Eine Zukunft ohne Glauben


Die Zukunft des Atheismus

Eine schleimähnliche, glänzende bunte Masse.

Outet sich ein Mensch als Atheist, wird er nicht selten angegriffen, beschimpft, beleidigt oder bevormundend bemitleidet. Manchmal werden sogar noch heute Atheisten von Theisten getötet. Umgekehrt geschieht das so gut wie nie. Atheisten mit einem akademischen Beruf müssen damit rechnen, benachteiligt zu werden. Infolgedessen sehen sie sich manchmal genötigt, ihren Atheismus zu verheimlichen. Da ist es dann kein Wunder, wenn sie ebenfalls auf Angriff gehen. Dabei machen sie allerdings einen Fehler:
Ihre Argumente zur Verteidigung ihrer atheistischen Position taugen nichts. Sie sind emotional aufgeladen. Ihre Argumente bestehen zu großen Teilen aus Behauptungen, die unüberprüfbar sind.

Ihre Logik ist oft ähnlich inkohärent, wie die der Theisten. Sie bemerken diese Tatsache jedoch nicht, sodass in Diskussionen zwischen Atheisten und Theisten nur Behauptungen auf Behauptungen prallen, unvereinbare Positionen sich gegenseitig auf Distanz halten. Diese Diskussionen sind meistens ziemlich unfruchtbar, da weder Theisten noch Atheisten wirklich daran interessiert sind, die Position der anderen Partei zu verstehen, was jedoch nötig wäre, soll die Diskussion ein Ergebnis bringen. Doch jedem geht es allein darum, seine eigene Position durchzusetzen.

Der Atheismus ist der erste Schritt, der wegführt vom Glauben, obwohl er kein wirkliches Nichtglauben ist, sondern eher ein Glauben an die Nichtexistenz Gottes.

Denn theoretisch, wenn auch mit einer außergewöhnlich geringen Wahrscheinlichkeit, halten Atheisten Gott schon für möglich, eben weil seine Nichtexistenz nicht beweisbar ist. Vielleicht kann man den Atheismus »Vermutungswissen« oder »Wahrscheinlichkeitsglaube« nennen. Noch steht der Atheismus zu sehr in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Theismus, er definiert sich durch dessen Ablehnung. Er ist eher eine Abneigung, eine Trotzreaktion, und nicht wirklich rational begründet. Neigungen und Geschmäcker ändern sich mit der Zeit. Aus diesem Grund ist jeder Atheist ein potenzieller Theist und jeder Theist ein potenzieller Atheist. Wäre das nicht so, dürfte es nicht so viele Theisten geben, die zuvor Atheisten waren und umgekehrt.

Atheismus führt zum Zerotheismus

Als Atheisten sind wir oft nicht konsequent genug. Unser Ansatz ist richtig, doch in nicht wenigen Fällen ist er nur ein »Anti-Theismus« und hat deswegen eher den Charakter eines Glaubens, einer Position, die in ihr Gegenteil umschlagen kann. Das ist schade. Nicht selten ist Atheismus eine Form der Rebellion, hauptsächlich gegen die christliche Kirche. Diese Art des Atheismus hat eine begrenzte Lebensdauer und ist nicht zukunftstauglich. Unser Atheismus ist nicht emanzipiert. Das heißt, er ist eine Reaktion auf den Theismus, zu dem er in einer seltsamen (Hass-)Beziehung steht. Atheisten brauchen den Theismus, um sich intellektuell profilieren zu können. Deshalb müssen wir uns klar machen, was tatsächlicher Nichtglauben bedeutet. Das von mir entwickelte Modell vom »Zerotheismus« soll das verdeutlichen:

Eine bunte Struktur, wie eine Landschaft von oben, teilweise mit Wolkenschwaden bedeckt.

