Unser Denken


Unser Denken ist mechanisch

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.
Albert Einstein

Eine graue Bretterwand, mit Lücken drin.Dieses Zitat enthält zwei wichtige Elemente. Zum einen das Adjektiv »notwendig« und zum anderen das Verb »weiterleben«. Die Art und Weise, wie wir in der Vergangenheit (zu der unsere Gegenwart noch zählt) unseren Verstand gebrauchten, ist nicht geeignet, die Probleme und Anforderungen der Zukunft zu lösen. Alte Methoden eigenen sich nicht zur Bewältigung neuer Probleme. Doch um das erkennen zu können, bedarf es bereits ein gewisses Maß an neuem Denken, denn bisher sind wir nach dem Motto vorgegangen: »Das Alte hat sich bewährt, also wenden wir es weiterhin an.« Diese Einstellung gilt es abzulegen, wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben wollen.

Unser Leben besteht zu großen Teilen aus Gewohnheiten. Abgesehen von den wenigen biologischen Notwendigkeiten wie beispielsweise Essen, Trinken oder Atmen (also das, was wir tun müssen, wenn wir nicht sterben wollen), machen wir fast alles nur, weil wir gewohnt sind, es zu tun. Unser Handeln spiegelt selten eine bewusste Entscheidung wider. Unser Leben ist in vielen Teilen ein sich selbst wiederholender Mechanismus, den wir nicht oder nur eingeschränkt beeinflussen können.

Und noch viel extremer ist es, wenn wir etwas denken: Unser Handeln, selbst wenn es nur träge ist, erfordert ein Mindestmaß an Aktivität. Unser Denken hingegen ist oft rein passiv, und oft mehr oder weniger ein unbewusster Mechanismus. Wir denken stets das, was wir gewohnt sind zu denken. Unsere Gedanken drehen sich im Kreis und wiederholen immer und immer wieder die gleichen Inhalte. Das, was wir heute denken, denken wir, weil wir es gestern dachten und deswegen denken wir es auch morgen.
Und selten entwickeln wir unser Denken eigenständig: Wir denken das, was man uns zum Denken gibt. Meistens wollen wir gar nichts anderes denken, denn wir wissen nichts von der Fremdbestimmung unserer Gedanken. Wir benutzen unseren Verstand selten, um intellektuell kreativ zu sein. Stattdessen könnte man sagen: Wir lassen uns denken.

Unser Denken ist wie ein Fernseher, der den ganzen Tag an ist, doch wir schauen kaum hin. Abschalten können wir ihn nicht (weil der Schalter fehlt) und es interessiert uns auch kaum, welches Programm gerade läuft. Wir sehen also das, was man uns vorsetzt, denn das Programm können wir nicht verändern und wollen es auch gar nicht, da es uns nicht interessiert. Hauptsache, es läuft gerade was! Dieses Bild beschreibt zu großen Teilen unser Denken.

Auf einen roten Hintergrund eine schwarz-braune formlose Masse

Zwar gibt uns unser Denken auch unsere Identität, denn wir sind mit ihm verwachsen und vertraut. Da wir es aber überwiegend nicht selbst entwickelt haben, besitzt es einen fremden Ursprung, und damit auch unsere Identität. Davon wissen wir jedoch nichts. Doch auch wenn wir es wüssten, wäre es uns wahrscheinlich egal, denn wir sind meistens weder wählerisch noch kritisch, nehmen daher das, was wir kriegen können, das, was man uns anbietet. Trotzdem glauben wir, dass die Werte, mit denen wir uns identifizieren und an die wir glauben, unsere eigenen sind. Wird beispielsweise unsere Meinung infrage gestellt, verteidigen wir diese als unsere eigene Schöpfung und als wüssten wir, worüber wir sprechen. In Wirklichkeit sagen wir bloß auswendig gelernte Sätze auf, ohne es zu merken – mehr nicht!

Unser Denken ist fremdbestimmt

Fordert man uns auf, selbstständig zu denken, wissen wir selten, was damit gemeint ist, denn wir glauben, das schon längst zu tun. Deshalb sehen wir keinen Grund, unsere Gedanken zu prüfen – und wären dazu auch kaum in der Lage.

