Gott ist keine lebendige Erfahrung


Gott aus zweiter Hand

Hätten unsere Vorfahren, vor ein paar Tausend Jahren, Gott nicht assoziiert, postuliert oder auch erfunden, anschließend nicht über Jahrtausende hinweg Hunderte von Generationen diesen Glauben im Denken und in den Kulturen nicht verankert und so in unsere Zeit hinein getragen, würde heute niemand von Gott oder dem Göttlichen reden.

Auf blauem Hintergrund, wie ein Ozean, schwebt eine bunte, zerrissene Struktur

Unser Glaube an Gott & Co. ist nur eine traditionelle Konditionierung – das ist alles.
Wir alle kennen Gott und das Göttliche allein aus Erzählungen, vom Hören und Sagen. Man hat uns von »Ihm«, »Es« oder alternativ: »Ihr« lediglich erzählt. Aufgrund eigener, unabhängiger Überlegungen hat noch niemand assoziiert, es müsse Gott oder das Göttliche geben. Ohne die Überlieferungen unserer archaischen Vorfahren gäbe es Gott nicht. Man kann natürlich behaupten, wäre uns unser Glaube an Gott nicht von unseren Vorfahren überliefert, hätten wir ihn selbst entwickelt – doch das ist nur eine Behauptung, die schnell gemacht ist und nicht überprüft werden kann. Theoretisch könnte es zwar so sein, doch es gibt keinen seriösen Grund für diese Annahme.
Unsere »religiösen Erlebnisse« haben ebenfalls nicht viel zu bedeuten: Hat beispielsweise jemand eine Gotteserfahrung, geschieht das stets Rahmen der Traditionen und Erwartungen, die sich aus den landesspezifischen religiösen Konditionierungen ableiten lassen. Das heißt, einem Christen erscheint Jesus, Maria oder eine andere Gestalt aus der christlichen Mythologie, einem Buddhisten Buddha und einen Hindi Krishna. Und einem Urwaldbewohner, der noch nie etwas von den etablierten Weltreligionen gehört hat, erscheint vielleicht irgendein Wald- oder Baumgott seiner Stammesreligion.

Unser Glaube an Gott oder das Göttliche stammt also nicht von uns selbst. Er wurde uns eingepflanzt, meistens während unserer Kindheit, als wir noch leicht beeinflussbar waren. Sagt man uns als Kinder, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, glauben wir das. Sagt man uns in unserer Pubertät, von Selbstbefriedigung bekommt man Rückenschmerzen, glauben wir das. Und erzählt man uns im Religionsunterricht, ein Gott erschuf die Welt, glauben wir das ebenfalls. Natürlich nicht alle, aber viele. In unserer Kindheit und Jugend glauben wir fast alles, was man uns erzählt, denn in dieser Entwicklungsphase sind wir von Natur aus offen für jede Art von Input, selbst wenn er der größte Blödsinn ist. Deswegen glauben wir an Gott – und nicht weil wir seine Existenz erfahren haben oder fühlen.

Eine düstere, dunkle Wolkenwand, in der Mitte ein helles Licht, wie ein Durchgang.

Erst wenn wir erwachsen sind, erkennen wir, dass Lehrer und Eltern sich irren können oder mitunter ganz banales, dummes und unreflektiertes Zeug reden. Doch dann ist es oft zu spät: Wir bekommen diesen Ballast aus unseren Köpfen nicht mehr heraus, selbst wenn wir wollen!
Ohne dass es uns bewusst war, wurden wir also indoktriniert. Und wenn wir es als Erwachsene irgendwie ahnen, töten wir diese Ahnung ab, denn wir mögen die Vorstellung nicht, manipuliert worden zu sein. Eine andere Variante ist: Wir verteidigen diese Indoktrination als gut und richtig, als etwas, das man uns aufgezwungen hat, weil es richtig ist: Man hat uns den Glauben an Gott zwar ungefragt eingepflanzt, sagen wir, aber nur, weil dieser Glaube wahr ist!

Doch diese Sichtweise wurde uns ebenfalls ohne unser Einverständnis eingepflanzt, das verschweigen oder übersehen wir. Wir mögen den Gedanken nicht, eventuell viel Energie und Zeit in etwas investiert zu haben, das nur eine Illusion ist. Aus diesem Grund klammern wir uns so sehr an das, was man uns beibrachte und womit wir uns jetzt identifizieren, weil wir nichts andere haben.


