Homo­pho­bie


Erlern­ba­re Homo­se­xua­li­tät

Schwu­len­has­ser behaup­ten oft, Homo­se­xua­li­tät wäre erlern­bar, was bedeu­tet, jeder Mensch könn­te schwul oder les­bisch wer­den, also zärt­li­che, roman­ti­sche und ero­ti­sche Gefüh­le für Men­schen des glei­chen Geschlechts ent­wi­ckeln, wenn er nur woll­te oder es zulie­ße. Das wie­der­um wür­de bedeu­ten: Auch homo­pho­be Men­schen könn­ten homo­se­xu­ell wer­den, also ler­nen, als Mann einen Mann oder als Frau eine Frau zu lie­ben. Denn wenn Homo­se­xua­li­tät erlern­bar ist, dann gilt das selbst­ver­ständ­lich für alle Men­schen. Mit der Behaup­tung, dass Homo­se­xua­li­tät erlern­bar und letzt­end­li­che eine Gewohn­heits­sa­che und freie Wahl ist, wür­den Homo­se­xu­el­len­has­ser sich selbst als latent homo­se­xu­ell bezeich­nen. Denn es macht kei­nen Sinn zu sagen: „Alle Men­schen könn­ten homo­se­xu­ell wer­den, nur ich nicht.“ Homo­pho­be Män­ner müs­sen sich also die Fra­ge gefal­len las­sen: „Du könn­test dir vor­stel­len, ler­nen zu kön­nen, Män­ner ero­tisch zu fin­den?“

Erlern­ba­re, also abge­schau­te oder nach­ge­mach­te Homo­se­xua­li­tät ist mit fol­gen­der Ana­lo­gie beschreib­bar: Ange­nom­men, wir essen Scho­ko­la­de für unser Leben gern und Schweins­kopf­sül­ze emp­fin­den wir als abso­lut ekel­haft. Doch dann beob­ach­ten wir einen Arbeits­kol­le­gen in der Kan­ti­ne beim Essen von Schweins­kopf­sül­ze, wor­auf­hin uns plötz­lich Scho­ko­la­de nicht mehr schmeckt, und wir Schweins­kopf­sül­ze jetzt so lie­ben, wie zuvor die Scho­ko­la­de. Doch das ist absurd.

Kon­se­quent zu Ende gedacht wür­de das bedeu­ten: Schwu­le Män­ner wür­den sich eigent­lich wie alle ande­ren Män­ner auch zu Frau­en hin­ge­zo­gen füh­len, die­sen Trieb jedoch igno­rie­ren oder unter­drü­cken und sich statt­des­sen dem zuwen­den, was sie abstößt. Doch war­um soll­te ein Mensch so etwas tun? Ein sol­ches Ver­hal­ten ergä­be kei­nen Sinn.

Wür­de die Theo­rie von der erlern­ba­ren Homo­se­xua­li­tät stim­men, müss­te es in den Regio­nen der Erde, in denen es Frau­en­man­gel gibt, über­durch­schnitt­lich vie­le schwu­le Män­ner geben. Homo­se­xua­li­tät wäre dort auch weni­ger geäch­tet, da durch den hohen Anteil schwu­ler Män­ner Homo­se­xua­li­tät eine grö­ße­re Akzep­tanz hät­te. In Indi­en gibt es bei­spiels­wei­se in vie­len länd­li­chen Regio­nen wenig Frau­en, weil weib­li­che Föten bevor­zugt abge­trie­ben wer­den. Doch der Anteil homo­se­xu­el­ler Män­ner ist dort nicht höher als im Rest der Welt. Und Homo­se­xua­li­tät ist dort auch nicht weni­ger geäch­tet, als in ande­ren schwu­len­feind­li­chen Län­dern.

Homo­se­xua­li­tät ist unna­tür­lich

Schwu­le Män­ner lei­den nicht unter ihrer sexu­el­len Aus­rich­tung, son­dern unter der gesell­schaft­li­chen Äch­tung.

Eine ande­re Behaup­tung, die oft von homo­pho­ben Men­schen gemacht wird: Homo­se­xua­li­tät wäre unna­tür­lich und käme in der Natur nicht vor, wäre eine Form der Per­ver­si­on und müs­se des­we­gen ver­bo­ten oder sogar bekämpft wer­den. Die Beob­ach­tun­gen zei­gen jedoch, dass der Anteil homo­se­xu­el­ler Tie­re in etwa gleich hoch ist wie bei Men­schen. Etwa 10 Pro­zent aller Men­schen sind homo­se­xu­ell und im Tier­reich beob­ach­tet man etwa den glei­chen Anteil.