Und in gewisser Weise ist das sinnvoll: Um ein normales Leben zu haben, ist es nicht erforderlich, wäre sogar hinderlich, ständig neue Gedanken und weiterführende Sichtweisen zu entwickeln. Die gewohnten sind vollkommen ausreichend, solange es nicht um mehr geht, als ein Leben zu leben, wie unsere Eltern oder Lehrer es uns vorgelebt haben. Auch diese haben nur die Gedanken reproduzieren, die man ihnen einst einpflanzte. Und wir machen es ebenso: Wir kopieren ungeprüft diese Inhalte und geben sie an andere, unsere Kinder oder Schüler weiter. Uns ist nicht bewusst, dass all unsere Gedanken, Meinungen und unser Wissen nur stereotype Schablonen sind, denn wir erkennen nur das, was uns bereits bekannt ist. Doch alles, was uns bekannt ist, ist das, was man uns sagte, gab oder einpflanzte.

Ein undurchdringliches Netz aus Blättern und Stämmen.

Unser Denken ist eine reine Gewohnheit, ein unbewusster Mechanismus, der in uns abläuft und den wir selten steuern können. Mechanismen sind Systeme und repräsentieren oft Werte, die schon längst überholt sind. Deswegen besteht unser Denken überwiegend aus übernommenen Vorurteilen, entstanden aus Ressentiments, deren Ursprung niemand mehr kennt.
Unser Denken drückt fast nie eigene Erfahrungen aus. Da wir dazu neigen, uns selbst zu glorifizieren (das heißt, toll zu finden), lehnen wir es ab, unser Denken kritisch zu betrachten. Kaum jemand sagt zu sich: Vielleicht irre ich mich ja oder habe keine Ahnung. Sondern fast alle sagen: Ich denke es, also muss es richtig sein!

Immun gegen Kritik

Unser eigenes Denken und Glauben ist für uns unantastbar, weil es UNSER Denken und Glauben ist.

Dass das Denken und Glauben anderer Menschen falsch oder oberflächlich ist oder sein kann, erkennen wir gerne an. Doch die Kritik am eigenen Denken und Glauben ist ein persönliches Tabu: Selten sind wir bereit, unsere Meinungen zu relativieren, uns mit unserem Denken und Glauben auseinander zu setzen, es kritisch zu betrachten! Zur »Metakognition« (dem Nachdenken über das eigene Denken) sind wir kaum fähig.

Kaum jemand fragt sich: „Könnte ich mich vielleicht irren? Könnte das, was ich denke und woran ich glaube, vielleicht falsch sein? Brachte man mir vielleicht etwas bei, was gar nicht stimmt?“

Eine braun-beige Form aus Linien und Flächen.

Sicherlich ist das schwierig und unangenehm, letztendlich aber unvermeidlich, wenn wir eine neue Art des Denkens entwickeln wollen.
Haben wir eine Meinung verinnerlicht, ist es fast unmöglich diese zu ändern, auch wenn wir irgendwie spüren, dass sie ein Vorurteil ist. Der Grund ist: Unsere Meinungen und Ansichten sind Bestandteile unserer Identität und helfen uns zu wissen, wer wir sind. Wir brauchen sie zur Festigung unser inneren Integrität, die unsere äußere Funktionstüchtigkeit aufrechterhält. Änderten wir unsere Meinungen und Ansichten zu oft, wüssten wir bald nicht mehr, wer oder was wir sind. Doch genau das muss geschehen: Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, kommen wir um diesen Prozess nicht herum. Solange wir nicht lernen, unser eigenes Denken aus der Distanz zu betrachten, wird dieser Prozess niemals beginnen.


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10 thoughts on “Unser Denken

  1. Zitat:
    „Natürlich gibt es auch sinnvolle Konditionierungen, die wir nicht infrage stellen sollten oder brauchen, wie z.B. solche, die uns den friedlichen Umgang miteinander ermöglichen.“

    Wieso? Warum soll friedlicher Umgang sinnvoll sein? Ist das nicht auch nur ein Glaube, dass dies sinnvoll ist? Ist Konditionierung überhaupt sinnvoll? Ist ein konditionierter Friedfertiger überhaupt friedfertig und wieso und wie lange? Wenn ich nur aus der Konditionierung heraus friedfertig bin und nicht verstehe, wieso es sinnvoll ist, sein kann, was bringt mir das in sozialen Kontakten? Und ist es nicht vielleicht auch bei Gelegenheit so, dass es auch sinnvoll ist, nicht friedlich zu agieren?

