Wahr­heit


Wahr­heits­ka­te­go­ri­en

Objek­ti­ve, all­ge­mei­ne Wahr­hei­ten — uni­ver­sel­le Gül­tig­keit.
Die Welt der Din­ge, For­men und Tat­sa­chen. Wir wis­sen, dass all das, was uns mate­ri­ell und ide­ell umgibt, tat­säch­lich exis­tiert, obwohl wir nicht mit abso­lu­ter Sicher­heit sagen kön­nen, ob auch auf die Art und Wei­se, wie es uns erscheint oder wir es wahr­neh­men. Doch das ist ein phi­lo­so­phi­scher Aspekt und hat in unse­rer All­tagsexis­tenz kei­ne Bedeu­tung.
 
Sub­jek­ti­ve, rela­ti­ve Wahr­hei­ten — per­sön­li­che Gül­tig­keit
Die Welt der Geschmä­cker, Mei­nun­gen, Inter­pre­ta­tio­nen und indi­vi­du­el­len Wahr­neh­mun­gen. Es ist wahr, dass uns eine bestimm­te Spei­se schmeckt, ein bestimm­tes Buch gefällt oder ein bestimm­tes Geräusch stört. Doch das kann sich ändern und gilt nicht für jeden. Das, was uns heu­te gefällt, kön­nen wir mor­gen has­sen und umge­kehrt. Was heu­te wahr ist, kann mor­gen falsch sein.
 
Unschar­fe Wahr­hei­ten — vir­tu­el­le Gül­tig­keit.
Die Welt der Theo­ri­en, Ver­mu­tun­gen und Über­zeu­gun­gen. Wir glau­ben an etwas und hal­ten es für wahr. Die­se ver­mu­te­ten, geglaub­ten oder gefühl­ten Wahr­hei­ten exis­tie­ren allei­ne in unse­rer Vor­stel­lung. Ob sie tat­säch­lich Wahr­hei­ten sind, wis­sen wir nicht — wir glau­ben es nur. Eini­ge wer­den wahr sein, ande­re nicht. Unser Glau­be ist kein Indi­ka­tor für Wahr­haf­tig­keit, obwohl wir das oft den­ken.
 
For­mel­le Wahr­hei­ten — sug­ges­ti­ve Gül­tig­keit.
Die Welt der Täu­schun­gen, Lügen und offi­zi­el­len Wahr­hei­ten. Wir wis­sen manch­mal, dass etwas unwahr ist, trotz­dem behan­deln wir es als wahr. Wir wis­sen viel­leicht, unser Part­ner ist untreu, tun aber so, als wüss­ten wir es nicht. Wir wis­sen, unse­re Poli­ti­ker sagen aus diplo­ma­ti­schen oder tak­ti­schen Grün­den die Unwahr­heit, akzep­tie­ren es aber. Wir lügen einen Freund an, um ihn vor einer unan­ge­neh­men Wahr­heit zu schüt­zen. Unser Leben ist mit for­mel­len Wahr­hei­ten (indi­rek­ten Lügen) durch­wach­sen und ver­floch­ten, was nicht sel­ten die Vor­aus­set­zung für ein rei­bungs­lo­ses Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaf­ten ist.

Rela­ti­ve Wahr­hei­ten

“Alle Wahr­hei­ten sich rela­tiv, bis auf die, dass alle Wahr­hei­ten rela­tiv sind”, ist ein lus­ti­ger Spruch — mehr aller­dings nicht.

Denn vie­le ande­re Wahr­hei­ten sind eben­falls nicht rela­tiv. Bei­spiels­wei­se ist die Aus­sa­ge, »es ist abso­lut wahr, dass es mich gibt«, nicht rela­tiv.

Es ist nur dann sinn­voll, von Wahr­heit spre­chen, wenn auch die Mög­lich­keit zur Unwahr­heit besteht. Der Satz „Es ist wahr, dass es mich gibt“, ist zwar wahr, doch er ist einer Tau­to­lo­gie ähn­lich und des­we­gen ten­den­zi­ell unsin­nig oder über­flüs­sig. Denn um ihn aus­spre­chen zu kön­nen, muss es mich geben.

Hin­ge­gen ist der Satz: „Es reg­net oder es reg­net nicht“, nicht wirk­lich tau­to­lo­gisch. Denn wo soll exakt die Gren­ze zwi­schen Regen und Nicht-Regen gezo­gen wer­den, sodass man sagen kann: “Jetzt reg­net es” oder “jetzt reg­net es nicht?” Wenn die Luft feucht genug ist, sodass sich mikro­sko­pi­sche Tröpf­chen bil­den kön­nen, die aber noch nicht schwer genug sind, um bei­spiels­wei­se als Nie­sel­re­gen nie­der­zu­ge­hen, reg­net es noch nicht. Irgend­wo muss es aber eine Grau­zo­ne geben, auch wenn sie sehr schmal ist, in der man nicht sicher sagen kann, ob es bereits reg­net, oder nicht. Eine sol­che Zone gibt es bei dem Satz „Es ist wahr, dass es mich gibt“ nicht.

