Glau­bens­sys­te­me


Wir haben Glau­bens­sys­te­me, mit denen wir uns den Ursprung allen Seins erklä­ren: Ein über­na­tür­li­ches Lebe­we­sen hat das Uni­ver­sum und das Leben erschaf­fen. Nur in den Details sind wir uns nicht einig, bei­spiels­wei­se wann und wie die Erschaf­fung statt­fand, wel­che Absich­ten das über­na­tür­li­che Wesen hat und was es von uns erwar­tet.

Klas­sen der Glau­bens­sys­te­me

Reli­giö­se Glau­bens­sys­te­me: The­is­mus, Athe­is­mus und Agnos­ti­zis­mus: Die­se beschäf­ti­gen sich auf ver­schie­de­ne Wei­sen (tra­di­tio­nell, kri­tisch, wis­sen­schaft­lich) mit dem Pos­tu­lat eines jen­seits von Raum und Zeit exis­tie­ren­den »omni­po­ten­ten Super­we­sens« das für die Exis­tenz des Uni­ver­sums und unser Leben ver­ant­wort­lich ist.
 
Ideo­lo­gi­sche Glau­bens­sys­te­me: Ideo­lo­gi­en, zum Bei­spiel der Glau­be an den Sozia­lis­mus, Kapi­ta­lis­mus, Wirt­schafts­sys­te­me usw. Ideo­lo­gi­sche Glau­bens­sys­te­me sind meis­tens intel­lek­tu­el­le Über­zeu­gun­gen und haben einen welt­li­chen Cha­rak­ter.
 
Eso­te­ri­sche Glau­bens­sys­te­me: UFO-Gläu­big­keit, Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, Mythen usw. Eso­te­ri­sche Glau­bens­sys­te­me kann man als »alter­na­ti­ve Reli­gio­nen« ver­ste­hen. Wer glau­ben will, das Schöp­fer­gott­kon­zept jedoch ablehnt, fin­det in der Eso­te­rik Glau­bens­mög­lich­kei­ten. Das Feld der Eso­te­rik ist weit und beschreibt die Welt des Über­sinn­li­chen und ver­wand­te Tra­di­tio­nen. Es ist nicht immer ein­deu­tig, was zur Eso­te­rik gehört und was nicht. Eini­ge Men­schen zäh­len bei­spiels­wei­se Spi­ri­tua­li­tät und Astro­lo­gie dazu, ande­re nicht.
 
Per­sön­li­che Glau­bens­sys­te­me: Über­zeu­gun­gen etwas zu sein, etwas zu wer­den, etwas zu wis­sen. Per­sön­li­che Glau­bens­sys­te­me sind sehr dif­fi­zil und las­sen sich schlecht defi­nie­ren.
Sie kön­nen auch mit ande­ren Glau­bens­sys­te­men kom­bi­niert wer­den. Ein per­sön­li­ches Glau­bens­sys­tem kann ein pri­va­ter Glau­be sein, der heim­lich prak­ti­ziert wird und nur ein ein­zi­ges Mal exis­tiert. Obses­sio­nen und Wahn­vor­stel­lun­gen (bei­spiels­wei­se der Glau­be, die Wie­der­ge­burt einer his­to­ri­schen Per­son zu sein), kön­nen dazu gezählt wer­den.

Ver­ein­facht aus­ge­drückt sind Glau­bens­sys­te­men die Arten, auf die wir an Gott glau­ben. Wir kön­nen Glau­bens­sys­te­me aber auch in einem all­ge­mei­ne­ren Sinn ver­ste­hen: Haben Kern und Leh­re einer Ideo­lo­gie oder Theo­rie einen nicht beweis­ba­ren Anspruch auf All­ge­mein­gül­tig­keit, han­delt es sich eben­falls um ein Glau­bens­sys­tem. Des­halb zäh­len poli­ti­sche Ideo­lo­gi­en und Eso­te­rik auch dazu.

