Einfachheit


Einfachheit kontra Komplexität

Je einfacher etwas ist, desto größer ist sein potenzieller Wahrheitsgehalt.

Eine goldene Konstruktion, zerrissen auf blauem HintergrundEinfachheit ist kein Garant für Wahrheit und Richtigkeit, tendenziell jedoch schon. Einfachheit bedeutet Übersichtlichkeit und Klarheit. Fehlerhafte Elemente in einem System oder einer Struktur können durch Einfachheit besser erkannt werden. Eine Formel, die aus Dutzenden Variablen und Termen besteht, ist fehleranfälliger als eine mit wenig Termen und Variablen. Deswegen sollten wir unsere Systeme und Strukturen möglichst einfach gestalten. Das tun wir natürlich – allerdings nicht immer! Einige Lebensbereiche (besonders die sozialen) halten wir hingegen absichtlich (manchmal auch unbewusst) kompliziert oder abstrakt. Das hört sich widersprüchlich an, bei genauerer Betrachtung ergibt es dieses Verhalten jedoch einen Sinn.

Wir mögen einfache Regeln im Straßenverkehr oder anderen Systemen, in denen wir uns orientieren müssen. Andererseits wollen wir nicht von uns sagen müssen: „Ich kann einfache Sachverhalte nachzuvollziehen.“ Das würden wir als Beleidigung empfinden. Stattdessen wollen wir uns sagen hören: „Ich bin fähig, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.“

Auf dunkelblauem Hintergrund eine transparente Konstruktion, schwungvoll gebogenWir wenden (meistens wohl unbemerkt) einen Trick an: Wir halten und gestalten bestimmte Umstände, Vorgänge oder Strukturen komplexer als sie eigentlich sein müssten. Mit diesen Systemen, die künstlich anspruchsvoll sind, fühlen wir uns wohl, denn wenn wir sie beherrschen, dürfen wir von uns sagen: „Ich bin intelligent, ich bin fähig, ich kann etwas!“ Wir erschaffen komplexe Strukturen, und wenn wir diese dann beherrschen, beweist uns damit unsere Fähigkeiten. Es geht uns nämlich nicht wirklich darum, etwas zu können oder zu sein: Hauptsache, wir oder andere haben diesen Eindruck – mehr ist oft nicht nötig.

Manchmal sagen wir: „Das ist mir zu einfach“, oder „da machst du es dir zu einfach.“ Hin und wieder stimmt das sicherlich, doch noch öfter gefällt es uns nicht, wenn bestimmte Umstände klar und unmissverständlich sind. Dann könnte deutlich werden, dass wir viele unserer Probleme nur deshalb nicht in den Griff bekommen, weil wir es insgeheim gar nicht wollen.

Die Lösung eines Problems könnte unser Verhalten selbst als Teil des Problems aufzeigen, und da wir unser Verhalten nicht ändern wollen, verbergen wir es hinter künstlicher Komplexität. Wir wählen den bequemen Weg: Anstatt uns mit einem eventuell leicht zu behebenden Missstand auseinanderzusetzen, relativieren wir ihn, suchen und konstruieren wir Bedingungen, die es uns erlauben, sagen zu können: „So einfach ist es nicht!“ So gehen wir unangenehmen Erkenntnissen oder Aufgaben aus dem Weg.

Offenheit fördert Einfachheit

Eine Szene aus vielen Landschaften, die ineinander übergehen und sich überschneidenEin anderer Aspekt, aus dem Einfachheit oft diskreditiert wird: Sie ist verpönt, weil sie mit Simplizität oder Stupidität gleichgesetzt oder verwechselt wird. Das ist eine Dummheit. Deshalb pflegen wir unsere künstlich komplizierten Systeme und Vorstellungen und wehren uns gegen Vereinfachungen.
Doch Einfachheit kann etwas sehr Schönes sein und hat absolut nichts mit Dummheit oder Einfältigkeit zu tun! Die Natur verwirklicht immer den einfachsten Lösungsweg. Wir Menschen jedoch nicht. Einfachheit ist wichtig, wenn es darum geht, etwas zu erkennen. Sie kann uns helfen, Kontakt zu unserem eigenen verborgenen Selbst zu finden. Denn die Natur unserer Gefühle ist in den meisten Fällen ziemlich schlicht: Wir haben Angst, schämen uns, sind unehrlich oder verheimlichen romantische Gefühle.

Einfache Gefühle helfen uns jedoch, uns zu öffnen und zu entspannen. Offenheit und Entspannung helfen uns, eine ehrlichere Beziehung zu uns selbst zu entwickeln. Und wenn wir uns weiterentwickeln wollen, ist eine ehrliche und offene Beziehung zu uns selbst eine zwingende Voraussetzung.

