Dena­tio­na­li­sie­rung


Eine Zukunft ohne Natio­nen

Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für eine freund­li­che­re zukünf­ti­ge Welt ist also die Auf­lö­sung oder Auf­wei­chung der natio­na­len Iden­ti­tät und die gleich­zei­ti­ge Her­aus­bil­dung einer glo­ba­len, man könn­te auch sagen »irdi­schen«. Wir müs­sen ler­nen, uns als »Ter­ra­ner« zu ver­ste­hen, denn natio­na­le Ego­zen­trik ist genau­so schäd­lich wie indi­vi­du­el­le. Die­sen Pro­zess kön­nen wir als Dena­tio­na­li­sie­rung bezeich­nen. Er wird ein­ge­lei­tet durch die Eman­zi­pa­ti­on der Indi­vi­dua­li­tät.

Indi­vi­dua­li­tät wird fälsch­li­cher­wei­se oft mit Ego­is­mus gleich­ge­setzt, der über­stei­ger­ten Ich-Zen­trie­rung des Bewusst­seins.

Man hat uns gelehrt, uns selbst nicht wich­tig zu neh­men. „Du bist nichts, dein Land ist alles“, ist ein Spruch, der beson­ders in stark natio­nal gepräg­ten Län­dern den Kin­dern ger­ne bei­gebracht wird. Glau­ben wir das, hin­dern wir uns dar­an, selbst­be­stimm­te, selbst­be­wuss­te und eigen­ver­ant­wort­li­che Men­schen zu wer­den.

Doch auch der Begriff »Eman­zi­pa­ti­on« wird oft fälsch­lich ver­stan­den oder inter­pre­tiert, häu­fig sogar mut­wil­lig. Heut­zu­ta­ge wen­den wir die­sen Aus­druck über­wie­gend auf die „Frau­en­be­frei­ungs­be­we­gung“ an. Von Män­nern wird er oft in dis­kri­mi­nie­ren­der Wei­se benutzt, um Frau­en, die ein selbst­be­stimm­tes Leben füh­ren wol­len, lächer­lich zu machen.

Eman­zi­pa­ti­on bedeu­tet nichts ande­res als »Selbst­be­frei­ung« oder »Mün­dig­wer­dung«. Und nichts braucht die Welt mehr, als mün­di­ge Bür­ger, denn die­se sind die Vor­aus­set­zung für eine fried­li­che­re Welt.

Wei­chen wir unse­re natio­na­le Iden­ti­tät zuguns­ten unse­rer per­sön­li­chen auf, hören wir natür­lich nicht auf, Afri­ka­ner oder Euro­pä­er zu sein – das geht inner­halb weni­ger Genera­tio­nen sowie­so nicht. Unse­re zufäl­li­ge natio­na­le Zuge­hö­rig­keit darf unse­re ein­ma­li­ge indi­vi­du­el­le Iden­ti­tät aber nicht über­de­cken bezie­hungs­wei­se kor­rum­pie­ren. Sie darf uns nicht ver­ges­sen las­sen, dass wir in ers­ter Linie Men­schen sind. Des­we­gen ist die Indi­vi­dua­li­sie­rung ein Pro­zess, wel­cher der Dena­tio­na­li­sie­rung vor­aus­geht.

Ver­ste­hen wir uns nicht mehr vor­der­grün­dig als Juden, Chi­ne­sen, Fran­zo­sen oder Bra­si­lia­ner, son­dern als Men­schen, die gemein­sam die­sen Pla­ne­ten bewoh­nen, wird es uns leich­ter fal­len, frem­de Men­schen als gleich­wer­tig anzu­er­ken­nen.

Die Eman­zi­pa­ti­on der Indi­vi­tua­li­ta­et

Die »Eman­zi­pa­ti­on der Indi­vi­dua­li­tät« bedeu­tet nun, sich nicht mehr als iso­lier­tes Wesen zu ver­ste­hen, das sich im Kon­kur­renz­kampf behaup­ten muss. Wir sind zwar alle Indi­vi­du­en und es ist wich­tig, unse­re indi­vi­du­el­len Merk­ma­le zu ken­nen, her­aus­ar­bei­ten und zu kul­ti­vie­ren. Wir dür­fen unse­re Indi­vi­dua­li­tät jedoch nicht als Abgren­zung ver­ste­hen, son­dern als Aus­druck der Viel­fäl­tig­keit des Lebens. Wol­len wir unse­re Indi­vi­dua­li­tät eman­zi­pie­ren, müs­sen wir ein wirk­li­ches Erwach­se­nen­be­wusst­sein ent­wi­ckeln, denn meis­tens hat unser Bewusst­sein als Erwach­se­ne noch stark infan­ti­le Züge.

Oft sind wir bloß Jugend­li­che in einem Erwach­se­nen­kör­per und von den Mög­lich­kei­ten berauscht, die wir haben: Wir toben uns aus und holen all das nach, was uns in unse­rer Jugend und Kind­heit ver­bo­ten war. Doch unser Gemüt ist nach wie vor das eines unrei­fen Kin­des.

Ein wirk­li­ches Erwach­se­nen­be­wusst­sein zu haben heißt zu wis­sen, dass vie­les von dem, was wir in unse­rer Jugend und Kind­heit gelernt haben, unreif oder sogar falsch ist. Wir glau­ben zwar, die Unrei­fe unse­rer Jugend und Kind­heit über­wun­den zu haben, doch das ist nur zum Teil der Fall. Die Vor­ur­tei­le und Glau­bens­sys­te­me, die wir von unse­ren Eltern und Leh­rern über­nom­men haben, legen wir auch nach Been­di­gung unse­rer Jugend nicht ab. Ganz im Gegen­teil: Oft ver­in­ner­li­chen wir sie in spä­te­ren Jah­ren noch mit Absicht.

Unser indi­vi­du­el­ler Rei­fungs­pro­zess darf daher nicht mit dem Ein­tritt in die Voll­jäh­rig­keit enden – was lei­der viel zu oft der Fall ist! Ein ech­tes Erwach­se­nen­be­wusst­sein weiß: Der indi­vi­du­el­le Ent­wick­lungs­pro­zess endet nie­mals — selbst im hohen Alter nicht.

Unse­re der­zei­ti­ge Indi­vi­dua­li­tät ist meis­tens nur eine kol­lek­ti­ve, eine Pau­schal- oder Schein­in­di­vi­dua­li­tät. Denn ein wirk­li­ches Indi­vi­du­um wird sich nicht als Ame­ri­ka­ner, Por­tu­gie­se oder Aus­tra­li­er emp­fin­den, son­dern als Mensch, der zufäl­lig in der Regi­on gebo­ren wur­de, die wir Ame­ri­ka, Por­tu­gal oder Aus­tra­li­en nen­nen, zwangs­läu­fig die dor­ti­ge Lan­des­spra­che spricht und zwangs­läu­fig an die Kul­tur die­ser Regi­on gewöhnt ist. Ein sol­cher Mensch weiß von der Belie­big­keit der eige­nen Spra­che und Kul­tur, die kei­ne tie­fe­re oder wahr­haf­ti­ge­re Natur besitzt als ande­re. Er defi­niert sich nicht als Rus­se, Nige­ria­ner oder Inder, son­dern als Men­schen, der mit ande­ren Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten lebt. Und es ist unse­re Auf­ga­be das zu erken­nen, um uns auf glo­ba­ler Ebe­ne ver­ei­nen zu kön­nen. Anders wer­den wir als Mensch­heit kei­ne gute Zukunft haben.


MEHR FRIEDLICHKEITWENIGER TRADITIONEN