Tra­di­tio­nell ver­ste­hen wir den Athe­is­mus nicht als Glau­bens­sys­tem, da er den Glau­ben an einen Gott nicht beinhal­tet. Doch als Athe­is­ten glau­ben wir an die Nicht­exis­tenz Got­tes (wis­sen also nicht von ihr) — aus die­sem schlich­ten aber ent­schei­den­den Grund gehört auch der Athe­is­mus dazu. Die Schwach­stel­le aller Glau­bens­sys­te­me ist lei­der nun mal: Prag­ma­tisch, also nüch­tern, fak­ten­ori­en­tiert, unauf­ge­regt und ganz beson­ders zwang­los betrach­tet, sind sie nur Spe­ku­la­tio­nen — egal wie viel sie uns auch bedeu­ten. Das wol­len oder kön­nen wir als Glau­ben­de natür­lich nicht wahr­ha­ben — und so zer­re­den wir die­se Tat­sa­che lei­den­schaft­lich.

Wir alle haben unse­re fes­ten Über­zeu­gun­gen, die uns irra­tio­nal han­deln und den­ken las­sen. In die­se Bla­se unse­rer per­sön­li­chen Vor­stel­lungs­welt wird Fik­ti­on für uns zur Wirk­lich­keit.

Reli­giö­se und anti-reli­giö­se Glau­bens­sys­te­me

The­is­mus, Athe­is­mus und Agnos­ti­zis­mus sind die drei Haupt­grup­pen der reli­gi­ons­ori­en­tier­ten Glau­bens­sys­te­me. Es gibt noch jede Men­ge ande­re, doch die­se kann man als Unter­grup­pen oder Able­ger der drei gro­ßen Grup­pen ver­ste­hen. So gibt es diver­se For­men von Athe­is­mus, The­is­mus und Agnos­ti­zis­mus, die sich von ihrer jewei­li­gen Mut­ter­grup­pe nur in Nuan­cen unter­schei­den:

The­is­men: Deis­mus, Mono­la­tris­mus, Pan­the­is­mus, Kos­mo­the­is­mus, Theo­pha­nis­mus, Heno­the­is­mus, Mono­the­is­mus, Panenthe­is­mus, Theo­zen­tris­mus, agnos­ti­sche The­is­mus sowie die soge­nann­te nega­ti­ve Theo­lo­gie.
 
Athe­is­men: Logisch-meta­phy­si­sche, nomi­na­lis­ti­sche, meta­phy­sisch-ratio­na­lis­ti­sche; radi­kal-szi­en­tis­ti­sche, pos­tu­la­to­ri­sche, szi­en­tis­ti­sche, prag­ma­ti­sche und agnos­ti­sche Athe­is­mus
 
Agnos­ti­zis­men: Star­ke, schwa­che, athe­is­ti­sche, spi­ri­tu­el­le und prag­ma­ti­sche Agnos­ti­zis­mus, sowie den Ignos­ti­zis­mus.

Für jeden Geschmack und für jedes intel­lek­tu­el­le Gemüt ist somit etwas dabei. Wer reli­gi­ös oder anti-reli­gi­ös sein will, fin­det mit Sicher­heit etwas.

Was all die­se reli­gi­ons­ori­en­tier­ten Glau­bens­sys­te­me bedeu­ten, weiß ich nicht und will es auch gar nicht wis­sen. Zum Ver­ständ­nis ist das nicht nötig. Die Unter­schie­de sind in den meis­ten Fäl­len nur mini­mal und bes­ten­falls für Detail­be­ses­se­ne inter­es­sant. Auf die­ser Sei­te wer­den des­halb nur die drei Haupt­grup­pen bespro­chen, ihre Bezie­hung zuein­an­der auf­ge­zeigt und eini­ge wei­ter­füh­ren­de Gedan­ken zum The­ma Glau­bens­sys­te­me dar­ge­stellt.

Athe­is­mus und The­is­mus

The­is­mus und Athe­is­mus sind zwei Sei­ten der­sel­ben Mün­ze.
Den Agnos­ti­zis­mus kann man als die gan­ze Mün­ze bezeich­nen.

