Glaubenssysteme

Glaubenssysteme


Wir haben Glaubenssysteme, mit denen wir uns den Ursprung allen Seins erklären: Ein übernatürliches Lebewesen hat das Universum und das Leben erschaffen. Nur in den Details sind wir uns nicht einig, beispielsweise wann und wie die Erschaffung stattfand, welche Absichten das übernatürliche Wesen hat und was es von uns erwartet.

Sprechen wir von Glaubenssystemen, meinen wir die Arten, auf die wir an Gott glauben. Wir können Glaubenssysteme aber auch in einem breiteren Sinn verstehen: Sind Gefühle, Assoziationen, Hoffnungen, Erwartungen, Ideologien oder Theorien die Antriebskraft einer Lehre, ist sie »glaubenssystematisch«. Deshalb zählen auch politische Ideologien und Esoterik dazu.

Der Atheismus zählt traditionell nicht zu den Glaubenssystemen, da er den Glauben an einen Gott nicht beinhaltet. Doch in ihm wird an die Nichtexistenz Gottes geglaubt (also nicht von ihr gewusst) – aus diesem schlichten aber entscheidenden Grund gehört auch er dazu. Die „Schwachstelle“ aller Glaubenssysteme ist leider nun mal: Pragmatisch (das heißt: nüchtern, faktenorientiert, unaufgeregt und ganz besonders zwanglos) betrachtet, sind sie nur Spekulationen – egal wie viel sie uns auch bedeuten. Das wollen oder können wir als Glaubende natürlich nicht wahrhaben – und so zerreden wir diese Tatsache einfach.


Wir alle haben unsere festen Überzeugungen, die uns irrational handeln und denken lassen. In diese Blase unserer persönlichen Vorstellungswelt wird Fiktion für uns zur Wahrheit.

Klassen der Glaubenssysteme


Religiöse Glaubenssysteme: Theismus, Atheismus und Agnostizismus: Diese beschäftigen sich auf verschiedene Weisen (traditionell, kritisch, wissenschaftlich) mit dem Postulat eines jenseits von Raum und Zeit existierenden »omnipotenten Superwesens« das für die Existenz des Universums und unser Leben verantwortlich ist.
 
Ideologische Glaubenssysteme: Ideologien, zum Beispiel der Glaube an den Sozialismus, Kapitalismus, Wirtschaftssysteme usw. Ideologische Glaubenssysteme sind meistens intellektuelle Überzeugungen und haben einen weltlichen Charakter.
 
Esoterische Glaubenssysteme: UFO-Gläubigkeit, Verschwörungstheorien, Mythen usw. Esoterische Glaubenssysteme kann man als »alternative Religionen« verstehen. Wer glauben will, das Schöpfergottkonzept jedoch ablehnt, findet in der Esoterik Glaubensmöglichkeiten. Das Feld der Esoterik ist weit und beschreibt die Welt des Übersinnlichen und verwandte Traditionen. Es ist nicht immer eindeutig, was zur Esoterik gehört und was nicht. Einige Menschen zählen beispielsweise Spiritualität und Astrologie dazu, andere nicht.
 
Persönliche Glaubenssysteme: Überzeugungen etwas zu sein, etwas zu werden, etwas zu wissen. Persönliche Glaubenssysteme sind sehr diffizil und lassen sich schlecht definieren.
Sie können auch mit anderen Glaubenssystemen kombiniert werden. Ein persönliches Glaubenssystem kann ein privater Glaube sein, der heimlich praktiziert wird und nur ein einziges Mal existiert. Obsessionen und Wahnvorstellungen (beispielsweise der Glaube, die Wiedergeburt einer historischen Person zu sein), können dazu gezählt werden.

