Atheismus


Atheistischer Nichtglaube

Atheisten lehnen – im Gegensatz zu Theisten – ein fremdbestimmtes Leben ab. Sie wollen selbst entscheiden und fühlen sich unwohl, wenn sie sich unterordnen sollen. Natürlich sind sie deswegen keine Verweigerer der bürgerlichen Ordnung. In alltäglichen Angelegenheiten (beispielsweise im Job, bei Mehrheitsentscheidungen) fügen sie sich genauso ein, wie jeder andere auch. Sie weigern sich jedoch, sich in privaten Angelegenheiten etwas vorschreiben zu lassen, beispielsweise wie sie denken, fühlen oder glauben sollen. Anarchismus findet man deshalb nur bei Atheisten und nie bei Theisten.
Atheismus hat oft den Charakter einer Kompensation. Nicht selten ist er eine Reaktion auf den offenen oder versteckten Druck, der von der schöpfergottgläubigen Gesellschaft auf Nichtgläubige ausgeübt wird.
Atheisten streiten vehement ab, ihr Atheismus könnte ein Glaube sein. Sie würden sich auf wissenschaftliche Tatsachen stützen, objektiv und ideologiefrei sein, behaupten sie und nennen sich Freidenker. Die Existenz eines Schöpferwesens ist außergewöhnlich unwahrscheinlich, argumentieren sie manchmal. Und deshalb könne es auch keins geben. Doch das ist ein schwaches Argument, denn die Wahrscheinlichkeit hat mit der Möglichkeit nichts zu tun. Ist etwas außergewöhnlich unwahrscheinlich, ist es möglich! In diesem Sinn halten manche Atheisten die Existenz eines Schöpfergottes theoretisch (wenn auch unausgesprochen) für möglich.
Sie sagen, die Behauptung, sie würden an die Nichtexistenz von Gott glauben, sei falsch. Sie glauben einfach nicht an Gott – das sei etwas anderes. Doch die Aussagen: „Ich glaube nicht an Gott“ und „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“, sind gleichwertig. Die erste Variante ist eine leicht verkürzte Form der Zweiten.

Angst vor dem Irrationalen

Wissen auf einem Gebiet, das außerhalb unserer Wahrnehmung liegt, ist unmöglich. Denn von Wissen kann nur gesprochen werden, wenn zumindest theoretisch gewusst werden könnte! Diese Option gibt es bei Frage nach dem Ursprung und Sinn des Universums/der Existenz jedoch nicht. Das heißt also:

Sobald wir uns mit der Existenzfrage beschäftigen, kommt notgedrungen Glaube ins Spiel, ob wir es mögen oder nicht, denn Gott bzw. die Modelle, welche die Existenz erklären sollen, sind reine Spekulationen, bestenfalls Hypothesen oder Theorien, an die wir glauben können oder nicht.

Entscheiden wir uns, nicht an Gottes Existenz zu glauben, entscheidet wir uns »zu glauben, dass es diese Entität nicht gibt«. (Das gilt selbstverständlich auch für die theistische Position: Entscheiden wir uns, nicht an das naturwissenschaftliche Erklärungsmodell zu glauben, entscheidet wir uns »zu glauben, dass es falsch ist«). Denn wir können nicht wissen, ob ein außeruniverselles Wesen das Universum erschaffen hat, es eine andere Ursache besitzt oder auch ganz ohne ist. Behaupten wir das, täuschen wir uns lediglich darüber hinweg, dass uns die jeweilige Vorstellung (Universum wurde erschaffen/Universum existiert aus einem anderen Grund oder auch ohne) »Angst« macht oder aus irgendeinem Grund nicht gefällt.
Die bessere Variante von: „Ich glaube nicht an Gott“ sollte deshalb lauten: „Ich lehne es ab, an Gott zu glauben.“ Damit sagen wir: „Ich mag das Schöpfergottkonzept nicht (aus welchem Grund auch immer).“
Würden Atheisten wirklich nur nicht an Gott glauben, wäre ihnen der religiöse Glaube egal. Denn niemand bekämpft das, was ihn nicht interessiert. Atheisten investieren jedoch viel Zeit und Energie, um gegen den Theismus zu argumentieren. So etwas tut man, wenn man eine Beziehung zu dem hat, wogegen man sich positioniert. Und genau das ist es, was viele (wenn auch nicht alle) Atheisten charakterisiert: eine negative Beziehung zu ihrem evtl. latenten Glauben an Gott, den sie sich nicht eingestehen können oder der ihnen nicht bewusst ist.