Es gibt kei­nen Athe­is­mus ohne The­is­mus. Um Athe­ist sein zu kön­nen, muss es den The­is­mus geben. Das ist ziem­lich logisch und schnell ein­seh­bar. Doch das Gegen­teil trifft eben­falls zu, ist aller­dings schwe­rer zu erken­nen: Wir kön­nen kein The­ist sein, gäbe es nicht die Mög­lich­keit, kei­ner zu sein. Wäre es nicht mög­lich, nicht an Gott zu glau­ben, wäre es auch nicht mög­lich, an ihn zu glau­ben. Der Glau­be an Gott wäre dann etwas ande­res als Glau­be. Und ohne es zu wis­sen, sind alle Athe­is­ten und The­is­ten, auf irgend­ei­ner ver­bor­ge­nen Ebe­ne, auch das Gegen­teil.

The­is­mus = poten­zi­el­ler Athe­is­mus.
Athe­is­mus = poten­zi­el­ler The­is­mus.

Es ist dem Yin-Yang-Prin­zip ähn­lich.

Ein kahler Baum, von dem ein Glühen ausgeht.Um etwas ableh­nen zu kön­nen, müs­sen wir eine Bezie­hung oder auch Affi­ni­tät zum Gegen­stand der Ableh­nung haben. Andern­falls wäre unse­re Ableh­nung nur ein Aus­druck eines rein ober­fläch­li­chen Vor­ur­teils. Um den Glau­ben an Gott also ableh­nen zu kön­nen, müs­sen wir wis­sen, was es bedeu­tet oder bedeu­ten könn­te, an Gott zu glau­ben. Um Athe­ist sein zu kön­nen, müs­sen wir in unse­rem Inne­ren den inak­ti­ven oder laten­ten Trieb zum the­is­ti­schen Glau­ben haben. Andern­falls hät­ten wir kei­nen Grund, uns sich gegen den The­is­mus zu posi­tio­nie­ren. Er wäre uns egal. Wer nie­mals Athe­ist sein könn­te, könn­te auch nie­mals The­ist sein und umge­kehrt. Die­se pro­vo­kan­te The­se wei­sen wir als The­is­ten und Athe­is­ten natür­lich als Quatsch zurück.

Wenn wir eine Spei­se nicht mögen, weil sie uns nicht schmeckt, haben wir sie zuvor geges­sen. Von die­ser Regel gibt es natür­lich Aus­nah­men: Wir leh­nen auch dann eine Spei­se ab, wenn sie ekel­haft aus­sieht oder ver­dor­ben riecht. Kot essen wir nicht des­we­gen nicht, weil er uns nicht schmeckt — wir machen so etwas ein­fach nicht. Als Athe­is­ten kön­nen wir jetzt argu­men­tie­ren: Genau­so ver­hält es sich beim Athe­is­mus! Athe­is­ten glau­ben aus prin­zi­pi­el­len Grün­den nicht an Gott. Sie müs­sen nicht erst wis­sen, wie es schmeckt, an Gott zu glau­ben, um den Glau­ben an ihn abzu­leh­nen. Doch bei Kot han­delt es sich um eine rea­le, phy­si­sche Sub­stanz, deren Ekel­haf­tig­keit eine Tat­sa­che ist. Gott hin­ge­gen ist letzt­end­lich nichts ande­res als eine von Men­schen ent­wi­ckel­te Idee. Wir kön­nen sie für wahr oder falsch hal­ten. Letzt­end­lich ist unse­re Wahl belie­big.

The­is­mus ist der Glau­be an ein über­na­tür­li­ches Wesen, wel­ches das Uni­ver­sum und das Leben erschaf­fen hat. Athe­is­mus ist der Glau­be an einen natür­li­chen Ent­ste­hungs­pro­zess des Uni­ver­sums und des Lebens.

Für kei­nes die­ser Erklä­rungs­mo­del­le gibt es weder Bewei­se noch Indi­zi­en oder etwas Gleich­wer­ti­ges, son­dern nur Mut­ma­ßun­gen. Doch die­se sind abhän­gig von unse­ren per­sön­li­chen intel­lek­tu­el­len Gemü­tern.