Unser Leben spielt sich oft auf der Skala von Polaritäten ab: Hell-dunkel, groß-klein, nass-trocken, ja-nein, Liebe-Hass, aktiv-passiv, gut-böse – nur um ein paar allgemeine Beispiele zu nennen. Viele dieser Polaritätspaare besitzen einen natürlichen Charakter, wie beispielsweise hell und dunkel. Andere sind künstlich und existieren nur, weil wir sie assoziieren. Die Theismus-Atheismus-Polarität ist eine solche. Ohne die Idee von Gott gäbe es auch keinen Glauben oder Nichtglauben an ihn.
Der Weg zum Zerotheismus führt über die Profanation oder Entweihung der Gottesidee. Doch solange uns der Gedanke, die Idee von Gott zu verwerfen, emotional und intellektuell aufregt (weil wir eine neurotische Fixierung auf sie haben), werden wir dazu kaum in der Lage sein. Deshalb ist es ungeheuer wichtig zu verstehen, was unser Glaube oder Anti-Glaube eigentlich ist: Eine (letztendlich beliebige) kulturelle Konditionierung, die wir mit uns herumschleppen, ohne sie gewollt zu haben. Doch um dies zu verstehen, müssen wir unsere Wahrnehmung erweitern, wir müssen uns weiterentwickeln. Dummerweise enthalten unsere religiösen Konditionierungen auch Mechanismen, die genau das verhindern. Deswegen ist es so schwierig, sie mit Abstand zu betrachten. Unser Glaube verbietet es uns schlichtweg, ihn kritisch zu betrachten.
Atheismus ist die logische Antwort auf den Theismus und nicht sein Vorläufer. Ursprünglich hatte der Ausdruck Atheismus zwar eher die Bedeutung »Andersgläubigkeit«, fungiert inzwischen jedoch als Sammelbegriff für alle Arten des Nichtglaubens an Gott.

Gäbe es keinen Theismus, könnte es auch keinen Atheismus geben, denn der Atheismus braucht den Theismus als Voraussetzung. Deswegen kann der Atheismus als eine verborgene Eigenschaft des Theismus verstanden werden.
In der Schule lernten wir: Die These führt zur Antithese, die Antithese zur Synthese, die Synthese zur neuen These, und diese erneut zur Antithese usw. usf. Auf den Theismuskomplex angewandt können wir daher sagen:

1THESEZuerst war der Theismus
2ANTITHESEAls Gegenreaktion auf den Theismus entsteht der Atheismus
3SYNTHESEDie Rekombination oder Verschmelzung von Theismus und Atheismus ist der Agnostizismus
4NEUE THESEDer Agnostizismus führt zur neuen These: Dem Zerotheismus

Der Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus wird allgemein als Fortschritt verstanden. Ein weiter logischer Fortschritt ist dann der Wechsel vom Monotheismus zum Zerotheismus. Der Atheismus kann dann als Zwischenschritt oder Übergangsphase verstanden werden.

Zerotheismus: der wahr Nichtglauben

In einer feurigen Landschaft steckt etwas auf einem Spieß

Zerotheismus heißt in diesem Sinn so viel wie: Es wird nicht an die Existenz Gottes geglaubt (Theismus). Es wird nicht an die Nichtexistenz Gottes geglaubt (Atheismus). Es wird nicht geglaubt, dass es Gott geben oder nicht geben könnte (Agnostizismus). Der religiöse Glaube oder religiöse Nichtglaube spielt im Leben des Individuums keine Rolle, selbst keine philosophische.
Auf den ersten Blick scheint der Ausdruck »Zerotheismus« nur ein anderes Wort für Atheismus zu sein. Doch Atheismus wird auch als Gegenpol zum Theismus verstanden, was ihn mit dem Theismus irgendwie verbindet. Atheismus ist eine Abwehrreaktion auf den Theismus, doch tatsächliches Nichtglauben muss mehr sein, als das. Deswegen mein Modell vom Zerotheismus, der ohne den Theismus auskommt.

Diese neue These, der Zerotheismus, muss etwas sein, was über den Theismus, Atheismus und Agnostizismus hinausgeht, oder diese Glaubensrichtungen transzendiert. Die neue These darf mit ihren Vorgängern nicht verwandt sein, sie darf keine neue Form von Glaubenssystem sein. Die einzige Beziehung, welche diese neue These besitzen darf (aber nicht muss!), ist eine zur prä-theistischen Zeit, der Zeit, als es noch keinen Glauben an Gott gab.

Bevor es den Götterglauben gab, glaubten wir nicht deshalb nicht an Götter, weil wir diesen Glauben ablehnten (wie es der Atheismus tut), sondern weil es die Idee von Gott beziehungsweise den Göttern noch nicht gab.

Es wird uns nicht möglich sein, zu dieser „religiösen Jungfräulichkeit“ zurückzukehren. Außerdem wäre es sowieso nicht wünschenswert und obendrein kontrakreativ. Denn dann hätten wir die theistische Phase wieder vor uns. Die Phase, die nach dem Agnostizismus kommt, muss eine höhere Oktave der prä-theistischen Phase sein.