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2 thoughts on “Gott ist keine lebendige Erfahrung

  1. Es ist schon vorgekommen, dass Menschenaffen ein schlafendes Baby aus dem im Garten stehenden Kinderwagen gekidnappt haben und mit ihm sehr weit, jenseits aller menschlichen Siedlungen, weggelaufen sind und seine Eltern es niemals mehr gesehen haben, weil die Polizei nach einem anderen Entführer
    – siehe den Fall Lindbergh in USA – gesucht haben.
    Solche kleinen Menschen sterben trotz ihres Reflexes, sich im Fell der Affenmutter sehr festkrallen zu können früher oder später. Stellen wir uns vor, dass es ein Kind geschafft hat,
    12 Jahre zu überleben und ohne jemals einen Menschen gesehenzu haben.
    Was denkt und fühlt es dann??????
    Ja, man kann dies dann PHilosophieren, Theologisieren nennen!

    Mir selbst ging es nämlich so!
    Im großen Kreis Verwandter erzählte meine Mutter ausführlich, dass und wie ich mit Puppen spiele. Mein Cousin Ferry Hirschmann war gerade Student geworden und ich schämte mich derart, dass ich in dieser Runde anfing, furchtbar zu flennen und einfach nicht aufhören konnte und trotzdem nicht aus dem Zimmer ging…

    Ich entschloss mich, nie mehr im Leben mit Puppen zu spielen und lieh mir zur Freude der kinderreichen oft müden Nachbarinnen dort fast sämtliche Babys aus. Es wundert mich jetzt, dass sie mich – doch wirklich klein- auch lange Strecken z.B. Die 3 km zur Donau den Kinderwagen schieben ließen. Auf einer Brücke sprach mich auch eine fremde Frau einmal daraufhin an.

    Ich konnte das kleine Gesicht beim Gehen nicht gut sehen, setzte den wenige Monate alten Bognarjungen deshalb auf, stützte ihn gut mit dem Kissen ab und fuhr weiter mit dem Blick auf ihn.
    Ich weiß, dass es nicht die braunäugige Heidi Uber war, denn ich sah in helle blaue Augen.
    Und dann erschrak ich von einem Moment auf den anderen von diesem Blick!
    Es war Ehrfurcht! Und der Gedanke: „Das ist ja Gott!“ „Der Blick ist Gott!“ Oder „Rainer ist Gott!“

    auch nicht

    1. So könnten Religionen entstanden sein: Man weiß von nichts, hat aber einen fragenden, suchenden Verstand. Die Fragen werden wahrscheinlich von der Situation des Kindes abhängen. Hat es ein erfülltes, glückvolles Leben, wird es vielleicht niemals nach dem Warum und den weiterführenden Hintergründen seiner Existenz fragen. Hat es das nicht, dann stellt es sich solche Fragen vielleicht. Dann kommt es auf das Assoziationsvermögen des Kindes an. Die Antworten müssen dann allerdings keinen theologischen Charakter besitzen. Theologie ist für mich sowie nur der Versuch, der Religion eine philosophische Tiefe zu verleihen (anzudichten), die sie eigentlich nicht hat.

      In den Augen eines kleinen Kindes – besonders wenn es erst ein paar Wochen alt ist – glauben wir oft den Blick oder das Antlitz Gottes erkennen zu können. Dieses Kind ist noch vollkommen offen und unbeschrieben, wurde also noch nicht konditioniert und deswegen scheint es für uns rein und unverdorben zu sein – eben göttlich.

      Leider neigen wir dazu, uns als Kinder der Erwachsenenwelt mehr anzupassen, als es eigentlich gut ist. Wir wollen ja geliebt und anerkannt werden und sind abhängig vom Wohlwollen der Erwachsenen und besitzen natürlich noch nicht die Möglichkeit, diesen Mechanismus zu durchschauen. Und selbst wenn wir es täten: Unsere Abhängigkeit von den Erwachsenen ist einfach zu groß, als dass wir uns dagegen wehren können. Auf die eine oder andere Art werden wir also unglücklich, sodass der göttliche Funken in unseren Augen bald verlischt.
      Und so kann es passieren, dass wir (als besonders sensible und neugierige Kinder) uns eine Ersatzwelt schaffen – unbewusst – in der wir die Gefühle ausleben können, die uns die Erwachsenenwelt nicht erlaubt.

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