Einfachheit

Einfachheit


Einfachheit kontra Komplexität

Einfachheit ist zwar kein Garant für Wahrheit und Richtigkeit, doch sie kann Übersichtlichkeit und Klarheit erzeugen. Fehlerhafte Elemente in einem System oder einer Struktur können in einfachen Strukturen besser erkannt werden. Eine Formel, die aus Dutzenden Variablen und Termen besteht, ist fehleranfälliger als eine mit wenigen. Wir sollten unsere Systeme und Mechanismen also möglichst einfach gestalten – doch das tun wir nicht immer: Manche Lebensbereiche, besonders die sozialen, gestalten wir scheinbar absichtlich kompliziert.

Wir mögen diese künstlich aufgebauschte Komplexität, denn wenn wir sie beherrschen, können wir zu uns selbst sagen: „Ich kann etwas, bin intelligent und fähig.“ Wir erschaffen unbewusst komplexe Strukturen, um sie anschließend beherrschen zu können. Das klingt ziemlich verrückt und wahrscheinlich ist es das auch. Der Grund für diese seltsame „Strategie“: Es geht uns in Wirklichkeit gar nicht darum, etwas zu können oder zu sein, sondern nur darum, dass andere diesen Eindruck haben.

Viele unserer Probleme bekommen wir nur deshalb nicht in den Griff, weil wir sie hinter unnötigen Strukturen und Ritualen verbergen. Die Lösung eines Problems könnte nämlich unser Verhalten selbst als Teil des Problems aufzeigen, und da wir uns nicht ändern wollen, schaffen wir Irrgärten und Phantome. Anstatt dass wir uns mit einem eventuell leicht zu behebenden Missstand auseinanderzusetzen, relativieren wir ihn, suchen und konstruieren Bedingungen, die es uns erlauben, sagen zu können: „So einfach ist es nicht!“ So gehen wir unangenehmen Erkenntnissen oder Aufgaben aus dem Weg.

Offenheit fördert Einfachheit

Ein anderer Aspekt, aus dem Einfachheit oft diskreditiert wird: Sie ist verpönt, weil sie mit Simplizität oder Stupidität gleichgesetzt oder verwechselt wird. Auch deshalb pflegen wir unsere künstlich komplizierten Systeme und Vorstellungen und wehren uns gegen Vereinfachungen. Die Natur verwirklicht immer den einfachsten oder direktesten Lösungsweg – wir tun das nicht.

Einfachheit macht es leichter, Zusammenhänge zu erkennen. Sie kann helfen, verborgenen Gefühlen und Emotionen aufzuzeigen, denn die Natur unseres Seelenlebens ist meisten eher einfach: Wir haben Angst, schämen uns, sind unehrlich oder verheimlichen romantische Gefühle.

Einfachheit und Offenheit sind sensible Zustände, denn sobald wir einfach und offen sind, können wir angegriffen werden. Allerdings ist das nur bedingt der Fall. Es stimmt zwar: Öffnen wir uns, können wir seelisch und geistig verletzt werden. Doch das ist nur möglich, weil wir nicht genau wissen, was in uns verletzt wird und warum. Kennen und verstehen wir unsere Schwachstellen, unsere „Empfindlichkeiten“, können wir uns gegen mentale Angriffe immunisieren, beziehungsweise verhindern, dass wir darunter leiden und uns wieder verschließen. Deshalb müssen wir zuerst uns selbst besser verstehen lernen, um einfacher und offener werden zu können.
Doch leider sind wir daran nicht wirklich interessiert. Wir denken, dass eine Erforschung unseres Innenlebens nicht nötig ist, denn wir halten die Vorstellung, uns selbst nicht richtig zu kennen, für Blödsinn. Wenn wir eins gut kennen, dann doch uns selbst – denken wir. An diesem Punkt irren wir uns: Wir wissen zwar was wir mögen, ablehnen, können oder nicht können, warum wir diese Abneigungen und Vorlieben haben, wissen wir hingegen nicht. Finden wir die Ursachen für unsere Vorlieben und Ängste heraus, erfahren wir auch etwas über uns selbst und verstehen besser, warum wir uns in bestimmten Situationen so verhalten, wie wir es tun. Diesem Wissen gehen wir bewusst oder unbewusst aus dem Weg.

