Glaubenssysteme

Glaubenssysteme


Klassen der Glaubenssysteme

Religiöse Glaubenssysteme: Theismus, Atheismus und Agnostizismus: Diese beschäftigen sich auf verschiedene Weisen (traditionell, kritisch, wissenschaftlich) mit dem Postulat eines jenseits von Raum und Zeit existierenden »omnipotenten Superwesens« das für die Existenz des Universums und unser Leben verantwortlich ist.

Ideologische Glaubenssysteme: Ideologien, zum Beispiel der Glaube an den Sozialismus, Kapitalismus, Wirtschaftssysteme usw. Ideologische Glaubenssysteme sind meistens intellektuelle Überzeugungen und haben einen weltlichen Charakter.

Esoterische Glaubenssysteme: UFO-Gläubigkeit, Verschwörungstheorien, Mythen usw. Esoterische Glaubenssysteme kann man als »alternative Religionen« verstehen. Wer glauben will, das Schöpfergottkonzept jedoch ablehnt, findet in der Esoterik Glaubensmöglichkeiten. Das Feld der Esoterik ist weit und beschreibt die Welt des Übersinnlichen und verwandte Traditionen. Es ist nicht immer eindeutig, was zur Esoterik gehört und was nicht. Einige Menschen zählen beispielsweise Spiritualität und Astrologie dazu, andere nicht.

Persönliche Glaubenssysteme: Überzeugungen etwas zu sein, etwas zu werden, etwas zu wissen. Persönliche Glaubenssysteme sind sehr diffizil und lassen sich schlecht definieren. Ein persönliches Glaubenssystem kann ein privater Glaube sein, der oft heimlich praktiziert wird und nur ein einziges Mal existiert. Sie sind deshalb nur im weiteren Sinn echte Glaubenssysteme. Obsessionen und Wahnvorstellungen (beispielsweise der Glaube, die Wiedergeburt einer historischen Person zu sein), können dazu gezählt werden.

Sprechen wir von Glaubenssystemen, meinen wir die Arten, auf die wir an Gott glauben. Wir können Glaubenssysteme aber auch in einem breiteren Sinn verstehen: Sind Gefühle, Assoziationen, Hoffnungen, Erwartungen, Ideologien und Theorien die Antriebskraft einer Lehre, ist sie »glaubenssystematisch«. Der Atheismus gehört traditionell nicht dazu, da er den Glauben an Gott nicht beinhaltet. Doch in ihm wird an die Nichtexistenz Gottes geglaubt – aus diesem schlichten Grund zählt auch er formell dazu. Die „Schwachstelle“ aller Glaubenssysteme: Pragmatisch (also nüchtern, faktenorientiert, unaufgeregt und zwanglos betrachtet) sind sie nicht mehr als simple Spekulationen – egal wie viel sie uns bedeuten. Das wollen wir als Glaubende nicht wahrhaben und zerreden deshalb diese simple Tatsache leidenschaftlich. Wir alle haben unsere festen Überzeugungen, die uns irrational handeln und denken lassen. Fiktion wird für uns Wahrheit.

Religiöse und anti-religiöse Glaubenssysteme

WIR HABEN GLAUBENSSYSTEME, MIT DENEN WIR UNS DEN URSPRUNG ALLEN SEINS UND DES LEBENS ERKLÄREN: EIN ÜBERNATÜRLICHES LEBEWESEN HAT DAS UNIVERSUM UND DAS LEBEN ERSCHAFFEN. LEDIGLICH IN DEN DETAILS SIND WIR UNS NICHT EINIG, BEISPIELSWEISE WANN DIE ERSCHAFFUNG STATTFAND ODER WELCHE ABSICHTEN DAS WESEN HAT.

Theismus, Atheismus und Agnostizismus sind die drei Hauptgruppen der religionsorientierten Glaubenssysteme. Es gibt noch jede Menge andere, doch diese kann man als Untergruppen oder Ableger der drei großen Gruppen verstehen. So gibt es diverse Formen von Atheismus, Theismus und Agnostizismus, die sich von ihrer jeweiligen Muttergruppe nur in Nuancen unterscheiden:

Theismen: Deismus, Monolatrismus, Pantheismus, Kosmotheismus, Theophanismus, Henotheismus, Monotheismus, Panentheismus, Theozentrismus, agnostische Theismus sowie die sogenannte negative Theologie.

Atheismen: Logisch-metaphysische, nominalistische, metaphysisch-rationalistische; radikal-szientistische, postulatorische, szientistische, pragmatische und agnostische Atheismus

Agnostizismen: Starke, schwache, atheistische, spirituelle und pragmatische Agnostizismus, sowie den Ignostizismus.


