Russland muss einfach nur seine Nachbarländer in Ruhe lassen und als souveräne Staaten anerkennen. Dann würde keins davon Mitglied in der NATO sein wollen.
Russland wurde durch nichts provoziert, die Ukraine anzugreifen. Alles, was eine „Provokation“ für Putin sein könnte, wäre das ukrainische Streben nach Eigenständigkeit, mehr Demokratie und weniger Korruption. Doch das kann Putin nicht zulassen. Das ist der wahre und einzige Grund für diese „spezielle“ Militäroperation.
Die NATO
Die NATO wurde als Verteidigungsbündnis – hauptsächlich gegen russische Angriffe – gegründet (und nicht als Angriffsbündnis auf andere Länder, was Donald Trump wohl zu glauben scheint – nur nebenbei bemerkt). Das heißt: Ohne Russlands Aggressionen, Drohungen und verbale Angriffe gegen einen Teil seiner Nachbarstaaten, gäbe es die NATO gar nicht!
Und würde Russland sich nicht mehr als Gegenspieler zur westlichen Welt verstehen und aufhören, das Baltikum als „eigentlich zu Russland gehörend“ zu behandeln, verlöre dieses Verteidigungsbündnis automatisch seinen Existenzgrund und würde sich auflösen. Es liegt also ganz allein an Putin, wie lange es die NATO noch gibt.
Sie sind nicht gegen Waffenlieferungen – solange sie an Russland gehen.
AfD, BSW, Kleinstparteien am linken und rechen Rand sowie die Linkspartei (obwohl man es dort aus taktischen Gründen nicht direkt ausspricht) bezeichnen die Hilfe zur Verteidigung als Kriegspolitik. Sie sagen: Damit niemand mehr sterben muss, wäre es vernünftig, diesen Krieg zu beendet.
Seltsamerweise appellieren sie damit nicht an die Kriegspartei, die den Krieg begonnen hat und ohne die es ihn gar nicht geben würde. Auch fordern sie China, Nordkorea und Iran nicht auf, keine Waffen und Kriegstechnologie mehr an Russland zu liefern. Stattdessen erwarten sie, dass dem angegriffenen Land nicht geholfen wird, sich zu wehren. Doch dass dem angreifenden Land Waffen geliefert werden, stört sie nicht. Das ist ihre Vorstellung von Frieden.
In Wirklichkeit geht es ihnen gar nicht darum, das Sterben in der Ukraine zu beenden. Denn würde die Ukraine kapitulieren, würden nur Russen nicht mehr sterben – Ukrainer natürlich weiterhin. Der wirkliche Grund für ihren „Friedens-Appell“:
In diesem Konflikt repräsentiert die Ukraine die offene und frei Gesellschaft und Russland die geschlossene und autoritäre. Und da AfD, Wagenknecht & Co. die offene und frei Welt ablehnen, nehmen sie Partei für Putin, der ebenfalls ein Gegner der offenen und freien Welt ist.
Russland nötigt seine Nachbarländer, der NATO beizutreten
Litauen, Lettland und Estland wurden nicht auf Initiative der NATO zu NATO-Mitgliedsländern. Sondern diese Balkanländer hatten die Mitgliedschaft in der NATO beantragt. Sie wurde ihnen bewilligt, weil Putin angekündigt hatte, sie früher oder später dem neuen russischen Großreich (wieder) eingliedern zu wollen. Und auch die Ukraine will nur aus diesem Grund NATO-Mitglied sein: Sie will kein Teil von Russland werden!
Putins Behauptung, die Ukraine angriffen zu haben, um die Ausbreitung der NATO im Osten zu verhindern, ist daher eine Lüge. In Wirklichkeit sind seine Aggressionen dafür verantwortlich. Und wie Georgien will auch die Ukraine kein Vasallenstaat Russlands sein – wie Belarus es bereits ist. Kann man das diesen Ländern etwa verübeln?