  2. Natürlich ist es mit lieber, wenn die Menschen sich deswegen friedlich verhalten, weil sie friedliche Menschen sind. Aber wenn Menschen mit einem aggressiven Charakter sich trotzdem friedlich verhalten, ist mir das lieber, als wenn sie ihren aggressiven Charakter ausleben. Das oberste Ziel sollte die Gewaltfreiheit sein. WIE es dazu kommt, ist ERST MAL egal. Wenn Mensch nicht fähig sind, aus sich selbst heraus friedlich zu sein, dann ist es immer noch besser, wenn sie es aufgrund von Konditionierungen ist. Sicherlich ist das ein Kompromiss, aber besser als gar nichts.

    Deine Frage, warum der friedliche Umgang sinnvoll sein soll, ist bestimmt nur rhetorisch gemeint. Ansonsten wäre eine Beantwortung ziemlich müßig.

    Es lebt sich einfach besser, wenn man nicht ständig auf der Hut sein muss, evtl. totgeschlagen zu werden. Und ein Glaube ist es nicht: Es ist eine praktische Erfahrung, dass es sich besser lebt, wenn man das Haus entspannt verlassen kann, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen. Auch wenn die Leute mich nur deswegen nicht angreifen, weil sie gut erzogen sind. Eine ideale Lösung ist das sicherlich nicht.
    Aber wie gesagt: Besser so, als andersherum.
    Auch besteht die Möglichkeit, gewalttätige Menschen erst einmal davon zu überzeugen, friedlich zu sein, auch wenn sie gerne gewalttätig wären. Dann kann man sie langsam an die Friedfertigkeit gewöhnen und irgendwann verändern sie sich vielleicht und werden zu echten friedfertigen Menschen.

    Und „nicht friedlich zu agieren“ macht nur dann einen Sinn, wenn es gilt, einen Angriff abzuwehren. Doch defensive Gewalt ist eine andere Art von Gewalt als Angriffs-Gewalt. Wenn ich mit Gewalt einen Angriff abwehre, bin ich nur „passiv“ gewalttätig, bin also erstens nur gegen Menschen gewalttätig, die mich angreifen und zweitens höre ich auf gewalttätig zu sein, sobald der Angriff erfolgreich abgewehrt ist oder der Angreifer seinen Angriff stoppt.

    Oder möchtest du etwa sagen: Ich möchte nicht von einem Menschen nicht totgeschlagen werden, der eigentlich kein friedlicher Mensch ist! Oder: Ich möchte nur von Menschen nicht angegriffen werden, die auch friedlich sind!

    Also, wie gesagt: Zuerst „animieren“ wir die gewalttätigen Menschen, friedlich zu sein. Wie uns das gelingt, ist eigentlich egal, Hauptsache sie sind friedlich. Es ist nur ein Kompromiss, eine Notlösung. Anschließend geht es darum sie zu echten friedlichen Menschen zu „machen“. Keine Ahnung wie, das ist dann wohl ein längerer Prozess, um den wir uns erst dann kümmern müssen, wenn es so weit ist.

  3. Ein außergewöhnliches Ereignis kann aber auch das Erfahren von Liebe sein. Sofern sie einen Menschen nicht auf einen euphorischen Egotrip führt, ist es für mich schwierig nachvollziehbar wie konditioniertes Denken beibehalten werden kann, unter eben ihrem Einfluss. Alle anderen von dir erwähnten Aspekte würden dann auch zutreffen, insofern ich dir zustimmen würde. Abgesehen davon, ist dieser `Keim` meiner Meinung nach eben auch die Liebe, die im frühesten Kindesalter erfahren wurde.

    Woran hat es gelegen, dass du dich `freikämpfen` konntest? Musstest du kämpfen?

    In Bezug auf das Zitat: Ich meine, was ist Bewusstsein?
    Die Frage ist doch, ob jemand denn Bewusstsein haben kann und von dem, was hier steht, oder was auf deiner Seite so geschrieben steht, nicht denn blassesten Schimmer von hat?

    Ich meine, es gibt viele Menschen mit Bewusstsein, die deine Seite hier nicht kennen.

    Das meine ich aber nicht.

    Sondern die Themenschwerpunkte deines Projektes hier, würde ich unter allgemeinen Seinsfragen einordnen. Ich glaube, dass viele Menschen sich dazu früher oder später einmal Gedanken machen, und diese Themen für sich klären – sollte man ja auch.