Für jeden Geschmack und für jedes intellektuelle Gemüt ist somit etwas dabei. Wer religiös oder anti-religiös sein will, findet mit Sicherheit etwas.

Atheismus und Theismus

Theismus und Atheismus sind zwei Seiten derselben Münze.
Den Agnostizismus kann man als die ganze Münze bezeichnen.

Es gibt keinen Atheismus ohne Theismus. Um Atheist sein zu können, muss es den Theismus geben. Das ist ziemlich logisch und schnell einsehbar. Doch das Gegenteil trifft ebenfalls zu, ist allerdings schwerer zu erkennen: Wir können kein Theist sein, gäbe es nicht die Möglichkeit, keiner zu sein. Wäre es nicht möglich, nicht an Gott zu glauben, wäre es auch nicht möglich, an ihn zu glauben. Der Glaube an Gott wäre dann etwas anderes als Glaube. Und ohne es zu wissen, sind alle Atheisten und Theisten, auf irgendeiner verborgenen Ebene, auch das Gegenteil.

Theisten sind latente, potenzielle Atheisten.
Atheisten sind latente, potenzielle Theisten.
Es ist dem Yin-Yang-Prinzip ähnlich.

Ein kahler Baum, von dem ein Glühen ausgeht.Damit etwas abgelehnt werden kann, muss es eine Beziehung zum Gegenstand der Ablehnung geben. Anders geht es nicht. Um den Glauben an Gott abzulehnen, müssen wir also wissen, was es bedeutet an Gott zu glauben, denn das, was wir nicht kennt, können wir auch nicht ablehnen. Rein abstraktes Verstehen reicht nicht aus. Um Atheist sein zu können, muss man irgendwo in seinem Inneren den inaktiven Trieb zum theistischen Glauben haben. Andernfalls hätte man keinen Grund, sich gegen den Theismus zu positionieren. Oder: Wer niemals Atheist sein könnte, könnte auch niemals Theist sein. Oder: Wer Theist ist, könnte auch Atheist sein und umgekehrt.

Um den Geschmack einer Speise nicht zu mögen, müssen wir sie essen. Es reicht nicht aus, sich vorzustellen, wie sie schmeckt. Von dieser Regel gibt es jedoch Ausnahmen. Als Beispiel: Kot essen wir nicht deswegen nicht, weil er uns nicht schmeckt, sondern weil wir so etwas einfach nicht tun. Die Abneigung gegen Kot ist keine Geschmackssache, sondern hat andere, prinzipielle Gründe. Wir können jetzt natürlich argumentieren: Genauso verhält es sich auch beim Atheismus, Atheisten glauben aus prinzipiellen Gründen nicht an Gott. Sie müssen nicht erst wissen, was es bedeutet, an Gott zu glauben, um diesen Glauben nicht zu mögen. Doch bei Kot handelt es sich um eine reale, physische Substanz, deren Ekelhaftigkeit eine Tatsache ist. Gott hingegen ist eine Idee, die wir für wahr halten können, selbst wenn sie falsch ist (und umgekehrt).

Und das, was wir heute nicht (mehr) mögen, werden wir vielleicht irgendwann (wieder) mögen. Das ist meistens so. Das Pendel schwingt hin und her. Es ist einem Naturgesetz ähnlich!

Theismus ist der Glaube. an ein übernatürliches Wesen, welches das Universum und das Leben erschaffen hat.
Atheismus ist der Glaube an einen naturwissenschaftlichen Entstehungsprozess des Universums und des Lebens.

Für keines dieser Erklärungsmodelle gibt es weder Beweise noch Indizien oder irgendetwas gleichwertiges, sondern nur Mutmaßungen. Diese sind abhängig von unseren persönlichen intellektuellen Gemütern.

Und das, was wir fühlen, spüren oder intuitiv wissen, (das, wovon wir innerlich überzeugt sind) ist bedeutungslos bei dieser Frage, denn unserer Intuition können wir nicht trauen, wenn wir emotional eingebunden sind. Und wir sind außergewöhnlich stark emotionalisiert, wenn es um den »Sinn des Lebens«, »Ursprung der Existenz« oder ähnliche Dinge geht. Es ist uns also nicht möglich, dieses Thema neutral und nüchtern zu behandeln. Ob wir an die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes glauben, hängt daher von unseren persönlichen, subjektiven Vorlieben ab, die vom intellektuellen Gemüt bestimmt werden, das sich im Laufe der Jahrzehnte ändern kann und oft auch tut.