Religiöse und anti-religiöse Glaubenssysteme

Theismus, Atheismus und Agnostizismus sind die drei Hauptgruppen der religionsorientierten Glaubenssysteme. Es gibt noch jede Menge andere, doch diese kann man als Untergruppen oder Ableger der drei großen Gruppen verstehen. So gibt es diverse Formen von Atheismus, Theismus und Agnostizismus, die sich von ihrer jeweiligen Muttergruppe nur in Nuancen unterscheiden:


Theismen: Deismus, Monolatrismus, Pantheismus, Kosmotheismus, Theophanismus, Henotheismus, Monotheismus, Panentheismus, Theozentrismus, agnostische Theismus sowie die sogenannte negative Theologie.
 
Atheismen: Logisch-metaphysische, nominalistische, metaphysisch-rationalistische; radikal-szientistische, postulatorische, szientistische, pragmatische und agnostische Atheismus
 
Agnostizismen: Starke, schwache, atheistische, spirituelle und pragmatische Agnostizismus, sowie den Ignostizismus.

Für jeden Geschmack und für jedes intellektuelle Gemüt ist somit etwas dabei. Wer religiös oder anti-religiös sein will, findet mit Sicherheit etwas.

Atheismus und Theismus

Theismus und Atheismus sind zwei Seiten derselben Münze.
Den Agnostizismus kann man als die ganze Münze bezeichnen.

Es gibt keinen Atheismus ohne Theismus. Um Atheist sein zu können, muss es den Theismus geben. Das ist ziemlich logisch und schnell einsehbar. Doch das Gegenteil trifft ebenfalls zu, ist allerdings schwerer zu erkennen: Wir können kein Theist sein, gäbe es nicht die Möglichkeit, keiner zu sein. Wäre es nicht möglich, nicht an Gott zu glauben, wäre es auch nicht möglich, an ihn zu glauben. Der Glaube an Gott wäre dann etwas anderes als Glaube. Und ohne es zu wissen, sind alle Atheisten und Theisten, auf irgendeiner verborgenen Ebene, auch das Gegenteil.

Theismus = potenzieller Atheismus.
Atheismus = potenzieller Theismus.

Es ist dem Yin-Yang-Prinzip ähnlich.

Ein kahler Baum, von dem ein Glühen ausgeht.Um etwas ablehnen zu können, müssen wir eine (wie auch immer geartete) Beziehung (oder auch Affinität) zum Abgelehnten haben. Andernfalls wäre unsere Ablehnung nur ein Ausdruck eines Vorurteils. Um den Glauben an Gott also ablehnen zu können, müssen wir wissen, was es bedeutet oder bedeuten könnte, an Gott zu glauben. Um Atheist sein zu können, muss man in seinem Inneren den inaktiven Trieb zum theistischen Glauben haben. Andernfalls hätte man keinen Grund, sich gegen den Theismus zu positionieren. Er wäre einem egal. Wer niemals Atheist sein könnte, könnte auch niemals Theist sein und umgekehrt. Diese provokante These weisen wir als Theisten und Atheisten natürlich als Quatsch zurück.

Wenn wir eine Speise nicht mögen, weil sie uns nicht schmeckt, haben wir sie zuvor gegessen. Von dieser Regel gibt es natürlich Ausnahmen: Wir lehnen auch dann eine Speise ab, wenn sie als ekelhaft aussieht oder verdorben riecht. Kot essen wir nicht deswegen nicht, weil er uns nicht schmeckt – wir machen so etwas einfach nicht. Als Atheisten können wir jetzt argumentieren: Genauso verhält es sich beim Atheismus! Atheisten glauben aus prinzipiellen Gründen nicht an Gott. Sie müssen nicht erst wissen, wie es schmeckt, an Gott zu glauben, um den Glauben an ihn abzulehnen. Doch bei Kot handelt es sich um eine reale, physische Substanz, deren Ekelhaftigkeit eine Tatsache ist. Gott hingegen ist letztendlich nichts anderes als eine von Menschen entwickelte Idee. Wir können sie für wahr oder falsch halten. Letztendlich ist unsere Wahl beliebig.

