Unsere Systeme


Noch brauchen wir Systeme

Unsere politischen, wirtschaftlichen, sozialen und strafrechtlichen Systeme (die man gesellschaftsbezogene Ordnungssysteme nennen kann) sind Provisorien, das heißt, Notlösungen. Wir brauchen sie, weil wir uns ohne sie nicht zusammenraufen können. Selbst in den sogenannten primitiven Gesellschaften wird das Zusammenleben mithilfe von Systemen geregelt. Ohne ordnungsstiftende Systeme funktionieren unsere Gemeinschaften schlecht.

Eine blass-blaue Fläche im fahlen Licht, wie ein Nebel in einem geheimnisvollen Wald.

Wirklich gute Systeme wurden bis heute allerdings nicht gefunden oder entwickelt. Systeme, mit denen wir unser Zusammenleben auf nationaler Ebene zufriedenstellend und dauerhaft regeln können, gibt es höchstwahrscheinlich nicht. Selbst die besten sind nur bedingt tauglich und gleichen eher Kompromissen. Ohne sie würden die meisten Gesellschaften jedoch noch viel schlechter funktionieren und deshalb sind sie (zumindest noch) nötig. Viele von uns kommen ohne eine übergeordnete Anleitung leider nicht zurecht. Andere brauchen den gesetzlichen, staatlichen Druck und Zwang, ohne den sie sich ihren Lebensunterhalt vielleicht durch Raub und Mord sichern würden.

Wir bräuchten keine ordnungsstiftenden Systeme, wären alle Menschen friedlich und freundlich.

Dann würden sich selbstständig Strukturen und Übereinkünfte herausbilden, die auch ohne übergeordnete Regeln ein kreatives, friedliches Zusammenleben ermöglichen. Doch viel zu viele Menschen sind nicht bereit, sich auf »Freiwilligenbasis« friedlich und fair zu verhalten. Deswegen sind wir auf unsere Ordnungssysteme angewiesen.

Eine Zukunft ohne Systeme

Doch Systeme sind auf Dauer ungeeignet zur Friedensstiftung, weil sie einen mechanistisch-deterministischen Charakter besitzen. Menschen sind keine Mechanismen und lassen sich auch nicht determinieren. Deshalb wird die Steuerung der menschlichen Gesellschaften mittels Systeme auf Dauer versagen.
In der Zukunft werden wir also ohne unsere Systeme auskommen müssen, denn die Welt und die Gesellschaften werden im Laufe der nächsten Jahrhunderte komplexer, vielschichtiger und anspruchsvoller sein, als jemals zuvor. Aus diesem Grund kann die Welt der Zukunft nur eine systemlose sein.

Farbige, senkrechte Streifen: Blau, Pink, Grün, Blau, Rot und Gelb.

Sicherlich können wir uns das heute kaum vorstellen. Wahrscheinlich verbinden viele Menschen die Vorstellung von einer systemlosen Gesellschaft mit Anarchie und Gesetzlosigkeit. Und das zu Recht. Heutzutage würde eine solche Gesellschaftsform nicht funktionieren und chaotische Zustände hervorbringen, denn das Gros aller Menschen ist dafür viel zu unreif. Doch wie bei Kindern, ist es auch mit Gesellschaften: Ab einem gewissen Alter müssen beide sich emanzipieren, müssen lernen, unabhängig von der elterlichen Leitung und Fürsorge ihr Leben zu meistern.

Ein nötiger Evolutionssprung

Obwohl die Beziehung zwischen Eltern und Kindern als Bild für die Beziehung zwischen Gesellschaft und Systemen nicht wirklich stimmig ist, soll der Vergleich trotzdem zeigen, was passieren wird:

Irgendwann werden sich die modernen Gesellschaften »evolutionsbedingt« von ihren Systemen abnabeln müssen, um erwachsen zu werden.

Noch haben wir als Menschheit dieses Stadium nicht erreicht. Wir brauchen weiterhin dringend unsere Ordnungssysteme. Doch irgendwann müssen wir uns von dieser Abhängigkeit befreien, so wie Kinder sich von ihren Eltern lösen müssen, um zukunftsfähig zu sein. Das sollte im Laufe der nächsten Jahrhunderte geschehen.

Auf rotem Hintergrund, eine türkise Figur wie ein zerbrochenes Symbol.

Machen wir diesen Schritt nicht, verweigern wir uns der nächsten Entwicklungsstufe, sind wir den Anforderungen der Zukunft wahrscheinlich nicht gewachsen.
Wie diese systemlose Gesellschaftsform aussehen könnte, weiß zum jetzigen Zeitpunkt natürlich niemand. Sie benötigt jedoch Menschen, die es ablehnen, ihr Leben auf Kosten anderer zu gestalten. Die systemlose Gesellschaft funktioniert nur mit friedlichen, freundlichen und emanzipierten Menschen. Sie benötigt Individuen, die es nicht mögen, wenn andere leiden. Sie braucht Menschen, die als Voraussetzung für ihr eigenes Glück das Wohl anderer brauchen. Auch das hört sich ziemlich verrückt und utopisch an. Die freudige Nachricht ist jedoch: Solche Menschen gibt es bereits! Und vieles, was vor tausend Jahren noch als unerreichbar galt, ist heute Normalität. Utopien können demnach Wirklichkeit werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.