Gott


Gott nach unserer persönlichen Vorstellung

Wir besitzen Bewusstsein und Wahrnehmung, denken über uns selbst nach und können über die Phänomene der Welt und des Universums philosophieren und staunen. Wir bauen komplizierte Maschinen, entwickeln mathematische Gleichungen und kennen die kleinsten Bauteile der Materie. Die Welt, in der wir leben, ist obendrein vollgepackt mit Problemen, die dringend auf eine Lösung warten. Unsere Aufmerksamkeit, Neugier und Energie sollte von alldem in Anspruch genommen werden, doch seltsamerweise interessieren uns die Wunder und Probleme der Welt nur rudimentär:
Anstatt uns mit dem zu beschäftigen, was existent und relevant für unser Leben ist, wenden wir uns dem zu, was jenseits der realen Welt und Wahrnehmung angesiedelt ist: Mythen, Sagen oder ferne, fiktive Zukünfte bedeuten uns oft mehr als das Leben selbst. Und ganz besonders sind wir von einer Idee angetan: Gott & Co., denn in dem Vakuum der religiösen Welt ist alles möglich. Hier können wir hineinprojizieren, was uns beliebt, jeder nach seinem persönlichen Geschmack, denn nichts kann überprüft werden. Alles ist wahr, wenn wir es wahr haben wollen. Wir erschaffen uns Gott nach unseren persönlichen Vorstellungen und Vorlieben.

Die vielen Gesichter Gottes

Nun versteht natürlich jeder etwas anderes unter Gott. Für die einen ist er ein omnipotentes, außeruniverselles Superwesen, dem man sich unterwerfen muss, will man nicht vernichtet werden. Für andere ist Gott eine transzendente Energie, die alles durchdringt. Oder wir sprechen vom Göttlichen in uns oder einem gestaltgebenden Geist usw. Doch letztendlich bedeuten diese Unterscheidungen nicht viel. Sie repräsentieren lediglich unsere unterschiedlichen intellektuellen Gemüter.
Das Co. wäre in diesem Fall: Engel, Dämonen, Geister, Seele, Nirwana, Inkarnationslehre und Ähnliches mehr. Es könnte ja sein, dass es das eine oder andere, ja vielleicht sogar alles davon gibt (und möglicherweise noch viel, viel mehr), denn: Was wissen wir schon wirklich? In Wirklichkeit wissen wir gar nichts! Es gibt berechtigte Gründe, das alles für möglich oder wahr zu halten und es gibt berechtigte Gründe, es für falsch zu halten. Definitiv ist nichts zu entscheiden. Aber eins ist mit Sicherheit gewiss:

Was auch immer dafür verantwortlich ist, dass es die Welt und das Leben gibt, hat nichts mit dem zu tun, was in der Bibel oder anderen heiligen Schriften steht.

Denn: Warum sollte es das? Weil man es uns gelehrt hat? Das ist lächerlich! Oder, weil wir es glauben? Auch das bedeutet nicht viel. Es ist bekannt, dass Menschen ziemlich oft, schnell und gern alles Mögliche glauben, obwohl es nicht wahr ist. Warum sollte also ausgerechnet der Glaube, dass die Bibel ein Zeugnis für die Existenz eines Schöpfergottes ist, da eine Ausnahme sein? Es gibt dafür keine seriösen Gründe. Wer sich mit den Texten der Bibel (aber auch anderen religiösen Schöpfungsgeschichten) beschäftigt, wird nichts finden, was die Annahme einer solchen Schöpferinstanz rechtfertigt. Wenn wir es doch tun, dann nur, weil wir konditioniert worden sind, solche Beweise zu sehen. Und deswegen besitzt dieser Glaube kein kreatives Potenzial, denn in den allermeisten Fällen wurde er uns gegen unseren Willen eingepflanzt. Gleichzeitig wurde durch diesen Vorgang ein bereits (eventuell) vorhandenes Kreativitätspotenzial verdrängt, in die Latenz verschoben oder sogar ganz vernichtet.
Außerdem: Sind solche Fragen (nach Gott & Co., dem Sinn von allem usw.) relevant für unsere Situation, für unser tatsächliches Leben auf diesem Planeten? Sind nicht ganz andere Sachen wichtiger als die aus frühgeschichtlichen Zeiten überlieferten Welterklärungsversuche unserer längst verstorbenen Vorfahren? Wir sollten uns besser um den erbärmlichen Zustand der Welt und der Menschheit kümmern, anstatt in säkular-esoterischen Tagträumen zu schwelgen.