    Soweit so gut! Aber kann denn jemand ein Bewusstsein haben, bzw. bewusst leben, ohne sich diese oder andere Fragen, bzw. Fragen des Seins, zu stellen?

    Also was ist Bewusstsein? Eine elementare Frage, finde ich, zum Thema der inkarnierten Seelen, Seelen bzw. Inkarnation.

    Ich verstehe deinen Kommentar so: Ohne eine Begrifflichkeit (Greifbarkeit) des Bewusstseins ist Inkarnation nicht möglich.

  4. Wobei vielleicht auch diskutiert oder definiert werden müsste/sollte, was unter Liebe zu verstehen ist, verstanden werden sollte/könnte. Wir Menschen haben ja eine unterschiedliche Vorstellung von dem, was Liebe ist/sein sollte/könnte.

    Und dann, wenn man Liebe erfährt, kann es auch möglich sein, dass man das gar nicht mitbekommt. Es gibt bestimmt Menschen, die von ihren Eltern geliebt werden, es aber nicht bemerken. Kann nur die Liebe, die man als Liebe versteht/erkennt den Keim zur Veränderung/Weiterentwicklung setzen, oder auch die nicht erkannte Liebe?

     

    Naja, freigekämpft habe ich mich ja nicht. Ich war wohl auch nie frei und bin es jetzt wahrscheinlich immer noch nicht. Aber vielleicht bin ich ungeeignet für eine bürgerliche Konditionierung, was vereitelt hat, dass ich so wurde wie meine Eltern.

    Was Bewusstsein ist, weiß wahrscheinlich keiner wirklich (ich jedenfalls nicht). Es gibt nur Theorien oder Vermutungen, an die man glauben kann oder nicht, obwohl viele Menschen behaupten oder glauben, dass sie genau wüssten was Bewusstsein ist. Deswegen ist es auch so schwierig, über das Phänomen „Bewusstsein“ zu diskutieren. Wie will man über etwas sprechen, von dem man gar nicht weiß, was es ist?

    Vielleicht sollte man ja unterscheiden zwischen „Bewusstsein von etwas“, was ähnlich ist mit „dem Wissen über etwas“ und dem „Bewusstsein als solches“, also einem eher unfokussierten, allgemeinen, existenziellen Bewusstsein. Keine Ahnung.

    Ein Bewusstsein ist wahrscheinlich bei allen Menschen vorhanden, auch bei denen, die sich keine Gedanken über das, was ich auf diesem Blog anspreche, machen. Was bei vielen Menschen aber nicht da ist, ist der Umstand, dass sich das Bewusstsein der Menschen nicht verändert, also weiterentwickelt. Weiterentwicklung ist aber dringend nötig, nicht nur, was das Bewusstsein angeht, sondern in allen anderen Bereichen.  

  5. Ich meine, die Liebe die der Mensch erfährt – nicht die Liebe, die der Mensch zulässt.
    Den letzten Absatz deines Kommentars glaube ich verstanden zu haben, trotzdem er mir ein Rätsel ist, da der Umstand, dass sich das Bewusstsein nicht verändert, nicht da ist?

  6. Ja, da habe ich mich wohl etwas umständlich ausgedrückt. Ich meinte, der Umstand oder die scheinbare Tatsache, dass das Bewusstsein der meisten Menschen sich ihr ganzes Leben lang nicht weiterentwickelt … ist schade.

    Aber vielleicht findet ja doch eine Weiterentwicklung statt (fällt mir gerade ein), aber sie ist so gering, dass man sie kaum wahrnimmt. Es muss ja nicht immer gleich ein neuer Mensch entstehen.
    Außerdem stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft bürgerliche, einfache, nicht-intellektuelle Menschen vielleicht sogar braucht! Zumindest heutzutage kann nicht jeder Mensch ein Künstler, Schriftsteller, Philosoph oder Wissenschaftler sein. Die Gesellschaften, wie es sie bisher gibt, brauchen viele Menschen, die keine besonderen Ansprüche an das eigene Leben stellen, und da wäre es hinderlich, wenn jeder irgendwann einmal keine Lust mehr hat, ein einfacher Arbeiter oder Angestellter zu sein.
    Insofern ist die Situation schizophren: Wir beklagen uns darüber, dass es so viele dumme Menschen gibt, mit denen man sich nicht richtig unterhalten kann, die keine eigene Meinung haben und ihr ganzes Leben lang nur das machen, was man ihnen in ihrer Kindheit mal gesagt hat. Gleichzeitig benötigen wir aber genau diese Menschen mit ihren besonderen Eigenschaften (beispielweise Anspruchslosigkeit), als Fabrikarbeiter, Maurer, Maler, Müllmänner usw., ohne die die Gesellschaft nicht funtionieren würde. Da stimmt doch irgendwas nicht.

