Nützlichkeit


Unnütze Menschen sind wertvoll

Es ist wichtig, diesen außerordentlich provokanten Satz zu verstehen. Wahrscheinlich werden viele vehement dagegen protestieren und diese Behauptung als gefährlich bezeichnen, zumindest als dumm, denn meistens setzen wir nützlich mit wertvoll und unnütz mit überflüssig oder sogar parasitär gleich.

Nützlichkeit bedeutet für uns Funktionalität und in dieser Welt können wir selten etwas gebrauchen, was keine Funktion besitzt.

Doch diese Einstellung wird für unsere Zukunft nicht mehr tauglich sein. Wir werden uns von ihr lösen müssen. Die folgende Ausführung erklärt diese These.
Schon seitdem Menschen in Gemeinschaften leben, ist es üblich, dass jedem eine bestimmte Funktion zugewiesen wird. Diese Aufgabe definiert unseren sozialen Wert und Status. Je besser ein jeder seine Arbeit verrichtet, desto besser funktioniert das Gemeinschaftsleben in einer Gesellschaft. Im Idealfall übt jeder die Tätigkeit aus, die seinen Fähigkeiten und Interessen entspricht. Es ist wichtig, dass jeder seine Aufgabe möglichst gut verrichtet, mit der er sich auch seinen Lebensunterhalt verdient. Dieses System der Arbeitsteilung und Aufgabenzuweisung hat sich gut bewährt und garantiert seit Jahrtausenden die gesellschaftliche Stabilität. Manchmal gibt es zwar Probleme, beispielsweise wenn ein Berufszweig ausstirbt, weil es für ein Produkt keine Verwendung mehr gibt oder ein Herstellungsverfahren von einem besseren abgelöst wird. Parallel entstehen aber neue Bedürfnisse und dadurch neue Berufe, sodass auf Dauer niemand ohne Beschäftigung bleibt, einen Platz in der Gesellschaft hat und sich wertvoll fühlen kann.
Wir werden in dieses System hineingeboren, wachsen mit ihm auf und sind daran gewöhnt. Sobald unsere Schulzeit beendet ist, wählen wir einen Beruf, erlernen ihn und machen im Laufe unseres Arbeitslebens Karriere, die einen mehr, die andern weniger. Wir sagen: „Ich bin Schlosser, Busfahrer, Abteilungsleiter, Schriftsteller oder Abgeordneter.“ Und je besser wir unsere Tätigkeit ausüben, desto größer ist die Anerkennung, die wir von unseren Mitmenschen und der Gesellschaft erhalten. Diese Anerkennung ist ein Gradmesser unsere Nützlichkeit für die Gesellschaft. Wir können etwas und wissen, die Gesellschaft kann auf uns nicht verzichten, denn wir werden gebraucht. So war es bisher und so war es gut. Doch in der Zukunft wird das nicht mehr funktionieren!

Ein Zukunft ohne Nützlichkeitsprinzip

Es ist bereits heute absehbar, dass dieses Werte-Nützlichkeits-Prinzip zur Gestaltung einer zukünftigen Welt ungeeignet ist, denn die wichtigste Voraussetzung, die es benötigt, wird bald wegbrechen: ein Arbeitsplatz für jedermann!

Natürlich gab es Arbeitsmangel schon immer. Selbst in der Antike und im Mittelalter gab es hin und wieder Zeiträume, in denen eine Bevölkerung unter Arbeitsmangel litt, was Hungersnöte oder Elend nach sich zog. Doch das war in erster Linie das Ergebnis verfehlter Politik oder auf Strukturmängeln zurückzuführen. Der Arbeitsmangel in unserer Zukunft wird andere Gründe haben: Die Automatisierung der Produktionsprozesse wird bald den Einsatz von Arbeitern so gut wie überflüssig machen. In einigen Branchen ist das heute schon sichtbar: Die Automobilindustrie kommt inzwischen mit einem Bruchteil der Arbeitskräfte aus, die noch vor 50 oder 60 Jahren benötigt wurden. In der Landwirtschaft machen Erntemaschinen die Arbeit, im Wald fällen Holzerntemaschinen (sog. Harvester) 10 Mal schneller die Bäume als Menschen. Die Industrierobotik entwickelt sich rasant weiter und es gibt keinen Grund zu glauben, diese Entwicklung könnte stoppen oder sich verlangsamen.

Früher oder später werden also fast alle Produkte von autonom agierenden Maschinen hergestellt, was Menschen in der Produktion überflüssig macht.

