Gewohnheit und Anpassung


Wir sind soziale Chamäleons

Ein weiterer Aspekt der religiösen Konditionierung ist das Gewohnheitsprinzip: Sich von alten Strukturen und Rollen zu lösen ist schwer, oft sogar unmöglich. Zusätzlich spielt der Herdentrieb eine große Rolle. Wir machen alles mit, was die Mehrheit macht, denn wir sind in unserem Inneren alle Opportunisten.

Wir sind nicht deswegen Moslems, Christen oder Juden, weil wir uns bewusst für diese Religionen entschieden haben, sondern weil unsere Eltern das sind oder waren, beziehungsweise die Gesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, so geprägt ist. Eine bewusste, autonome Wahl findet fast nie statt.

Mehrere offene Spiralen grenzen aneinanderWir sind meistens gar nicht daran interessiert, ob das, woran wir glauben oder wovon wir überzeugt sind, wirklich wahr ist. Hauptsache wir haben etwas, woran wir glauben können, und sind mit diesem Glauben nicht allein. Inhalte spielen eine untergeordnete Rolle.
Kinder haben, so heißt es manchmal, imaginäre Freunde, mit denen sie reden und spielen. Werden sie älter und reifer, wissen sie, dass diese Fantasiegestalten nicht real sind. Sie haben ihre Funktion erfüllt und werden nicht mehr gebraucht.

Betrachtet man die Menschheit als noch nicht erwachsen, vergleicht sie also mit einem Kind, scheinen ihre Götter ihre imaginären Freunde zu sein.

Kinder imaginieren sich Freunde, weil sie sich allein fühlen, und die Menschheit imaginiert sich ihre Götter aus einem ähnlichen Grund. Beendet die Menschheit also im Laufe der nächsten Jahrhunderte ihre Jugend, muss sie unbedingt auch den imaginären Charakter ihrer Götter erkennen. Das ist die unbedingte Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Erwachsenendasein der Menschheit.

Das religiöse Stockholmsydrom

Eine rotbraun-graue Wand mit Rissen von der der Putz abbröckelt

Der Glaube an den biblischen Gott ist manchmal ähnlich der Glorifizierung eines finsteren Tyrannen. Diese Glorifizierung geschieht aus der Not heraus. Sie ist dem sogenannten Stockholmsyndrom ähnlich: Man ist einem Tyrannen, einem Gewalttäter ausgeliefert, der alles mit einem machen kann, was er will. Diese Person oder Macht ist unberechenbar. Sich der Situation zu entziehen oder den Tyrannen zu bekämpfen ist nicht möglich, da er viel zu mächtig ist.

 

Die einzige Chance, unbeschadet diese Situation zu überstehen, ist sich ihr anzupassen. Das geht am besten, indem man sich den Tyrannen zum Freund macht.

Intuitiv spürt man, dass die eigene Überlebenschance größer ist, wenn diese Freundschaft nicht nur vorgetäuscht wird. Sie sollte möglichst echt sein. Und das bedeutet: Man muss lernen, die Gebote und Regeln dieses Tyrannen wirklich zu mögen und zu lieben, denn täte man nur so, würde er es früher oder später merken.
Sobald man die Gebote und Regeln des tyrannischen Gottes aber verinnerlicht hat und an sie glaubt, weiß man nicht mehr, dass der ursprüngliche Grund, aus dem man sich angepasst hat, die Angst vor dem Tyrannen war. Im Unterbewusstsein könnte man die ursprünglichen Motive für den Glauben an den göttlichen Tyrannen zwar noch finden, doch das würde die eigene Tarnung gefährden, also unterlässt man solche Nachforschungen instinktiv.

Wir sind nicht fähig, dauerhaft in einer moralisch zwiespältigen Situation zu leben, ohne früher oder später daran zu zerbrechen oder zu erkranken. Deswegen empfinden wir das, was wir zuvor aus Furcht angenommen hatten, jetzt als gut und richtig.

Dieser Prozess kann sich über ganze Generationen erstrecken und der Glaube an einen tyrannischen Gott erscheint am Ende wie der Glaube an einen Wohltäter.


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