Ordnung


Ordnung ist keine Lebensprinzip

Entspricht etwas einer Ordnung, befindet es sich im Gleichgewicht, so die Theorie oder Philosophie der Ordnungsliebhaber. Und das Streben nach Gleichgewicht oder Harmonie ist ein in der Natur immanent vorhandener „Attraktor“, so die Behauptung der Ordnungsliebhaber. Dieses Gesetz der Ordnung durchdringt und bestimmt alles Werden und Wirken im Universum und ist zielgerichtet. Was dieses Ziel ist, wird nicht genauer gesagt. In diesem Zusammenhang wird manchmal von einem „göttlichen Plan“ gesprochen.

Ordnung ist ein von uns entwickeltes Prinzip.

Einem Mandala ähnliches Labyrinth, alledings unregelmäßig

Ordnung ist ein von uns entdecktes oder entwickeltes Prinzip. Erkennen wir in einem künstlichen oder natürlichen System ein reproduzierbares Muster, das Kriterien entspricht, die als Voraussetzung für die Funktion dieses Systems gelten, sprechen wir von Ordnung. Ein Mechanismus funktioniert nur, wenn die Bestandteile, aus denen er sich zusammensetzt, richtig angeordnet sind. Jedes einzelne Element befindet sich an dem ihm zugewiesenen Platz, an dem es seine Funktion erfüllt. Das garantiert, dass der Mechanismus das tut, wofür man ihn schuf. Andernfalls ist er nicht funktionstüchtig: Maschinen funktionieren halt nur, wenn sie nicht defekt sind. In diesem Sinn ist ein defektes System (eine kaputte Maschine) in Unordnung.

Diese Definition von Ordnung besitzt nur Gültigkeit in der Welt der Maschinen, Systeme und Dinge. Für die Menschenwelt ist sie vollkommen unbrauchbar und sogar schädlich, denn Menschen funktionieren nicht wie Maschinen, da sie keine sind – auch nicht im übertragenen Sinn!

Kreative Impulse aus der Unordnung

Menschen sind manchmal irrational und machen Dinge, die eigentlich unlogisch sind und in keinem Zusammenhang zu irgendwelchen vorangegangenen Intentionen stehen, ohne Bezug zu irgendeiner Ordnung oder Logik. Lachen ist beispielsweise ein irrationaler Vorgang, der uns belebt.

Ein Schwarm dahin strömender bunter Flocken.Irrationales Verhalten kann kreative Prozesse in Gang setzen, aus denen fruchtbare Ideen entstehen. kann jedoch kreative Prozesse in Gang setzen, aus denen fruchtbare Ideen entstehen. Vielen in der Geschichte gemachten Entdeckungen oder Erfindungen gingen verrückte Ideen oder Zufälle voran. Diese Entdeckungen und Erfindungen sind daher das Ergebnis von Unordnung. Unordnung kann demnach eine Form kreativer Energie sein und einer der Faktoren, die unsere Weiterentwicklung ermöglichen.

Die Erfindung der natürlichen Ordnung

Manchmal hören wir auch den Begriff »Natürliche Ordnung«. Er impliziert – wie bereits erwähnt – ein in der Natur existierendes höheres Ordnungsprinzip, ähnlich einem Naturgesetz. Allerdings ist dieser Ausdruck irreführend. Er wurde von uns aus unterschiedlichen Gründen eingeführt. Ordnung ist eigentlich ein virtuelles Instrument, mit dem wir Unübersichtliches strukturieren, damit wir die Inhalte von Systemen oder Komplexen besser erkennen und besser mit ihnen umgehen können. Die Funktion von Ordnung ist die Entwirrung komplexer Strukturen, um sie für uns (unserem analog funktionierenden Verstand) besser einsehbar und dadurch handhabbar zu machen.
Menschen, die von natürlicher Ordnung sprechen, benutzen oder missbrauchen diesen Ausdruck jedoch oft als Rechtfertigung ihrer repressiven Lebenseinstellung.

Natürliche Ordnung ist oft das, was die Person, die von ihr spricht, darunter versteht.

Die persönliche Wahrnehmung wird kurzerhand zur natürlichen Ordnung erklärt. Dann muss nicht dargelegt oder diskutiert werden, warum bestimmte Dinge oder Zustände angeblich so sein sollen, wie behauptet wird. Beispielsweise, dass Ausländer in ihrem Ursprungsland bleiben sollten, weil das der natürlichen Ordnung entspricht. Der Ausdruck „Natürliche Ordnung“ wird gerne von Rassisten oder Nationalisten benutzt, um ihren Fremdenhass oder ihre Menschenphobie zu tarnen. „Ich bin nicht gegen Ausländer“, sagen sie, „aber die natürliche Ordnung ist gestört, wenn sie hier leben.“

Unordnungsphobiker sind nicht automatisch Fortschrittsfeinde, Rassist oder Nationalist. Doch die Latenz kann vorhanden sein.