Es heißt zwar, die Arbeitsplätze, die in der Produktion wegfallen, entstehen im Dienstleistungssektor neu, doch wird dieser die frei werdenden Arbeitskräfte nur zu einem eher kleinen Teil auffangen können. Es kann halt nicht jeder Krankenschwester, Kellner, Verkäufer, Kaufmann, Busfahrer oder Briefträger sein. Neue Industriezweige (beispielsweise in der Solarenergietechnik) werden die Arbeitskräfte ebenfalls nur zum Teil auffangen. Dort wird sowieso von Beginn an automatisiert produziert – der Personalbedarf ist dort eher gering.


Wandel des Selbstverständnisses

Die Gesellschaftsform, wie es sie heute in fast allen Ländern gibt, ist ein Auslaufmodell.

Wir müssen deshalb jetzt damit beginnen, uns Gedanken über eine neue, zukünftige zu machen. Doch uns sollte bewusst sein, dass eine neue Gesellschaftsform nur funktionieren wird, wenn auch wir uns ändern.
Die Kurzbeschreibung des augenblicklich überwiegend vorherrschenden Menschentyps lautet: konkurrenzorientiertes Einzelwesen, mit mangelhafter Empathiefähigkeit. Die Kurzbeschreibung des zukünftigen Menschentyps lautet in etwa so: emanzipiertes Einzelwesen, das sich sehr für seine Mitmenschen interessiert. Von diesem Typen sind wir noch weit entfernt. Wir verstehen zwar, was gemeint ist, halten diesen Gedanken jedoch für utopisch. Wir sagen vielleicht: „So ist der Mensch nicht, und wird es niemals sein.“ Der erste Halbsatz trifft zu, doch er bezieht sich nur auf unsere Vergangenheit und Gegenwart. Der zweite ist jedoch Ausdruck einer pessimistischen Lebenseinstellung. Wir besitzen keine Erfahrungswerte, von denen sich ableiten ließe, dass die Menschheit als Ganzes sich niemals grundlegend ändern wird. Das Gegenteil ist jedoch möglich: Alles, was es gibt, entwickelt sich erfahrungsgemäß im Laufe seiner Existenz weiter – also auch der Organismus Menschheit.
Der Wandel des menschlichen Selbstverständnisses (die Art, wie wir uns, unsere Umwelt und unsere Mitmenschen wahrnehmen) ist demnach nur eine Frage der Zeit. Noch sind wir überwiegend alle Einzelkämpfer, kooperieren oder arbeiten nur mit anderen, wenn wir davon profitieren. Andere Menschen besitzen einen Wert (sind nützlich) für uns, wenn sie uns etwas bedeuten. Da unsere Verwandten – aufgrund unserer emotionalen und sozialen Abhängigkeit von ihnen – uns am meisten bedeuten, haben sie den größten Wert für uns. Aus diesem Grund tun wir für sie Dinge, die wir für fremde Menschen niemals täten. Vollkommen fremde Menschen besitzen für uns keine Bedeutung und nur einen geringen bis gar keinen Wert.

Das Leid fremder Menschen ist uns deswegen meistens egal. Doch die Aufteilung in »Menschen, die einen Wert für uns haben/uns etwas bedeuten« und »Menschen, die keinen Wert für uns haben/uns nichts bedeuten«, muss der Vergangenheit angehören! Sie ist mit dafür verantwortlich, dass die Welt in einem so schrecklichen Zustand ist.

Abschaffung der Menschenkategorien

Das müssen wir zuerst verstehen, bevor sich unser egozentrisches Selbstverständnis ändern kann. Der erste Schritt in diese Richtung ist die Abschaffung der Menschenkategorien.

Die Aufteilung in Schwarze, Weiße, Asiaten, Ausländer, Einheimische, Juden, Moslems, Christen, Buddhisten, Atheisten und Ähnliches mehr, muss verschwinden. Dann würden wir unsere Feindbilder verlieren!

Das ist eine wichtige aber schwierige Etappe. Die nachfolgenden sind dann vergleichsweise einfach: Wem die Hautfarbe, Herkunft oder Religion eines Menschen egal ist, dem ist es auch egal, ob ein Mensch reich oder arm, dick oder dünn, schlau oder klug ist. Es gäbe keine Diskriminierungen mehr. Und wer nicht diskriminiert, benachteiligt oder verfolgt wird, muss sich nicht verteidigen, hat einen entspannten Blick auf die Welt und das Leben und kann die dadurch frei gewordenen mentalen Ressourcen für kreative Dinge einsetzen. Das wäre ideal.

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