Theismus ist der Glaube an ein übernatürliches Wesen, welches das Universum und das Leben erschaffen hat. Atheismus ist der Glaube an einen natürlichen Entstehungsprozess des Universums und des Lebens.

Für keines dieser Erklärungsmodelle gibt es weder Beweise noch Indizien oder etwas Gleichwertiges, sondern nur Mutmaßungen. Doch diese sind abhängig von unseren persönlichen intellektuellen Gemütern.

Das, was wir fühlen, spüren oder intuitiv wissen, (das, wovon wir innerlich überzeugt sind) ist bedeutungslos bei dieser Frage, denn unserer Intuition können wir nicht trauen, wenn wir emotional eingebunden sind. Wir sind außergewöhnlich stark emotionalisiert, wenn es um den »Sinn des Lebens«, »Ursprung der Existenz« und ähnliche Dinge geht. Es ist uns also nicht möglich, dieses Thema neutral und nüchtern zu behandeln. Ob wir an die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes glauben, hängt daher von unseren persönlichen, subjektiven Vorlieben ab, die vom intellektuellen Gemüt bestimmt werden, das sich im Laufe der Jahrzehnte ändern kann.

Heute Theist, morgen Atheist, übermorgen Theist…

Es gibt viele Biografien, die man grob so beschreiben kann:

In der Jugend/Kindheit Theismus, meistens aufgrund der elterlich-schulischen Konditionen.
 
Im frühen Erwachsenenalter dann der Wechsel zum Atheismus, beispielsweise durch intellektuelle Weiterentwicklung. Die in der Kindheit erworbenen geistigen Konditionen werden abgeschüttelt, um selbstständiger zu werden.
 
Im späten Erwachsenenalter die Rückkehr zum Theismus, zum Beispiel aufgrund eines Schicksalsschlages oder allgemeiner Desillusionierung im Leben. Man erinnert sich an das Trost spendende Gefühl, das der Glaube an Gott, Jenseits oder Schicksal erzeugen kann.
 
Das geht auch in die andere Richtung: Vom Elternhaus erfahren wir eine atheistische Erziehung, entdecken dann später die Religion und kehren noch später aus unterschiedlichen Gründen zum Atheismus zurück. Vielleicht gibt es auch mal ein agnostisches Intermezzo.

 

Die beste Voraussetzung, ein guter Atheist zu werden, ist ein Theist zu sein.
Die beste Voraussetzung, ein guter Theist zu werden, ist ein Atheist zu sein.

Ein Frosch, der erwartungsvoll nach oben schaut.Das zeigt, wie labil unsere geistige und intellektuelle Grundeinstellung als Theisten und Atheisten meistens ist. Atheismus ist eine Aversion gegen das Irrationale, obwohl diese Aversion selbst gewisse irrationale Züge besitzt. Und Theismus die Angst vor der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung in ethischen und moralischen Fragen.

Gefällt mir eine bestimmte Musik nicht, höre ich sie mir nicht an – das ist alles. Engagiere ich mich aber gegen sie, bedeutet sie mir auch etwas. Und wer weiß, vielleicht wird sie mir ja eines Tages gefallen. Oder: Sie gefällt mir bereits, doch ich kann mir das nicht eingestehen (weil ich von anderen oder mir selbst konditioniert wurde, sie nicht zu mögen). Manche Atheisten haben deshalb nur eine negative Beziehung zu ihrem latenten Glauben an Gott.

Als Atheisten begründen wir unser Engagement gegen den Theismus unter anderem oft mit den vielen Verbrechen und Schreckenstaten, die seit Jahrtausenden im Namen Gottes und der Religion verübt werden. Wir übersehen dabei, dass es diese Gräuel auch ohne die Religionen und den Glauben an Gott geben würde. Denn Menschen verstecken sich gerne hinter Institutionen, um Taten zu legitimieren, die eigentlich falsch sind. Unsere Vorfahren hätten diese schlimmen Dinge auch in einem anderen Namen verübt – oder auch komplett ohne.