Das, was wir füh­len, spü­ren oder intui­tiv wis­sen, wovon wir inner­lich über­zeugt sind, ist bedeu­tungs­los bei der Fra­ge nach Ursprung allen Seins, denn unse­rer Intui­ti­on kön­nen wir nicht trau­en, wenn wir emo­tio­nal ein­ge­bun­den sind. Und wir sind außer­ge­wöhn­lich stark emo­tio­na­li­siert, wenn es um den »Sinn des Lebens«, »Ursprung der Exis­tenz« und ähn­li­che Din­ge geht. Es ist uns also nicht mög­lich, die­ses The­ma neu­tral und nüch­tern zu behan­deln. Ob wir an die Exis­tenz oder Nicht-Exis­tenz Got­tes glau­ben, hängt daher von unse­ren per­sön­li­chen, sub­jek­ti­ven Vor­lie­ben ab, die vom intel­lek­tu­el­len Gemüt bestimmt wer­den, das sich im Lau­fe der Jahr­zehn­te auch ändern kann.

Heu­te The­ist, mor­gen Athe­ist, über­mor­gen The­ist…

Es gibt vie­le Bio­gra­fi­en, die man grob so beschrei­ben kann:

In der Jugend/Kindheit The­is­mus, meis­tens auf­grund der elter­lich-schu­li­schen Kon­di­tio­nen.
 
Im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter dann der Wech­sel zum Athe­is­mus, bei­spiels­wei­se durch intel­lek­tu­el­le Wei­ter­ent­wick­lung. Die in der Kind­heit erwor­be­nen geis­ti­gen Kon­di­tio­nen wer­den abge­schüt­telt, um selbst­stän­di­ger zu wer­den.
 
Im spä­ten Erwach­se­nen­al­ter die Rück­kehr zum The­is­mus, zum Bei­spiel auf­grund eines Schick­sals­schla­ges oder all­ge­mei­ner Des­il­lu­sio­nie­rung im Leben. Man erin­nert sich an das Trost spen­den­de Gefühl, das der Glau­be an Gott, Jen­seits oder Schick­sal erzeu­gen kann.
 
Das geht auch in die ande­re Rich­tung: Vom Eltern­haus erfah­ren wir eine athe­is­ti­sche Erzie­hung, ent­de­cken dann spä­ter die Reli­gi­on und keh­ren noch spä­ter aus unter­schied­li­chen Grün­den zum Athe­is­mus zurück. Viel­leicht gibt es auch mal ein agnos­ti­sches Inter­mez­zo.

 

Die bes­te Vor­aus­set­zung, ein guter Athe­ist zu wer­den, ist ein The­ist zu sein.
Die bes­te Vor­aus­set­zung, ein guter The­ist zu wer­den, ist ein Athe­ist zu sein.

Ein Frosch, der erwartungsvoll nach oben schaut.Das zeigt, wie labil unse­re geis­ti­ge und intel­lek­tu­el­le Grund­ein­stel­lung als The­is­ten und Athe­is­ten meis­tens ist. Athe­is­mus ist eine Aver­si­on gegen das Irra­tio­na­le, obwohl die­se Aver­si­on selbst gewis­se irra­tio­na­le Züge besitzt. Und The­is­mus die Angst vor der Selbst­stän­dig­keit und Eigen­ver­ant­wor­tung in ethi­schen und mora­li­schen Fra­gen.

Gefällt uns eine bestimm­te Musik nicht, hören wir sie uns auch nicht an – das ist alles. Enga­gie­re wir uns aber dage­gen, bedeu­tet sie uns auch etwas. Und wer weiß, viel­leicht wird sie uns ja eines Tages gefal­len. Oder: Sie gefällt uns bereits, doch wir kön­nen uns das nicht ein­ge­ste­hen (weil wir von ande­ren oder uns selbst kon­di­tio­niert wur­den, sie nicht zu mögen). Man­che Athe­is­ten haben des­halb nur eine nega­ti­ve Bezie­hung zu ihrem laten­ten Glau­ben an Gott. Vie­le The­is­ten glau­ben nur des­we­gen, weil sie mit der Tra­di­ti­on des reli­giö­sen Glau­bens auf­ge­wach­sen sind.