Heute Theist, morgen Atheist, übermorgen Theist…

Es gibt jede Menge Biografien, die man grob so beschreiben kann:

In der Jugend/Kindheit Theismus, meistens aufgrund der elterlich-schulischen Konditionen.
 
Im frühen Erwachsenenalter dann der Wechsel zum Atheismus, beispielsweise durch intellektuelle Weiterentwicklung. Die in der Kindheit erworbenen geistigen Konditionen werden abgeschüttelt, um selbstständiger zu werden.
 
Im späten Erwachsenenalter die Rückkehr zum Theismus, zum Beispiel aufgrund eines Schicksalsschlages oder allgemeiner Desillusionierung im Leben. Man erinnert sich an das Trost spendende Gefühl, das der Glaube an Gott erzeugen kann.

Das geht auch in die andere Richtung: Vom Elternhaus erfahren wir eine atheistische Erziehung, entdecken dann später die Religion und kehren noch später aus unterschiedlichen Gründen zum Atheismus zurück. Vielleicht gibt es auch mal ein agnostisches Intermezzo.

Die beste Voraussetzung, ein guter Atheist zu werden, ist ein Theist zu sein.
Die beste Voraussetzung, ein guter Theist zu werden, ist ein Atheist zu sein.

Ein Frosch, der erwartungsvoll nach oben schaut.Das zeigt, wie labil unsere geistige und intellektuelle Grundeinstellung als Theisten und Atheisten meistens ist. Atheismus ist eine Aversion gegen das Irrationale, obwohl diese Aversion selbst gewisse irrationale Züge besitzt. Und Theismus die Angst vor der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung in ethischen und moralischen Fragen.

Gefällt mir eine bestimmte Musik nicht, höre ich sie mir nicht an – das ist alles. Engagiere ich mich aber gegen sie, bedeutet sie mir auch etwas. Und wer weiß, vielleicht wird sie mir ja eines Tages gefallen. Oder: Sie gefällt mir bereits, doch ich kann mir das nicht eingestehen (weil ich von anderen oder mir selbst konditioniert wurde, sie nicht zu mögen). Manche Atheisten haben deshalb nur eine negative Beziehung zu ihrem latenten Glauben an Gott.

Atheisten begründen ihr Engagement gegen den Theismus unter anderem oft mit den vielen Verbrechen und Schreckenstaten, die seit Jahrtausenden im Namen Gottes und der Religion verübt werden. Sie übersehen dabei, dass es diese Gräuel auch ohne die Religionen und den Glauben an Gott geben würde. Denn wir verstecken uns gerne hinter Institutionen, um Taten zu legitimieren, die eigentlich falsch sind. Unsere Vorfahren hätten diese schlimmen Dinge auch in einem anderen Namen verübt – oder komplett ohne.

Wenn Theisten und Atheisten sich miteinander streiten, bezeichnen und beschuldigen beide sich manchmal als dumm, verantwortungslos oder ignorant. Beide Positionen sind irgendwie austauschbar, denn sie benutzen im verbalen Umgang miteinander oft das gleiche Vokabular. Das kann kein Zufall sein. Die Beziehung zwischen ihnen ist einer Hassliebe ähnlich. Die Argumente gegen den Theismus können in vielen Fällen auch als Argumente gegen den Atheismus eingesetzt werden (und umgekehrt), wenn man einfach nur ein paar Wörter austauscht! Das dürfte nicht möglich sein, wäre der Atheismus nicht mit dem Theismus verwandt. Deswegen sind Theismus und Atheismus – in gewisser Weise – zwei Konfessionen des gleichen Glaubens. Und woran wir glauben, was wir »intuitiv wissen« oder wovon wir »überzeugt« sind, hängt von unseren – wie oben bereits mehrfach bemerkt – persönlichen Vorlieben und unserem intellektuellen Temperament ab.

Der Trick des Agnostikers

Ergänzend ist noch der Agnostiker zu erwähnen. Er ist der »raffinierte« unter den Gläubigen. Er bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig Theist und Atheist zu sein. Auch er weiß, dass es weder für, noch gegen Gottes Existenz irgendwelche definitive Beweise gibt. Aufgrund seines intellektuellen Temperaments braucht er aber dringend welche, um sich für eine der beiden Glaubensrichtungen endgültig zu entscheiden. Er möchte nicht an etwas glauben, das es vielleicht gar nicht gibt und hofft, irgendwann einmal mehr Informationen zu erhalten, die ihm eine sichere Wahl ermöglichen. Er glaubt, dass es einen Gott gibt oder nicht gibt, doch das es weder das eine noch das andere bewiesen ist Da er nicht riskieren will, auf das falsche Pferd zu setzen, wendet einen Trick an: Er geht in Wartestellung, nimmt also eine neutrale Haltung ein. Eine dritte Wahlmöglichkeit zieht er leider nicht in Betracht.

