­se, abhän­gig von sei­nem intel­lek­tu­el­len Gemüt. Denn es gibt aus den glei­chen Grün­den meh­re­re Athe­is­mus­for­men, wie ver­schie­de­ne The­is­mus­for­men: unter­schied­li­che intel­lek­tu­el­le Gemü­ter, unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­sen an das »Phä­no­men Exis­tenz«. Die diver­sen Athe­is­mus­for­men ent­lar­ven unse­ren Athe­is­mus also als Glau­ben.

Das athe­is­ti­sche Dilem­ma

Outen wir uns als Athe­is­ten, wer­den wir nicht sel­ten beschimpft, belei­digt oder bevor­mun­dend bemit­lei­det. Manch­mal wer­den sogar noch heu­te Athe­is­ten von The­is­ten getö­tet. Umge­kehrt geschieht das so gut wie nie. Als Athe­is­ten mit einem aka­de­mi­schen Beruf machen wir manch­mal die Erfah­rung der Benach­tei­li­gung. Infol­ge­des­sen sehen wir uns manch­mal genö­tigt, unse­ren Athe­is­mus zu ver­heim­li­chen. Oder wir gehen selbst auf “Angriff”.

Dabei machen wir einen Feh­ler: Unse­re Argu­men­te tau­gen nicht viel, denn sie bestehen zu gro­ßen Tei­len nur aus Behaup­tun­gen, die nicht über­prüft wer­den kön­nen.

Unse­re Logik ist oft ähn­lich inko­hä­rent, wie die unse­rer the­is­ti­schen Gesprächs­part­ner. Da wir das nicht bemer­ken, pral­len in Dis­kus­sio­nen zwi­schen Athe­is­ten und The­is­ten nur Behaup­tun­gen auf Behaup­tun­gen, unver­ein­ba­re Posi­tio­nen hal­ten sich gegen­sei­tig auf Distanz. Die­se angeb­li­chen Dis­kus­sio­nen sind meis­tens ziem­lich unfrucht­bar, da kei­ner der Teil­neh­merwirk­lich dar­an inter­es­siert ist, die Posi­ti­on des ande­ren zu ver­ste­hen. Jedem geht es allein dar­um, sei­nen eige­nen Stand­punkt durch­zu­set­zen.


Die Zukunft des Athe­is­mus

Athe­is­mus ist der ers­te Schritt, der weg­führt vom Glau­ben, obwohl er kein wirk­li­ches Nicht­glau­ben ist, son­dern eher ein Wahr­schein­lich­keits­glau­be.

Denn theo­re­tisch, wenn auch mit einer außer­ge­wöhn­lich gerin­gen Wahr­schein­lich­keit, hal­ten wir als Athe­is­ten Gott schon für mög­lich, eben weil sei­ne Nicht­exis­tenz fak­tisch nicht beweis­bar ist. Des­we­gen kann man unse­ren Athe­is­mus als »Ver­mu­tungs­wis­sen« bezeich­nen.

Noch ist unser Athe­is­mus zu sehr vom The­is­mus abhän­gig, er defi­niert sich haupt­säch­lich durch die Ableh­nung des Got­tes­glau­bens und ist eher eine Trotz­re­ak­ti­on, und nicht wirk­lich ratio­nal begrün­det. Nei­gun­gen und Geschmä­cker ändern sich jedoch mit der Zeit. Aus die­sem gibt es vie­le The­is­ten, die zum Athe­is­mus »kon­ver­tie­ren« und Athe­is­ten, die zum The­is­mus wech­seln.

Nicht sel­ten ist unser Athe­is­mus eine Form der Rebel­li­on, haupt­säch­lich gegen die christ­li­che Kir­che. Die­se Art des Athe­is­mus hat eine begrenz­te Lebens­dau­er und ist nicht zukunfts­taug­lich. Unser Athe­is­mus ist nicht eman­zi­piert und steht in einer selt­sa­men (Hass-)Beziehung zum The­is­mus. Wir brau­chen den The­is­mus, um uns intel­lek­tu­ell pro­fi­lie­ren zu kön­nen. (The­is­ten brau­chen den Athe­is­mus übri­gens nicht, ihnen genügt die Anders­gläu­big­keit als Feind­bild.) Des­halb müs­sen wir uns unbe­dingt klar machen, was tat­säch­li­cher Nicht­glau­ben wirk­lich bedeu­tet. Das von mir ent­wi­ckel­te Modell vom »Zerothe­is­mus« soll das ver­deut­li­chen.

