Mehr Fried­lich­keit, weni­ger Tra­di­tio­nen


Tra­di­tio­nen sind kei­ne Frie­dens­fö­de­rer

Es macht kei­nen Sinn, Regel wei­ter­hin anzu­wen­den, wenn die Situa­ti­on, für die sie gemacht wur­den, gar nicht mehr exis­tiert.

Wir fin­den es oft wich­tig, unse­re natio­nal-kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen zu pfle­gen. Sie geben uns unse­re Iden­ti­tät und Zuge­hö­rig­keit, ver­bun­den mit einem Sicher­heits­ge­fühl. Wir sagen: Ich bin ein Ame­ri­ka­ner, ein Deut­scher oder Eski­mo. Die­se Iden­ti­tä­ten fin­den ihren spe­zi­fi­schen Aus­druck in unse­ren natio­nal­ty­pi­schen Brauch­tü­mern und Tra­di­tio­nen, die uns von den ande­ren Natio­nen unter­schei­den, abgren­zen und einen Teil unse­res sozia­len Hin­ter­grun­des defi­nie­ren.

Unse­re natio­na­le Zuge­hö­rig­keit wur­de uns durch Zufall in die Wie­ge gelegt — wir muss­ten sie uns nicht erwer­ben oder durch Leis­tung ver­die­nen. Trotz­dem sind wir auf sie stolz, als wäre sie eine erbrach­te Leis­tung. Doch die­ser Stolz bedeu­tet nicht viel: Wären wir in einem ande­ren Land gebo­ren, wären wir auf die­ses stolz. Es ist belie­big!

Eine ähn­li­che Bedeu­tung besit­zen unse­re Spra­chen. Wir bewah­ren und pfle­gen sie wie unse­re Tra­di­tio­nen. Je mehr die­se von unse­rer Spra­che abhängt, des­to stär­ker weh­ren wir uns gegen soge­nann­te Angli­zis­men.

Angli­zis­men sind etwas Ähn­li­ches wie Aus­län­der. Wer nichts gegen Men­schen aus ande­ren Län­dern hat, stört sich auch an deren Spra­che nicht. Denn es ergä­be kei­nen Sinn zu sagen: „Ich habe nichts dage­gen, wenn Aus­län­der hier sind, aber ich mag ihre Wör­ter nicht!“ Wer Angli­zis­men ablehnt, outet sich indi­rekt als Natio­na­list und evtl. auch als frem­den­feind­lich und letzt­end­lich als all­ge­mei­ner Men­schen­feind.

Unser Selbst­be­wusst­sein ist also nicht viel wert, wenn es auf Tra­di­tio­nen, Brauch­tü­mern, unse­rer Spra­che oder Natio­na­li­tät ange­wie­sen ist. Nichts davon haben wir selbst erschaf­fen, son­dern nur zufäl­lig bekom­men. Es ist ein geborg­tes Selbst­be­wusst­sein, denn nimmt man uns unse­re Tra­di­tio­nen weg oder ver­lie­ren wir sie, ver­schwin­det auch unse­re Iden­ti­tät und damit unser Selbst­be­wusst­sein.

Weni­ger Tra­di­tio­nen und mehr Fried­lich­keit

Aus die­sem Grund soll­ten wir unse­ren hei­mat­li­chen Tra­di­tio­nen weni­ger Auf­merk­sam­keit schen­ken und statt­des­sen eine neue ent­wi­ckeln, auf die wir dann zu Recht stolz sein kön­nen: die »Tra­di­ti­on der grund­sätz­li­chen Fried­lich­keit und Freund­lich­keit«. Denn die­se “Tra­di­ti­on” wäre die ein­zi­ge mit zukunfts­sta­bi­li­sie­ren­den Eigen­schaf­ten. Die kon­ven­tio­nel­len, auf natio­na­len Eigen­ar­ten grün­den­den Tra­di­tio­nen, besit­zen sol­che Eigen­schaf­ten nicht. Sie sind eher die ver­gan­gen­heits­be­wah­ren­den Fak­to­ren einer Kul­tu­ren. Sie fun­gie­ren in ers­ter Linie als Iden­ti­täts­be­wah­rer und Sta­bi­li­sa­to­ren der gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Sta­bi­li­tät einer Gesell­schaft ist natür­lich sehr wich­tig – aller­dings sind unse­re kul­tur­be­wah­ren­den Tra­di­tio­nen direkt oder indi­rekt auch für die Tren­nung der Län­der ver­ant­wort­lich. Und das bedeu­tet: Es gibt tra­di­ti­ons­be­dingt peri­odisch Kon­flik­te zwi­schen unse­ren Natio­nen.

Wir müs­sen ler­nen, unser Selbst­be­wusst­sein, unse­re Iden­ti­tät oder unse­ren Stolz nicht auf äuße­re, zufäl­lig geerb­te Umstän­de zu grün­den, son­dern auf inne­re Wer­te, auf das, was wir wis­sen, füh­len und wirk­lich geleis­tet haben. Denn eine sol­che Iden­ti­tät kann uns nicht genom­men wer­den. Dann benö­ti­gen wir kei­ne natio­na­le Zuge­hö­rig­keit, um men­tal sta­bil zu sein.

Doch lei­der gibt es kei­ne »Tra­di­ti­on der Fried­lich­keit und Freund­lich­keit«. Es wäre gut, sie mög­lichst schnell zu ent­wi­ckeln, denn für unse­re glo­ba­le Zukunft wer­den wir eine (oder etwas Ver­gleich­ba­ren) drin­gend brau­chen. Die bes­ten Tra­di­tio­nen tau­gen näm­lich nichts, wenn sie uns nicht hel­fen, grenz­über­schrei­tend fried­lich mit­ein­an­der aus­zu­kom­men.


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