Kollektive Konditionierung

Hätten unsere Vorfahren, vor ein paar Tausend Jahren, Gott nicht assoziiert, postuliert oder auch erfunden, anschließend über Jahrtausende hinweg Hunderte von Generationen diesen Glauben nicht im Denken und in den Kulturen verankert und so in unsere Zeit hinein getragen, würde heute niemand von Gott oder dem Göttlichen reden.

Unser Glaube ist eine traditionelle Konditionierung – mehr nicht. Wir alle kennen Gott und das Göttliche allein aus Erzählungen, vom Hören und Sagen. Uns wurde von »Ihm«, »Es« oder auch: »Ihr« lediglich erzählt. Aufgrund eigener, unabhängiger Überlegungen hat noch niemand assoziiert, es müsse dieses Wesen oder diesen Geist geben. Ohne die Überlieferungen unserer archaischen Vorfahren gäbe es Gott also nicht. Wir können natürlich behaupten, wäre uns unser Glaube an Gott nicht überliefert, hätten wir ihn selbst entwickelt – doch das ist eine Behauptung, die schnell gemacht ist und nicht überprüft werden kann. Theoretisch könnte es zwar so sein, doch es gibt keinen seriösen Grund für diese Annahme. Sie ist nur eine Technik, mit der wir den letztendlich willkürlichen Inhalt und Charakter unserer Religionen verschleiern.
Unsere »religiösen Erlebnisse« haben ebenfalls nicht viel zu bedeuten: Hat beispielsweise jemand eine Gotteserfahrung, geschieht das stets Rahmen der Traditionen und Erwartungen, die sich aus den landesspezifischen religiösen Konditionierungen ableiten lassen. Das heißt, einem Christen erscheint Jesus, Maria oder eine andere Gestalt aus der christlichen Mythologie, einem Buddhisten Buddha und einen Hindi Krishna. Und einem Urwaldbewohner, der noch nie etwas von den etablierten Weltreligionen gehört hat, erscheint vielleicht irgendein Wald- oder Baumgott seiner Stammesreligion. Auch hier können wir einwenden: Gott drückt sich in jeder Gesellschaftsform anders aus, in jeder Kultur hat er eine andere Erscheinung. Doch diese Argumentation hat einen Makel: Ein absolutes, unendliches Superwesen hätte es bestimmt nicht nötig sich anzupassen, (und könnte es wahrscheinlich auch gar nicht), damit es akzeptiert wird! Nur Menschen (also unvollkommene Lebewesen) gehen so vor.

Unser Glaube an Gott oder das Göttliche stammt also nicht von uns selbst. Er wurde uns eingepflanzt, er ist eine Konditionierung, die meistens während unserer Kindheit stattfand, als wir noch leicht beeinflussbar waren.

Sagt man uns als Kinder, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, glauben wir das. Sagt man uns in unserer Pubertät, Selbstbefriedigung ist gesundheitsschädlich, glauben wir das. Und erzählt man uns im Religionsunterricht, ein außeruniverselles Superwesen erschuf das Universum und das Leben, glauben wir das ebenfalls. Natürlich nicht alle, aber viele. In unserer Kindheit und Jugend glauben wir fast alles, was uns erzählt wird, denn in dieser Entwicklungsphase sind wir von Natur aus offen für jede Art von Input, selbst wenn er der größte Blödsinn ist. Unser kritisches Bewusstsein ist noch nur schwach ausgeprägtes. Deswegen glauben wir an Gott – und nicht weil wir seine Existenz erfahren haben oder fühlen. Erst wenn wir erwachsen sind, erkennen wir, dass Lehrer und Eltern sich irren können oder mitunter ganz banales, dummes und unreflektiertes Zeug reden. Doch dann ist es oft zu spät: Wir bekommen diese Konditionierungen aus unseren Köpfen nicht mehr heraus, selbst wenn wir wollen!
Ohne dass es uns bewusst ist, wurden wir also indoktriniert. Und wenn wir es als Erwachsene irgendwie ahnen, töten wir diese Ahnung ab, denn wir mögen die Vorstellung nicht, manipuliert worden zu sein. Eine andere Variante ist: Wir verteidigen diese Beeinflussung als gut und richtig, als etwas, das uns aufgezwungen wurde, weil es richtig ist: Man hat uns den Glauben an Gott zwar ungefragt eingepflanzt, sagen wir, aber nur, weil er wahr ist! Doch diese Sichtweise wurde uns ebenfalls eingepflanzt, das verschweigen oder übersehen wir.

Wir mögen den Gedanken nicht, eventuell viel Energie und Zeit in etwas investiert zu haben, das nur eine Illusion ist.