Doch Putins Sympathisanten tun so, als wäre es umgekehrt: Russland wäre nicht der wahre Aggressor in diesem Konflikt und auch keine Gefahr für seine Nachbarländer. Man merkt ihnen an, dass sie Sachen denken wie: „Was ist denn schon so schlimm daran, wenn man von Russland überfallen und annektiert wird?“
Putins verzerrtes Verständnis von Gleichberechtigung
Russland will gleichberechtigt sein, behält sich aber das Recht vor, nach Belieben seine Nachbarländer angreifen zu dürfen.
Putin hat 2001 im Bundestag gesagt: „Wir glauben, dass wir über eine tiefere Integration mit der NATO sprechen können, aber nur, wenn Russland als gleichberechtigter Partner angesehen wird“.
Und die westliche Welt wollte Russland auch als gleichberechtigten Partner haben!
Doch Putin hat durch seine Kriege, Aggressionen und seinen undemokratischen und kriminellen Umgang mit der Opposition in Russland gezeigt, eben kein gleichberechtigter Partner sein zu wollen, denn solche besitzen keine „Sonderrechte“, die es einem erlauben, andere Länder zu überfallen oder politische Gegner auf offener Straße erschießen zu lassen. Auch indem er Baschar al-Assad half, sein eigenes Volk zu bombardieren, zeigte er, weder ein Demokrat noch ein Menschenfreund zu sein.
Putin hatte erwartet, der Westen würde seinen „Rückfall“ in die »Einflusssphärenpolitik des 20. Jahrhunderts« dulden oder sogar akzeptieren. Jetzt ist er verärgert, dass die westliche Welt das nicht tut und bezeichnet diese Weigerung als Provokation oder sogar als Verrat.
Die Argumente der Putin-Sympathisanten
Erstens: Gefahr eines Atomkrieges
Putin-Unterstützer sagen, weil Russland eine Atommacht ist und man keinen Atomkrieg riskieren darf, sollte die Ukraine besser aufgeben. Doch dieses Argument ist konstruiert. Denn wir können davon ausgehen, dass sie das nicht sagen würden, wären die USA der Aggressor in einem solchen Konflikt.
Würden beispielsweise die USA Mexiko überfallen und diesem Land das Existenzrecht absprechen, würden sie nicht sagen, Mexiko solle aufgeben, um keinen Atomkrieg zu riskieren.
Natürlich ist das spekulativ, es ist aber auch bekannt, Wagenknecht, Weidel, Lafontaine und andere Russlandfreunde lehnen die USA in dem Maße ab, wie sie Russland, den Hauptgegner der offenen und freien Welt, mögen. Deswegen ist die Vermutung nicht abwegig, sie würden in einem solchen Fall sagen: „Das darf man den USA nicht durchgehen lassen. Deshalb müssen wir Mexiko dauerhaft unterstützen, selbst wenn wir damit einen Atomkrieg riskieren.“
Anmerkung: Doch das hat sich, da Donald Trump jetzt erneut zum Präsidenten der USA gewählt wurde, evtl. geändert. Denn viele Putin-Sympathisanten sind auch Trump-Sympathisanten und befürworten deshalb alles, was dieser Mann tut.
Zweitens: Der Westen als Kriegstreiber
Sie sind gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, aber nicht gegen Waffenlieferungen an Russland.
Putin- und Russland-Sympathisanten sagen natürlich nicht, die Waffenlieferungen an Russland sind gerecht und sollten deshalb weitergehen. Sie sprechen sich aber nicht dagegen aus, so wie sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen.
Die Länder, die die Ukraine zur Verteidigung mit Waffenlieferungen unterstützen, werden von Sahra Wagenknecht, Alice Weidel und anderen Putin-Sympathisanten als Kriegstreiber bezeichnet. Doch es ist zynisch, jemanden, der einem Angegriffenen hilft, sich zu wehren, als Kriegstreiber zu bezeichnen.
Kriegstreiber kann stets nur der sein, der den Krieg begonnen hat und aufrecht hält. Und ich bin sicher, Wagenknecht und Weidel wissen das auch. Wenn Russland ein Land überfällt, schein diese Regel für sie jedoch nicht zu gelten. Außerdem:
Warum bezeichnen sie nicht auch China, Nordkorea und den Iran als Kriegstreiber? Denn diese Länder liefern Waffen und Kriegstechnik an Russland, die es Putin erst möglich machen, diesen Krieg so lange führen zu können. Ohne diese Unterstützung wäre er vielleicht schon beendet.