Als Athe­is­ten begrün­den wir unser Enga­ge­ment gegen den The­is­mus unter ande­rem mit den vie­len Ver­bre­chen und Schre­ckens­ta­ten, die seit Jahr­tau­sen­den im Namen Got­tes und der Reli­gi­on ver­übt wur­den und immer noch wer­den. Wir über­se­hen dabei, dass es die­se Gräu­el auch ohne die Reli­gio­nen und den Glau­ben an Gott geben wür­de. Denn Men­schen ver­ste­cken sich ger­ne hin­ter Insti­tu­tio­nen, um Taten zu legi­ti­mie­ren, die eigent­lich falsch sind. Unse­re Vor­fah­ren hät­ten die­se schlim­men Din­ge auch in einem ande­ren Namen ver­übt — oder auch kom­plett ohne. Pädo­phi­le Kle­ri­ker wür­den auch dann Kin­der sexu­ell miss­brau­chen, wenn es die Kir­che und die Reli­gi­on nicht gäbe.

Wenn wir als The­is­ten und Athe­is­ten mit­ein­an­der strei­ten, bezeich­nen und beschul­di­gen wir uns gegen­sei­tig oft als dumm, ver­ant­wor­tungs­los oder igno­rant. Wir mer­ken nicht, dass unse­re Posi­tio­nen aus­tausch­bar sind, denn im ver­ba­len Umgang mit­ein­an­der benut­zen wir oft das glei­che Voka­bu­lar. Das kann kein Zufall sein. Die Bezie­hung zwi­schen The­is­mus und Athe­is­mus hat den Cha­rak­ter einer Hass­lie­be. Unse­re Argu­men­te gegen den The­is­mus kön­nen in vie­len Fäl­len auch als Argu­men­te gegen den Athe­is­mus ein­ge­setzt wer­den (und umge­kehrt), wenn wir ein­fach nur ein paar Wör­ter aus­tau­schen. Doch das dürf­te nicht mög­lich sein, wären Athe­is­mus und The­is­mus nicht mit­ein­an­der ver­wandt. Des­we­gen sind in gewis­ser Wei­se The­is­mus und Athe­is­mus zwei Kon­fes­sio­nen des glei­chen Glau­bens. Und wor­an wir glau­ben, was wir »intui­tiv wis­sen« oder wovon wir »über­zeugt« sind, hängt von unse­ren — wie oben bereits mehr­fach bemerkt — per­sön­li­chen Vor­lie­ben und unse­rem intel­lek­tu­el­len Tem­pe­ra­ment ab.

Der Trick des Agnos­ti­kers

Ergän­zend ist noch der Agnos­ti­ker zu erwäh­nen. Er ist der »raf­fi­nier­te« unter den Gläu­bi­gen. Als Agnos­ti­ker brin­gen wir das Kunst­stück fer­tig, gleich­zei­tig The­ist und Athe­ist zu sein. Auch wir wis­sen, dass es weder für, noch gegen das Schöp­fer­gott­kon­zept ech­te Bewei­se gibt. Auf­grund unse­res intel­lek­tu­el­len Tem­pe­ra­ments bräuch­ten wir sie aber, um uns für eine der bei­den Welt­erklä­rungs­mo­del­le ent­schei­den zu kön­nen. Denn als Agnos­ti­ker möch­ten wir nicht an etwas glau­ben, das es viel­leicht gar nicht gibt, und hof­fen des­halb, irgend­wann ein­mal mehr zu wis­sen, damit uns eine siche­re Wahl mög­lich wird. Bis dahin wen­den wir einen “Trick” an: Wir gehen in War­te­stel­lung, neh­men also eine vor­erst neu­tra­le Hal­tung ein. Unse­re Zuver­sicht speist sich aus unse­rem Wis­sen, dass eins der bei­den Model­le rich­tig sein muss: Wenn das eine falsch ist, ist das ande­re rich­tig — so unse­re bestechen­de Logik. Doch der Gedan­ke, dass mög­li­cher­wei­se bei­de Model­le falsch sein könn­ten, kommt uns nicht in den Sinn.

Wahr­schein­lich wer­den wir an die­ser Stel­le den­ken: „Ja klar, was für Mög­lich­kei­ten könn­te es denn sonst noch geben? Ent­we­der gibt es Gott oder es gibt ihn nicht. Ent­we­der ist das eine oder das ande­re Welt­erklä­rungs­mo­dell rich­tig.“

Das Undenk­ba­re

Eine abstrakte Struktur aus Farben und Linien, wie eine zerlegte Blume.Ich ver­ste­he das Dilem­ma, das wir an die­ser Stel­le haben. Es hat etwas mit unse­ren von Natur aus beschränk­ten Asso­zia­ti­ons­fä­hig­kei­ten und dem ulti­ma­ti­ven Cha­rak­ter unse­rer Aus­gangs­fra­ge zu tun.