Zerothe­is­mus

Vor­weg: Unser Leben spielt sich oft auf der Ska­la von Pola­ri­tä­ten ab, die wir drin­gend benö­ti­gen, um uns im Leben zu ori­en­tie­ren: Hell-dun­kel, groß-klein, nass-tro­cken, ja-nein, Lie­be-Hass, aktiv-pas­siv, gut-böse — nur um ein paar all­ge­mei­ne Bei­spie­le zu nen­nen. Vie­le die­ser Pola­ri­täts­paa­re besit­zen einen „nati­ven“ Cha­rak­ter, wie bei­spiels­wei­se nass und tro­cken. Ande­re sind künst­lich und exis­tie­ren eigent­lich nur in unse­rer Vor­stel­lung. Die The­is­mus-Athe­is­mus-Ach­se gehört dazu. Denn ohne die Idee von Gott gäbe es auch kei­nen Glau­ben oder Nicht­glau­ben an ihn und damit kein Athe­is­mus-Theimus-Paar.

Der Weg zum Zerothe­is­mus führt über die Ent­wei­hung der Got­tes­idee. Das ist eine gro­ße Hür­de, denn solan­ge uns der Gedan­ke, die Idee von Gott zu ver­wer­fen, emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell auf­regt (weil wir eine posi­tiv oder nega­tiv neu­ro­ti­sche Fixie­rung auf sie haben), wer­den wir dazu kaum in der Lage sein. Des­halb ist es unge­heu­er wich­tig zu ver­ste­hen, was unser Glau­be oder Anti-Glau­be eigent­lich ist: Eine (letzt­end­lich belie­bi­ge) kul­tu­rel­le Kon­di­tio­nie­rung, die wir mit uns her­um­schlep­pen, ohne sie je gewollt zu haben. Doch um dies zu ver­ste­hen, müs­sen wir unse­re Wahr­neh­mung erwei­tern, wir müs­sen uns wei­ter­ent­wi­ckeln. Dum­mer­wei­se ent­hal­ten unse­re reli­giö­sen und anti-reli­giö­sen Kon­di­tio­nie­run­gen Mecha­nis­men, die genau das ver­hin­dern. Des­we­gen ist es so schwie­rig, sie mit Abstand zu betrach­ten. Unser Glau­be ver­bie­tet es uns schlicht­weg, ihn kri­tisch zu betrach­ten.

Zunächst müs­sen wir ver­ste­hen: Athe­is­mus ist nicht der Vor­läu­fer des The­is­mus, son­der sei­ne logi­sche Fol­ge. Ursprüng­lich hat­te der Aus­druck Athe­is­mus zwar eher die Bedeu­tung »Anders­gläu­big­keit«, fun­giert inzwi­schen jedoch als Sam­mel­be­griff für alle Arten des Nicht­glau­bens an Gott.

In der Schu­le lern­ten wir: Die The­se führt zur Anti­the­se, die Anti­the­se zur Syn­the­se, die Syn­the­se zur neu­en The­se, und die­se erneut zur Anti­the­se usw. Auf den The­is­mus­kom­plex ange­wandt kön­nen wir daher sagen:

THESE: Zuerst war der The­is­mus
ANTITHESE: Als Gegen­re­ak­ti­on auf den The­is­mus ent­steht der Athe­is­mus
SYNTHESE: Die Rekom­bi­na­ti­on oder Ver­schmel­zung von The­is­mus und Athe­is­mus ist der Agnos­ti­zis­mus
NEUE THESE: Der Agnos­ti­zis­mus führt zur neu­en The­se: dem Zerothe­is­mus

Athe­is­mus kann daher als eine ver­bor­ge­ne Eigen­schaft des The­is­mus ver­stan­den wer­den.

Der Wech­sel vom Poly­the­is­mus zum Mono­the­is­mus wird all­ge­mein als Fort­schritt in der Reli­gi­ons­ge­schich­te ver­stan­den. Ein wei­ter logi­scher Fort­schritt ist dann der Wech­sel vom Mono­the­is­mus zum Zerothe­is­mus. Der Athe­is­mus kann dann als Zwi­schen­schritt oder Über­gangs­pha­se ver­stan­den wer­den.

