Unser Leben, unser Leid


Das Leben ist ein Jammertal

Eine wüstenähnliche Gegend, ohne Bäume und Flüsse

Leid ist ein Bestandteil des Lebens. Wir haben gelernt, uns mit diesem Umstand abzufinden und zu arrangieren. Allerdings gibt es verschiedene Arten Leid: Mit dem Leid, das von Naturkatastrophen, Unfällen oder Krankheiten herrührt, müssen wir tatsächlich leben und können nur versuchen, es so weit wie möglich zu reduzieren oder auszugrenzen. Dieses Leid kann als »natürliches Leid« bezeichnet werden. Die zweite Art ist das selbst gemachte, menschenerzeugte Leid, und ist im Gegensatz zum natürlichen vermeidbar! Es ist allein auf unser Verhalten zurückzuführen. Wir können es auch »künstliches Leid« nennen.

Beim menschengemachten Leid handelt es sich in der Regel um Leid, das ein Mensch einem anderen zufügt. Wir benutzen die Notlage anderer, um uns zu bereichern. Wir betrügen, hintergehen und bestehlen andere, was für diese Leid bedeutet. Wir vergewaltigen, morden, verletzen und demütigen andere und erzeugen dabei besonders viel Leid. Und sind unsere Opfer schwächer als wir (Frauen, Kinder, alte und wehrlose Menschen), bereitet uns das manchmal auch Vergnügen.

Leiderzeugung bei anderen Menschen ist für uns eine Technik zur eigenen Leidminderung. Indem wir andere leiden lassen, lenken wir uns von unserem eigen Leid ab: Uns geht es vielleicht nicht gut, aber wir besitzen die Macht, es anderen Menschen noch schlechter gehen zu lassen. Das relativiert unser eigenes Leid.

Es gibt aber noch eine dritte, subtile Art des Leides: das schicksalhafte Leid. Es ist abhängig von unseren persönlichen Dispositionen und Erwartungen und vielleicht das weitverbreitetste, zumindest in den sogenannten zivilisierten Ländern: Ganz allgemein können wir unter unserer Lebenssituation leiden, je nachdem, welche Erwartungen wir vom Leben haben.

Leidverdrängung

Ein Weg, wie eine Brücke, links und rechts Sind Büsche

Wir alle streben ein Leben an, das möglichst viele Annehmlichkeiten beinhaltet. Anders ausgedrückt: Wir versuchen, möglichst viele Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Niemand will hungern, frieren, Schmerzen haben oder krank sein. Niemand will alleine, traurig und verzweifelt sein. Niemand will ein Leben, das aus Angst und Stress besteht. Daher tun wir alles, was geeignet ist, diese unangenehmen Zustände zu mindern oder sogar in ihr Gegenteil umzuwandeln – selbst dann, wenn das nur durch Leiderzeugung bei anderen möglich ist. Gelingt uns das gut, haben wir tatsächlich ein Leben mit wenig Schmerz, Krankheit und Leid. Vollkommen wird das jedoch niemandem gelingen! Selbst diejenigen, die niemals hungern müssen und keine körperlichen Probleme haben, erfahren im Laufe ihres Lebens Leid: Ein geliebter Mensch stirbt plötzlich, wir werden von einer vertrauten Person bitter enttäuscht oder betrogen, wir finden keinen Partner und sind alleine. Ein vollkommen glückliches Leben gibt es höchstwahrscheinlich nicht oder nur äußerst selten. Leid und Leid erzeugende Umstände sind natürliche Begleiter eines jeden Menschenlebens.

In unserer Kindheit und Jugend sind wir oft naiv und pflegen idealistische Vorstellungen von unserem späteren Leben als Erwachsene. Doch kaum, dass wir unsere Jugend hinter uns haben, werden wir von der nüchternen Realität des Lebens desillusioniert.

