Ein­fach­heit


Ein­fach­heit ist zwar kein Garant für Wahr­heit und Rich­tig­keit, doch sie kann Über­sicht­lich­keit und Klar­heit erzeu­gen.

Feh­ler­haf­te Ele­men­te in einem Sys­tem oder einer Struk­tur kön­nen bes­ser erkannt wer­den, wenn sie ein­fach und klar kon­stru­iert sind. Eine For­mel aus Dut­zen­den Varia­blen und Ter­men ist feh­ler­an­fäl­li­ger als eine mit weni­gen. Das gilt für alles, was in einem zeit­li­chen Pro­zess funk­tio­nie­ren muss, bei­spiels­wei­se Maschi­nen, Gerä­te, Com­pu­ter­pro­gram­me oder die Regeln des sozia­len Zusam­men­le­bens.

Wenn wir wol­len, dass unse­re Sys­te­me, Struk­tu­ren, Leh­ren und Metho­den funk­tio­nie­ren, soll­ten wir sie also mög­lichst ein­fach gestal­ten. Da sich dass jedoch nicht immer rea­li­sie­ren lässt, haben wir ler­nen müs­sen, die unkal­ku­lier­ba­ren Risi­ken des Lebens zu akzep­tie­ren. Und solan­ge unse­re tech­no­lo­gi­sche Welt im Gro­ßen und Gan­zen recht gut funk­tio­niert, stö­ren wir uns nicht dar­an, dass unse­re heim­li­che Lie­be zum Kom­pli­zier­ten in vie­len Fäl­len der wirk­li­che Grund für unse­re sozi­al-zivi­li­sa­to­ri­schen Kata­stro­phen ist.

Man­che Lebens­be­rei­che, beson­ders die sozia­len, gestal­ten wir absicht­lich kom­pli­ziert.

Wir mögen künst­lich auf­ge­bausch­te Kom­ple­xi­tät, denn wenn wir sie beherr­schen, kön­nen wir zu uns dazu beglück­wün­schen. Wir erschaf­fen unbe­wusst kom­ple­xe Struk­tu­ren, um sie anschlie­ßend beherr­schen zu kön­nen. Das klingt ziem­lich ver­rückt und wahr­schein­lich ist es das auch. Der Grund für die­se selt­sa­me “Stra­te­gie”: Es geht uns in Wirk­lich­keit gar nicht dar­um, etwas zu kön­nen oder zu sein, son­dern nur dar­um, dass ande­re und wir selbst die­sen Ein­druck haben.

Vie­le unse­rer Pro­ble­me bekom­men wir nur des­halb nicht in den Griff, weil sie in unnö­ti­gen Struk­tu­ren und Ritua­len ein­ge­bet­tet sind. Die Lösung eines Pro­blems könn­te näm­lich unser Ver­hal­ten selbst als Teil des Pro­blems auf­zei­gen, und da wir uns nicht ändern wol­len, schaf­fen wir Irr­gär­ten und Phan­to­me. Anstatt dass wir uns mit einem even­tu­ell leicht zu behe­ben­den Miss­stand aus­ein­an­der­zu­set­zen, rela­ti­vie­ren wir ihn, suchen und kon­stru­ie­ren Bedin­gun­gen, die es uns erlau­ben, sagen zu kön­nen: „So ein­fach ist es nicht!“ So gehen wir unan­ge­neh­men Erkennt­nis­sen oder Auf­ga­ben aus dem Weg.

Offen­heit för­dert Ein­fach­heit

Ein ande­rer Aspekt, aus dem Ein­fach­heit oft dis­kre­di­tiert wird: Sie ist ver­pönt, weil sie mit Sim­pli­zi­tät oder Stu­pi­di­tät gleich­ge­setzt oder ver­wech­selt wird. Auch des­halb pfle­gen wir unse­re künst­lich kom­pli­zier­ten Sys­te­me und Vor­stel­lun­gen und weh­ren uns gegen Ver­ein­fa­chun­gen. Die Natur ver­wirk­licht immer den ein­fachs­ten oder direk­tes­ten Lösungs­weg — wir nicht.