Drittens: Vertrauensbruch der NATO
Die NATO hat niemals gesagt: „Sollte Russland seine Nachbarländer angreifen oder bedrohen, sodass diese dann bei uns um Schutz in Form einer Mitgliedschaft anfragen, werden wir wegschauen und sagen, das geht uns nichts an.“ Putin und seine Sympathisanten tun aber so, als hätte sie das oder etwas Sinngemäßes gesagt. Doch die NATO hat nur gesagt, sich nicht aus expansionistischen Gründen im Osten auszuweiten – und das hat sie auch nicht getan und hat es auch nicht vor.
Durch seinen Angriff auf die Ukraine hat Putin die Ukraine, Schweden und Finnland genötigt oder auch gezwungen, die NATO um einen Beitritt zu bitten. Wie gesagt: Diese Länder haben einfach nur Angst vor Russland. Das ist der einzige Grund für ihr Mitgliedsgesuche bei der NATO.
Deshalb könnte man beinahe denken, Putin hätte bewusst seine Nachbarländer provoziert, damit diese die NATO um Schutz bitten und er ihr dann Wortbruch vorwerfen kann.
Viertens: Russland als Deutschland-Befreier
Manche Putin-Sympathisanten sagen, man sollte es Russland (quasi aus Dankbarkeit) „erlauben“, sich die Ukraine und andere seiner Nachbarländer einzuverleiben, da Russland 1945 Deutschland vom Faschismus befreit hat. Doch Russland hat Deutschland weder befreit, noch hat es jemals den Faschismus bekämpft.
Dass Russland zur Befreiung Deutschlands beigetragen hat, war keine Absicht Stalins/Russlands, sondern nur ein Nebeneffekt des erfolgreichen Abwehrkampfs des deutschen Überfalls. Hätte Hitler-Deutschland Russland also nicht angegriffen, hätte Russland auch keinen Angriff abwehren müssen und dann auch kein deutsches Territorium erobert.
Nur wenn Stalin gesagt hätte: „In Deutschland ist eine faschistische Regierung an der Macht. Das ist nicht gut für Deutschland. Deshalb müssen wir gegen Deutschland in den Krieg ziehen und es vom Nationalsozialismus befreien.“, könnte man behaupten: „Russland hat Deutschland vom Nationalsozialismus befreit.“
Stattdessen konnte Stalin es zunächst gar nicht glauben, dass Hitler Russland angegriffen hatte. Der deutsche Faschismus war Stalin egal. Bis dahin dachte er, in Hitler eine Art Bündnispartner oder sogar Gleichgesinnten gefunden zu haben: Hitler bekommt Westeuropa und er die Ostgebiete sowie die Hälfte Polens. Das war die unausgesprochene Abmachung zwischen diesen beiden Diktatoren.
In Wirklichkeit war es Stalin vollkommen egal, dass in Deutschland eine Diktatur herrschte, denn in Russland herrschte ebenfalls eine. Hätte Deutschland Russland also nicht angegriffen, hätte Russland keinen Grund gehabt, gegen Deutschland vorzugehen und auch keinen Beitrag zur Befreiung Deutschlands geleistet.
Friedensappelle der Russlandfreunde
Auf dem Wahlplakat der Partei „Die Basis“ stand: „Wie viele Tote braucht der Frieden?“ Dieser Spruch suggeriert, es wäre besser, die Ukraine kapituliert, damit niemand mehr sterben muss.
Auch Sahra Wagenknecht argumentiert so. Ebenfalls Eugen Drewermann, der früher einmal als fortschrittlicher Theologe galt, jetzt aber nur noch verbittert ist, an weltweite Verschwörungen glaubt (wie beispielsweise die Corona-Lüge und den Great Reset) und Verständnis für pädophile Kleriker hat. Er macht den „Westen“ und die NATO für den Ukraine-Krieg verantwortlich. Oskar Lafontaine meint sogar, die USA hätten diesen Krieg schon vor Jahrzehnten geplant.