Wir lernen schnell, dass uns nichts geschenkt wird und wir uns unser Glück erkämpfen, erkaufen oder auch erschummeln müssen. Kompromisse sind nötig, damit unser Leben wenigstens halbwegs so ist, wie wir es uns wünschen. Meistens bleiben dabei von unseren ursprünglichen Idealen nicht viele übrig. Diese Verluste kompensieren wir in unseren Tagträumen und Fantasien.

Den ersten großen Kompromiss begehen wir oft bei unserer Partnerwahl. Normalerweise wollen wir nicht alleine durchs Leben gehen, und da es unseren Wunschpartner nur sehr selten gibt, nehmen wir schließlich den, den wir kriegen können. Hauptsache wir haben einen (Ehemann, Ehefrau, Freund, Freundin) und müssen nicht Abend für Abend, Jahr für Jahr alleine in unserer Wohnung vor dem Fernseher sitzen.

Eine zerstörte Landschaft im trüben Nebel

Frauen lernen schnell zu akzeptieren, dass ihr Mann sie geheiratet hat, damit seine Wäsche gewaschen wird, ihm etwas zu essen gekocht wird und er eine Frau fürs Bett hat, wann immer ihm danach ist. Frauen heiraten, weil sie nicht allein sein wollen, ein Dach über dem Kopf braucht und eine gewisse materielle und soziale Absicherung. Dafür nehmen sie in Kauf, mitunter gedemütigt und ausgenutzt zu werden, denn die Alternative (allein und schutzlos in einer männerdominierten Welt zu sein) ist schlimmer als ein unsensibler, gleichgültiger, besoffener, fremdgehender oder despotischer Ehemann. An all das kann man sich gewöhnen.

Dem Mann sind die Gründe, aus denen seine Frau ihn geheiratet hat, eigentlich egal. Er könnte gut alleine zurechtkommen, allerdings möchte er nicht auf die Vorteile verzichten, die eine Ehe bietet: kostenlose Putzfrau, kostenlose Köchin und kostenloser Geschlechtsverkehr. Nicht alle Ehen sind so, doch viele.

Aber nicht nur unsere Partnerschaften bestehen zu großen Teilen aus Kompromissen. Auch in anderen Lebensbereichen beugen wir uns aus Hilflosigkeit den Notwendigkeiten. So wählen wir selten den Beruf, den wir ursprünglich ausüben wollten. Denn meistens geht es nicht darum, einen Beruf zu haben, der unseren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Einen solchen hätten wir natürlich gern, doch wir sind auch gezwungen, mit unseren Berufen das Geld zu verdienen, das wir zum täglichen Leben dringend brauchen. Unsere Berufe sind daher nur Jobs, letztendlich beliebige Tätigkeiten, die wir wegen der Bezahlung verrichten. Die Tätigkeiten selbst interessiert uns meistens nicht, denn um diese auszuüben, ist das unnötig.

Authentizität ist kaum möglich

Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Lebensbereichen. Das Leben in den Gesellschaften macht es uns oft unmöglich, einen authentischen und selbstbestimmten Lebensstil zu praktizieren. Zwar sind wir an Authentizität und Selbstbestimmtheit oft gar nicht interessiert, doch das spielt in diesem Zusammenhang keine wesentliche Rolle.

Wir alle wurden von Kindheit an konditioniert, kein echtes Interesse an Selbstbestimmtheit und Authentizität zu entwickeln. Oft wissen wir noch nicht einmal, was das ist.

Ein Felsenvorsprung, hinter dem sich eine weite Landschaft auftut.

Wir haben nur gelernt, uns den gesellschaftlichen Zwängen oder Konventionen anzupassen – aus unterschiedlichen Gründen. Der wichtigste ist vielleicht unser Bestreben, möglichst reibungslose durchs Leben zu kommen. Wird von uns erwartet (beispielsweise bei gesellschaftlichen Anlässen) einen bestimmten Kleidungskodex einzuhalten, tun wir das, selbst wenn wir ihn nicht mögen. So funktioniert das gesellschaftliche Zusammenleben: Wir passen uns an, indem wir so tun als ob!
Und so schleppen wir uns durch unser Leben, wissend, dass es nicht das ist, das wir uns einst erhofften. Und wir wissen, daran nichts ändern zu können. Wir finden uns damit und dem Jammertal unseres Lebens ab und versuchen das Beste daraus zu machen. Gleichzeitig versuchen wir, uns nichts anmerken zu lassen.