Nie­mand weiß, ob die Natur irgend­et­was damit bezweckt, man­che Men­schen dar­auf zu polen, das glei­che Geschlecht sexu­ell attrak­tiv zu fin­den. Es könn­te eine unbe­kann­te funk­tio­nel­le Absicht dahin­ter ste­cken oder auch nur eine zufäl­li­ge „Fehl­schal­tung“, die jedoch ohne Aus­wir­kun­gen ist, da sie kei­nen Scha­den anrich­tet: Nach wie vor wächst die Welt­be­völ­ke­rung rasant an und der Anteil homo­se­xu­el­ler Men­schen hat in den letz­ten Jahr­tau­sen­den auch nicht zuge­nom­men.

Homo­se­xu­el­le Men­schen wer­den heut­zu­ta­ge ledig­lich in libe­ra­len und demo­kra­ti­schen Staa­ten stär­ker in der Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men, da es nicht mehr zwin­gend nötig ist, sich ver­ste­cken zu müs­sen, wenn man ero­tisch und sexu­ell das glei­che Geschlecht attrak­tiv fin­det. Im Mit­tel­al­ter muss­ten schwu­le Män­ner noch damit rech­nen tot­ge­schla­gen zu wer­den, (was übri­gens auch für Links­hän­der galt), heu­te, in den demo­kra­ti­schen Staa­ten, besteht die­se Gefahr meis­tens nicht mehr.

Homo­se­xua­li­tät ist weder eine Krank­heit noch Per­ver­si­on und auch kei­ne freie Ent­schei­dung, son­dern nur eine Anders­ar­tig­keit.

Und Anders­ar­tig­kei­ten (also Unge­wohn­tes) leh­nen wir in der Regel ab, wenn wir kei­ne ent­spann­te Ein­stel­lung zum sozia­len Leben haben. Die Paro­le »Leben und leben las­sen« ist uns dann ein Dorn im Auge. Als homo­pho­be Men­schen sind wir meis­tens auch gegen Abtrei­bung und Aus­län­der.

Auch Links­hän­der benut­zen nicht absicht­lich ihre lin­ke statt der rech­ten Hand als pri­mä­res Greif­werk­zeug — die Natur hat sie so geschaf­fen. Doch im Mit­tel­al­ter wur­den sie manch­mal aus den glei­chen Grün­den umge­bracht, aus denen homo­se­xu­el­le Men­schen getö­tet wur­den: Man emp­fand die Links­hän­dig­keit als wider­na­tür­lich, also Teu­fels­werk das als böse galt. Selbst Imma­nu­el Kant, der gro­ße Auf­klä­rer der Moder­ne, hielt die lin­ke Hand als min­der­wer­tig. Und auch heu­te noch glau­ben etwa 2 Pro­zent aller Men­schen, dass Links­hän­dig­keit unna­tür­lich ist. Unter Schwu­len­has­sern wird die­ser Anteil wahr­schein­lich grö­ßer sein.

Unna­tür­lich ist alles, was nicht von allei­ne geschieht

Doch selbst wenn Homo­se­xua­li­tät unna­tür­lich wäre, könn­te man den Schwu­len und Les­ben kei­nen Vor­wurf machen, denn vie­les in der Men­schen­welt ist unna­tür­lich. Unse­re Autos, Fern­se­her, Han­dys, Flug­zeu­ge, Welt­raum­ra­ke­ten, Com­pu­ter, Bücher, Musik­in­stru­men­te, Toi­let­ten sowie vie­le ande­re Erfin­dun­gen sind nicht natür­lich ent­stan­den. Vie­le unse­re Riten, Bräu­che und Tra­di­tio­nen sind es eben­falls nicht, denn nichts davon gibt es in der Natur. Wir essen auch kei­ne Tie­re, die noch leben­dig sind, son­dern töten sie zuvor, damit die­se nicht unnö­tig lei­den. Auch das ist unna­tür­lich. Und dass wir das Fleisch kochen oder bra­ten, bevor wir es essen, ist eben­falls unna­tür­lich. Zusam­men­fas­send könn­te man also sagen:

Der Mensch hat die Unna­tür­lich­keit erfun­den und kul­ti­viert. Ohne unse­re Unna­tür­lich­kei­ten säßen wir viel­leicht immer noch in Höh­len.