Vie­le unse­rer tat­säch­li­chen objek­ti­ven Wahr­hei­ten kön­nen wir anzwei­feln — aus phi­lo­so­phi­scher Sicht sogar fast alle. Außer ein paar grund­sätz­li­chen Sachen gibt es kaum etwas, was defi­ni­tiv beweis­bar ist und des­halb den Cha­rak­ter einer objek­ti­ven Wahr­heit hat. Zum Bei­spiel ist die Exis­tenz mei­nes Schreib­tischs vor mir eine objek­ti­ve Tat­sa­che — genau wie all die ande­ren Objek­te, die in der Welt »objek­tiv«, also gegen­ständ­lich sind. Doch ob es all die­se Din­ge auch in der Art gibt, auf der wir sie wahr­neh­men, sie uns erschei­nen, kön­nen wir nicht bewei­sen. „Theo­re­tisch“ könn­te die objek­ti­ve Welt Teil eines gro­ßen Traums sein und nur vir­tu­ell exis­tie­ren.

Dass vir­tu­el­le Wel­ten mög­lich sind, bewei­sen unse­re nächt­li­chen Träu­me. Dort befin­den wir uns in einer von unse­rem Gehirn erzeug­ten vir­tu­el­len Welt.

Unse­re eige­ne Exis­tenz ist die ein­zi­ge Tat­sa­che, die für uns unum­stöß­lich wahr ist. Denn es macht kei­nen Sinn zu sagen: „Viel­leicht bil­de ich mir mei­ne Exis­tenz nur ein.“ Damit ich mir etwas ein­bil­den kann, muss es mich geben. Das ist der defi­ni­ti­ve Beweis für mei­ne Exis­tenz — selbst wenn mei­ne Exis­tenz­form die eines träu­men­den Geist sein soll­te.

Rein theo­re­tisch — aus solip­sis­ti­scher Sicht — könn­te es nur uns (also den Ein­zel­nen) geben und wir „träu­men“ die ande­ren Men­schen, die Welt und das Uni­ver­sum nur. Alles, was es gibt — außer uns selbst — könn­te also eine Illu­si­on sein, denn das Gegen­teil ist defi­ni­tiv nicht zu bewei­sen.

Natür­lich ist das nur eine phi­lo­so­phi­sche Spie­le­rei. Trotz­dem wäre es theo­re­tisch mög­lich, denn das Gegen­teil ist defi­ni­tiv nicht beweis­bar. Und aus die­sem Grund ist die solip­sis­ti­sche Idee bis heu­te noch leben­dig. In unse­rem rea­len All­tags­le­ben besitzt sie jedoch kei­ne Rele­vanz, denn sie hat kei­nen prak­ti­schen Nut­zen. Wenn wir uns also fra­gen, was wahr und falsch ist, soll­ten wir uns auf das kon­zen­trie­ren, was für unser Leben Bedeu­tung hat.

Wahr ist, was wir für wahr hal­ten

Die Wahr­heit ist rela­tiv, heißt es bekannt­lich. Was für den einen wahr ist, kann für den ande­ren falsch sein. Es ist bei­spiels­wei­se wahr, dass dem einen Spi­nat schmeckt und dem ande­ren nicht. Wahr ist also, Spi­nat schmeckt und es ist auch wahr, dass er es nicht tut. Dabei han­delt es sich um per­sön­li­che Wahr­hei­ten — sie sind sub­jek­tiv. Die Aus­sa­ge »Spi­nat schmeckt« ist dem­nach »wahr und falsch« oder auch »weder wahr noch falsch«!

Doch wenn wir uns auf Wahr­heit beru­fen, sie als Indi­ka­tor zitie­ren, han­delt es sich in den meis­ten Fäl­len um sub­jek­ti­ve Wahr­heit. Das ist uns sel­ten bewusst. Denn unse­re per­sön­li­chen Asso­zia­tio­nen und Erfah­run­gen sind für uns objek­tiv, eben weil sie unse­re sind. Und da wir für ande­res meis­tens kei­nen Blick haben, unter­stel­len wir unse­ren Mit­men­schen manch­mal Rea­li­täts­blind­heit, wenn die­se unse­re Wahr­neh­mun­gen nicht tei­len. Denn unse­re per­sön­li­che Rea­li­tät emp­fin­den wir aus unse­rer sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve als nor­mal.