Unterschiedliche Atheismusformen

Ein anderer, wichtiger Aspekt: Wäre der Atheismus kein Glaube, könnte es keine unterschiedlichen Atheismusformen geben. Denn warum sollte man den Nichtglauben an Gott ausdifferenzieren? Gott kann es nur auf eine Art nicht geben: Er existiert nicht! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Doch solange Atheisten auf unterschiedliche Arten nicht an Gott glauben, ist ihr Nichtglaube subjektiv und das bedeutet, er ist ebenfalls eine Glaubensform. Atheismus beansprucht für sich das Attribut der Objektivität. Die unterschiedlichen Atheismusformen widersprechen jedoch diesem Anspruch.

Glauben wir an die Existenz Gottes, können wir uns trotzdem uneinig sein, wie diese Existenz beschaffen ist. Eine Nichtexistenz kann es jedoch nicht auf unterschiedliche Weisen geben.

Als Atheisten können oder wollen wir nicht an Gott glauben. Das ist natürlich sehr gut! Uns ist jedoch nicht bewusst, dass unser Nichtglaube technisch gesehen nur ein Glaube an die Nichtexistenz Gottes ist. Um diesen Umstand zu verschleiern (wahrscheinlich vor uns selbst), entwickeln wir Philosophien, Theorien, Strategien oder Redekünste, die unserem Glauben einen rational-wissenschaftlichen Anstrich geben, der in den diversen Atheismusformen seinen Ausdruck findet. Jeder tut das auf eine andere Art, abhängig von seinem intellektuellen Gemüt. Es gibt aus den gleichen Gründen unterschiedliche Atheismusformen, wie unterschiedliche Theismusformen: unterschiedliche intellektuelle Gemüter, unterschiedliche Herangehensweisen an das »Phänomen Existenz«. Die diversen Atheismusformen entlarven den Atheismus also endgültig als Glauben.

Outet sich ein Mensch als Atheist, wird er nicht selten angegriffen, beschimpft, beleidigt oder bevormundend bemitleidet. Manchmal werden sogar noch heute Atheisten von Theisten getötet. Umgekehrt geschieht das so gut wie nie. Atheisten mit einem akademischen Beruf müssen damit rechnen, benachteiligt zu werden. Infolgedessen sehen sie sich manchmal genötigt, ihren Atheismus zu verheimlichen. Da ist es dann kein Wunder, wenn sie ebenfalls auf Angriff gehen. Dabei machen sie allerdings einen Fehler:
Ihre Argumente zur Verteidigung ihrer atheistischen Position taugen nichts. Sie sind emotional aufgeladen. Ihre Argumente bestehen zu großen Teilen aus Behauptungen, die unüberprüfbar sind.
Ihre Logik ist oft ähnlich inkohärent, wie die der Theisten. Sie bemerken diese Tatsache jedoch nicht, sodass in Diskussionen zwischen Atheisten und Theisten nur Behauptungen auf Behauptungen prallen, unvereinbare Positionen sich gegenseitig auf Distanz halten. Diese Diskussionen sind meistens ziemlich unfruchtbar, da weder Theisten noch Atheisten wirklich daran interessiert sind, die Position der anderen Partei zu verstehen, was jedoch nötig wäre, soll die Diskussion ein Ergebnis bringen. Doch jedem geht es allein darum, seine eigene Position durchzusetzen.

Die Zukunft des Atheismus

Der Atheismus ist der erste Schritt, der wegführt vom Glauben, obwohl er kein wirkliches Nichtglauben ist, sondern eher ein Glauben an die Nichtexistenz Gottes.

Denn theoretisch, wenn auch mit einer außergewöhnlich geringen Wahrscheinlichkeit, halten Atheisten Gott schon für möglich, eben weil seine Nichtexistenz nicht beweisbar ist. Vielleicht kann man den Atheismus »Vermutungswissen« oder »Wahrscheinlichkeitsglaube« nennen. Noch steht der Atheismus zu sehr in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Theismus, er definiert sich durch dessen Ablehnung. Er ist eher eine Abneigung, eine Trotzreaktion, und nicht wirklich rational begründet. Neigungen und Geschmäcker ändern sich mit der Zeit. Aus diesem Grund ist jeder Atheist ein potenzieller Theist und jeder Theist ein potenzieller Atheist. Wäre das nicht so, dürfte es nicht so viele Theisten geben, die zuvor Atheisten waren und umgekehrt.