Neh­men wir zunächst an, es gäbe einen Schöp­fer­gott und wir wüss­ten es defi­ni­tiv! Dann wäre unse­re Fra­ge trotz­dem nicht beant­wor­tet. Wir wüss­ten zwar, woher das Uni­ver­sum und das Leben kom­men, doch unser Pro­blem hät­te sich nur ver­la­gert. Denn woher käme Gott, der Initia­tor des Uni­ver­sums und des Lebens? Der hät­te eben­falls eine Erklä­rung nötig, da auch er ein Bestand­teil der Exis­tenz wäre!

Als schöp­fer­gott­gläu­bi­ge Men­schen sagen wir, nichts kann ohne Ursprung exis­tie­ren. Des­halb muss es einen Schöp­fer geben. Wer­den wir dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ses “Ver­fah­ren” dann auf den Schöp­fer selbst ange­wandt wer­den muss, ver­wei­gern wir jedoch die Ein­sicht in unse­re eige­ne Logik. Wir spre­chen dem Schöp­fer kur­zer­hand fol­gen­de Eigen­schaft zu: Er exis­tiert ewig ohne Anfang und Ende. Damit wider­spre­chen wir unse­rer eige­nen Logik. Zuvor haben wir noch argu­men­tiert, »nichts kann ohne Ursprung exis­tie­ren«, im nächs­ten Moment sagen wir jedoch: Es exis­tiert etwas ohne Ursprung!

Unser Dilem­ma als Gott­gläu­bi­ge ist: Wir sind auf unse­ren Glau­ben fixiert, emo­tio­nal und viel­leicht intel­lek­tu­ell von ihm abhän­gig. Ohne unse­ren Glau­ben kön­nen wir nicht mehr rich­tig den­ken, denn unser see­li­sches Gleich­ge­wicht ist auf ihn ange­wie­sen. Doch in der heu­ti­gen, wis­sen­schafts­ori­en­tier­ten Zeit wer­den schöp­fer­gott­gläu­bi­ge Men­schen mehr und mehr auf- und her­aus­ge­for­dert, ihren Glau­ben zu erklä­ren. Da es uns nicht mög­lich ist, ein­fach zu sagen: „Ich glau­be an einen Schöp­fer­gott, weil ich das tun will“, ver­su­chen wir unse­ren Glau­ben logisch abzu­lei­ten, über­se­hen oder igno­rie­ren dabei aller­dings die Inko­hä­renz unse­rer Logik. Man kann eine Regel, auf die die eige­ne Argu­men­ta­ti­on auf­baut, nicht außer Kraft set­zen, sobald Schwie­rig­kei­ten auf­tre­ten. Dadurch wer­den wir unglaub­wür­dig.

Kön­nen wir auf eine Erklä­rung für die Exis­tenz Got­tes ver­zich­ten (was The­is­ten tun), dann auch auf eine für die Exis­tenz des Uni­ver­sums. Denn wenn ein all­mäch­ti­ges Lebe­we­sen ohne Anfang und Ende exis­tie­ren kann, ist bewie­sen, dass ursprungs­lo­se Exis­tenz mög­lich ist. (Neben­bei bemerkt: Die Urknall­theo­rie behaup­tet nicht, dass das Uni­ver­sum ursprungs­los ist, son­dern aus dem Nichts ent­stan­den ist. Wer weiß, was die­ses Nichts ist.)

Das Pos­tu­lat eines Schöp­fer­got­tes ist daher unnö­tig. Es hilft uns nicht wei­ter. Letzt­end­lich ist es nur der etwas hilf­lo­se Ver­such, das “Wun­der” der Exis­tenz durch ein wei­te­res “Wun­der” plau­si­bel zu machen, das wir dann nicht wei­ter hin­ter­fra­gen müs­sen, weil es unse­re Bedürf­nis­se bereits befrie­digt. Doch ein Kon­zept ist unge­eig­net ein Phä­no­men zu erklä­ren, wenn es selbst Bestand­teil des zu erklä­ren­den Phä­no­mens ist.