Konservativ denkende Intellektuelle flüchten sich gern in das Konzept der natürlichen Ordnung, denn dort ist die Welt für Sie berechenbar, denn Überschaubarkeit braucht ihr einseitig hochgezüchteter und dadurch beschränkter Verstand.

Ordnung ist nur optional

Ein Gewirr von Linien. Blaue und gelb-braune Flächen mit weißer Umrandung.

Von Ordnung kann jedoch nur gesprochen werden, wenn gleichzeitig die Möglichkeit zur Unordnung existiert. Es ist wichtig, das zu verstehen: Nur optionale Ordnung ist wirkliche Ordnung. Ordnung in der Menschenwelt, die nicht durcheinandergebracht werden kann, ist eher eine neurotische Fixierung.
Ist eine Ordnung das Ergebnis eines automatisch ablaufenden Entwicklungsprozesses, handelt es sich um ein System oder einen Mechanismus. Wirkliche Ordnung kann hingegen auch auf eine andere Art gestaltet werden, oder sogar ganz ausbleiben. Das ist das entscheidende Kriterium zur Definition von Ordnung: Sie ist optional!

Ein Beispiel: Auf meinem Schreibtisch gibt es eine ganz bestimmte Anordnung der Gegenstände, die ich benutze. Diese Anordnung kann ich ändern, indem ich die Utensilien auf ihm anders platziere. Es gibt dann immer noch Ordnung auf meinem Schreibtisch, nur eine andere. Selbst wenn ich die Utensilien chaotisch anordne, gibt es immer noch Ordnung auf meinen Schreibtisch, eben eine chaotische. Es liegt dann an mir, ob ich mit dieser Unübersichtlichkeit zurechtkomme oder nicht, sie also noch eine Funktion für mich hat. Ordnung ist also ein relatives Prinzip und besitzt nur in der Welt der Lebewesen (besonders der Menschen, weniger der Tiere) Bedeutung. Sie ist das Ergebnis einer Anordnung, der bewussten Platzierung von Objekten in einem räumlichen System. Die Platzierung dieser Elemente kann unterschiedlich ausfallen und ist ein absichtlicher Vorgang, der Übersichtlichkeit schaffen soll.
Ordnen sich die Elemente eines Systems hingegen von alleine, handelt es sich nicht um eine Ordnung, sondern um eine Struktur. Diese Struktur ist das System selbst und kann nicht verändert werden, ohne das System zu verändern oder zu zerstören.

Manche Systeme oder Strukturen ordnen sich bekanntermaßen selbstständig an, beispielsweise Moleküle oder Sonnensysteme. Gibt man eine bestimmte Menge bestimmter Chemikalien in einen Glaskolben und verrührt sie miteinander, platzieren sich die Bestandteile der Chemikalien neu und es entsteht eine bestimmte Substanz.

Ordnungsliebhaber werden in diesem Vorgang vielleicht den Beweis für eine in der Natur vorhandene Ordnungskraft sehen – in diesem Fall die natürliche Ordnung der Moleküle.
In Wirklichkeit hat der Aufbau eines Moleküls nichts mit Ordnung zu tun. Die spezifische Anordnung bestimmter Atome in einem bestimmten Molekül repräsentiert zwar dieses Molekül, es könnte jedoch niemals auf eine andere Art aufgebaut sein. Anders ausgedrückt: Es könnte dieses Molekül niemals auf eine unordentliche Art geben. Ändert man die Anordnung der Atome in diesem Molekül, hört es auf zu existieren: Es entstünde ein anderes Molekül oder zerfiele.