Als Atheisten sind wir oft nicht konsequent genug. Unser Ansatz ist richtig, doch in nicht wenigen Fällen ist er nur ein »Anti-Theismus« und hat deswegen eher den Charakter eines Glaubens, einer Position, die in ihr Gegenteil umschlagen kann. Das ist schade. Nicht selten ist Atheismus eine Form der Rebellion, hauptsächlich gegen die christliche Kirche. Diese Art des Atheismus hat eine begrenzte Lebensdauer und ist nicht zukunftstauglich. Unser Atheismus ist nicht emanzipiert. Das heißt, er ist eine Reaktion auf den Theismus, zu dem er in einer seltsamen (Hass-)Beziehung steht. Atheisten brauchen den Theismus, um sich intellektuell profilieren zu können. Deshalb müssen wir uns klar machen, was tatsächlicher Nichtglauben bedeutet. Das von mir entwickelte Modell vom »Zerotheismus« soll das verdeutlichen:

Atheismus führt zum Zerotheismus

Unser Leben spielt sich oft auf der Skala von Polaritäten ab: Hell-dunkel, groß-klein, nass-trocken, ja-nein, Liebe-Hass, aktiv-passiv, gut-böse – nur um ein paar allgemeine Beispiele zu nennen. Viele dieser Polaritätspaare besitzen einen natürlichen Charakter, wie beispielsweise hell und dunkel. Andere sind künstlich und existieren nur, weil wir sie assoziieren. Die Theismus-Atheismus-Polarität ist eine solche. Ohne die Idee von Gott gäbe es auch keinen Glauben oder Nichtglauben an ihn.
Der Weg zum Zerotheismus führt über die Profanation oder Entweihung der Gottesidee. Doch solange uns der Gedanke, die Idee von Gott zu verwerfen, emotional und intellektuell aufregt (weil wir eine neurotische Fixierung auf sie haben), werden wir dazu kaum in der Lage sein. Deshalb ist es ungeheuer wichtig zu verstehen, was unser Glaube oder Anti-Glaube eigentlich ist: Eine (letztendlich beliebige) kulturelle Konditionierung, die wir mit uns herumschleppen, ohne sie gewollt zu haben. Doch um dies zu verstehen, müssen wir unsere Wahrnehmung erweitern, wir müssen uns weiterentwickeln. Dummerweise enthalten unsere religiösen Konditionierungen auch Mechanismen, die genau das verhindern. Deswegen ist es so schwierig, sie mit Abstand zu betrachten. Unser Glaube verbietet es uns schlichtweg, ihn kritisch zu betrachten.
Atheismus ist die logische Antwort auf den Theismus und nicht sein Vorläufer. Ursprünglich hatte der Ausdruck Atheismus zwar eher die Bedeutung »Andersgläubigkeit«, fungiert inzwischen jedoch als Sammelbegriff für alle Arten des Nichtglaubens an Gott.

Gäbe es keinen Theismus, könnte es auch keinen Atheismus geben, denn der Atheismus braucht den Theismus als Voraussetzung. Deswegen kann der Atheismus als eine verborgene Eigenschaft des Theismus verstanden werden.

In der Schule lernten wir: Die These führt zur Antithese, die Antithese zur Synthese, die Synthese zur neuen These, und diese erneut zur Antithese usw. usf. Auf den Theismuskomplex angewandt können wir daher sagen:

1THESEZuerst war der Theismus
2ANTITHESEAls Gegenreaktion auf den Theismus entsteht der Atheismus
3SYNTHESEDie Rekombination oder Verschmelzung von Theismus und Atheismus ist der Agnostizismus
4NEUE THESEDer Agnostizismus führt zur neuen These: Dem Zerotheismus

Der Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus wird allgemein als Fortschritt verstanden. Ein weiter logischer Fortschritt ist dann der Wechsel vom Monotheismus zum Zerotheismus. Der Atheismus kann dann als Zwischenschritt oder Übergangsphase verstanden werden.

