Wir unterwerfen uns gerne


Unterwerfung und Anbiederung

Religionen machen uns das Angebot: Unterwirfst du dich Gott, wird er dich nicht nur verschonen, sondern auch belohnen.

Eine dunkelblaue, schwarz-blasse Struktur, aus halbtransparenten Elementen.Wobei die Verschonung bereits der Hauptbestandteil der Belohnung ist. Aber viel wichtiger ist uns die Macht über andere Menschen, die uns unausgesprochen in Aussicht gestellt wird. Und wir sind ziemlich machtgierig, obwohl wir das nicht zugeben können oder es uns selten bewusst ist. Deswegen nehmen viele von uns dieses Angebot dankend an. Wir können zwar nicht der oberste Herrscher sein, doch besser ein kleiner als überhaupt keiner. Jeder kann ein Herrscher sein, im Kleinen oder im Größeren, wenn er sich unterwirft. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen (Menschen, die dieses Angebot ausschlagen), und ich glaube, sie werden mehr. Doch dieser Prozess schreitet sehr langsam voran, weil das aggressive Prinzip stets das sanfte dominiert.

Ein anderer Grund, aus dem die archaischen, monotheistischen Religionen nach wie vor nicht aussterben, ist ihr faschistoider Charakter oder ihre faschistoide Moralvorstellung. Dieses Attribut ist Ausdruck der in uns verborgenen Sehnsucht nach dem großen Führer, der uns die Verantwortung abnimmt und unsere Taten legitimiert, denn wir mögen keine Eigenverantwortung.
Religionen relativieren Gewalt und Leid, und das kommt uns entgegen. Manchmal befürworten sie Gewalt und Leid sogar. Schlimmer noch: Gewalt- und Leidensbereitschaft sind nicht selten die Voraussetzungen für eine gut funktionierende Religion. Monotheistische Religionen, die auf Freundlichkeit und Friedlichkeit gründen, haben kaum Chancen sich durchzusetzen. Es gibt sie auch gar nicht.

Oft reden die monotheistischen Religionen zwar von Liebe, Vergebung und Sanftmut, stets aber in Kombination mit Unterwerfung, Gehorsamkeit und Bestrafung.

Liebe und Vergebung sind im Sinne der monotheistischen Religionen bloß Belohnungen für unsere Gottesfurcht (obwohl wir ihn doch lieben sollten). Sie sind keine Geschenke und keine Liebe, sondern nur Duldung oder Großzügigkeit. Solange wir das tun, was der biblische Gott von uns verlangt, verzichtet er darauf, uns zu vernichten, hält sich diese Option aber weiterhin offen.

Wir liefern uns unserm Gott aus, und hoffen für unsere Unterwerfung (die wir euphemistisch Hingabe nennen) als Belohnung Gnade zu erhalten.

Ein rot-braun-orange fleckiger Hintergrund, vor dem Kristalle wachsen.

In diesem Sinn reflektieren unsere Religionen nur die Zustände in den Gesellschaften. In totalitären Staaten ist das besonders deutlich: Verhält man sich dem Herrscher gegenüber unterwürfig, wird man wahrscheinlich verschont und kann mit Privilegien als Belohnung rechnen. Aber auch in den freien, demokratischen Gesellschaften werden wir selten bedingungslos geliebt, gemocht oder anerkannt. Das ist meistens nur dann der Fall, wenn wir uns liebenswert verhalten, uns den Konformitäten also anpassen (was vorgetäuscht sein darf, wenn es nicht bemerkt wird), und uns die Liebe und Anerkennung durch ein ganz bestimmtes, gewünschtes Verhalten erwerben.

Religion: die traditionelle Entmündigung

Religionen sagen nicht: Werde selbstständiger, werde unabhängig im Denken und Fühlen, entwickle deinen eigenen Lebensstil.

Sie sagen das Gegenteil: Unterwerfe dich und gehorche, ordne dich ein und unter, stell keine Ansprüche, sei bescheiden usw., dann wird Gott dich lieben und dafür wird er dich belohnen! Diese Forderungen kommen uns entgegen, denn so verhalten wir uns schon seit Anbeginn der Zivilisation. Wie man sich unterwirft und gehorsam verhält, wissen wir sehr gut. Wie wissen auch, wie man andere unterwirft und ihnen Gehorsam abverlangt. Das Gegenteil würde uns überfordern, denn meisten sind wir es nicht gewohnt selbstständig zu denken, selbstständig zu fühlen und eigenverantwortlich zu handeln. Und besonders schwer fällt es uns, zu akzeptieren oder sogar zu schätzen, dass andere Menschen andere Meinungen, andere Lebensstile, andere Traditionen und andere Kulturen haben. Von diesem Unvermögen leben unsere Religionen. Sie sind Spiegel unserer Toleranzunfähigkeit.


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