An dieser Stelle werden wahrscheinlich viele sagen: „Ja klar, was für Möglichkeiten kann es da noch geben? Entweder gibt es einen Gott oder nicht. Entweder ist das eine oder das andere Welterklärungsmodell richtig.“

Das Undenkbare

Eine abstrakte Struktur aus Farben und Linien, wie eine zerlegte Blume.Ich verstehe das Problem, das an dieser Stelle entsteht. Es hat etwas mit unseren von Natur aus beschränkten Assoziationsfähigkeiten und der Frage nach dem Ursprung und Sinn der Existenz zu tun.

Nehmen wir zunächst an, es gäbe einen Schöpfergott und wir wüssten es definitiv! Dann wäre unsere Frage trotzdem nicht beantwortet. Wir wüssten zwar, woher das Universum und das Leben kommen (von Gott erschaffen), doch unser Problem hätte sich nur verlagert. Denn woher käme Gott? Der hätte ebenfalls eine Erklärung nötig, da auch er ein Bestandteil der Existenz wäre!

Als Schöpfergottgläubige sagen wir, nichts kann ohne Ursprung existieren. Deshalb muss es einen Schöpfer geben. Werden wir darauf hingewiesen, dass dieses „Verfahren“ dann auf den Schöpfer selbst angewandt werden muss, verweigern wir jedoch die Einsicht in unsere eigene Logik. Wir sprechen dem Schöpfer kurzerhand folgende Eigenschaft zu: Er existiert ewig ohne Anfang und Ende. Damit widersprechen wir unserer eigenen Logik. Zuvor haben wir noch argumentiert, »nichts kann ohne Ursprung existieren«, im nächsten Moment sagen wir jedoch: Es existiert etwas ohne Ursprung!

Das Dilemma der Schöpfergottgläubigen ist: Sie sind auf ihren Glauben fixiert, emotional und vielleicht intellektuell von ihm abhängig. Ihr seelisches Gleichgewicht ist darauf angewiesen. Doch in der heutigen, wissenschaftsorientierten Zeit werden schöpfergottgläubige Menschen mehr und mehr auf- und herausgefordert, ihren Glauben zu erklären. Da es ihnen nicht möglich ist, einfach zu sagen: „Ich glaube an einen Schöpfergott, weil ich das tun will“, versuchen sie ihn logisch ab- und herzuleiten, übersehen oder ignorieren dabei allerdings die Inkohärenz ihrer Logik. Man kann eine Regel, auf die die eigene Argumentation aufbaut, nicht außer Kraft setzen, sobald Schwierigkeiten auftreten. Dadurch wird man unglaubwürdig.

Können wir auf eine Erklärung für die Existenz Gottes verzichten (was Theisten tun), dann auch auf eine für die Existenz des Universums. Wenn ein allmächtiges Lebewesen ohne Anfang und Ende existieren kann, dann auch ein Universum, denn Gottes Ursprungslosigkeit würde beweisen, dass ursprungslose Existenz möglich ist. Das Postulat eines Schöpfergottes ist daher unnötig und auch ungeeignet. Es hift uns nicht weiter. Es ist nur der Versuch, das Wunder der Existenz durch ein weiteres Wunder plausibel zu machen. Doch ein Konzept ist ungeeignet ein Phänomen zu erklären, wenn es Bestandteil des Phänomens ist!

Manchmal argumentieren schöpfergottgläubige Menschen auch folgendermaßen: „Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie etwas aus dem Nichts heraus entsteht, muss ein Schöpferwesen das Universum geschaffen haben.“ Doch die Existenz eines Wesens ohne Anfang und Ende ist ebenfalls nicht vorstellbar. Als schöpfergottgläubige Menschen genügt uns Gottes Existenz, der höheren Instanz, die wir dann nicht mehr hinterfragen.

Nehmen wir andererseits an, wir wissen definitiv, es gibt keinen Gott: Das Dilemma ist das gleiche: Das Mysterium der Existenz ist durch dieses Wissen nicht weniger unerklärlich. Wir haben jetzt zwar nicht mehr das Problem, die Bedeutung und Herkunft eines Schöpfergottes erklären zu müssen, an der Situation selbst ändert das jedoch nichts: Wir können nur feststellen, dass die Existenz ein Mysterium ist und bleiben wird. Sämtliche Erklärungsmodelle taugen deshalb nichts. Sie werfen bloß neue Fragen auf und führen uns in eine unendliche Schleife.