Das zerot­he­is­ti­sche “Nicht­glau­bens­be­kennt­nis”

Zerothe­is­mus heißt: Es wird nicht an die Exis­tenz Got­tes geglaubt (The­is­mus). Es wird nicht an die Nicht­exis­tenz Got­tes geglaubt (Athe­is­mus). Es wird auch nicht geglaubt, dass es Gott geben oder nicht geben könn­te (Agnos­ti­zis­mus). Der reli­giö­se Glau­be oder reli­giö­se Nicht­glau­be spielt im Leben des Indi­vi­du­ums kei­ne Rol­le, selbst kei­ne phi­lo­so­phi­sche.

Auf den ers­ten Blick scheint der Aus­druck »Zerothe­is­mus« viel­leicht nur ein ande­res Wort für Athe­is­mus zu sein. Doch Athe­is­mus wird auch als Gegen­pol zum The­is­mus ver­stan­den, was ihn mit dem The­is­mus irgend­wie ver­bin­det. Athe­is­mus ist oft eine Abwehr­re­ak­ti­on, doch tat­säch­li­ches Nicht­glau­ben muss mehr sein. Des­we­gen mein Modell vom Zerothe­is­mus, der ohne den The­is­mus aus­kommt.

Zerothe­is­mus über­schrei­tet die drei reli­gi­ons­ori­en­tier­ten Glau­bens­sys­te­me, er tran­szen­diert sie sozu­sa­gen. Er ist mit sei­nen Vor­gän­gern nicht ver­wandt, er ist kei­ne wei­te­re Vari­an­te eines Glau­bens. Die ein­zi­ge (ober­fläch­li­che) Bezie­hung, wel­che er besit­zen darf, ist eine zur prä-the­is­ti­schen Zeit, als es noch kei­nen Glau­ben an Gott gab.

Bevor es den Göt­ter­glau­ben gab, glaub­ten wir nicht des­halb nicht an Göt­ter, weil wir die­sen Glau­ben ablehn­ten (wie es der Athe­is­mus tut), son­dern weil es die Idee von Gott bezie­hungs­wei­se den Göt­tern noch nicht gab.

Es wird uns nicht mög­lich sein, zu die­ser „reli­giö­sen Jung­fräu­lich­keit“ zurück­zu­keh­ren. Außer­dem wäre es sowie­so nicht wün­schens­wert, denn dann hät­ten wir die the­is­ti­sche Pha­se wie­der vor uns.

Als Zerot­he­is­ten glau­ben wir also nicht des­we­gen nicht an Gott oder Göt­ter, weil es das Got­tes­kon­zept noch nicht oder nicht mehr gibt, son­dern weil wir den Glau­ben oder Nicht­glau­ben an Gott nicht mehr nötig haben. Es ist ein grund­sätz­lich Unter­schied zum Athe­is­mus: Das see­li­sche oder men­ta­le Gleich­ge­wicht, die intel­lek­tu­el­le Iden­ti­tät und Inte­gri­tät ist vom Nicht­glau­ben an Gott nicht mehr abhän­gig.

Der Athe­is­mus ist ein wich­ti­ger Schritt in die­se Rich­tung. Er führt zum Agnos­ti­zis­mus (der natür­lich auch über­sprun­gen wer­den kann) und die­ser zur nächs­ten Pha­se oder neu­en The­se, die ich Man­gels eines bes­se­ren Aus­drucks »Zerothe­is­mus« nen­ne. Kein guter Wurf, aber bes­ser als gar nichts. Und soll­ten wir irgend­wann den Glau­ben oder Nicht­glau­ben an Gott nicht mehr benö­ti­gen, wird auch er über­flüs­sig sein.

Die Funk­ti­on oder Auf­ga­be des Athe­is­mus ist somit die Vor­be­rei­tung des Weges zum wirk­li­chen Nicht­glau­ben, zur wirk­li­chen Gott­lo­sig­keit. Erst dann wird sich die Mensch­heit wirk­lich eman­zi­pie­ren kön­nen.