Doch auch in der Tier­welt beob­ach­ten wir Unna­tür­lich­kei­ten: Bei­spiels­wei­se benut­zen Tie­re Blät­ter und Zwei­ge zum Nest­bau. Ledig­lich ihr Bau­ma­te­ri­al hat einen natür­li­chen Ursprung. Doch die Pflan­zen haben ihre Blät­ter und Stän­gel bestimmt nicht wach­sen las­sen, damit Tie­re dar­aus irgend­et­was her­stel­len. Tie­re ent­frem­den Pflan­zen­tei­le, was als unna­tür­lich inter­pre­tiert wer­den kann. Mit ande­ren Wor­ten: Auch die sog. Unna­tür­lich­keit ist letzt­end­lich natür­lich, was wie­der­um bedeu­tet: Eigent­lich gibt es kei­ne Unna­tür­lich­keit, son­dern nur Umge­stal­tun­gen, Abän­de­run­gen und Modi­fi­ka­tio­nen, also Mög­lich­kei­ten, die genutzt wer­den kön­nen oder auch nicht.

Sexua­li­tät, Befan­gen­heit und Men­schen­feind­lich­keit

Wir soll­ten end­lich ler­nen zu akzep­tie­ren, dass die Natur und das Leben viel­sei­tig sind.

Homo­pho­bie (die nur dem Wort­laut nach eine Angst ist, son­dern eigent­lich eine Feind­schaft) ist nur eine von vie­len Men­schen­feind­lich­kei­ten. Frau­en­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus und Aus­län­der­feind­lich­keit sind eben­falls Men­schen­feind­lich­kei­ten.

Wir müs­sen nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, wie es mög­lich ist, dass ein Mann einen ande­ren Mann ero­tisch anzie­hend fin­den kann. Er wird es schon selbst wis­sen — und mehr ist auch nicht nötig. Außer­dem geht es uns nichts an, denn es beein­träch­tigt unser Leben nicht. Als erwach­se­ne Men­schen soll­ten wir fähig sein, Abwei­chun­gen von der Norm zumin­dest tole­rie­ren zu kön­nen, wenn sie uns irri­tie­ren, ohne dahin­ter gleich einen „absicht­li­chen Zer­set­zungs­akt“ oder eine bös­ar­ti­ge Per­ver­si­on zu ver­mu­ten. Wenn wir unan­ge­nehm davon berührt sind, liegt das an uns selbst. Es ist bei­spiels­wei­se bekannt, dass eini­ge Schwu­len­has­ser selbst schwul sind oder zumin­dest homo­ero­ti­sche Gefüh­le haben, die sie nicht wahr haben wol­len. Dann glau­ben sie, die­se Gefüh­le durch eine aggres­si­ve Schwu­len­feind­lich­keit bekämp­fen zu kön­nen. Manch­mal ist es aber ein­fach nur Tar­nung, nach dem Mot­to: “Was ich selbst beschimp­fe und bekämp­fe, kann ich ja selbst nicht sein.”

Letzt­end­lich ist die Ableh­nung der Homo­se­xua­li­tät dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass sie uns dar­an erin­nert, sexu­el­le Lebe­we­sen zu sein, genau wie Tie­re. Man­che Men­schen haben ein Pro­blem mit die­ser Tat­sa­che. Je ange­spann­ter unse­re Bezie­hung zu unse­rer eige­ne Sexua­li­tät ist, egal ob es uns bewusst ist oder nicht, des­to mehr leh­nen wir es ab, in der Öffent­lich­keit dar­an erin­nert zu wer­den.

Bezeich­nen wie Homo­se­xua­li­tät also als unna­tür­lich oder per­vers, kon­stru­ie­ren wir nur ein Argu­ment, mit dem wir unse­re irra­tio­na­le Pho­bie vor der Sexua­li­tät, egal wel­che Form sie auch hat, ratio­na­li­sie­ren wol­len. Zusätz­lich erzeu­gen wir uns so einen wei­te­ren Feind, der uns als Pro­jek­ti­ons­flä­che für unse­ren aus­ge­la­ger­ten Lebens­frust dient. Mehr steckt meis­tens nicht dahin­ter.