Glauben


Glauben ist Ersatzwissen

Ein paar grüne und rote Paprikaschoten, die sehr scharf aussehen.Hören wir den Ausdruck »Glauben«, denken wir normalerweise an Religion, den Glauben an Gott, Jesus, Engel, vielleicht Buddha und Ähnliches mehr.
Doch Glaube muss, von seinem Wesen her betrachtet, nicht auf die Religion beschränkt sein. Glauben wir an etwas, machen wir eine Annahme, vermuten etwas, vertrauen auf das, was nicht bewiesen werden kann, oder betrachten eine Tatsache von gestern heute immer noch als gegeben. Wir sind von etwas überzeugt, obwohl es nicht beweisbar ist. Diese Überzeugung muss sich nicht auf religiöse Inhalte beziehen. Sie kann auch einen banalen Alltagshintergrund haben, wie der Glaube an die Treue des Partners, dass man morgen seinen Job noch hat oder ausreichend Benzin für eine bestimmte Strecke im Tank ist. Denn nichts davon wissen wir definitiv.

Faktisch gesehen unterscheidet der Alltagsglaube sich nicht vom religiösen Glauben. In beiden Fällen handelt es sich um eine Spekulation, unabhängig von der Höhe des Wahrscheinlichkeitsgrades.

Der Alltagsglaube hat jedoch einen realen Hintergrund (Job, Partner, Auto), der religiöse einen mythischen oder überlieferten. Der Alltagsglaube hat viel mit Mutmaßungen und Wahrscheinlichkeiten zu tun, der religiöse Glaube eher mit Hoffnung, Wünschen und Ängsten.

Den religiösen Glauben benutzen wir oft, um die Tristheit und Trostlosigkeit des Alltagslebens besser auszuhalten. Der

Stabilitätsfaktoren und Orientierungshilfen

Der Alltagsglaube hingegen hilft uns besser einschätzen zu können, wie wir uns in unsicheren Situationen am besten verhalten.

Eine helle Landschaft, die aussieht, als wäre dort etwas, was man nicht sehen kann.Pragmatisch gesehen ist der religiöse Glaube zwar eine überlieferte Tradition, die wir in unserer Kindheit (einer Lebensphase, in der wir leicht manipulierbar sind) unreflektiert übernehmen. Doch da unser Leben zu großen Teilen oft aus Anstrengung, Leid, Arbeit und Entbehrung besteht, gefällt uns die Idee einer übergeordneten Sinngebung, auch wenn wir sie vielleicht nicht wirklich ernst nehmen. In gewisser Weise sind unsere Religionen Stabilitätsfaktoren und dringend nötig, damit unsere Gesellschaften nicht auseinanderfallen oder kollabieren.
Glaubenssysteme müssen keinen religiösen oder spirituellen Hintergrund haben. Politische Ideologien erfüllen diesen Zweck ebenso. Wer nicht an das Jenseits, Gott oder Engel glauben kann, der glaubt vielleicht an den Kommunismus oder irgendeine andere Ideologie. Und diese Utopien oder Fantasien sind überwiegend in der Zukunft oder einer alternativen Welt angesiedelt, selten im Hier und Jetzt, denn mit unseren Ideologien oder Glaubenssystemen wollen wir uns von der Gegenwart, dem tatsächlichen Leben, ja ablenken.

Grenzen des Glaubens

Wenn wir über bestimmte existenzielle Aspekte des Lebens nichts wissen, weil es schlichtweg nicht möglich ist, darüber etwas wissen zu können, erzeugt dieser Umstand in uns Unzufriedenheit oder eine unterschwellige Unruhe, ein Unbehagen – manchmal auch Angst.

Ein grün-rotes Gebilde, aus dem blaue Bläschen aufsteigen

Wir stoßen auf unsere intellektuellen oder geistigen Grenzen und werden mit der Tatsache konfrontiert, dass es Dinge gibt, die sich unserer Wahrnehmung entziehen. Das frustriert uns – bewusst oder unbewusst – denn das Unbekannte können wir nicht beeinflussen oder kontrollieren. Dieser Kontrollverlust kann unser Selbstwertgefühl bedrohen. Er bedeutet, nicht in allen Belangen des Lebens souverän zu sein. Wollen oder können wir uns mit dieser Erkenntnis nicht abfinden, neigen wir dazu, diese Wissenslücke mit Ersatzwissen, also Scheinwissen zu überdecken. Dabei kommt es nicht darauf an, ob dieses Ersatzwissen einem wirklichen Wissen ebenbürtig ist. Es soll uns lediglich vergessen lassen, dass dort etwas ist, was sich unserem Einfluss entzieht.

Dieses Ersatzwissen wird religiöser Glaube (Theismus) aber auch nicht-religiöser Glaube (Atheismus) genannt. Da dieses Ersatzwissen aber kein wirkliches Wissen ist – denn wirkliches Wissen basiert auf wahrnehmbare Fakten – und wir uns unwohl mit dieser Einschränkung fühlen, etikettieren wir unseren religiösen Glauben (meistens unausgesprochen) als »metaphysisches Wissen« und unseren anti-religiösen Glauben als »Vernunftwissen«.

Wir behandeln unseren Glauben so, als wäre er eine höhere Art Wissen, eine apriorische Wahrheit, die einen Beweis oder eine Überprüfung nicht benötigt. Das macht unseren Glauben immun gegen jede Art von Kritik. Und deswegen fällt es uns so leicht, all das zu glauben, was uns hilft, unsere innere Unruhe zu bekämpfen. Wir müssen nur an etwas glauben und davon überzeugt sein – und schon scheint unsere Unruhe verschwunden. In Wirklichkeit haben wir sie nur unterdrückt. In diesem Sinn sind unsere Religionen tatsächlich nichts weiter als das sprichwörtliche „Opium fürs Volk“.


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