Zerotheismus: der wahr Nichtglauben

Zerotheismus heißt in diesem Sinn so viel wie: Es wird nicht an die Existenz Gottes geglaubt (Theismus). Es wird nicht an die Nichtexistenz Gottes geglaubt (Atheismus). Es wird nicht geglaubt, dass es Gott geben oder nicht geben könnte (Agnostizismus). Der religiöse Glaube oder religiöse Nichtglaube spielt im Leben des Individuums keine Rolle, selbst keine philosophische.
Auf den ersten Blick scheint der Ausdruck »Zerotheismus« nur ein anderes Wort für Atheismus zu sein. Doch Atheismus wird auch als Gegenpol zum Theismus verstanden, was ihn mit dem Theismus irgendwie verbindet. Atheismus ist eine Abwehrreaktion auf den Theismus, doch tatsächliches Nichtglauben muss mehr sein, als das. Deswegen mein Modell vom Zerotheismus, der ohne den Theismus auskommt.

Diese neue These, der Zerotheismus, muss etwas sein, was über den Theismus, Atheismus und Agnostizismus hinausgeht, oder diese Glaubensrichtungen transzendiert. Die neue These darf mit ihren Vorgängern nicht verwandt sein, sie darf keine neue Form von Glaubenssystem sein. Die einzige Beziehung, welche diese neue These besitzen darf (aber nicht muss!), ist eine zur prä-theistischen Zeit, der Zeit, als es noch keinen Glauben an Gott gab.

Bevor es den Götterglauben gab, glaubten wir nicht deshalb nicht an Götter, weil wir diesen Glauben ablehnten (wie es der Atheismus tut), sondern weil es die Idee von Gott beziehungsweise den Göttern noch nicht gab.

Es wird uns nicht möglich sein, zu dieser „religiösen Jungfräulichkeit“ zurückzukehren. Außerdem wäre es sowieso nicht wünschenswert und obendrein kontrakreativ. Denn dann hätten wir die theistische Phase wieder vor uns. Die Phase, die nach dem Agnostizismus kommt, muss eine höhere Oktave der prä-theistischen Phase sein.

In dieser post-agnostischen Phase glauben wir nicht deswegen nicht an Gott oder Götter, weil es das Gotteskonzept noch nicht oder nicht mehr gibt, sondern weil wir den Glauben oder Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigt. Es ist ein grundsätzlich qualitativer Unterschied zum Atheismus: Das seelische oder mentale Gleichgewicht, die intellektuelle Identität und Integrität ist vom Nichtglauben an Gott nicht mehr abhängig.

Der Atheismus ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Er führt zum Agnostizismus und dieser zur nächsten Phase oder neuen These, die ich Mangels eines besseren Ausdrucks »Zerotheismus« nenne. Kein guter Wurf, aber besser als gar nichts. Und sollten wir irgendwann den Glauben oder den Nichtglauben an Gott nicht mehr benötigen, wird auch dieser Begriff überflüssig.
Die Funktion oder Aufgabe des Atheismus ist somit die Vorbereitung des Weges zum wirklichen Nichtglauben.

14 thoughts on “Atheismus

  1. Nein eben nicht, Atheismus ist eine beweisbare Tatsache. Alle Religionen definieren ihren jeweiligen Gott als allmächtiges Schöpferwesen.
    „Allmächtigkeit“ steht im Widerspruch zu den Naturgesetzen, die unveränderbar sind. Naturgesetze sind jedoch mit astronomischer Sicherheit nachweisbar, und mehr geht nicht!
    Der „Schöpfer“ des ersten Lebens hätte in jedem Fall schon vor dem Schöpfungsakt existieren müssen, wäre also selbst das „erste Leben“ gewesen. Jenes hätte nicht durch Schöpfungsakt entstanden sein können.
    So viel zum Thema in Kürze.

    1. Ich habe nicht geschrieben, dass es keinen Atheismus gibt! Wie kommst du darauf? Ich schreibe über den Atheismus, nicht gegen ihn. Und ich zeige die Parallelen zwischen Atheismus und Theismus auf, mehr nicht.

      Das was du schreibst, ist sicherlich richtig – es hat nur mit dem, worum es auf dieser Seite geht, nichts zu tun! Auf meiner Glaubenssystemseite schreibe ich zum Thema Theismus ähnliche Sachen wie du.