Ob das Universum also aus dem Nichts entstanden ist, oder von einem Gott ohne Anfang und Ende erschaffen wurde, ist unwesentlich. (Übrigens: Sprechen Astrophysiker vom Nichts, meinem sie nicht das, was unser Alltagsverstand darunter versteht. Der Ausdruck »Nichts« ist nur der Versuch einer Terminologiefindung für etwas, was nicht assoziiert werden kann.)

Keines der beiden Erklärungsmodelle ist geeignet, unsere Frage zu beantworten. Wurde das Universum von einem Schöpferwesen erschaffen, stellt sich anschließend die Frage, was dieses Wesen ist und vorher es kommt. Ist das Universum hingegen aus dem Nichts entstanden, müssen wir uns fragen, was dieses Nichts ist! Beide Fragen können wir nicht beantworten. Also ist es besser, von Anfang an darauf zu verzichten, das Phänomen der Existenz verstehen zu wollen. Es wird uns nicht gelingen, sondern nur von der wirklich wichtigen Frage ablenken: Wie können wir es als Menschheit schaffen, friedlicher und freundlicher zu werden?

Das Ausschließungsprinzip

Für das oben dargestellte Problem bietet sich eine einfache Lösung an: Vergessen wir die Fragestellung und hören auf, das Rätsel der Existenz lösen zu wollen. Akzeptieren wir die Unbeantwortbarkeit diese Frage. Hören wir auf, bei diesem Problem eine Haltung einzunehmen. Falls überhaupt, können wir uns allein in negativer Weise dem Problem ein wenig scheinbar nähern, es aber niemals lösen: Denn alles was wir sagen, assoziieren, denken oder uns vorstellen (also alles, was uns einfällt), hat nichts mit dem Ursprung der Existenz zu tun – sondern nur mit uns selbst! Das, was übrig bleibt, also das, was wir nicht denken und nicht assoziieren, das könnte es sein.

Egal was uns in den Sinn kommt, hat mit dem Grund für die Existenz des Universums und des Lebens nichts zu tun. Warum sollte es das? Weil es uns gefällt? Weil es unsere Gedanken sind? Weil diese Vorstellungen uns schmeicheln? Weil es uns gelehrt wurde? Weil wir davon überzeugt sind? Weil wir es glauben?
All diese und ähnliche Gründe sind weder Garant noch Indiz für die Richtigkeit unserer Existenzerklärungsmodelle, denn diese spiegeln nur unsere kollektiven Ängste und individuellen Hoffnungen wider. Sie sind das Resultat unserer beschränkten Assoziationsmöglichkeiten.

Die Regel lautet also: Alles, was uns in den Sinn kommt, ist es nicht.

Denn warum sollten unsere Assoziationen irgendeine Relevanz in diesem Zusammenhang haben? Diese Vorstellung ist albern. Die Existenz lässt sich nicht mit unserer beschränkten Vorstellungskraft erklären. Wie sollte das gehen? Sinn und Grund für die Existenz sind nicht assoziierbar. Andernfalls wäre die Menschheit in ihrer Entwicklung schon weiter.
 

Anmerkung:
Das „Ausschließungsprinzip“ ist der sogenannten negativen Theologie bei flüchtiger Betrachtung ähnlich. Allerdings geht Letztere von der Existenz Gottes aus. Sie sagt nur, dass wahre Aussagen über ihn unmöglich sind. „Gott ist die Ursache allen Seins“ ist – so weit ich weiß – die einzige Aussage, welche die negative Theologie über Gott anerkennt.
Das von mir oben dargestellte „ontologische Ausschließungsprinzip“ behandelt hingegen das Phänomen der Existenz (die eine Schöpferinstanz, falls es sie denn gibt, mit einschließt). Die Existenz ist tatsächlich als Phänomen erkennbar. Im Gegensatz zu Gott ist sie keine Spekulation, an die wir glauben können oder nicht. Es macht also keinen Sinn zu sagen: „Ich glaube, dass es die Existenz gibt.“ Was auch immer sie ist oder bedeutet: Es gibt sie – das ist definitiv wahr. Von Gott können wir das allerdings nicht sagen – nur glauben.


Einen guten Artikel zum Thema Glaubenssysteme, findet man auf ef-magazin.de: Das Individuum und sein Glaube: Theismus, Atheismus und Agnostizismus.