Des Weiteren Margot Käßmann, die von ihrem Karriere-Knick wohl doch mehr frustriert ist, als sie es in der Öffentlichkeit zeigen kann, Alice Schwarzer, die nicht die Aufmerksamkeit bekommt, von der sie denkt, sie würde ihr zusteht, Reichsbürger und natürlich auch viele AfD‑, Links-Partei- und BSW-Wähler.
Sie reden von Frieden, doch ginge es ihnen tatsächlich darum, würden sie Putin mit Tausenden Briefen überschütten, und ihn auffordern, diesen Krieg zu beenden. Stattdessen sind sie dagegen, dass der Ukraine geholfen wird, sich gegen Russlands Angriffe zu wehren. Sahra Wagenknecht sagt:
Beide Kriegsparteien müssen den Krieg beenden, damit Frieden herrscht.
Doch in Wirklichkeit muss das nur eine: Die, die den Krieg begonnen hat! Würde Putin seine Truppen also abziehen und alle Kampfhandlungen einstellen, gäbe es für die Ukraine auf der Stelle nichts mehr, das es abzuwehren gilt. Der Krieg wäre sofort vorbei und es würde Frieden herrschen.
Doch würde die Ukraine das tun, würde der Krieg weitergehen. Oder denkt Wagenknecht etwa, Putin würde seine Kampfhandlungen einstellen, nur weil die Ukraine aufhört, sich zu wehren?
Und auch Dieter Hallervorden, der einst als Kabarettist mit wachem und spitzem Verstand galt, wirft Deutschland Kriegspolitik vor. Doch alles, was Deutschland tut ist: Es hilft einem befreundeten Land, sich gegen einen ungerechtfertigten Angriff zu wehren. Wer das als Kriegstreiberei bezeichnet, hat nicht verstanden, was Frieden meint.
Nur keine toten Russen mehr
Würde die Ukraine kapitulieren, würden das mit Sicherheit nicht bedeuten, dass niemand mehr stirbt: Es würden nur keine Russen mehr sterben. Gewalthandlungen der russischen Soldaten an der ukrainischen Bevölkerung würden sprunghaft zunehmen, denn die russischen Soldaten hätten selbstverständlich das starke Bedürfnis, sich für den massiven ukrainischen Widerstand zu rächen, durch den viele russische Soldaten gestorben sind.
Und es ist bekannt, dass in der russischen Armee ein extrem raues und hartes Klima herrscht. Als russischer Soldat hat man es nicht leicht. Die Gewalt, die im Inneren der russischen Arme herrscht, findet natürlich auch im Verhalten der Soldaten gegenüber der ukrainischen Zivilbevölkerung ihren Ausdruck.
Würde die Ukraine also kapitulieren, würden das den Tod vieler ukrainischer Zivilisten bedeuten. Man würde foltern, Frauen vergewaltigen und noch mehr Kinder entführen. Das haben die russischen Soldaten bereits seit Beginn ihres Überfalls getan und es gibt keinen Grund zu glauben, sie würden damit aufhören, nur weil die Ukraine sich ergibt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die oben genannten Personen und Gruppierungen das nicht wissen.
Zynismus und Lebensfrust
Wenn also gefordert wird, die Ukraine sollte sich besser ergeben, damit niemand mehr stirbt, ist das reine Rhetorik und hat auch etwas Zynisches an sich. Es geht diesen Leuten gar nicht um Frieden. Ihr Lebensfrust und ihre Affinität für den Autoritarismus, dessen Aushängeschild Putin ist, sind es, die sie so denken und reden lassen.
Zwischenbemerkung:
Putin-Sympathisanten haben alle etwas gemeinsam: Sie sind vom Verlauf ihres Lebens aus unterschiedlichen Gründen stark frustriert und enttäuscht. Diesen Lebensfrust kompensieren oder sublimieren sie, indem sie äußere Feinde finden und die offene und freie Gesellschaftsform ablehnen.
Als verbitterte und autoritär denkende Menschen fällt es ihnen schwer, sich in Krisenzeiten kreativ und lebendig für die Gesellschaft einzusetzen. Hierfür fehlt ihnen die geistige Beweglichkeit. Mit ihrer Sympathie für das autoritäre Regierungsprinzip zeigen sie, von den Herausforderungen und Ansprüchen des 21. Jahrhunderts mental und intellektuell überfordert zu sein.