      Zum Thema »Beweisbarkeit«: Definiere »Beweisbarkeit«. Jeder redet schnell und gern davon – doch das ist keine Kunst: das kann jeder. Doch beweise mal wirklich, dass es keinen Schöpfergott gibt! Beweisen kann man das nicht, obwohl das Schöpfergottkonzept völlig absurd und auch infantil ist! Aber das ist nur eine Nebensächlichkeit, auf die es nicht ankommt. Dieser Schöpfergott, an den die Theisten glauben, würde natürlich den Naturgesetzen nicht unterliegen, da seine „Wohnstatt“ wohl außerhalb des wahrnehmbaren, der Kausalität unterliegenden Universums liegen würde. Das ist kein Gedanke, der schwer zu assoziieren ist. Jeder Versuch, die Existenz von Gott mit Logik zu widerlegen, ist deshalb von vorherein zum Scheitern verurteilt. Stattdessen sollten wir die Absurdität des Schöpfergottkonzepts aufzeigen, das doch letztendlich nichts anderes ist, als ein archaischer Welterklärungsversuch.

      Worum es auf dieser Seite geht: Allein die Tatsache, dass es unterschiedliche Atheismusformen gibt, also unterschiedliche Arten, auf die Atheisten nicht an Gott glauben, entlarvt den Atheismus als Glauben. Daran ist nichts Schlimmes. Doch wenn zwei Atheisten sich streiten können, auf welche Art es Gott nicht gibt, stimmt etwas mit der wissenschaftlichen Objektivität des Atheismus nicht. Denn Objektivität schließt unterschiedlichen Sichtweisen aus, sonst wäre sie nicht objektiv.

      Der Atheismus ist emotional zusehr aufgeladen. Und außerdem auch abhängig vom Theismus. Es gibt auch eine (geheime) Beziehung zwischen den beiden, sie brauchen sich gegenseitig. Weder Theismus noch Atheismus sind also emanzipiert.

      Ich selbst bin weder Theist noch Atheist noch Agnostiker oder sonst irgendetwas, denn es ist nicht nötig, sich irgendwie zu positionieren.

      Verstehe mich bitte richtig: Ich bin nicht gegen den Atheismus, sondern für ihn. Ich bin jedoch der Meinung, dass der Atheismus noch unreif ist. Er geht nicht weit genug und ist nur eine teilweise emotionale Gegenreaktion auf den Theismus. Gegenreaktionen erlahmen aber mit der Zeit … Es reicht also nicht aus, Atheist zu sein.

      Und manchmal sind Atheisten einfach nur verhinderte Theisten …

  2. Um die Frage der Existenz von einem oder mehreren Göttern zu entscheiden, muss man zunächst einmal den Gottesbegriff definieren.

    Einen allmächtigen Gott kann es nicht geben, weil das den Naturgesetzen widersprechen würde. Die Naturgesetze kann man mit astronomischer Sicherheit nachweisen, und mehr als das geht nicht.

    Einen Schöpfergott kann es auch nicht geben, denn jener müsste bereits existiert haben, bevor er das erste Leben geschöpft hat. Somit käme die Frage auf, wie denn der Schöpfergott entstanden sein könnte. Er könnte mit Sicherheit nicht selbst durch Schöpfung entstanden sein, denn damit würde sich diese Frage nur weiter auf die / den Schöpfer des Schöpfers verlagern.

    Atheismus ist dem zu Folge eine beweisbare Tatsache und kein Glaube

    1. Du schreibst:
      Um die Frage der Existenz von einem oder mehreren Göttern zu entscheiden, muss man zunächst einmal den Gottesbegriff definieren.

      Und warum?

      Du schreibst:
      Einen allmächtigen Gott kann es nicht geben, weil das den Naturgesetzen widersprechen würde.

      Und warum?

      Du schreibst:
      Die Naturgesetze kann man mit astronomischer Sicherheit nachweisen, und mehr als das geht nicht.

      Ja klar! Na und? Was hat das mit der Gottesfrage zu tun?
      Außerdem: Die Naturgesetze können wir nur bis zurück zum Urknall nachweisen. Alles, was davor war, können die Naturgesetze nicht beschreiben. Doch erst ab diesem Punkt wird es interessant, denn vor dem Urknall befindet sich wahrscheinlich die »Existenzgrundlage des Universums«.

      Du schreibst:
      Einen Schöpfergott kann es auch nicht geben, denn jener müsste bereits existiert haben, bevor er das erste Leben geschöpft hat.

      Was ist denn das für eine Logik? Wer etwas erschaffen will, MUSS natürlich VORHER existieren. NACHHER wäre zu spät.

      Du schreibst:
      Somit käme die Frage auf, wie denn der Schöpfergott entstanden sein könnte.