Als The­is­ten ist für uns die Exis­tenz Got­tes eine objek­ti­ve Wahr­heit. Wir haben zwar kei­ne Bewei­se, sind aber so sehr vom Schöp­fer­gott­kon­zept fas­zi­niert, dass wir es für wahr hal­ten und kei­ne Bewei­se benö­ti­gen. Unser Glau­be fun­giert als Beweis.

Wenn wir sagen: Wahr­heit ist rela­tiv, bedeu­tet das eigent­lich: Unse­re Geschmä­cker, Emp­fin­dun­gen oder Inter­pre­ta­tio­nen sind von Indi­vi­du­um zu Indi­vi­du­um unter­schied­lich.

Miss­brauch des Aus­drucks Wahr­heit

Auch wenn wir viel und oft von Wahr­heit reden: Eigent­lich inter­es­siert sie uns nicht wirk­lich. Das tut sie nur, wenn sie uns einen Vor­teil bie­tet. Dann machen wir auf sie auf­merk­sam und spie­len den Wahr­heits­lie­ben­den und nut­zen sie zur Durch­set­zung unse­rer Inter­es­sen. Bedeu­tet sie einen Nach­teil, igno­rie­ren, leug­nen oder rela­ti­vie­ren wir sie ein­fach. Des­we­gen ist der oft und gern zitier­te Satz von der Rela­ti­vi­tät der Wahr­heit so beliebt. Eigent­lich soll­te klar sein, dass — wenn von Wahr­heit gespro­chen wird — es um Tat­sa­chen geht. Doch die unse­re Welt bestim­men­den Tat­sa­chen besit­zen oft unan­ge­neh­me Aspek­te, denen wir ger­ne aus dem Weg gehen. Des­halb ist für uns oft nur das wahr, was unse­re Sicht­wei­se bestä­tigt und nütz­lich für uns ist. Die­ses Ver­hal­ten ist ver­ständ­lich, denn nie­mand mag unan­ge­neh­me Din­ge.

Eine ande­re, auf­fäl­li­ge Beob­ach­tung: Dort, wo pla­ka­tiv von Wahr­heit gespro­chen wird, fin­det man sie in der Regel am wenigs­ten. Da, wo Wahr­heit drauf­steht, ist meis­tens das Gegen­teil drin. Da, wo man sich brüs­tet, die Wahr­heit zu ken­nen, inter­es­siert man sich in Wirk­lich­keit nur wenig bis gar nicht für sie.

Denn wir miss­brau­chen das Wort Wahr­heit oft, um unse­ren Behaup­tun­gen und unse­rem Glau­ben mehr Über­zeu­gungs­kraft zu ver­lei­hen. Ein Trick, mit dem wir ande­re — aber auch uns selbst — qua­si hyp­no­ti­sie­ren wol­len. Doch wer die Wahr­heit kennt, hat es nicht nötig, expli­zit dar­auf hin­zu­wei­sen. “Wah­re Wahr­hei­ten” spre­chen oft für sich selbst, auf­grund tat­säch­lich erkenn­ba­rer, nach­weis­ba­rer und nach­voll­zieh­ba­rer Fak­ten. Wenn extra betont wird — beson­ders mit einer auf­dring­li­chen Rhe­to­rik — dass etwas wahr ist, ist an die­ser Wahr­heit meis­tens etwas faul.

Wer schön ist, hat es nicht nötig dar­auf hin­zu­wei­sen. Wer reich ist, hat es nicht nötig davon zu spre­chen. Wer intel­li­gent ist, hat es nicht nötig damit anzu­ge­ben. Und wer die Wahr­heit kennt, hat all das eben­falls nicht nötig.

Sind wir tat­säch­lich an Wahr­heit inter­es­siert, wis­sen wir, dass sie nicht deut­li­cher wird, wenn wir stän­dig von ihr spre­chen. Natür­lich gibt es von die­ser Regel Aus­nah­men. Wer sehr eitel ist, redet viel­leicht oft von sei­ner Schön­heit oder sei­ner Intel­li­genz und nervt — ohne es zu wol­len und zu mer­ken — damit sei­ne Mit­men­schen. Wer aller­dings pla­ka­tiv mit der eige­nen Wahr­heits­lie­be angibt (wie bei­spiels­wei­se die Trut­her) soll­te die­sen Anspruch mit der Dar­le­gung von Tat­sa­chen oder Bewei­sen unter­mau­ern — andern­falls wird er nicht ernst genom­men und wirkt nur lächer­lich.