Atheismus

Atheismus


Atheistischer Nichtglaube

Atheisten lehnen – im Gegensatz zu Theisten – ein fremdbestimmtes Leben ab. Sie wollen selbst entscheiden und fühlen sich unwohl, wenn sie sich unterordnen sollen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es ihnen auch gelingt!

Natürlich sind sie deswegen keine Verweigerer der bürgerlichen Ordnung. In alltäglichen Angelegenheiten (beispielsweise im Job, bei Mehrheitsentscheidungen) fügen sie sich genauso ein, wie jeder andere auch. Sie weigern sich jedoch, sich in privaten Angelegenheiten etwas vorschreiben zu lassen, beispielsweise wie sie denken, fühlen oder glauben sollen. Anarchismus findet man deshalb nur bei Atheisten und nie bei Theisten.

Atheismus hat oft den Charakter einer Kompensation. Nicht selten ist er eine Reaktion auf den offenen oder versteckten Druck, der von der schöpfergottgläubigen Gesellschaft auf Nichtgläubige ausgeübt wird.

Atheisten streiten vehement ab, ihr Atheismus könnte ein Glaube sein. Sie würden sich auf wissenschaftliche Tatsachen stützen, objektiv und ideologiefrei sein, behaupten sie und nennen sich Freidenker. Die Existenz eines Schöpferwesens ist außergewöhnlich unwahrscheinlich, argumentieren sie manchmal. Und deshalb könne es auch keins geben. Doch das ist ein schwaches Argument, denn die Wahrscheinlichkeit hat mit der Möglichkeit nichts zu tun. Ist etwas außergewöhnlich unwahrscheinlich, ist es möglich! In diesem Sinn halten manche Atheisten die Existenz eines Schöpfergottes theoretisch (wenn auch unausgesprochen) für möglich. Sie sagen, die Behauptung, sie würden an die Nichtexistenz von Gott glauben, sei falsch. Sie glauben einfach nicht an Gott – das sei etwas anderes. Doch die Aussagen: „Ich glaube nicht an Gott“ und „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“, sind gleichwertig. Die erste Variante ist eine leicht verkürzte Form der Zweiten.

Angst vor dem Irrationalen

Wissen auf einem Gebiet, das außerhalb unserer Wahrnehmung liegt, ist unmöglich. Denn von Wissen kann nur gesprochen werden, wenn zumindest theoretisch gewusst werden könnte! Diese Option gibt es bei Frage nach dem Ursprung und Sinn des Universums/der Existenz jedoch nicht. Das heißt also:

Sobald wir uns mit der Existenzfrage beschäftigen, kommt notgedrungen Glaube ins Spiel, ob wir es mögen oder nicht, denn Gott bzw. die Modelle, welche die Existenz erklären sollen, sind reine Spekulationen, bestenfalls Hypothesen oder Theorien, an die wir glauben können oder nicht.

Entscheiden wir uns, nicht an Gottes Existenz zu glauben, entscheidet wir uns »zu glauben, dass es diese Entität nicht gibt«. (Das gilt selbstverständlich auch für die theistische Position: Entscheiden wir uns, nicht an das naturwissenschaftliche Erklärungsmodell zu glauben, entscheidet wir uns »zu glauben, dass es falsch ist«). Denn wir können nicht wissen, ob ein außeruniverselles Wesen das Universum erschaffen hat, es eine andere Ursache besitzt oder auch ganz ohne ist. Behaupten wir das, täuschen wir uns lediglich darüber hinweg, dass uns die jeweilige Vorstellung (Universum wurde erschaffen/Universum existiert aus einem anderen Grund oder auch ohne) »Angst« macht oder aus irgendeinem Grund nicht gefällt.
Die bessere Variante von: „Ich glaube nicht an Gott“ sollte deshalb lauten: „Ich lehne es ab, an Gott zu glauben.“ Damit sagen wir: „Ich mag das Schöpfergottkonzept nicht (aus welchem Grund auch immer).“

Würden Atheisten wirklich nur nicht an Gott glauben, wäre ihnen Religion egal. Denn niemand bekämpft das, was ihn nicht interessiert. Atheisten investieren jedoch viel Zeit und Energie, um gegen den Theismus zu argumentieren. So etwas tut man, wenn man eine Beziehung zu dem hat, wogegen man sich positioniert. Und genau das ist es, was viele (wenn auch nicht alle) Atheisten charakterisiert: eine negative Beziehung zu ihrem evtl. latenten Glauben an Gott, den sie sich nicht eingestehen können oder der ihnen nicht bewusst ist.