      Ja klar, auf meine Glaubenssystem-Seite beschreibe ich das ausführlich!
      Aber die Logik, die du auf den Schöpfergott anwendest, kann man auch auf die Existenz anwenden. Die kann nämlich genauso wenig erklärt werden, wie dieses ominöse Superwesen, an das Theisten glauben. Wenn die Existenz ohne Ursprung sein kann (was du ja implizit behautest), kann auch etwas anderes (in diesem Fall Gott) ohne Ursprung sein. Ich kann keinen wesentlichen Unterschied zwischen deiner Argumentation und der der Theisten erkennen.
      Theisten sagen: Gott kann ohne Ursprung existiert, das Universum aber nicht.
      Atheisten sagen: Das Universum kann ohne Ursprung existieren, Gott aber nicht.
      Doch wenn das eine ohne Ursprung existieren kann, dann kann es das andere natürlich auch.

      Keinem von beidem fällt dieser Widerspruch auf …. seufz

      Du schreibst:
      Atheismus ist dem zu Folge eine beweisbare Tatsache und kein Glaube

      Selbstverständlich ist der Atheismus eine Tatsache! Wie kommst du darauf, dass irgendjemand das Gegenteil behauptet? Ich jedenfalls nicht! Oder schreibe ich irgendwo: „Es gibt keinen Atheismus?“ (Also die Ablehnung des Schöpfergottkonzeptes).
      Die Frage ist nur, welche Motive haben wir als Atheisten! Sind sie denen der Theisten wirklich so unähnlich, wie wir oft behaupten? Mein Eindruck ist: Der Unterschied zwischen Theisten und Atheisten ist kleiner, als wir uns glauben machen wollen.

      Du sprichst von Beweisbarkeit, doch wenn es um die existenziellen Hintergründe des Universums geht, ist gar nichts beweisbar. Wir wissen nur, dass es das Universum gibt. Weder das infantile Schöpfergottkonzept noch die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse können erklären, was die Existenz ist, warum es sie gibt und was sie bedeutet. Der wissenschaftliche Ansatz geht natürlich sehr viel weiter als der religiöse, allerdings reicht er nur bis zum Urknall zurück, lässt also die eigentliche Frage, warum es überhaupt etwas gibt, unbeantwortet.

      Atheismus ist lediglich der Versuch, etwas rational verstehen zu wollen, was gar nicht verstanden werden kann. Theisten und Atheisten können oder wollen sich nicht damit abfinden, dass sich das Phänomen der Existenz unserem Verständnis und unserem Assoziationsvermögen entzieht. Jeder entwickelt halt andere Konzepte, um mit dieser intellektuell unbefriedigenden Situation umzugehen. Mein Vorschlag deshalb: Da weder Theismus, Atheismus, Agnostizimus oder irgendeine andere Lehre, Theorie oder Philosophie das Phänomen der Existenz erklären können, sollten wir es gar nicht erst versuchen. Denn was kommt schon dabei heraus: Letztendlich nur Glaube, ob es uns jetzt bewusst ist oder nicht.

  3. Die Lautmalerei eines Wortes ist für mich – seit der Kindheit – sehr wichtig.

    Ich wusste nicht, was Atheismus ist, fragte auch niemanden darnach, weil mir die Lautmalerei nicht gefiel, sie als sehr hart empfand.

    Daran musste ich denken, als ich eine Szene im französischen Film „Chocolat“ sah.
    Zwei Schuljungen schauen sehr neugierig durch die engen Lücken des hölzernen Gartenzauns
    auf die dort arbeitende Mutter einer neuen Schulkameradin. Einer der Jungs flüstert sehr betont:
    „Sie ist eine Atheistin!“ Der andere fragt: „Was ist das?“ und bekommt die Antwort:
    „Das weiß ich doch auch nicht!“
    Am nächsten Schultag kommt das Mädchen heim und will es wissen, weil sie so genannt worden ist und zwar ohne Freundlichkei
    ….

  4. Neben meinem jahrzehntewährigem Interesse für Geschichte ist Beschäftigung mit Sprachwissenschaft zu meinem Hobby geworden, obwohl ich die entsprechende Magisterarbeit meiner Tochter fast gar nicht verstanden habe!
    Also jetzt die Frage der Terminologie: Was meinen wir denn, wenn wir die vier Buchstaben „g“ „o“ „t“ „t“
    hintereinander niederschreiben?
    Es sind Assoziationen aus der Kindheit, sagt Michael aufrichtig.

    Und ich denke das auch und ließ sie fallen, was sehr früh begann, als die Bibel mir als Kind Schrecken einjagte.