    1. Ich denke, es ist eher die Art wie die Menschen das machen, also was die Intention ist Maler, Fabrikarbeiter oder Metzger zu sein, die ich als beklagenswert empfinde (Und welche es schwierig, macht vernünftige Gespräche zu führen).
      Meiner Meinung nach hat jeder Mensch einen gewissen Anspruch an sich und sein Leben, nur allzu oft wird dieser mit materiellen Wünschen gleichgesetzt bzw. befriedigt, so das ein intellektueller Anspruch erst gar nicht entstehen kann, also auch eine Weiterentwicklung lediglich aufseiten der Besitztümer entsteht.

      Vielleicht aufgrund von Propaganda des Kapitalismus?

      Leider sind auch die Künste, die Wissenschaften, noch die Philosophie und schon gleich gar nicht die Theologie vor dieser Intention bzw. Propaganda gefeit.

      1. Gibt es eine genetische Disposition, die dafür verantwortlich ist, dass ein Mensch ein anspruchsloses Leben als einfacher Arbeiter anstrebt? Oder hat vielleicht seine Herkunft etwas damit zu tun? (Stichwort: Tradition. Der Vater war Maurer, also wird der Sohn auch Maurer.) Gibt es vielleicht eine genetische Disposition, welche die Menschen veranlasst sich zurückzuhalten, sich intellektuell weiterzuentwickeln, auch dann, wenn sie in einem intellektuellen Umfeld aufwachsen? Hat sich vielleicht im Laufe der Menschheitsgeschichte ein genetisches „Muster“ in Genpool der Menschen evolviert, das dafür verantwortlich ist, dass nur wenige Menschen intellektuell ambitioniert sind? Oder würde vielleicht jeder Mensch, wenn er nur in seiner Kindheit und Jugend intellektuell gefördert wird, intellektuelle Ambitionen entwickeln?

        Ich würde mich nicht wundern, wenn die intellektuell ambitionierten Menschen eigentlich die „Abnormalen“ sind. Das wäre dann ein schönes Bild, denn das würde bedeuten, dass die Menschheit sich aufgrund ihrer Abnormalität weiterentwickelt. Wir brauchen das Abnormale, die Abweichung von der Norm, damit wir uns weiterentwickeln können. Wir brauchen Mutationen.

        Demnach ist der Anspruch des einfachen Arbeiters, ein einfacher Arbeiter zu sein, weil es genetisch in im angelegt ist, ein einfacher Arbeiter zu sein. Ich glaube, dieser Gedanke ist auch nicht neu.

        Und wenn Menschen ihren (genetischen) Ansprüchen nicht gerecht werden, indem sie materielle Wünsche und kurzzeitige Befriedigungen in den Vordergrund stellen, liegt das vielleicht nur an der heutigen Konsumgesellschaft und den Medien. Und ich kann mir auch vorstellen, dass die intellektuellen Ambitionen, die der eine oder andere Mensch hat, in dieser Konsumgesellschaft einfach untergehen, dass die Menschen also durch den Zwang, konsumieren zu müssen, in ihrer intellektuellen Entwicklung behindert werden. Vielleicht. Aber nicht alle.

        Natürlich gibt es auch auf dem akademischen Sektor genug Leute, die ihre Intellektualität kommerzialisieren und nur das erforschen, erdichten, künstlerisch schaffen, was dem „Mainstream-Anspruch“ gerecht wird. Es gibt beispielsweise seriöse Journalisten, die nur das recherchieren, was auch von Bedeutung ist und es gibt Bildzeitungs-Journalisten, die nur das schreiben, was sich gut verkaufen lässt. Beide sind jedoch intellektuell ausgebildet, doch sie haben unterschiedliche Ansprüche. Das Gleiche gilt für die Theologie, usw.