Unterschiedliche Atheismusformen

Ein anderer, wichtiger Aspekt: Wäre der Atheismus kein Glaube, könnte es keine unterschiedlichen Atheismusformen geben. Denn warum sollte man den Nichtglauben an Gott ausdifferenzieren? Gott kann es nur auf eine Art nicht geben: Er existiert nicht! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Doch solange Atheisten auf unterschiedliche Arten nicht an Gott glauben, ist ihr Nichtglaube subjektiv und das bedeutet, er ist ebenfalls eine Glaubensform. Atheismus beansprucht für sich das Attribut der Objektivität. Die unterschiedlichen Atheismusformen widersprechen jedoch diesem Anspruch.

Glauben wir an die Existenz Gottes, können wir uns trotzdem uneinig sein, wie diese Existenz beschaffen ist. Eine Nichtexistenz kann es jedoch nicht auf unterschiedliche Weisen geben.

Als Atheisten können oder wollen wir nicht an Gott glauben. Das ist natürlich sehr gut! Uns ist jedoch nicht bewusst, dass unser Nichtglaube technisch gesehen nur ein Glaube an die Nichtexistenz Gottes ist. Um diesen Umstand zu verschleiern (wahrscheinlich vor uns selbst), entwickeln wir Philosophien, Theorien, Strategien oder Redekünste, die unserem Glauben einen rational-wissenschaftlichen Anstrich geben, der in den diversen Atheismusformen seinen Ausdruck findet. Jeder tut das auf eine andere Art, abhängig von seinem intellektuellen Gemüt. Es gibt aus den gleichen Gründen unterschiedliche Atheismusformen, wie unterschiedliche Theismusformen: unterschiedliche intellektuelle Gemüter, unterschiedliche Herangehensweisen an das »Phänomen Existenz«. Die diversen Atheismusformen entlarven den Atheismus also endgültig als Glauben.

Outet sich ein Mensch als Atheist, wird er nicht selten angegriffen, beschimpft, beleidigt oder bevormundend bemitleidet. Manchmal werden sogar noch heute Atheisten von Theisten getötet. Umgekehrt geschieht das so gut wie nie. Atheisten mit einem akademischen Beruf müssen damit rechnen, benachteiligt zu werden. Infolgedessen sehen sie sich manchmal genötigt, ihren Atheismus zu verheimlichen. Da ist es dann kein Wunder, wenn sie ebenfalls auf Angriff gehen. Dabei machen sie allerdings einen Fehler: Ihre Argumente zur Verteidigung ihrer atheistischen Position taugen nichts. Sie sind emotional aufgeladen. Ihre Argumente bestehen zu großen Teilen aus Behauptungen, die unüberprüfbar sind.

Ihre Logik ist oft ähnlich inkohärent, wie die der Theisten. Sie bemerken diese Tatsache jedoch nicht, sodass in Diskussionen zwischen Atheisten und Theisten nur Behauptungen auf Behauptungen prallen, unvereinbare Positionen sich gegenseitig auf Distanz halten. Diese Diskussionen sind meistens ziemlich unfruchtbar, da weder Theisten noch Atheisten wirklich daran interessiert sind, die Position der anderen Partei zu verstehen, was jedoch nötig wäre, soll die Diskussion ein Ergebnis bringen. Doch jedem geht es allein darum, seine eigene Position durchzusetzen.