In dieser post-agnostischen Phase glauben wir nicht deswegen nicht an Gott oder Götter, weil es das Gotteskonzept noch nicht oder nicht mehr gibt, sondern weil wir den Glauben oder Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigt. Es ist ein grundsätzlich qualitativer Unterschied zum Atheismus: Das seelische oder mentale Gleichgewicht, die intellektuelle Identität und Integrität ist vom Nichtglauben an Gott nicht mehr abhängig.

Der Atheismus ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Er führt zum Agnostizismus und dieser zur nächsten Phase oder neuen These, die ich Mangels eines besseren Ausdrucks »Zerotheismus« nenne. Kein guter Wurf, aber besser als gar nichts. Und sollten wir irgendwann den Glauben oder den Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigen, wird auch dieser Begriff überflüssig.
Die Funktion oder Aufgabe des Atheismus ist somit die Vorbereitung des Weges zum wirklichen Nichtglauben.

8 thoughts on “Eine Zukunft ohne Glauben

    1. Dann wäre es besser, du würdest auf diesen Ausdruck verzichten. Denn er ist (zumindest in der heutigen Zeit) missverständlich. Mann kann den Ausdruck „Gott“ nicht benutzen, ohne dass bei anderen eine bestimmte Assoziation entsteht. Diese muss nicht mit dem identisch sein, was man selbst darunter versteht. Wenn Christen/Moslems/Juden dieses Wort hören, denken sie natürlich sofort an den biblischen Gott. Hören Pantheisten dieses Wort, denken sie an den Kosmos/das Universum. Andere Leute assoziieren mit diesem Begriff vielleicht „Liebe“ usw. usf.

      Wir sind natürlich (fast) alle konditioniert worden, an Gott zu glauben. Wenn wir es nicht auf traditionelle Art tun können (vielleicht, weil wir uns seit unserer Kindheit intellektuell weiterentwickelt haben), finden wir alternative Arten des Glaubens. Wir glauben dann vielleicht, wir hätten uns der „traditionellen Indoktrination“ entzogen, doch in Wirklichkeit sind wir in eine Falle gelaufen. Der „Same des glauben-wollens“ wurde während unserer Kindheit in uns eingepflanzt und findet seinen Weg zur Keimung, ohne dass es uns bewusst ist. Denn Hauptsache ist, dass wir glauben! Welche Form dieser Glaube letztendlich annimmt, ist nicht so wichtig. Auch wenn wir es anders nennen oder etwas anderes darunter verstehen: das alles sind nur Details, auf die es nicht wirklich ankommt.

      Wenn wir also erst erklären müssen, was wir mit „Gott“ meinen und auch irgendwie wissen, dass unsere Definition niemals dem gerecht sein wird, was wir im Inneren fühlt (bzw. glauben, dort zu fühlen), wäre es besser, auf diesen Ausdruck zu verzichten – ihn nach Möglichkeit sogar ersatzlos zu streichen. Denn wozu brauchen wir ihn? Er hilft uns nicht, das Wunder der Existenz besser zu verstehen. Er verklärt bestenfalls die Situation, also die Tatsache, dass die Existenz/das Leben/das Universum nicht mit unserem beschränkten Verstand verstanden werden kann (bzw. gaukelt uns vor, es zu können). Doch Verklärung kann die zukünftige Menschheit nicht mehr gebrauchen, bzw. sich nicht mehr leisten.

  1. Kein Mensch liebt den Begriff „Gott“, weil die Assoziationen – bei j e d e m Menschen, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht – ungeheuerlich sind. Nicht mal die Ambivalenzen und Widersprüche schaffen Erholung,
    sind sogar doppelt schadenbringend, weil sonst ja schon jeder die sogenannte hl. Bücher in’s allertiefste Meer geschmissen hätte, es also gar keine mehr gäbe. In einem nordeuropäischen Land hat man gründlich wie du über diese Terminologie nachgedacht, wollte aus guten Gründen auf keinen Fall mehr „Gott“ sagen und hat ein neues Wort geschaffen!
    Es ist eine skandinavische Übersetzung von „etwas ist?was?“ als ein einziges Wort.
    Mich ärgert es halt, dass wir Menschen so unbehaust leben, so wenig wissen, und einander so viel antun, und uns selbst oft vertun.
    Der gutherzige Heinrich Böll dachte viel darüber nach, schrieb vielleicht nicht sehr gut, fand die Kirche widerlich
    und unser seltsames Sehnen als Gottesbeweis, als „etwasistwas“.