    Und jetzt meine ich, dass der Begriff “ d a s Gott “ das sagt, was ich glaube.
    Die Tatsache, dass sich Wahrheit immer herauskristallisiert, dass eine geheimnisvolle Ordnung in allem vermeintlichen Chaos steckt, dass die Liebe ahnt, nein sogar sehr genau weiß,
    dass es nach unserem Sterben weitergeht, dass die leichten und schweren Lernprozesse meiner Mitmenschen, aber auch der Völker voller Sinn sind, dass es dabei zu Semestern in der Eliteuniversität des Leides kommen kann und das aus guten Gründen.

    Ich möchte übrigens absolut gar nicht, dass es nach meinem Sterben irgendwie weitergeht, aber ich weiß es.
    Mit dem Ahnungsbuch und Gottesvorstellungen der Bibel und des Korans habe ich nichts mehr zu tun.

    1. Dann wäre es besser, du würdest auf diesen Ausdruck verzichten. Denn er ist (zumindest in der heutigen Zeit) missverständlich. Mann kann den Ausdruck „Gott“ nicht benutzen, ohne dass bei anderen eine bestimmte Assoziation entsteht. Diese muss nicht mit dem identisch sein, was man selbst darunter versteht. Wenn Christen/Moslems/Juden dieses Wort hören, denken sie natürlich sofort an den biblischen Gott. Hören Pantheisten dieses Wort, denken sie an den Kosmos/das Universum. Andere Leute assoziieren mit diesem Begriff vielleicht „Liebe“ usw. usf.

      Wir sind natürlich (fast) alle konditioniert worden, an Gott zu glauben. Wenn wir es nicht auf traditionelle Art tun können (vielleicht, weil wir uns seit unserer Kindheit intellektuell weiterentwickelt haben), finden wir alternative Arten des Glaubens. Wir glauben dann vielleicht, wir hätten uns der „traditionellen Indoktrination“ entzogen, doch in Wirklichkeit sind wir in eine Falle gelaufen. Der „Same des glauben-wollens“ wurde während unserer Kindheit in uns eingepflanzt und findet seinen Weg zur Keimung, ohne dass es uns bewusst ist. Denn Hauptsache ist, dass wir glauben! Welche Form dieser Glaube letztendlich annimmt, ist nicht so wichtig. Auch wenn wir es anders nennen, etwas anderes darunter verstehen oder etwas anderes Empfinden: das alles sind nur Details, auf die es nicht wirklich ankommt. Letztendlich läuft es auch das Gleiche hinaus

      Wenn wir also erst erklären müssen, was wir mit „Gott“ meinen und auch irgendwie wissen, dass unsere Definition niemals dem gerecht sein wird, was wir im Inneren fühlt (bzw. glauben, dort zu fühlen), wäre es besser, auf diesen Ausdruck zu verzichten – ihn nach Möglichkeit sogar ersatzlos zu streichen. Denn wozu brauchen wir ihn? Er hilft uns nicht, das Wunder der Existenz besser zu verstehen. Er verklärt bestenfalls die Situation, also die Tatsache, dass die Existenz/das Leben/das Universum nicht mit unserem beschränkten Verstand verstanden werden kann (oder gaukelt uns vor, es zu können). Doch Verklärung kann die zukünftige Menschheit nicht mehr gebrauchen, sich nicht mehr leisten.

  5. Kein Mensch liebt den Begriff „Gott“, weil die Assoziationen – bei j e d e m Menschen, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht – ungeheuerlich sind. Nicht mal die Ambivalenzen und Widersprüche schaffen Erholung,
    sind sogar doppelt schadenbringend, weil sonst ja schon jeder die sogenannte hl. Bücher in’s allertiefste Meer geschmissen hätte, es also gar keine mehr gäbe. In einem nordeuropäischen Land hat man gründlich wie du über diese Terminologie nachgedacht, wollte aus guten Gründen auf keinen Fall mehr „Gott“ sagen und hat ein neues Wort geschaffen!
    Es ist eine skandinavische Übersetzung von „etwas ist?was?“ als ein einziges Wort.
    Mich ärgert es halt, dass wir Menschen so unbehaust leben, so wenig wissen, und einander so viel antun, und uns selbst oft vertun.
    Der gutherzige Heinrich Böll dachte viel darüber nach, schrieb vielleicht nicht sehr gut, fand die Kirche widerlich
    und unser seltsames Sehnen als Gottesbeweis, als „etwasistwas“.