Aus diesem Grund klammern wir uns so sehr an das, was uns beigebracht wurde und womit wir uns jetzt identifizieren, denn wir haben nichts anderes.

Der Kern Gottes

Werden wir gebeten, Gott zu definieren, oder zu beschreiben, beantwortet wahrscheinlich jeder die Frage anders. Abhängig von Kultur und Bildung sagen wir vielleicht: Gott ist der Ursprung allen Seins, unser innerster Kern, Alpha und Omega oder Ähnliches. Obwohl unsere Definitionen unterschiedlich ausfallen, in einem Punkt sind sie jedoch identisch: Gott ist für uns das ultimative Gute. Gut ist das, was Gott tut, selbst wenn seine Taten aus zivilisatorischer Sicht kriminell sind. Unser biblischer Gott darf Völkermord begehen, Menschen foltern oder zerstückeln, ohne dass wir es ihm übel nehmen. Wir verbinden den Begriff Gott manchmal sogar mit dem Adjektiv gut, obwohl diese Wörter etymologisch miteinander nicht verwandt sind.

Doch was ist gut, also »das Gute«? Eigentlich sollte diese Frage eine der am einfachsten zu beantwortenden Fragen überhaupt sein. Meiner Meinung nach fordert das Gute keine Unterwerfung und Anpassung, ist nicht aggressiv gewalttätig, stellt keine Bedingungen. Das Gute ist auch nicht nachtragend, eifersüchtig, besitzergreifend oder rachsüchtig. Vom Guten geht niemals eine Gefahr aus, selbst für Menschen nicht, die sich als böse bezeichnen oder Böses tun. Vor dem Guten muss sich also niemand fürchten, weder gute noch böse Menschen. Denn wäre das Gute nur für gute Menschen gut, wäre es nicht gut, sondern nur eine Vorteilssache. Gut wäre dann Lohn für ein bestimmtes Verhalten, das selbst nicht gut sein muss.

Stiehlt beispielsweise jemand einem Menschen Geld und schenkt dieses dann einer anderen Person, kann diese das als gut empfinden und den Räuber als Wohltäter, als guten Menschen. Aus der Sicht des Beschenkten ist der Dieb gut, aus der Sicht des Bestohlenen schlecht.

Nach dieser Definition gäbe es also »das Gute an sich« gar nicht, sondern nur »Vorteilhaftes«. Doch das Vorteilhafte resultiert meistens aus dem »Nachteilhaften« anderer Menschen, die diesen als schlecht empfinden.

Jehova ist kein Vorbild

Lesen wir die Bibel, macht Gott bekanntermaßen keinen guten Eindruck. Das in diesem Buch beschriebene omnipotente Superwesen besitzt viele negative menschliche Eigenschaften. Einen Menschen, der so handelt wie Jehova, stecken wir für den Rest seines Lebens ins Gefängnis oder verurteilen ihn zum Tode. Seine Taten sind nach humanen Maßstäben oft das genaue Gegenteil von gut. Da er jedoch unangefochten an der Spitze der Machthierarchie steht und unangreifbar ist, darf er sich alles erlauben, was er will. Unsere Definition von Gut und Böse gilt für ihn nicht. Gott muss sich an die Gesetze, die er uns auferlegt, selbst nicht halten, denn es gibt keinen Richter über ihn, der ihn für seine Taten verantwortlich machen könnte. Das ist die Definition eines Tyrannen.
Mit dem despotischen Charakter Gottes haben wir jedoch kein Problem – er ist uns oft gar nicht bewusst, denn solange wir ihm gehorchen, ihn nicht verärgern, tut er uns nichts.

Der sündige Gott

Es gibt sieben biblische Todsünden: Maßlosigkeit, Habgier, Trägheit, Wollust, Hochmut, Neid und Zorn. Einige davon begeht Jehova selbst.

Zorn: Oft wird in der Bibel vom Zorn Gottes gesprochen. Zornig ist er ziemlich oft, beispielsweise wenn er ganze Städte oder Völker auslöschen lässt, oder bei der Sintflut gleich fast alle Menschen. Zorn ist eine extrem impulsive und menschliche Gemütserregung, nicht selten mit Gewaltausbrüchen gekoppelt und ein Zeichen von starker Unausgeglichenheit.

Neid: Gott bezeichnet sich selbst als eifersüchtig. Eifersucht ist eine Form des Neides. Seltsamerweise ist Gott eifersüchtig auf andere Götter, die es gar nicht gibt, da er laut eigenen Angaben der einzige existierende ist.