Ähnlich ist es auch im Makrokosmos: Könnten wir Strukturen und Mechanismen im Kosmos erkennen, die sich nicht zwingend von den Naturgesetzen ableiten ließen, wäre evtl. ein schöpferischer, kreativer Geist zu vermuten, der für die Gestaltung des Universums verantwortlich ist. Doch alles, was wir im Universum beobachten – das heißt, jenseits des menschlichen Einflussbereiches – ist so, wie es die Naturgesetze vorschreiben. Die Planeten bewegen sich auf den Bahnen um ihre Sonnen, die ihnen die Schwerkraft (die Raumkrümmung) aufzwingt. Alle anderen Strukturen und Objekte (Asteroiden, Kometen, Sonnensysteme, Galaxien, Galaxienhaufen, Superhaufen etc.), die wir im Universum beobachten, verhalten sich ebenso. Dort gibt es nichts, was den Charakter einer erschaffenen Ordnung besitzt, die deswegen auch anders sein könnte.
Wir beobachten in der Natur Abläufe und Strukturen und erkennen bestimmte reproduzierbare Muster. Davon leiten wir eine Funktionalität dieser Strukturen ab. Wir unterstellen der Evolution, dem Leben oder der Natur, ein gewisses immanentes Ordnungsstreben, weil wir uns die Existenz nicht anders erklären können – besser gesagt: wollen. Manchmal nennen wir dieses Ordnungsprinzip Gott.

Verändere ich die Anordnung der Utensilien auf meinem Schreibtisch, ist er nach wie vor derselbe. Ich finde mich auf ihm vielleicht nicht mehr so gut zurecht wie zuvor. Doch für eine andere Person muss das nicht gelten! Es kann sein, dass diese sich jetzt sogar besser auf ihm zurechtfindet! Das, was für mich unordentlich ist, ist für eine andere Person vielleicht ordentlich.

Eine hellblaue, emaile-ähnlich Struktur, die an einen Turm erinnert.

Verändere ich jedoch die Struktur eines Moleküls, hört dieses in der Regel auf zu existieren. Ordnung ist also relativ und hat nichts mit einem natürlichen Zustand zu. Wir neigen allerdings dazu, unsere persönlichen Sichtweisen, Dispositionen oder Vorlieben zu universalisieren und tun so, als hätten sie nichts mit uns zu tun. So gehen wir der Auseinandersetzung mit unserer Subjektivität aus dem Weg. So vermeiden wir es, uns mit unseren intellektuellen Beschränkungen, Vorurteilen und Konditionierungen auseinandersetzen zu müssen.

Künstliche Ordnung

Wir müssen verstehen, dass jede Art von Ordnung künstlich ist, auch die Ordnung unserer Gesellschaftssysteme. Ordnung ist das Produkt eines kreativen, bewussten Schaffungsprozesses, einer Anstrengung, die ständig aufrechterhalten werden muss, andernfalls löst sie sich auf. Sie ist Ausdruck von Intelligenz und Bewusstsein.

Die sogenannte kosmische Ordnung muss hingegen nicht aufrechterhalten werden. Auch über Milliarden von Jahren bleiben die Strukturen gleich. Sie verändern sich nur im Rahmen der ihnen immanenten Dynamik.
Wir beobachten in der Natur Systeme und Organismen, in denen wir eine bestimmte Ordnung wiedererkennen. Davon leiten wir ab, dass diese Ordnung, ähnlich wie die Ordnung, die wir selbst erschaffen, funktionell ist und eine Aufgabe hat. Wir unterstellen der Evolution, dem Leben, ein gewisses immanentes Ordnungsstreben, weil wir uns nicht anders erklären können oder wollen, wie sich alles entwickeln konnte. Manchmal nennen wir dieses Ordnungsprinzip Gott.

Für Menschen ist Ordnung relativ: Einige leben ihr ganzes Leben in chaotischen Zuständen und kommen trotzdem sehr gut zurecht. Andere brauchen nur ein gewisses Mindestmaß an Ordnung. Wieder andere benötigen ein Höchstmaß an Ordnung und Durchstrukturierung ihres Lebens. Andernfalls verlieren sie den Überblick und leiden unter Stress. Ordnung ist folglich in der menschlichen Welt nicht zwingend nötig: Es kommt auf den Einzelnen drauf an. Doch leider zwingen wir anderen oft unserer persönlichen Ordnung auf.
Es gibt das Klischee vom zerstreuten Professor, der nur kreativ sein kann, wenn eine gewisse Unordnung in seinem Arbeitszimmer herrscht. Die Ordnung des einen kann die Unordnung des anderen sein oder umgekehrt.

2 thoughts on “Ordnung

  1. Toller Artikel. In meinem Bekanntenkreis sind auch die kreativen eher unordentlich (also in meinen Augen). Ich liebe auch das Chaos zu Hause und fühle mich lebendiger. Wenn alles geordnet ist, habe ich das Gefühl ich sei in einem Krankenhaus … beschränkt.

    Liebe Grüße aus Leipzig,

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