Ein­fach­heit macht es leich­ter, Zusam­men­hän­ge zu erken­nen. Sie kann hel­fen, ver­bor­ge­nen Gefüh­len und Emo­tio­nen auf­zu­zei­gen, denn die Natur unse­res See­len­le­bens ist meis­ten eher ein­fach: Wir haben Angst, schä­men uns, sind unehr­lich oder ver­heim­li­chen roman­ti­sche Gefüh­le. Doch das woll­ten wir uns nicht ein­ge­ste­hen.

Ein­fach­heit und Offen­heit sind sen­si­ble Zustän­de, denn sobald wir ein­fach und offen sind, kön­nen wir ange­grif­fen wer­den. Aller­dings ist das nur bedingt der Fall. Es stimmt zwar: Öff­nen wir uns, kön­nen wir see­lisch und geis­tig ver­letzt wer­den. Doch das ist nur mög­lich, weil wir nicht genau wis­sen, was in uns ver­letzt wird und war­um. Ken­nen und ver­ste­hen wir unse­re Schwach­stel­len, unse­re „Emp­find­lich­kei­ten“, kön­nen wir uns gegen men­ta­le Angrif­fe immu­ni­sie­ren, bezie­hungs­wei­se ver­hin­dern, dass wir dar­un­ter lei­den und uns wie­der ver­schlie­ßen. Des­halb müs­sen wir zuerst uns selbst bes­ser ver­ste­hen ler­nen, um ein­fa­cher und offe­ner wer­den zu kön­nen.

Doch dar­an sind wir nicht inter­es­siert. Wir den­ken, dass eine Erfor­schung unse­res Innen­le­bens nicht nötig ist, denn wir hal­ten die Vor­stel­lung, uns selbst nicht rich­tig zu ken­nen, für Blöd­sinn. Wenn wir eins gut ken­nen, dann doch uns selbst — den­ken wir. An die­sem Punkt irren wir uns: Wir wis­sen zwar was wir mögen, ableh­nen, kön­nen oder nicht kön­nen, war­um wir die­se Abnei­gun­gen und Vor­lie­ben haben, wis­sen wir hin­ge­gen nicht. Fin­den wir die Ursa­chen für unse­re Vor­lie­ben und Ängs­te her­aus, erfah­ren wir auch etwas über uns selbst und ver­ste­hen bes­ser, war­um wir uns in bestimm­ten Situa­tio­nen so ver­hal­ten, wie wir es tun. Die­sem Wis­sen gehen wir bewusst oder unbe­wusst aus dem Weg, unter ande­rem durch künst­lich erzeug­te Kom­ple­xi­tät.

Unse­re Vor­lie­ben, Unfä­hig­kei­ten, Abnei­gun­gen und Fähig­kei­ten sind nicht zufäl­lig. Sie sagen etwas über unse­re inne­re Beschaf­fen­heit aus, die uns selbst unbe­kannt ist, unser Den­ken und Han­deln jedoch mit­be­stimmt.

Ken­nen wir die Grün­de für unse­re Dis­po­si­tio­nen und Nei­gun­gen, kön­nen wir bes­ser mit ihnen umge­hen und sie beherr­schen ler­nen. Das hilft uns zu ent­span­nen und macht uns emp­fäng­li­cher, offe­ner für neue, wei­ter­füh­ren­de Impul­se, die wir drin­gend brau­chen.