Habgier: Gott ist sehr besitzergreifend. Er will alles haben und über alles bestimmen. Er lässt allein seinen Willen gelten. Obwohl er der Schöpfer von allem ist und rein rechtlich auf alles ein Anrecht hat, könnte er trotzdem großzügiger sein.

Maßlosigkeit: Ist der Habgier ähnlich: Der Habgierige kann nicht genug kriegen und ist maßlos. Er kennt seine Grenzen nicht. Gott hat uns zwar den freien Willen gegeben, trotzdem will er bestimmen, wie wir denken, fühlen und uns verhalten. Er möchte nicht, dass wir unsere moralischen Regeln selbst entwickeln. Wer sich seinem Willen nicht beugt, muss damit rechnen, getötet zu werden.

Trägheit: Wenn wir wollen, können wir Gott auch Trägheit vorwerfen: Trägheit im Denken. Die Trägheit des Denkens ist vielleicht die schlimmste aller Faulheiten. Mit einem kreativen und beweglichen Verstand wüsste Gott, dass man Menschen mit Gutmütigkeit und Großzügigkeit besser zur Folgsamkeit animiert, als mit Gewaltandrohung und Strafe.

Alles in allem wirkt Gott wie ein verzogenes Kind, das nie gelernt hat, seinen Willen zu beherrschen. Von einem allmächtigen, unendlich weisen Wesen erwartet man jedoch ein völlig anders Verhalten. Es ist klar, dass diese Eigenschaften nur das Denken und die Ängste unserer archaischen Vorfahren widerspiegeln. Doch heute sollten wir längst wissen, dass solche Charaktereigenschaften der Definition eines guten Gottes nicht gerecht werden.

Der wollende Gott

Oft wird vom Willen Gottes gesprochen. Er will, dass wir an ihn glauben, seine Gebote einhalten, auf eine bestimmte Art leben und Ähnliches mehr. Zeigt jemand einen Willen, zeigt er seine Unvollkommenheit: Er ist noch nicht perfekt, denn er strebt eine Zustandsveränderung an. Doch das Vollkommene kann nicht verändert werden oder unzufrieden sein. Vollkommenheit bedeutet absolute „Zufriedenheit“ und das absolut Zufriedene strebt nichts an. Nur das Unvollkommene tut das und hat Intentionen, stellt Bedingungen, will sich oder etwas verändern oder erreichen. Das trifft auf Menschen zu, aber niemals auf Gott, einem Lebewesen, dem seine Gläubigen Unendlichkeit und Vollkommenheit attestieren. Folglich dürfte Gott keinen Willen besitzen, denn laut Definition ist er kein veränderbares Wesen. Sollte es stimmen, dass Gott einen Willen hat, wäre er nicht vollkommen, nicht perfekt, nicht absolut, nicht das Höchste. Und damit wäre er nicht Gott, sondern bloß ein Wesen mit unglaublich viel Macht, das zur Durchsetzung seiner Interessen auch brutale Gewalt anwendet. Eine solche Vorgehensweise ist typisch menschlich. Doch wer souverän ist, benötigt keine Gewalt. Gewaltanwendung ist die niedrigste Methode zur Problembewältigung. Und so, wie wir in den Heiligen Schriften Gott beschreiben, ist er alles andere als vollkommen. Manchmal wendet er fiese Tricks an, die einem guten und souveränen Gott nicht würdig sind. Das entlarvt ihn als Mensch mit allmächtigen Fähigkeiten:

Er hat Bedürfnisse – genau wie ein Mensch.
Er stellt Bedingungen – genau wie ein Mensch.
Er hat Pläne – genau wie ein Mensch.
Er ist eifersüchtig – genau wie ein Mensch.
Er kennt Hass und Liebe – genau wie ein Mensch.
Er ist jähzornig – genau wie ein Mensch.
Er ist ungeduldig – genau wie ein Mensch.
Er sagt manchmal die Unwahrheit – genau wie ein Mensch.
Er bricht manchmal seine Versprechen – genau wie ein Mensch.
Er ist grausam und gewalttätig – genau wie ein Mensch.
Er ist besitzergreifend – genau wie ein Mensch.
Er ist unzufrieden – genau wie ein Mensch.

All diese Eigenschaften sind nicht göttlich, sondern typisch menschlich. Sie spiegeln die Intention eines egozentrischen Willens wider. Gäbe es tatsächlich diesen Gott, stände es schlecht um die Menschheit. Wir wären den Launen und der Willkür eines Wesens ausgeliefert, das nicht zurechnungsfähig ist, während es die Macht besitzt, absolut alles zu vernichten.