 

Das ist wichtig: Niemand darf von unserer permanenten Unzufriedenheit wissen, deshalb verbergen wir sie auch vor uns selbst. Wir tun so, als wären alles in Ordnung, denn niemand gibt gerne zu, desillusioniert zu sein. Wir versuchen aus der Not eine Tugend zu machen, doch im Verborgenen leiden wir, vielleicht sogar ohne es zu wissen.

Wir haben uns an unser Leid gewöhnt und damit arrangiert. Solange es uns relativ gut geht (wir also wissen, dass es an deren noch schlechter geht), sind wir mehr oder weniger zufrieden, doch es ist eine durch Betäubung erzeugte Zufriedenheit.
Diese scheinbare Zufriedenheit ist eine Leidvermeidungstechnik, die wir instinktiv beherrschen und mit der wir uns darüber hinwegtäuschen, dass unser Leben eigentlich eine Katastrophe ist, verglichen mit dem, was es sein könnte: Ein Leben voller Kreativität, durchdrungen von Freude und inspiriert durch Fantasie. Stattdessen träumen wir nur davon:

Ersatzerfolg

In Millionen Wohnungen sitzen Millionen Menschen, und jeder erinnert sich heimlich an eine glorreiche Vergangenheit, die es nie gegeben hat.
Verfasser unbekannt

Eine Wiese mit einer undeutlichen Hütte zwischen Bäumen

Um die Bedeutungslosigkeit unseres Lebens lebenslang zu ertragen, pflegen viele von uns eine geheime Tagtraumwelt. Niemand außer uns weiß von ihr, denn sie ist sehr intim. Wüssten andere davon, wäre uns das peinlich, denn diese Fantasie besitzt einen infantilen Charakter. Deswegen verstecken wir sie sorgfältigst.
In dieser geheimen, imaginierten Welt haben wir ein anderes, alternatives Leben, meistens in der Vergangenheit, selten in der Gegenwart oder Zukunft, da diese sich dafür nicht gut eignen. Dort verwirklichen wir uns auf die Art, die uns in der realen Welt verwehrt ist. In dieser Welt sind wir vielleicht erfolgreiche Sportler, Künstler, Musiker, Schauspieler oder etwas anderes, das uns gefällt. Dort haben wir die Erfolgserlebnisse, die uns im wirklichen Leben nicht möglich sind.

Diese Tagtraumwelt dient nicht nur als Unterhaltung oder Ablenkung vom nüchternen Alltag. Wichtig ist auch ihr Placeboeffekt: Er erzeugt in uns ein Gefühl der Befriedigung oder Genugtuung aufgrund der Anerkennung für eine besondere Leistung, obwohl diese gar nicht stattgefunden hat.

Dieses Gefühl brauchen wir alle, besonders wenn unsere soziale Stellung niedrig ist – was auf die meisten zutrifft. Haben wir dieses Gefühl nicht aufgrund real erbrachter Leistungen, imaginieren wir es uns. Dieses künstliche Erfolgserlebnis, in Kombination mit dem Gefühl der Anerkennung, stärkt unser »emotionales Immunsystem«, was uns widerstandsfähiger gegenüber der scheinbaren Sinnlosigkeit unseres tristen Alltags macht. Wir haben zwar keine Erfolgserlebnisse, aber das Gefühl, das ein Erfolgserlebnis erzeugt. Je intensiver unsere Tagtraumwelt ist, desto intensiver ist auch das Gefühl der Genugtuung und Befriedigung.

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