  2. Zu Heinrich Böll fällt mir noch ein: Er sagte, dass wir Menschen uns sehr fremd auf diesem Planeten fühlen, dass wir Heimweh nach irgend etwas haben….“etwasistwas“.

    Seine Gottessuche tat ihm weh. Das erkannte man auch am Schriftbild in einem seiner Bücher:
    Er schrieb auf einer Seite den Begriff Gott in Blockschrift. Man sagt, wer so schreibt,
    s c h r e i t .
    Ehrlich war er, war sich immer bewusst, dass seine Gewissensbildung auch aus seiner christlichen Erziehung stammte. Sein starker Kampf gegen Lügen der BILD-Zeitung und das trotz eigener körperlicher Schwäche opferbereite Aufnehmen verfolgter Schriftsteller aus der Sowjetunion (Kopelew u.a.) haben auch damit zu tun. Er blieb Christ, als er erzürnt aus der katholischen Kirche austrat.
    In seiner Lebenszeit hat man noch nicht – und ebenfalls er – nicht gewusst,
    dass die Kirche immer auch ein armes leidendes Opfer der selbergebastelten ethisch fragwürdigen, also unheiligen Bibel war und wahrscheinlich bis zum Nimmerleinstag bleiben wird.
    Sie wird jeden Sonntag vom Priester geküsst.

  3. Postwendend würde ich gestern kritisiert und muss jetzt möglichst fair antworten:

    Ich soll die rk Kirche doch nicht so schlechtmachen! Jeden Tag, nicht nur sonntags wird die Bibel geküsst.
    Und zwar weltweit, also in allen Kontinenten. Nur die Frauen dürfen nicht küssen.

  4. Ohne Gottesvorstellungen kann ich wie die meisten Menschen nicht leben,
    auch wenn ich das – ebenfalls von Menschen gemachte – biblische und koranische Gottesbild und jede religiöse Institution nach wie vor als veraltet und ungut erkenne.
    Erst nach unserem Sterben werden wir wissen, wozu dieses anspruchsvolle Lebensstudium
    nötig war. Da bin ich mir ganz sicher.

  5. Michael, Du schreibst ja selbst am 7. November vom „Wunder des Lebens“ und unserem „beschränkten menschlichen Verstand“.
    Klar, deshalb machen wir Menschen uns ja Vorstellungen.
    Im inneren Frieden, ohne kräfteraubende Kämpfe möchte ich dies tun.
    In meinem ganzen Leben habe ich zu viel gekämpft. Damit habe ich den Menschen und mir mehr geschadet als genützt.

    Übrigens, in meinen Augen ist Gott nicht allmächtig, aber liebend.

    1. Da zitierst du mich falsch: Ich schreibe vom Wunder der Existenz, nicht des Lebens. Das Leben ist (nur) ein Bestandteil der Existenz, nicht die Existenz selbst. Ich schreibe: „Er [Gott] hilft uns nicht, das Wunder der Existenz besser zu verstehen …“ denn, würde er existieren, wäre er ebenfalls ein Teil der Existenz (des Seins), also dem, was es zu erklären gilt. Wie ich auf meiner Glaubenssystemseite schreibe: “… ein Konzept ist ungeeignet ein Phänomen zu erklären, wenn es selbst Bestandteil des Phänomens ist!“
      Das, was es zu erklären gibt, ist nicht das Leben, sondern die Tatsache, dass es überhaupt etwas gibt. Das ist das eigentliche Phänomen. Um dieses zu erklären, hilft uns das Gotteskonzept also nicht weiter.

      Du schreibst … „Übrigens, in meinen Augen ist Gott nicht allmächtig, aber liebend.“

      Ich habe natürlich keine Ahnung, aber nach meinem Empfinden gibt es das, was wir Liebe nennen, nicht ohne sein Gegenteil, den Hass. Wenn Gott liebend ist, kann ihm das also nur möglich sein, weil er auch hassend ist. „Gott ist Liebe“ ist deshalb nur ein Spruch, denn wir aufschnappen und nachplappern, weil er so eingängig ist.
      Deshalb kann ich nur sagen: „Gott ist nicht genug!“

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