Unsere Vorlieben, Unfähigkeiten, Abneigungen und Fähigkeiten sind nicht zufällig. Sie sagen etwas über unsere innere Beschaffenheit aus, die uns selbst unbekannt ist, unser Denken und Handeln jedoch mitbestimmt.

Kennen wir die Gründe für unsere Dispositionen und Neigungen, können wir besser mit ihnen umgehen und sie beherrschen lernen. Das hilft uns zu entspannen und macht uns empfänglicher, offener für neue, weiterführende Impulse, die wir dringend brauchen.

Absichtlich komplizierte Sozialität

Wir sollten danach streben, möglichst viele Vorgänge so einfach wie möglich zu gestalten. In Technik, Mathematik, Architektur usw. tun wir das bereits. Wir wissen, komplexe Systeme sind anfälliger als einfache. Deswegen suchen wir in Technik und Wissenschaft nach den einfachsten Lösungen (was nicht heißt, dass wir sie immer finden), denn diese sind stabiler, weniger fehleranfällig und besser handhabbar – sie funktionieren einfach besser.

Bei unseren sozialen Systemen, der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, ist das jedoch anders: Das Prinzip der Einfachheit gilt auch hier, doch Einfachheit in sozialen Belangen ist nicht immer erwünscht, denn sie bringt (als Nebeneffekt) Klarheit und Überschaubarkeit mit sich, die wir dort nicht immer mögen. Wir wollen unsere persönlichen Vorteile wahren und das geht am besten, wenn die Umstände verworrener sind. Dann fällt kaum auf, dass manches so, wie es dargestellt oder behauptet wird, gar nicht stimmt. Unser Hang zur künstlichen Kompliziertheit entlarvt uns als soziale und emotionale Trickbetrüger.

Wir blenden die unangenehmen Wahrheiten des Lebens aus oder formen sie um. Das Ausblenden oder Wegsehen funktioniert nur bedingt und muss ständig aufrechterhalten werden, das Umformen (das Verkomplizieren) kann hingegen dauerhaft sein. Letztendlich geht es uns nur darum, so bequem wie möglich durchs Leben zu kommen, uns möglichst viele Vorteile zu sichern. Wie uns das gelingt, ist unwichtig. Hauptsache es funktioniert. Und solange wir uns selbst egal sind, werden wir daran nichts ändern.

Wir müssen also dringend lernen, uns mehr für uns selbst zu interessieren, für das, was wir tun und warum wir es tun. Das ist schwierig, da wir meistens gar nicht wissen, dass unser gesamtes Leben einer Show ähnelt, die wir für uns selbst und andere inszenieren.

Fast alles was wir tun, fungiert als unbewusstes Ablenkungsmanöver von unserem inneren Selbst, zu dem wir instinktiv keinen Kontakt wollen. Dieser Kontakt würde im weiteren Verlauf Veränderungen nach sich ziehen, die wiederum die eingefahrene Stabilität unseres Lebens bedrohen. Und da Bequemlichkeit und Kontinuität fast alles ist, was uns interessiert, öffnen wir uns selten freiwillig und bewusst, lassen wir nur dann neue Impulse in unser Leben eindringen, wenn die Umstände uns dazu zwingen. Es fehlt uns die nötige Einsicht, das Verständnis für die Gesamtzusammenhänge des Lebens in der Gemeinschaft. Erst mit diesem Verständnis werden wir fähig sein uns zu öffnen und Freude am Neuen finden.


EIN BEISPIEL, WIE EINFACHES KOMPLIZIERT GEMACHT WIRD