Die Zukunft des Atheismus

Der Atheismus ist der erste Schritt, der wegführt vom Glauben, obwohl er kein wirkliches Nichtglauben ist, sondern eher ein Glauben an die Nichtexistenz Gottes.

Denn theoretisch, wenn auch mit einer außergewöhnlich geringen Wahrscheinlichkeit, halten Atheisten Gott schon für möglich, eben weil seine Nichtexistenz nicht beweisbar ist. Vielleicht kann man den Atheismus »Vermutungswissen« oder »Wahrscheinlichkeitsglaube« nennen. Noch steht der Atheismus zu sehr in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Theismus, er definiert sich durch dessen Ablehnung. Er ist eher eine Abneigung, eine Trotzreaktion, und nicht wirklich rational begründet. Neigungen und Geschmäcker ändern sich mit der Zeit. Aus diesem Grund ist jeder Atheist ein potenzieller Theist und jeder Theist ein potenzieller Atheist. Wäre das nicht so, dürfte es nicht so viele Theisten geben, die zuvor Atheisten waren und umgekehrt.

Als Atheisten sind wir oft nicht konsequent genug. Unser Ansatz ist richtig, doch in nicht wenigen Fällen ist er nur ein »Anti-Theismus« und hat deswegen eher den Charakter eines Glaubens, einer Position, die in ihr Gegenteil umschlagen kann. Das ist schade. Nicht selten ist Atheismus eine Form der Rebellion, hauptsächlich gegen die christliche Kirche. Diese Art des Atheismus hat eine begrenzte Lebensdauer und ist nicht zukunftstauglich. Unser Atheismus ist nicht emanzipiert. Das heißt, er ist eine Reaktion auf den Theismus, zu dem er in einer seltsamen (Hass-)Beziehung steht. Atheisten brauchen den Theismus, um sich intellektuell profilieren zu können. Deshalb müssen wir uns klar machen, was tatsächlicher Nichtglauben bedeutet. Das von mir entwickelte Modell vom »Zerotheismus« soll das verdeutlichen:

Atheismus führt zum Zerotheismus

Unser Leben spielt sich oft auf der Skala von Polaritäten ab: Hell-dunkel, groß-klein, nass-trocken, ja-nein, Liebe-Hass, aktiv-passiv, gut-böse – nur um ein paar allgemeine Beispiele zu nennen. Viele dieser Polaritätspaare besitzen einen natürlichen Charakter, wie beispielsweise hell und dunkel. Andere sind künstlich und existieren nur, weil wir sie assoziieren. Die Theismus-Atheismus-Polarität ist eine solche. Ohne die Idee von Gott gäbe es auch keinen Glauben oder Nichtglauben an ihn.

Der Weg zum Zerotheismus führt über die Profanation oder Entweihung der Gottesidee. Doch solange uns der Gedanke, die Idee von Gott zu verwerfen, emotional und intellektuell aufregt (weil wir eine neurotische Fixierung auf sie haben), werden wir dazu kaum in der Lage sein. Deshalb ist es ungeheuer wichtig zu verstehen, was unser Glaube oder Anti-Glaube eigentlich ist: Eine (letztendlich beliebige) kulturelle Konditionierung, die wir mit uns herumschleppen, ohne sie gewollt zu haben. Doch um dies zu verstehen, müssen wir unsere Wahrnehmung erweitern, wir müssen uns weiterentwickeln. Dummerweise enthalten unsere religiösen Konditionierungen auch Mechanismen, die genau das verhindern. Deswegen ist es so schwierig, sie mit Abstand zu betrachten. Unser Glaube verbietet es uns schlichtweg, ihn kritisch zu betrachten.

Atheismus ist die logische Antwort auf den Theismus und nicht sein Vorläufer. Ursprünglich hatte der Ausdruck Atheismus zwar eher die Bedeutung »Andersgläubigkeit«, fungiert inzwischen jedoch als Sammelbegriff für alle Arten des Nichtglaubens an Gott.