Wenn Theisten und Atheisten miteinander streiten, bezeichnen und beschuldigen beide sich gegenseitig manchmal als dumm, verantwortungslos oder ignorant. Beide Positionen sind irgendwie austauschbar, denn sie benutzen im verbalen Umgang miteinander oft das gleiche Vokabular. Das kann kein Zufall sein. Die Beziehung zwischen ihnen ist einer Hassliebe ähnlich. Die Argumente gegen den Theismus können in vielen Fällen auch als Argumente gegen den Atheismus eingesetzt werden (und umgekehrt), wenn man einfach nur ein paar Wörter austauscht! Das dürfte nicht möglich sein, wäre Atheismus etwas völlig anderes als Theismus. Deswegen sind in gewisser Weise Theismus und Atheismus zwei Konfessionen des gleichen Glaubens. Und woran wir glauben, was wir »intuitiv wissen« oder wovon wir »überzeugt« sind, hängt von unseren – wie oben bereits mehrfach bemerkt – persönlichen Vorlieben und unserem intellektuellen Temperament ab.

Der Trick des Agnostikers

Ergänzend ist noch der Agnostiker zu erwähnen. Er ist der »raffinierte« unter den Gläubigen. Er bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig Theist und Atheist zu sein. Auch er weiß, dass es weder für, noch gegen das Schöpfergottkonzept echte Beweise gibt. Aufgrund seines intellektuellen Temperaments bräuchte er sie aber, um sich für eine der beiden Welterklärungsmodelle entscheiden zu können. Denn er möchte nicht an etwas glauben, das es vielleicht gar nicht gibt und hofft, irgendwann einmal mehr zu wissen, damit ihm eine sichere Wahl möglich wird. Bis dahin wendet er einen „Trick“ an: Er geht in Wartestellung, nimmt also eine vorerst neutrale Haltung ein. Seine Zuversicht zieht er aus dem Wissen, dass eins der beiden Modelle richtig sein muss. Wenn das eine falsch ist, ist das eben andere richtig – so die bestechende Logik seines gesunden Menschenverstandes. Doch der Gedanke, dass möglicherweise beide Modelle falsch sein könnten, kommt ihm nicht in den Sinn.

Wahrscheinlich werden wir an dieser Stelle alle denken: „Ja klar, was für Möglichkeiten könnte es denn sonst noch geben? Entweder gibt es Gott oder es gibt ihn nicht. Entweder ist das eine oder das andere Welterklärungsmodell richtig.“

Das Undenkbare

Eine abstrakte Struktur aus Farben und Linien, wie eine zerlegte Blume.Ich verstehe das Problem, das an dieser Stelle entsteht. Es hat etwas mit unseren von Natur aus beschränkten Assoziationsfähigkeiten und der Frage nach dem Ursprung und Sinn der Existenz zu tun.

Nehmen wir zunächst an, es gäbe einen Schöpfergott und wir wüssten es definitiv! Dann wäre unsere Frage trotzdem nicht beantwortet. Wir wüssten zwar, woher das Universum und das Leben kommen, doch unser Problem hätte sich nur verlagert. Denn woher käme Gott? Der hätte ebenfalls eine Erklärung nötig, da auch er ein Bestandteil der Existenz wäre!

Als Schöpfergottgläubige sagen wir, nichts kann ohne Ursprung existieren. Deshalb muss es einen Schöpfer geben. Werden wir darauf hingewiesen, dass dieses „Verfahren“ dann auf den Schöpfer selbst angewandt werden muss, verweigern wir jedoch die Einsicht in unsere eigene Logik. Wir sprechen dem Schöpfer kurzerhand folgende Eigenschaft zu: Er existiert ewig ohne Anfang und Ende. Damit widersprechen wir unserer eigenen Logik. Zuvor haben wir noch argumentiert, »nichts kann ohne Ursprung existieren«, im nächsten Moment sagen wir jedoch: Es existiert etwas ohne Ursprung!

