Ohne Unglück kein Glück


Jeder Sieger erzeugt einen Verlierer

Eigentlich ist es überall in der Welt üblich, dass wir miteinander konkurrieren. Nicht nur in den modernen Gesellschaften, sondern auch bei den wenigen noch existierenden sogenannten Natur- oder indigenen Völkern. Mit ist jedenfalls keine Gesellschaft bekannt, in der sich die Menschen nicht auf die eine oder andere Art im Wettstreit miteinander befinden.

Dieser Wettstreit ist anscheinend nötig, damit wir uns als Gesellschaft und Einzelne weiterentwickeln. Ohne den Konkurrenzdruck würden nur wenige Menschen sich bemühen viel zu wissen, viel zu können oder gut im Beruf zu sein. Können wir nicht mit einer Belohnung rechnen, engagieren wir uns auch nicht.

Eine grüne, von der Sonnen beschienene Insel und Landmasse

Natürlich geschieht das nicht überall mit der gleichen Intensität. In einigen Ländern ist der Konkurrenzdruck stärker und in anderen schwächer ausgeprägt, doch geben tut es ihn überall. Allgemein gilt: Je mehr Herausforderungen das Leben an uns stellt, desto mehr engagieren wir uns. Je mehr die Natur uns beschenkt mit kostenloser Wärme, Wasser und Nahrung (wie es in tropischen Regionen oft der Fall ist), desto weniger tun wir.

 

Bereits in der Schule beginnt der große Konkurrenzkampf. Die guten Schüler werden belohnt, erhalten Anerkennung und werden gelobt, die schlechten nicht. Wer in der Schule gute Leistungen liefert, ist im späteren Berufsleben meistens erfolgreicher als andere und erhält Privilegien. Diese bestehen aus einem überdurchschnittlich hohen Verdienst, einer überdurchschnittlich hohen sozialen Anerkennung und den Möglichkeiten, die sich daraus ableiten lassen: Wir können politischen oder wirtschaftlichen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, wenn wir wollen. Und unser Leben ist komfortabler als das der anderen, was der Hauptgrund für all unsere lebenslangen Anstrengungen ist. Ohne Aussicht auf eine Belohnung in Form von Privilegien bemühen wir uns selten mehr, als das Alltagsleben es uns abverlangt.

Doch fast jeder will besser sein, mehr Geld, eine größere Wohnung und ein tolleres Auto besitzen als die anderen, schlauer, intelligenter und attraktiver sein. Denn je mehr wir diese Attribute aufweisen, desto erfolgreicher sind wir in der Leistungsgesellschaft, desto glücklicher und selbstbestimmter fühlen wir uns oder glauben es zu sein.

Im Raum schweben unterschiedliche bunte Formen und Strukturen

Die Ambivalenz des Erfolges

Dieser Konkurrenzkampf ist zwar eine wichtige Triebfeder für die Weiterentwicklung der Menschheit, andererseits aber auch für viel Leid und Ungerechtigkeit verantwortlich. Denn wer erfolgreich sein will, darf auf die Interessen seiner Konkurrenten keine Rücksicht nehmen. Wer sagt: „Ich mag es nicht, wenn mein Mitbewerber Nachteile hat“, wird nicht erfolgreich sein. Damit wir erfolgreich sind, müssen wir den Misserfolg unserer Rivalen zumindest in Kauf nehmen, eigentlich sogar anstreben. Der Misserfolg der einen ist die Voraussetzung für den Erfolg der anderen.
Wenn wir sagen: „Ich habe das und das geleistet, eine gute Position im Job erreicht, ein Vermögen angehäuft oder Ähnliches“, sagen wir implizit: „Ich haben für die Erfolglosigkeit einer anderen Person gesorgt.“

Wenn wir erfolgreich und glücklich sind, verbannen wir die Erfolglosigkeit und das daraus resultierende Unglück also nicht aus der Welt, wir verlagern es nur. Die Erfolglosigkeit und das Unglück sind dann immer noch da, bloß nicht bei uns – und darauf kommt es uns im Wesentlichen an. Wir haben nichts gegen Unglück und Leid, solange wir persönlich davon verschont bleiben. Es interessiert uns in der Regel nicht, dass unser Gewinn die Bedingung für den Verlust anderer ist.

Es spielt natürlich auch eine Rolle, was wir persönlich unter Glück und Erfolg versteht. Manche Menschen sind arm und erfolglos, aber trotzdem glücklich. Andere sind reich und berühmt, jedoch depressiv. Doch darauf kommt es in diesem Zusammenhang nicht an, denn die Welt und die Menschen funktionieren nicht nach dem idealistischen Glücksprinzip. Meistens verbinden wir Zufriedenheit und Glück mit materiellen und sozialen Erfolgen, denn wir sind keine spirituellen Lebewesen. Wir brauchen etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und möglichst viel Komfort. Und all das bekommen wir nur durch Anerkennung im Beruf.

Doch da diese nur dann als Erfolg gewertet wird, wenn sie größer als die unserer Konkurrenten ist, brauchen wir zwingend den Misserfolg unserer Mitstreiter.

Wir sind stark, wenn andere schwächer sind, reich, wenn andere weniger besitzen. Allein die Möglichkeit, besser, größer, reicher, gesünder, schöner und erfolgreicher als andere zu sein, animiert uns. Und dabei produzieren wir als Nebeneffekt Verlierer, die sich so fühlen, wie wir uns nicht fühlen wollen. Wir geben den »Schwarzen Peter« an unseren Nebenmann weiter. Der muss zusehen, wie er ihn los wird und wenn er schlau ist, reicht er ihn ebenfalls weiter. Wer dann niemanden mehr hat, an den er ihn weiterreichen kann, wird von den sprichwörtlichen Hunden gebissen.


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