Absicht­lich kom­pli­zier­te Struk­tu­ren

Eine chaotische Struktur aus bunten Linien und Flächen, wie eine unübersichtliche Landschaft.Wir soll­ten danach stre­ben, mög­lichst vie­le Vor­gän­ge so ein­fach wie mög­lich zu gestal­ten. In Tech­nik, Mathe­ma­tik, Archi­tek­tur usw. tun wir das bereits. Wir wis­sen, kom­ple­xe Sys­te­me sind anfäl­li­ger als ein­fa­che. Des­we­gen suchen wir in Tech­nik und Wis­sen­schaft nach den ein­fachs­ten Lösun­gen (was nicht heißt, dass wir sie immer fin­den), denn die­se sind sta­bi­ler, weni­ger feh­ler­an­fäl­lig und bes­ser hand­hab­bar — sie funk­tio­nie­ren ein­fach bes­ser.

Bei unse­ren sozia­len Sys­te­men, der Fami­lie, dem Freun­des- und Bekann­ten­kreis, ist das jedoch anders: Das Prin­zip der Ein­fach­heit gilt auch hier, doch Ein­fach­heit in sozia­len Belan­gen ist nicht immer erwünscht, denn erzeugt als Neben­ef­fekt Ein­deu­tig­keit, die wir dort nicht immer mögen. Wir wol­len unse­re per­sön­li­chen Vor­tei­le wah­ren und das geht am bes­ten, wenn die Umstän­de ver­wor­re­ner sind. Dann fällt kaum auf, dass man­ches so, wie es dar­ge­stellt oder behaup­tet wird, gar nicht stimmt.

Unser Hang zur künst­li­chen Kom­pli­ziert­heit ent­larvt uns als sozia­le und emo­tio­na­le Trick­be­trü­ger.

Wir blen­den die unan­ge­neh­men Wahr­hei­ten des Lebens aus oder for­men sie um. Das Aus­blen­den oder Weg­se­hen funk­tio­niert nur bedingt und muss stän­dig auf­recht­erhal­ten wer­den, das Umfor­men (das Ver­kom­pli­zie­ren) kann hin­ge­gen dau­er­haft sein. Letzt­end­lich geht es uns nur dar­um, so bequem wie mög­lich durchs Leben zu kom­men, uns mög­lichst vie­le Vor­tei­le zu sichern und die Unan­nehm­lich­kei­ten zur Sei­te zu schie­ben. Wie uns das gelingt, ist unwich­tig. Haupt­sa­che es funk­tio­niert. Und solan­ge wir uns selbst egal sind, wer­den wir dar­an nichts ändern.

Wir müs­sen also drin­gend ler­nen, uns mehr für uns selbst zu inter­es­sie­ren, für das, was wir tun und war­um wir es tun. Das ist schwie­rig, da wir meis­tens gar nicht wis­sen, dass unser gesam­tes Leben einer Show ähnelt, die wir für uns selbst und ande­re insze­nie­ren.

Vie­les was wir tun, fun­giert als unbe­wuss­tes Ablen­kungs­ma­nö­ver von unse­rem inne­ren Selbst, zu dem wir instink­tiv kei­nen Kon­takt wol­len. Die­ser Kon­takt wür­de im wei­te­ren Ver­lauf Ver­än­de­run­gen nach sich zie­hen, die wie­der­um die ein­ge­fah­re­ne Sta­bi­li­tät unse­res Lebens bedro­hen. Und da Bequem­lich­keit, Kon­for­mi­tät und Kon­ti­nui­tät fast alles ist, was uns inter­es­siert, öff­nen wir uns sel­ten frei­wil­lig und bewusst, las­sen wir nur dann neue Impul­se in unser Leben ein­drin­gen, wenn die Umstän­de uns dazu zwin­gen. Es fehlt uns die nöti­ge Ein­sicht, das Ver­ständ­nis für die Gesamt­zu­sam­men­hän­ge des Lebens in der Gemein­schaft. Erst mit die­sem Ver­ständ­nis wer­den wir fähig sein uns zu öff­nen und Freu­de am Neu­en fin­den. Dann brau­chen wir kei­ne kom­ple­xen Struk­tu­ren mehr, hin­ter denen wir uns ver­ste­cken kön­nen.


EIN­FA­CHES KOM­PLI­ZIERT GEMACHT: DAS ZIE­GEN­PRO­BLEM


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