Unser Dilemma als Schöpfergottgläubigen ist: Wir sind auf unseren Glauben fixiert, emotional und vielleicht intellektuell von ihm abhängig. Unser seelisches Gleichgewicht ist darauf angewiesen. Doch in der heutigen, wissenschaftsorientierten Zeit werden schöpfergottgläubige Menschen mehr und mehr auf- und herausgefordert, ihren Glauben zu erklären. Da es uns nicht möglich ist, einfach zu sagen: „Ich glaube an einen Schöpfergott, weil ich das tun will“, versuchen wir unseren Glauben logisch abzuleiten, übersehen oder ignorieren dabei allerdings die Inkohärenz unserer Logik. Man kann eine Regel, auf die die eigene Argumentation aufbaut, nicht außer Kraft setzen, sobald Schwierigkeiten auftreten. Dadurch werden wir unglaubwürdig.

Können wir auf eine Erklärung für die Existenz Gottes verzichten (was Theisten tun), dann auch auf eine für die Existenz des Universums. Denn wenn ein allmächtiges Lebewesen ohne Anfang und Ende existieren kann, ist bewiesen, dass ursprungslose Existenz möglich ist. (Nebenbei bemerkt: Die Urknalltheorie behauptet nicht, dass das Universum ursprungslos ist, sondern aus dem Nichts entstanden ist. Wer weiß, was dieses Nichts ist.)

Das Postulat eines Schöpfergottes ist daher unnötig. Es hilft uns nicht weiter. Letztendlich ist es nur der etwas hilflose Versuch, das „Wunder“ der Existenz durch ein weiteres Wunder plausibel zu machen, das wir dann nicht weiter hinterfragen müssen, weil es unsere Bedürfnisse bereits befriedigt. Doch ein Konzept ist ungeeignet ein Phänomen zu erklären, wenn es selbst Bestandteil des zu erklärenden Phänomens ist.

Manchmal argumentieren wir als schöpfergottgläubige Menschen auch folgendermaßen: „Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie etwas aus dem Nichts heraus entsteht, muss ein Schöpferwesen das Universum geschaffen haben.“ Doch die Existenz eines Wesens ohne Anfang und Ende ist ebenfalls nicht vorstellbar. Als schöpfergottgläubige Menschen genügt uns Gottes Existenz, der höheren Instanz, die wir dann nicht mehr hinterfragen.

Nehmen wir andererseits an, wir wüssten definitiv, es gäbe keinen Gott: Das Dilemma wäre das gleiche: Das Mysterium der Existenz wäre durch dieses Wissen nicht weniger unerklärlich. Wir hätten jetzt zwar nicht mehr das Problem, die Bedeutung und Herkunft eines Schöpfergottes erklären zu müssen, an der Situation selbst änderte das jedoch nichts. Wir können nur feststellen, dass die Existenz ein Mysterium ist und bleiben wird. Sämtliche Erklärungsmodelle taugen deshalb nichts. Sie werfen bloß neue Fragen auf und führen uns in eine unendliche Schleife.
 
 

Ob das Universum aus dem Nichts entstanden ist, oder von einem Gott ohne Anfang und Ende erschaffen wurde, ist unwesentlich.

(Übrigens: Sprechen Astrophysiker vom Nichts, meinem sie nicht das, was unser Alltagsverstand darunter versteht. Der Ausdruck »Nichts« ist nur der Versuch einer Terminologiefindung für etwas, das nicht assoziiert werden kann.)

Keines der beiden Erklärungsmodelle ist geeignet, unsere Frage zu beantworten. Wurde das Universum von einem Schöpferwesen erschaffen, stellt sich anschließend die Frage, was dieses Wesen ist und vorher es kommt. Ist das Universum hingegen aus dem sog. Nichts entstanden, müssen wir uns fragen, was dieses Nichts ist! Beide Fragen können wir nicht beantworten. Also ist es besser, von Anfang an darauf zu verzichten, das Phänomen der Existenz verstehen zu wollen. Es wird uns nicht gelingen, sondern nur von den wirklich wichtigen Frage des Lebens ablenken. Eine davon ist: Wie können wir es als Menschheit schaffen, friedlicher und freundlicher zu werden?