  6. Zu Heinrich Böll fällt mir noch ein: Er sagte, dass wir Menschen uns sehr fremd auf diesem Planeten fühlen, dass wir Heimweh nach irgend etwas haben….“etwasistwas“.

    Seine Gottessuche tat ihm weh. Das erkannte man auch am Schriftbild in einem seiner Bücher:
    Er schrieb auf einer Seite den Begriff Gott in Blockschrift. Man sagt, wer so schreibt,
    s c h r e i t .
    Ehrlich war er, war sich immer bewusst, dass seine Gewissensbildung auch aus seiner christlichen Erziehung stammte. Sein starker Kampf gegen Lügen der BILD-Zeitung und das trotz eigener körperlicher Schwäche opferbereite Aufnehmen verfolgter Schriftsteller aus der Sowjetunion (Kopelew u.a.) haben auch damit zu tun. Er blieb Christ, als er erzürnt aus der katholischen Kirche austrat.
    In seiner Lebenszeit hat man noch nicht – und ebenfalls er – nicht gewusst,
    dass die Kirche immer auch ein armes leidendes Opfer der selbergebastelten ethisch fragwürdigen, also unheiligen Bibel war und wahrscheinlich bis zum Nimmerleinstag bleiben wird.
    Sie wird jeden Sonntag vom Priester geküsst.

  7. Postwendend würde ich gestern kritisiert und muss jetzt möglichst fair antworten:

    Ich soll die rk Kirche doch nicht so schlechtmachen! Jeden Tag, nicht nur sonntags wird die Bibel geküsst.
    Und zwar weltweit, also in allen Kontinenten. Nur die Frauen dürfen nicht küssen.

  8. Ohne Gottesvorstellungen kann ich wie die meisten Menschen nicht leben,
    auch wenn ich das – ebenfalls von Menschen gemachte – biblische und koranische Gottesbild und jede religiöse Institution nach wie vor als veraltet und ungut erkenne.
    Erst nach unserem Sterben werden wir wissen, wozu dieses anspruchsvolle Lebensstudium
    nötig war. Da bin ich mir ganz sicher.

  9. Stirzeltuff, Du schreibst ja selbst am 7. November vom „Wunder des Lebens“ und unserem „beschränkten menschlichen Verstand“.
    Klar, deshalb machen wir Menschen uns ja Vorstellungen.
    Im inneren Frieden, ohne kräfteraubende Kämpfe möchte ich dies tun.
    In meinem ganzen Leben habe ich zu viel gekämpft. Damit habe ich den Menschen und mir mehr geschadet als genützt.

    Übrigens, in meinen Augen ist Gott nicht allmächtig, aber liebend.

    1. Da zitierst du mich falsch: Ich schreibe vom Wunder der Existenz, nicht des Lebens. (Aber vielleicht ist der Ausdruck „Wunder“ missverständlich. Mit diesem Wort assoziieren manche Leute einen übernatürlichen Vorgang. Vielleicht wäre deshalb der Ausdruck „Mysterium“ besser. Aber auch dem haftet etwas „unnormales“ an. Am besten wäre vielleicht der Ausdruck Phänomen.)
      Das Leben ist (nur) ein Bestandteil der Existenz, nicht die Existenz selbst. Ich schreibe: „Er [Gott] hilft uns nicht, das Wunder der Existenz besser zu verstehen …“ denn, würde er existieren, wäre er ebenfalls ein Teil der Existenz (des Seins), also dem, was es zu erklären gilt. Wie ich auf meiner Glaubenssystemseite schreibe: “… ein Konzept ist ungeeignet ein Phänomen zu erklären, wenn es selbst Bestandteil des Phänomens ist!“
      Das, was es zu erklären gibt, ist nicht das Leben, sondern die Tatsache, dass es überhaupt etwas gibt. Das ist das eigentliche Phänomen. Um dieses zu erklären, hilft uns das Gotteskonzept also nicht weiter.

      Du schreibst … „Übrigens, in meinen Augen ist Gott nicht allmächtig, aber liebend.“

      Ich habe natürlich keine Ahnung, aber nach meinem Empfinden gibt es das, was wir Liebe nennen, nicht ohne sein Gegenteil, den Hass. Wenn Gott liebend ist, kann ihm das also nur möglich sein, weil er auch hassend ist. „Gott ist Liebe“ ist deshalb nur ein Spruch, denn wir aufschnappen und nachplappern, weil er so eingängig ist.
      Gott ist nicht genug!

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