Manch­mal argu­men­tie­ren wir als schöp­fer­gott­gläu­bi­ge Men­schen auch fol­gen­der­ma­ßen: „Weil ich mir nicht vor­stel­len kann, wie etwas aus dem Nichts her­aus ent­steht, muss ein Schöp­fer­we­sen das Uni­ver­sum geschaf­fen haben.“ Doch die Exis­tenz eines Wesens ohne Anfang und Ende ist eben­falls nicht vor­stell­bar. Als schöp­fer­gott­gläu­bi­ge Men­schen genügt uns Got­tes Exis­tenz, der höhe­ren Instanz, die wir dann nicht mehr hin­ter­fra­gen.

Neh­men wir ande­rer­seits an, wir wüss­ten defi­ni­tiv, es gäbe kein über­na­tür­li­ches Wesen, das das Uni­ver­sum erschaf­fen hat: Das Dilem­ma wäre das glei­che: Das Mys­te­ri­um der Exis­tenz wäre durch die­ses Wis­sen nicht weni­ger uner­klär­lich. Wir hät­ten jetzt zwar nicht mehr das Pro­blem, die Bedeu­tung und Her­kunft eines Schöp­fer­we­sens erklä­ren zu müs­sen, an der Situa­ti­on wür­de das jedoch nichts ändern.

Wir kön­nen nur fest­stel­len, dass die Exis­tenz ein Mys­te­ri­um ist und blei­ben wird. Sämt­li­che Erklä­rungs­mo­del­le tau­gen des­halb nichts. Sie wer­fen bloß neue Fra­gen auf und füh­ren uns in eine unend­li­che Schlei­fe.
 
 

Ob das Uni­ver­sum aus dem Nichts ent­stan­den ist, oder von einem Gott ohne Anfang und Ende erschaf­fen wur­de, ist unwe­sent­lich.

(Übri­gens: Spre­chen Astro­phy­si­ker vom Nichts, mei­nem sie nicht das, was unser All­tags­ver­stand dar­un­ter ver­steht. Der Aus­druck »Nichts« ist in die­sem Zusam­men­hang nur der Ver­such einer Ter­mi­no­lo­gie­fin­dung für etwas, das nicht asso­zi­iert oder ima­gi­niert wer­den kann.)

Kei­nes der bei­den Erklä­rungs­mo­del­le ist geeig­net, unse­re Fra­ge zu beant­wor­ten. Wur­de das Uni­ver­sum von einem Schöp­fer­we­sen erschaf­fen, stellt sich anschlie­ßend die Fra­ge, was die­ses Wesen ist und vor­her es kommt. Ist das Uni­ver­sum hin­ge­gen aus dem sog. Nichts ent­stan­den, müs­sen wir uns fra­gen, was die­ses Nichts ist! Bei­de Fra­gen kön­nen wir nicht beant­wor­ten. Also ist es bes­ser, von Anfang an dar­auf zu ver­zich­ten, das Phä­no­men der Exis­tenz ver­ste­hen zu wol­len. Es wird uns nicht gelin­gen, son­dern nur von den wirk­lich wich­ti­gen Fra­gen des Lebens ablen­ken. Eine davon lau­tet: Wie kön­nen wir es als Mensch­heit schaf­fen, fried­li­cher und freund­li­cher zu wer­den?

Das onto­lo­gi­sche Aus­schlie­ßungs­prin­zip

Für das oben dar­ge­stell­te Pro­blem bie­tet sich eine ein­fa­che Lösung an: Ver­ges­sen wir die Fra­ge­stel­lung und hören auf, das Rät­sel der Exis­tenz lösen zu wol­len. Akzep­tie­ren wir die Unbe­ant­wort­bar­keit die­ser Fra­ge. Hören wir auf, bei die­sem Pro­blem eine emo­tio­na­le Hal­tung ein­zu­neh­men. Freun­den wir uns mit der Vor­stel­lung an, dass es uns nie­mals mög­lich sein wird, dar­über etwas wis­sen zu kön­nen. Wir kön­nen das Pro­blem nur in nega­ti­ver Wei­se ange­hen und soll­ten wis­sen, dass all unse­re Bemü­hun­gen bes­ten­falls Ansät­ze lie­fern. Wirk­lich lösen kön­nen wie es nie, denn alles, was wir sagen, asso­zi­ie­ren, den­ken, uns “vor­stel­len kön­nen”, hat mit dem Ursprung der Exis­tenz nichts zu tun, son­dern nur mit uns selbst. Das, was übrig bleibt, wir nicht den­ken und nicht asso­zi­ie­ren kön­nen, könn­te es sein.