Neonazis in der Ukraine
Putin behauptet, die Ukraine auch deshalb angegriffen zu haben, weil dort angeblich Neonazis das Land regieren und die Bevölkerung misshandeln. Nazis sind Faschisten und Faschismus ist eine Gewaltherrschaft, der kommunistischen Gewaltherrschaft ähnlich. Nur in den Ideologien unterscheiden sich diese autoritären Staatsformen voneinander – nicht im Charakter.
Als 1941 Nazi-Deutschland die UdSSR überfiel, war es deshalb nicht so, dass zwei unverträgliche politische Systeme aneinandergerieten (so wie Demokratie und Diktatur). Kommunisten und Faschisten benutzen zum Machterhalt das gleiche Herrschaftsinstrument: Gewalt gegen die eigene Bevölkerung und es wird auch sehr viel gelogen, betrogen und manipuliert. Hitler-Deutschland und die UdSSR waren deshalb keine Gegner im eigentlichen Sinn, sondern nur Konkurrenten um die Vorherrschaft.
Heutzutage sind Faschismus und Kommunismus, diese Formen der Diktaturen, keine Konkurrenten mehr, sondern strategisch Verbündete. Das weiß auch Putin. Bis zur Abschaffung der Demokratie ist man bereit gemeinsame Wege zu gehen. Man erkennt das gut daran, dass Linksextremisten und Rechtsextremisten heute gemeinsam an Demonstrationen teilnehmen, obwohl sie ideologisch doch diametral miteinander verfeindet sind – sein sollten.
Beide lehnen die Demokratie ab und haben die gleichen Interessen und Ambitionen (die Herrschaft über das Volk mittels Gewalt). Mit ihrer Politik wollen sie die individuelle Freiheit der Menschen einschränken, weil sie selbst damit nichts anfangen können. Nur in ihrem ideologischen Unterbau unterscheiden sich voneinander – nicht in dem, was sie tun.
Außerdem: Würden Neonazis die Ukraine beherrschen, wäre das für Putin nur von Vorteil, denn der Nationalsozialismus und Putins autokratische Regierungsform sind wesensverwandt. Eine faschistische Ukraine wär also ein willkommener Partner für Putin.
Neonazis in Russland
Putin begründet, wie gesagt, seinen Krieg gegen die Ukraine mit der Tatsache, dass es dort Neonazis gibt. Doch in fast allen Ländern der Welt gibt es heutzutage Neonazis. Selbst in Israel gibt es inzwischen jüdische Neonazis und selbstverständlich auch in Russland. Ginge es ihm also tatsächlich um die Bekämpfung von Neonazis, würde er logischerweise zunächst gegen die im eigenen Land vorgehen. Doch gegen diese hat Putin nichts. Sind russische Neonazis denn etwas Gutes (etwa, weil sie ihm nützlich sein können)?
Keine Lust, Teil einer demokratischen, offenen und freien Welt zu sein
Putin meint, im 21. Jahrhundert in Europa einen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland führen zu dürfen, so als hätte sich die Welt seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts nicht verändert. Doch diese Welt gibt es schon längst nicht mehr.
Russland in Gestalt von Putin will nicht wahrhaben, dass es die Welt und damit den Geist des mittleren 20. Jahrhunderts, das ihn mental geprägt hat, nicht mehr gibt. Er denkt, er hätte das traditionale Recht, seine Nachbarländer als Russlands Einflussbereich zu verstehen und nach belieben über sie verfügen zu können. Dass man ihm dieses Recht nicht zugesteht, verübelt er der westlichen Welt.
Von 50 Jahren hätte die Weltgemeinschaft Russland den Überfall auf ein europäisches Nachbarland wahrscheinlich noch durchgehen lassen. Doch wir leben heute in einer anderen Welt, in der ein solches imperialistisches Verhalten in Europa nicht mehr geduldet werden kann. Wäre Putin ein Mensch des 21. Jahrhunderts, wüsste er das.