  7. Dann frage ich mich, ob es denn (die Weiterentwicklung betreffend), begünstigende Umstände gibt? Und was ist intellektuelle Entwicklung, also das hat ja nichts mit Wissen zu tun, welches man anhäuft, oder?
    Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass der Bildzeitungsjournalist das schon als intellektuelle Weiterentwicklung sieht, sich intellektuell weiterentwickelt sieht – oder meint, es seiner intellektuellen Überlegenheit zu schulden, dass er mit solch banalen Publikationen vorwärtskommt. Zum Beispiel.

    Wenn man Weiterentwicklung vom Standpunkt der Reflexion auf sich selber, und den daraus entstehenden Veränderungen der Wahrnehmung sieht, trifft das wahrscheinlich sogar teilweise zu.

    Aber ich denke, dass diese Art von Entwicklung etwa einer Revolution gleicht, im Wortsinn.

  8. Tja, das frage ich mich eben auch. Wahrscheinlich gibt es schon Umstände, die positiv oder negativ die Entwicklung beeinflussen. Wenn man ein Elternhaus mit einem kulturellen Hintergrund hat, also Eltern, die gebildet und allgemein interessiert sind und Wert darauf legen, dass ihre Kinder ein möglichst breites Spektrum an Bildung, Kultur und Wissen erhalten, dann fördert das wahrscheinlich die intellektuelle Entwicklung der Kinder. Die Frage ist nur, ob Kinder immer dafür offen sind. Ich glaube schon, dass intellektuelle Entwicklung etwas mit Wissen zu tun hat, allerdings ist die Intellektualität (das Wissen) nur ein Aspekt. Es gibt ja auch hochgebildete Menschen, die trotzdem unmoralisch handeln (wie z.B. mancher Bildzeitungsjournalist). Also nur, weil ein Mensch viel gelesen hat und viel weiß (also eine gute Ausbildung hatte), bedeutet das nicht automatisch, das er auch ein guter Mensch ist. Es gibt bestimmt auch Menschen, die gerade weil sie eine gute Ausbildung hatten, Schlimmes tun. Sie wissen dann, wie man Menschen besser manipulieren und ausbeuten kann.

    Es ist also nicht die Bildung alleine, die uns zu "guten" oder "schlechten" Menschen macht. Da ist noch etwas Anderes. Aber Bildung kann helfen uns zu guten oder schlechten Menschen zu machen, bzw. das Potenzial, das ein Mensch zum Gutsein oder zum Schlechtsein hat, zur Geltung bringen. In diesen Sinn kann Bildung also auch schädlich sein. Allerdings ist das eher die Ausnahme.

    Die Frage ist halt noch, wie viel Gewicht die (asozialen) Einflüsse von Elternhaus, Schule und soziales Umfeld auf den heranwachsenden Menschen dauerhaft haben. Bei mir waren sie nicht dauerhaft, haben mich also nicht verdorben (glaube ich jedenfalls). Vielleicht waren sie sogar wichtig für meine persönliche Entwicklung: So kenne ich beide Seiten.

    Aber ich denke schon, habe zumindest den Eindruck, das diese Weiterentwicklung, soweit sie beim Einzelnen stattfindet, irgendwie im Menschen als Potenzial schon angelegt ist. Wenn man in einem asozialen Umfeld aufgewachsen ist, kann das Potenzial zur Weiterentwicklung vielleicht verschüttet werden, doch irgendwann macht es ich dann doch bemerkbar und bricht hervor. Oder vielleicht auch nicht? Ich bin mir nicht sicher. Ein Beispiel: Ein Mensch hat sehr gute Stimmbänder und eine schöne oder interessante Stimme, sodass er ein guter Sänger werden könnte. Wenn sein Talent von seinen Eltern und der Schule aber nie erkannt und gefördert wird, wird er vielleicht nie wissen, dass er ein guter Sänger sein kann und sein Talent wird verkümmern. Ich glaube, viele Talente verkümmern, weil sie nicht erkannt werden.

    Manchmal entdeckt ein Mensch sein Talent jedoch selbst. Und dies geschieht vielleicht aufgrund einer Selbstreflexion. Wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn man von der Gesellschaft nicht angenommen wird und sich dann zwangsläufig mit dem beschäftigt, was übrig bleibt: Man selbst! Das könnte man vielleicht als Revolution bezeichnen.

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