Das Ausschließungsprinzip

Für das oben dargestellte Problem bietet sich eine einfache Lösung an: Vergessen wir die Fragestellung und hören auf, das Rätsel der Existenz lösen zu wollen. Akzeptieren wir die Unbeantwortbarkeit dieser Frage. Hören wir auf, bei diesem Problem eine emotionale Haltung einzunehmen. Freunden wir uns mit der Vorstellung an, dass es uns niemals möglich sein wird, darüber etwas wissen zu können. Wir können das Problem nur in negativer Weise angehen und sollten wissen, dass all unsere Bemühungen bestenfalls Ansätze liefern. Wirklich lösen können wie es nie, denn alles, was wir sagen, assoziieren, denken, uns also „vorstellen können“, hat mit dem Ursprung der Existenz nichts zu tun, sondern nur mit uns selbst. Das, was übrig bleibt, also wir nicht denken und nicht assoziieren können, könnte es sein.

Egal was uns in den Sinn kommt, hat mit der Ursache allen Seins nichts zu tun. Denn, warum sollte es das? Weil es uns gefällt? Weil es unsere Gedanken sind? Weil diese Vorstellungen uns schmeicheln? Weil es uns in der Schule gelehrt wurde? Weil wir davon überzeugt sind? Weil wir es glauben?

All diese und ähnliche Gründe sind weder Indizien noch Beweise für die Richtigkeit unserer Existenzerklärungsmodelle. Diese spiegeln nur unsere kollektiven Ängste und individuellen Hoffnungen wider. Diese »Kollektiven Ängste und individuellen Hoffnungen« sind die einzigen „Referenzen“, auf die unsere Zuversicht letztendlich gründet, wenn wir denken unseren Gottesglauben plausibel (auch mit moderner Terminologie) begründen zu können. All das ist nur der Ausfluss unseres selbstverliebten Verstandes, dem nicht bewusst ist, dass seine Vorstellungskraft beschränkt ist. Warum sollten wir mit diesem gehandicapten Instrument der Wahrnehmung die größte aller Fragen beantworten können? Das Phänomen der Existenz lässt sich unmöglich mit unseren beschränkten geistigen Fähigkeiten verstehen. Das sollten wir endlich anerkennen.

Wenn wir die Welt im Ganzen und unser eigenes Leben betrachten, müssen wir betrübt feststellen, unfähig zu sein, unsere sozialen Probleme zufriedenstellend in den Griff zu bekommen – als Einzelmenschen, Gesellschaften und Nationen – glauben jedoch, die bedeutendste aller Fragen beantworten zu können? Das ist unglaubwürdig und eine infantile Vorstellung.

Anmerkung:

Das „Ausschließungsprinzip“ ist der sogenannten negativen Theologie bei flüchtiger Betrachtung ähnlich. Allerdings geht Letztere von der Existenz Gottes aus. Sie sagt nur, dass wahre Aussagen über ihn unmöglich sind. „Gott ist die Ursache allen Seins“ ist – so weit ich weiß – die einzige Aussage, welche die negative Theologie über Gott anerkennt.
Das von mir oben dargestellte „ontologische Ausschließungsprinzip“ behandelt hingegen das Phänomen der Existenz (die eine Schöpferinstanz, falls es sie denn gibt, mit einschließt). Die Existenz ist tatsächlich als Phänomen erkennbar. Im Gegensatz zu Gott ist sie keine Spekulation, an die wir glauben können oder nicht. Es macht also keinen Sinn zu sagen: „Ich glaube, dass es die Existenz gibt.“ Was auch immer sie ist oder bedeutet: Es gibt sie – das ist definitiv wahr. Von Gott können wir das allerdings nicht sagen – nur glauben.