Egal was auch immer uns in den Sinn kommt, hat mit der Ursa­che allen Seins nichts zu tun. Denn, war­um soll­te es das? Weil es uns gefällt? Weil es unse­re Gedan­ken sind? Weil die­se Vor­stel­lun­gen uns schmei­cheln? Weil es uns in der Schu­le gelehrt wur­de? Weil wir davon über­zeugt sind? Weil wir es glau­ben?

All die­se und ähn­li­che Grün­de sind weder Indi­zi­en noch Bewei­se für die Rich­tig­keit unse­rer Exis­tenz­er­klä­rungs­mo­del­le. Die­se spie­geln nur unse­re kol­lek­ti­ven Ängs­te und indi­vi­du­el­len Hoff­nun­gen wider. Die­se »Kol­lek­ti­ven Ängs­te und indi­vi­du­el­len Hoff­nun­gen« sind die ein­zi­gen “Refe­ren­zen”, auf die unse­re Zuver­sicht letzt­end­lich grün­det, wenn wir den­ken unse­ren Got­tes­glau­ben plau­si­bel (auch mit moder­ner Ter­mi­no­lo­gie) begrün­den zu kön­nen. All das ist nur der Aus­fluss unse­res selbst­ver­lieb­ten Ver­stan­des, der nicht ein­se­hen will, dass sei­ne Vor­stel­lungs­kraft beschränkt ist. War­um soll­ten wir mit die­sem gehan­di­cap­ten Instru­ment der Wahr­neh­mung die größ­te aller Fra­gen beant­wor­ten kön­nen? Das Phä­no­men der Exis­tenz lässt sich unmög­lich mit unse­ren beschränk­ten geis­ti­gen Fähig­kei­ten ver­ste­hen. Das soll­ten wir end­lich aner­ken­nen.

Wenn wir die Welt im Gan­zen und unser eige­nes Leben betrach­ten, müs­sen wir betrübt fest­stel­len, unfä­hig zu sein, unse­re sozia­len Pro­ble­me zufrie­den­stel­lend in den Griff zu bekom­men — als Ein­zel­men­schen, Gesell­schaf­ten und Natio­nen. Gleich­zei­tig glau­ben wir, die bedeu­tends­te aller Fra­gen beant­wor­ten zu kön­nen? Das ist ziem­lich naiv.

Anmer­kung:

Das “onto­lo­gi­sche Aus­schlie­ßungs­prin­zip” ist der soge­nann­ten nega­ti­ven Theo­lo­gie bei flüch­ti­ger Betrach­tung ähn­lich. Aller­dings geht die nega­ti­ve Theo­lo­gie von der Exis­tenz Got­tes aus. Sie sagt nur, dass wah­re Aus­sa­gen über ihn unmög­lich sind. “Gott ist die Ursa­che allen Seins” ist – so weit ich weiß — die ein­zi­ge Aus­sa­ge, wel­che die nega­ti­ve Theo­lo­gie über Gott aner­kennt.
 
Das Aus­schlie­ßungs­prin­zip behan­delt hin­ge­gen das Phä­no­men der Exis­tenz (die eine Schöp­fer­in­stanz, falls es sie gibt, mit ein­schließt).
 
Die Exis­tenz ist tat­säch­lich als Phä­no­men erkenn­bar. Im Gegen­satz zu Gott ist sie kei­ne Spe­ku­la­ti­on, an die wir glau­ben kön­nen oder nicht. Es macht also kei­nen Sinn zu sagen: „Ich glau­be, dass es die Exis­tenz gibt.“ Was auch immer sie ist oder bedeu­tet: Es gibt sie — das ist defi­ni­tiv wahr. Von Gott kön­nen wir das aller­dings nicht sagen — nur glau­ben.