Russland muss aufhören, eine Bedrohung für seine Nachbarländer zu sein
Die europäische Welt im 21. Jahrhundert kann keine mehr sein, in der sich ein Land einfach ein Nachbarland einverleibt. Das war vor 100 Jahren vielleicht noch üblich und wurde von anderen Ländern toleriert, solange diese selbst darunter nicht zu leiden hatten.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Putin hat jedoch nicht verstanden, dass es die Welt von damals nicht mehr gibt. Er wird immer noch vom Geist des Kalten Krieges beherrscht. Deswegen kann die demokratische Weltgemeinschaft es nicht zulassen, was er gerade tut.
Als Putin 2001 im Deutschen Bundestag eine Rede hielt und den Kalte Krieg für beendet erklärte, haben alle gedacht, Russland würde sich jetzt der Welt zu öffnen und mehr Demokratie zulassen. Doch er hatte wohl eher gedacht, weiterhin eine Politik betreiben zu können, wie sie im 20. Jahrhundert üblich war – nur unbehelligt von den westlichen Staaten.
Seine Ankündigungen von damals waren also eine Lüge mit der Absicht, Deutschland (und den anderen europäischen Ländern) eine falsche Realität vorzugaukeln.
Die Lösung:
Russland muss aufhören, eine Gefahr und Bedrohung für seine Nachbarländer zu sein. Am besten wäre es, wenn er sofort seine Soldaten abzieht und die sogenannte „militärische Spezialoperation“ für gescheitert erklärt. Anschließend tritt er als Präsident zurück.
Das wäre natürlich sein politisches Ende, doch es könnte der Start für ein modernes und zukunftsorientiertes Russland sein. Und wenn ihm Russland am Herzen läge, würde er seine Karriere auch gerne dafür opfern. Anschließend sollte Russlands neue Regierung diplomatische Beziehungen zum „Westen“ anstreben und versuchen, den entstanden Schaden zu reparieren.
Das wird höchstwahrscheinlich nicht passieren – trotzdem würde es funktionieren. Doch so wie es aussieht, interessiert sich Putin nicht für Russland, sondern nur für sich selbst.
Putins Politik
Wenn sich Russland in Gestalt von Putin gedemütigt oder ungerecht behandelt fühlt (Richard David Precht hat es sinngemäß so gesagt), liegt das nicht an einer ungerechten Behandlung vom Westen und der NATO. Russland hat sich durch sein aggressives Verhalten lediglich isoliert und so gezeigt, kein Teil einer freien, offenen und modernen Welt sein zu wollen.
Putin führte Krieg gegen Tschetschenien, Abchasien, Südossetien und Georgien. Er bedroht allgemein seine Nachbarstaaten und lässt oppositionelle Politiker und kritische Journalisten töten. Er half Syriens Diktator Assad, das syrische Volk zu bekämpfen. Und jetzt gibt er diesem Mann Asyl, damit dieser sich nicht für seine Verbrechen verantworten muss. Das macht Putin vor der Weltöffentlichkeit. Seine Fans stört das nicht.
1999 verübten FSB-Agenten in seinem Auftrag mehrere Sprengstoffanschläge auf russische Wohnhäuser. Den letzten konnte man nicht beenden, da man dabei erwischen wurde – wodurch das ganze aufflog. Durch diese Anschläge starben fast 400 Russen. Putin schob diese Anschläge tschetschenischen Separatisten in die Schuhe, um einen Grund für einen Angriff auf Tschetschenien zu haben. Jeder weiß inzwischen, dass das eine Lüge war. Genau wie Stalin sind also auch ihm die russischen Bürger völlig egal.
Dass Länder wie Estland, Lettland und Litauen der NATO beigetreten sind, hat Putin durch sein Drohverhalten gegen diese Länder selbst verschuldet. Hätte sich Russland als freundlicher und friedlicher Nachbar gezeigt, hätten diese Länder keinen Grund gehabt, der NATO beizutreten und es auch nicht getan.
Verständnis für Putins Aggressivität
Wie ist es möglich, dass Putins Sympathisanten, die sich als Demokraten ausgeben, Putin sein demokratie- und friedensfeindliches Verhalten nicht übel nehmen? Schließlich lässt er keine Kriminellen oder Terroristen umbringen oder wegsperren.