Gäbe es keinen Theismus, könnte es auch keinen Atheismus geben, denn der Atheismus braucht den Theismus als Voraussetzung. Deswegen kann der Atheismus als eine verborgene Eigenschaft des Theismus verstanden werden.

In der Schule lernten wir: Die These führt zur Antithese, die Antithese zur Synthese, die Synthese zur neuen These, und diese erneut zur Antithese usw. usf. Auf den Theismuskomplex angewandt können wir daher sagen:

1THESEZuerst war der Theismus
2ANTITHESEAls Gegenreaktion auf den Theismus entsteht der Atheismus
3SYNTHESEDie Rekombination oder Verschmelzung von Theismus und Atheismus ist der Agnostizismus
4NEUE THESEDer Agnostizismus führt zur neuen These: Dem Zerotheismus

Der Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus wird allgemein als Fortschritt verstanden. Ein weiter logischer Fortschritt ist dann der Wechsel vom Monotheismus zum Zerotheismus. Der Atheismus kann dann als Zwischenschritt oder Übergangsphase verstanden werden.

Zerotheismus: der wahr Nichtglauben

Zerotheismus heißt in diesem Sinn so viel wie: Es wird nicht an die Existenz Gottes geglaubt (Theismus). Es wird nicht an die Nichtexistenz Gottes geglaubt (Atheismus). Es wird nicht geglaubt, dass es Gott geben oder nicht geben könnte (Agnostizismus). Der religiöse Glaube oder religiöse Nichtglaube spielt im Leben des Individuums keine Rolle, selbst keine philosophische.
Auf den ersten Blick scheint der Ausdruck »Zerotheismus« nur ein anderes Wort für Atheismus zu sein. Doch Atheismus wird auch als Gegenpol zum Theismus verstanden, was ihn mit dem Theismus irgendwie verbindet. Atheismus ist eine Abwehrreaktion auf den Theismus, doch tatsächliches Nichtglauben muss mehr sein, als das. Deswegen mein Modell vom Zerotheismus, der ohne den Theismus auskommt.

Diese neue These, der Zerotheismus, muss etwas sein, was über den Theismus, Atheismus und Agnostizismus hinausgeht, oder diese Glaubensrichtungen transzendiert. Die neue These darf mit ihren Vorgängern nicht verwandt sein, sie darf keine neue Form von Glaubenssystem sein. Die einzige Beziehung, welche diese neue These besitzen darf (aber nicht muss!), ist eine zur prä-theistischen Zeit, der Zeit, als es noch keinen Glauben an Gott gab.

Bevor es den Götterglauben gab, glaubten wir nicht deshalb nicht an Götter, weil wir diesen Glauben ablehnten (wie es der Atheismus tut), sondern weil es die Idee von Gott beziehungsweise den Göttern noch nicht gab.

Es wird uns nicht möglich sein, zu dieser „religiösen Jungfräulichkeit“ zurückzukehren. Außerdem wäre es sowieso nicht wünschenswert und obendrein kontrakreativ. Denn dann hätten wir die theistische Phase wieder vor uns. Die Phase, die nach dem Agnostizismus kommt, muss eine höhere Oktave der prä-theistischen Phase sein.

In dieser post-agnostischen Phase glauben wir nicht deswegen nicht an Gott oder Götter, weil es das Gotteskonzept noch nicht oder nicht mehr gibt, sondern weil wir den Glauben oder Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigt. Es ist ein grundsätzlich qualitativer Unterschied zum Atheismus: Das seelische oder mentale Gleichgewicht, die intellektuelle Identität und Integrität ist vom Nichtglauben an Gott nicht mehr abhängig.

Der Atheismus ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Er führt zum Agnostizismus und dieser zur nächsten Phase oder neuen These, die ich Mangels eines besseren Ausdrucks »Zerotheismus« nenne. Kein guter Wurf, aber besser als gar nichts. Und sollten wir irgendwann den Glauben oder den Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigen, wird auch dieser Begriff überflüssig.
Die Funktion oder Aufgabe des Atheismus ist somit die Vorbereitung des Weges zum wirklichen Nichtglauben.