Eine Landschaft, über der ein Sandsturm tobt. Einfachheit und Offenheit sind sensible Zustände, denn sobald wir einfach und offen sind, sind wir verletzlicher, wir sind angreifbar! Das ist jedoch nur bedingt der Fall. Es stimmt zwar: Öffnen wir uns, sind wir seelisch und geistig verletzbar – und das wollen wir natürlich nicht. Andererseits: Wir können nur dann verletzt werden, wenn wir nicht verstehen, was in uns verletzt wird. Gelingt es uns, den verletzlichen Punkt in uns zu finden und zu verstehen, kann man uns nicht wirklich verletzt – zumindest nicht in dem Umfang, dass wir darunter leiden oder davon traumatisiert werden und uns gleich wieder verschließen.

Wir denken, das ist nicht nötig, und halten die Vorstellung, uns selbst nicht richtig zu kennen, für Blödsinn. Wenn wir etwas kennen, dann doch uns selbst – denken wir! Doch an diesem Punkt irren wir uns gewaltig! Wir wissen zwar was wir mögen, ablehnen, können oder nicht können, wir wissen hingegen nicht, warum das so ist, jedenfalls nicht in allen Fällen und im vollen Umfang!

Unsere Vorlieben, Unfähigkeiten und Abneigungen sind nicht zufällig. Sie sagen etwas über unsere innere Beschaffenheit aus, die uns selbst unbekannt ist, unser Verhalten jedoch mitbestimmt. Kennen wir die Gründe für unsere Dispositionen und Neigungen, können wir besser mit ihnen umgehen und sie beherrschen lernen. Das hilft uns zu entspannen und macht uns empfänglicher, offener für neue, weiterführende Impulse, die wir dringend brauchen.

Kennen wir die Gründe für unsere Ängste, können wir besser mit ihnen umgehen und sie beherrschen lernen. Das hilft uns zu entspannen und macht uns empfänglicher, offener für neue, weiterführende Impulse, die wir dringend brauchen.

Künstlich kompliziert Soziale Systeme

Wir sollten daher danach streben, möglichst viele Vorgänge so einfach wie möglich zu gestalten. In Technik, Mathematik, Architektur usw. tun wir das bereits. Wir wissen, komplexe Systeme sind anfälliger als einfache. Deswegen suchen wir in Technik und Mathematik nach der einfachsten Lösung (was nicht heißt, dass wir sie immer finden). Einfache Systeme sind stabiler, weniger fehleranfällig und besser handhabbar.

Funktionelle Komplexität ist nicht negativ und sollte deswegen auch nicht abgelehnt werden. Manche Mechanismen, Formeln, kybernetische Zusammenhänge oder Systeme sind komplex und deshalb schwer nachvollziehbar. Sie können nicht einfacher gestaltet werden.
Eine Felswand, die bunt angemalt ist.Bei unseren sozialen Systemen, beispielsweise der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, ist das jedoch anders. Das Prinzip der Einfachheit ist auch hier gültig, doch Einfachheit in sozialen Belangen ist nicht immer erwünscht, denn sie bringt Klarheit und Überschaubarkeit mit sich, die wir in sozialen und politischen Angelegenheiten nicht immer mögen. Wir wollen unsere persönlichen Vorteile wahren und das geht am besten, wenn die Umstände verworrener sind. Dann fällt es kaum auf, dass manches so, wie es dargestellt oder behauptet wird, gar nicht stimmt. Unser Hang zur künstlichen Kompliziertheit entlarvt uns also als soziale und emotionale Trickbetrüger.
Ein andere Wand, bunt mit Farben beschmiert.Wir blenden die unangenehmen Wahrheiten des Lebens aus oder formen sie um. Das Ausblenden oder Wegschauen funktioniert nur bedingt und muss ständig aufrechterhalten werden, das Umformen (das Verkomplizieren) hingegen kann dauerhaft sein. Letztendlich geht es uns nur darum, so bequem wie möglich durchs Leben zu kommen. Wie uns das gelingt, ist unwichtig. Hauptsache es funktioniert. Und solange wir uns selbst egal sind, werden wir daran nichts ändern.
Wie schon mehrfach gesagt, müssen wir zuerst lernen, uns für uns selbst zu interessieren, für das, was wir tun und warum wir es tun. Das ist schwierig, da wir meistens gar nicht wissen, dass unser gesamtes Leben eine Show ist, die wir für uns selbst und andere inszenieren.

Fast alles was wir tun, fungiert als unbewusstes Ablenkungsmanöver von unserem inneren Selbst, zu dem wir instinktiv keinen Kontakt wollen.

Dieser Kontakt würde im weiteren Verlauf Veränderungen nach sich ziehen und Veränderung wiederum die eingefahrene Stabilität unseres Lebens bedrohen. Und da Bequemlichkeit und Kontinuität fast alles ist, was uns interessiert, öffnen wir uns selten freiwillig und bewusst, lassen wir nur dann neue Impulse in unser Leben hinein, wenn die Umstände uns dazu zwingen. Es fehlt uns die nötige Einsicht, das Verständnis für die Gesamtzusammenhänge des Lebens in der Gemeinschaft. Erst mit diesem Verständnis werden wir fähig sein uns zu öffnen und Freude am Neuen finden.


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