Und die Kriege, die er führt, sind keine Verteidigungskriege. Die Leute, die er umbringen oder wegsperren lässt, haben letztendlich nur seine Politik kritisiert. Sie fordern mehr Demokratie in Russland – das ist ihr ganzes „Verbrechen“. Dass manche Leute ihm das nicht übel nehmen, kann deshalb nur einen Grund haben: Sie sind in Wirklichkeit gar keine Demokraten. Sie bezeichnen sich aus taktischen Gründen nur so!
Das Märchen von der Gegnerschaft zwischen Russland und dem Westen
Putin versteht die NATO bzw. den Westen als Gegenspieler, aber das müsste nicht sein. Russland hätte die Möglichkeit, sich dem westlichen Standard anzupassen und auch ein offenes, demokratisches und freies Land zu werden. Aber das will Putin nicht bzw. die russischen sozial-politischen Strukturen lassen eine Demokratisierung nicht zu.
Die sog. Putinversteher solidarisieren sich mit ihm, weil Russland angeblich von der westlichen Welt, der NATO, der UNO und der EU gedemütigt, provoziert und betrogen wurde. Doch wie kommen sie darauf? Was hat der „Westen“ denn schon verwerfliches getan? Weder hat Westeuropa Russland demütigend oder zu irgendetwas provozierend. Russland greift ein freies uns souverenes Land an und andere frei und souveräne Lände helfen diesem Land sich zu verteidigen.
Kein Interesse an einem modernen Russland
Warum ist Putin nicht an einem modernen Russland interessiert, das gleichberechtigt neben den anderen Staaten existiert? Er könnte es möglich machen. Wahrscheinlich liegt es an dem freiheitlichen und offenen Charakter der westeuropäischen Staaten. Und von Offenheit und Freiheit fühlt sich Putin bedroht, denn beides gefährdet seine uneingeschränkte Macht.
Mehr wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen war ihm willkommen, doch mehr Offenheit und einen kultivierteren Umgang mit Russlands Nachbarvölkern und der eigenen Bevölkerung lehnt er ab.
Anfällig für Verschwörungstheorien
Die Leute, die Verständnis für Putins Verhalten haben, leiden alle mehr oder weniger unter fundamentalem Lebensfrust. Sie leben in einer offenen und freien Gesellschaft, haben also alle Möglichkeiten, können diese jedoch nicht nutzen und sich nicht so entfalten, wie sie es gerne täten. Dieses permanente unterschwellige Gefühl der Unzufriedenheit lässt sie verbittern.
Es kann überall beobachtet werden: Dort, wo Menschen vom Verlauf ihres Lebens frustriert und enttäuscht sind, sympathisieren sie schnell mit Putin, Trump und anderen Autokraten. Das kann kein Zufall sein. Gleiches gilt für Verschwörungsgläubige. Ich nenne dieses Verhalten deshalb »Das Unzufriedenheitssyndrom«.
Putins Sympathisanten sind politisch immer am linken und rechten Rand angesiedelt. Diese Beobachtung ist interessant, denn eigentlich sollte man annehmen, dass entweder nur linkspolitisch oder nur rechtspolitisch ambitionierte Menschen auf Putins Seite stehen können.
Deshalb scheint es diesen Leuten nicht um Putins Politik selbst zu gehen. Sie mögen einfach die Demokratie und die moderne, offene Gesellschaft nicht. Deswegen sind sie „auf Putins Seite“, denn der lehnt die offene und freie Gesellschaft ebenfalls ab. Sie „trauen“ der offen und freien Gesellschaft nicht, weil sie selbst keine offenen und freien Menschen sind. Deswegen werden sie von allem angezogen, was autoritär und unfrei ist.
Letzte Änderung am 14 Sep. 2026
Super Text. Nur kleine Korrektur. Hitlerdeutschland hat die Sowjetunion am 22.06.1941 überfallen. 1939 und zwar der 01.09 der Überfall auf Polen und die durch den Hitler Stalinpakt beschlossene Aufteilung Polens zwischen diesen beiden Ländern.
Vielen Dank für den Hinweis. Habe den Fehler schon auf das richtige Jahresdatum korrigiert und auch ein paar andere Tippfehler gefunden.