Unnützlichkeit


Die Unnützlichkeit enttabuisieren

Eine chaotische Struktur, wie ein Netz aus vielen schwarzen Linien, die dynamisch übereinander gelegt sindDie Voraussetzung für die „Entkategorisierung der Menschen“ ist von einer Fähigkeit abhängig: Der Fähigkeit, erkennen zu können, dass andere Menschen wir selbst sind, denn Leid fühlt sich für alle Menschen gleich an.
Leidet ein fremder Mensch, spürt er das gleiche was wir spüren, wenn wir leidet. Und als empathiebegabte Lebewesen darf uns das nicht egal sein. Es muss uns klar werden, dass es keinen Unterschied macht, ob Schmerz, Elend und Leid bei uns oder irgendwo anders sind. Ist das Leid nicht bei uns, existiert es trotzdem, nur woanders, und das kann bedeuten, irgendwann wird es (vielleicht wieder) bei uns sein.

Wenn wir nur darauf aus sind, die unangenehmen Aspekte des Lebens von uns selbst fernzuhalten, bekämpfen wir lediglich die Symptome, nicht das Problem selbst.

Das Leid, das wir aus unserem Leben verbannen, sucht sich einen anderen Wirt. Dort wird man es aber genauso wenig dulden wie wir, und auf Umwegen kommt es irgendwann zu uns zurück.
Ein chaotische, dynamische Struktur, aus schwarzen und farbigen Linien, übereinander und durcheinander verwobenDie Behauptung „Du fühlst dich für dich in deinem Inneren genauso an, wie ich mich für mich in meinem Inneren anfühle“, ist eine Hypothese, die natürlich nicht beweisbar, aber trotzdem ziemlich einleuchtend ist. Denn warum sollte sich die innere Wahrnehmung eines Menschen grundlegend von der eines anderen unterscheiden? Wir besitzen keine Erfahrungswerte, die eine solche Annahme rechtfertigen könnte. Und solange das so ist, ist es vernünftig davon auszugehen, dass wir alle in unserem Inneren tendenziell gleich sind.

Das Leid fremder Menschen ist unser Leid

Diese Tatsache sollte verdeutlichen, dass es keinen wichtigen Unterschied macht, ob man selbst man selbst, oder ein anderer ein anderer ist, denn die Perspektive des anderen ist mit der eigenen identisch.

Wir müssen lernen, uns in andere, besonders fremde Menschen, hineinzuversetzen.

Eine chaotische, dynamische Struktur, aus schwarzen Linien mit roten und blauen FlächenDoch solange wir nur unser eigenes Leid als Leid empfinden, wird das nicht möglich sein. Deswegen müssen wir es irgendwie fertigbringen, empathischer zu werden. So wie wir momentan gestrickt sind, ist das aber so gut wie ausgeschlossen. Eine einfache Lösung für das Problem scheint es nicht zu geben. Es läuft wohl auf eine Kumulierung der individuellen Reifung hinaus, das heißt, möglichst viele Menschen müssen sich in einem möglichst engen Zeitrahmen unabhängig voneinander weiterentwickeln. Wir müssen es aus eigener Anstrengung heraus schaffen und dürfen keine Tricks zu Hilfe nehmen.

Für die älteren Generationen ist diese Möglichkeit jedoch kaum noch realisierbar. Wir sind froh, unsere Nische gefunden zu haben, aus der wir bequem durch unsere Fernseher auf die Welt blicken, glücklich von all dem Elend das wir dort sehen, verschont zu sein. Also werden wohl unsere Kinder die Aufgabe übernehmen müssen.

Friedlichkeit statt Nützlichkeit

Dynamisch-chaotische Struktur, aus farbigen Linien und FlächenEs gibt Menschen, die viel für die Gesellschaft tun und andere, die nichts für die Gesellschaft tun. Davon leiten wir die Nützlichkeit oder den Wert eines Menschen ab. Nützlichkeit hat etwas mit Gebrauchsfähigkeit zu tun, und deshalb dürfen wir Menschen in der Zukunft nicht mehr danach bemessen, ob und inwieweit sie gebraucht werden. Wir sollten stattdessen das Adjektiv „wertvoll“ nur auf Gegenstände, beispielsweise Werkzeuge, Fahrzeuge oder Geräte anwenden. Für Menschen käme eher das Adjektiv „kreativ“ in Betracht, besser wäre allerdings, wir würden ganz darauf verzichten.

Menschen sollten zukünftig nicht mehr als wertvoll oder wertlos für die Gesellschaft bezeichnet werden. Denn inwieweit ein Mensch wirklich nützlich (wertvoll) oder unnütz (wertlos) ist, können wir nicht objektiv beurteilen.

Menschen sind keine Dinge

Schon oft wurden in der Geschichte Menschen als unnütz bezeichnet, doch Jahrhunderte später erkannten wir, dass sie der Menschheit einen großen Dienst erwiesen hatten. Das Gegenteil kommt sogar noch öfter vor: Manch vermeintlicher Heilsbringer (der als extrem wertvoll für seine Gesellschaft galt) erwies sich im Nachhinein als Katastrophe. Das, was uns als unnütz erscheint, kann in Wirklichkeit ein Segen sein und umgekehrt. Und welcher Entwicklungsweg für die Gesellschaft beziehungsweise Menschheit wichtig ist, weiß niemand im Voraus. Darum sollten nicht Nützlichkeit und Brauchbarkeit, sondern Friedlichkeit und Freundlichkeit im Vordergrund einer Beurteilung von Menschen stehen. Denn wie gesagt: Friedlichkeit uns Freundlichkeit ist alles, was die Welt braucht.
Daraus lässt sich der provokante Schluss ableiten:

Die Welt der Zukunft braucht möglichst viele unnütze Menschen. Denn in Wirklichkeit gibt es unnütze Menschen gar nicht, sondern nur unnütze Dinge. Und Menschen sind keine Dinge. Hinter der Nichtsnutzigkeit mancher Menschen verbirgt sich vielleicht ein kreatives Potenzial, das erst in der Rückschau erkannt wird. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, bevor wir einen Menschen als nutzlos und wertlos bezeichnen.

Die höchste Qualität, die einem Menschen demnach attestieren werden kann, ist die absolute Nutzlosigkeit. Das höchste Kompliment, dass man einem Menschen machen kann, ist ihn zu sagen: „Du bist vollkommen unnütz, du bist zu nichts zu gebrauchen.“ Wenn wir das verstehen, haben wir als Menschheit eine Zukunft.

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