Glaubenssysteme


Kategorien der Glaubenssysteme

Sprechen wir von Glaubenssystemen, meinen wir die Arten, auf die wir an Gott glauben. Wir können die Religionen als »klassische Glaubenssysteme« bezeichnen. Der Begriff Glaubenssystem kann jedoch auch in einem breiteren Sinn verstanden werden: Sind Gefühle, Hoffnungen, Ideologien oder Theorien (das heißt, persönliche, subjektive Empfindungen) der Kern einer Lehre, handelt es sich ebenfalls um ein Glaubenssystem. Der Atheismus gehört traditionell nicht dazu, da er den Glauben an Gott nicht beinhaltet. Doch im Atheismus wird an die Nichtexistenz Gottes geglaubt (also nicht von ihr gewusst!) – deshalb zählt auch er dazu. Denn das Wesen eines jeden Glaubenssystems ist die Spekulation – nicht der Charakter, die Qualität oder Wahrscheinlichkeit einer Lehre oder Theorie. »Glaubenssystematiker« lehnen entweder eine faktische Beweisführung ab oder halten sie für unnötig. Vier Kategorien von Glaubenssystemen sind mir zurzeit bekannt:

Religiöse Glaubenssysteme: Theismus, Atheismus und Agnostizismus: Diese beschäftigen sich auf positive, negative und kritische Weise mit dem Postulat eines omnipotenten Superwesens, welches das Universums und das Leben erschaffen haben soll. Diese Assoziation hat ihren Ursprung in den ersten Welterklärungsversuchen unserer archaischen Vorfahren.

Ideologische Glaubenssysteme: Ideologien, zum Beispiel der Glaube an den Sozialismus, Kapitalismus, Wirtschaftssysteme usw. Ideologische Glaubenssysteme sind meistens intellektuelle Überzeugungen und haben einen weltlichen Charakter.

Esoterische Glaubenssysteme: UFO-Gläubigkeit, Verschwörungstheorien, Mythen usw. Esoterische Glaubenssysteme kann man als »alternative Religionen« verstehen. Wer glauben will, das Schöpfergottkonzept jedoch ablehnt, findet in der Esoterik Glaubensmöglichkeiten. Das Feld der Esoterik ist weit und beschreibt die Welt des Übersinnlichen und verwandte Traditionen. Es ist nicht immer eindeutig, was zur Esoterik gehört und was nicht. Einige Menschen zählen beispielsweise Spiritualität und Astrologie dazu, andere nicht.

Persönliche Glaubenssysteme: Überzeugungen etwas zu sein, etwas zu werden, etwas zu wissen. Persönliche Glaubenssysteme sind sehr diffizil und lassen sich schlecht definieren. Ein persönliches Glaubenssystem kann ein privater Glaube sein, der oft heimlich praktiziert wird und nur ein einziges Mal existiert. Sie sind deshalb nur im weiteren Sinn echte Glaubenssysteme. Obsessionen und Wahnvorstellungen (beispielsweise der Glaube, die Wiedergeburt einer historischen Person zu sein), können dazu gezählt werden.

Religiöse und anti-religiöse Glaubenssysteme

Theismus, Atheismus und Agnostizismus sind die drei Hauptgruppen der religionsorientierten Glaubenssysteme. Es gibt noch jede Menge andere, doch diese kann man als Untergruppen oder Ableger der drei großen Gruppen verstehen. So gibt es diverse Formen von Atheismus, Theismus und Agnostizismus, die sich von ihrer jeweiligen Muttergruppe nur in Nuancen unterscheiden:

Theismen:
Deismus, Monolatrismus, Pantheismus, Kosmotheismus, Theophanismus, Henotheismus, Monotheismus, Panentheismus, Theozentrismus, agnostische Theismus sowie die sogenannte negative Theologie.

Atheismen:
Logisch-metaphysische, nominalistische, metaphysisch-rationalistische; radikal-szientistische, postulatorische, szientistische, pragmatische und agnostische Atheismus

Agnostizismen:
Starke, schwache, atheistische, spirituelle und pragmatische Agnostizismus, sowie den Ignostizismus.

Für jeden Geschmack und für jedes intellektuelle Gemüt ist somit etwas dabei. Wer religiös oder anti-religiös sein will, findet mit Sicherheit etwas. Worum es bei all diesen Glaubensformen geht, weiß ich größtenteils nicht und will es gar nicht wissen. Wahrscheinlich sind die Unterschiede nur minimal. Ich weiß nicht, ob ich alle aufgezählt habe, möglicherweise sind mir nicht alle bekannt. Doch in diesem Kapitel geht es allein um die drei Hauptgruppen. Wer wissen will, was die Untergruppen bedeuten, findet im Internet oder in diversen Büchern ausreichend Informationen.

Theismus und Atheismus sind zwei Seiten derselben Münze. Den Agnostizismus kann man als die ganze Münze bezeichnen.

Atheismus und Theismus

Es gibt keinen Atheismus ohne Theismus. Um Atheist sein zu können, muss es den Theismus geben. Das ist ziemlich logisch und schnell einsehbar. Doch das Gegenteil trifft ebenfalls zu, ist allerdings schwerer zu erkennen: Wir können kein Theist sein, gäbe es nicht die Möglichkeit, keiner zu sein. Wäre es nicht möglich, nicht an Gott zu glauben, wäre es auch nicht möglich, an ihn zu glauben. Der Glaube an Gott wäre dann etwas anderes als Glaube. Und ohne es zu wissen, sind alle Atheisten und Theisten, auf irgendeiner verborgenen Ebene, auch das Gegenteil.

Theisten sind latente, potenzielle Atheisten und Atheisten sind latente, potenzielle Theisten. Es ist dem Yin-Yang-Prinzip ähnlich.

Damit etwas abgelehnt werden kann, muss es eine Beziehung zum Gegenstand der Ablehnung geben. Anders geht es nicht. Um den Glauben an Gott abzulehnen, müssen wir also wissen, was es bedeutet an Gott zu glauben, denn das, was wir nicht kennt, können wir auch nicht ablehnen. Rein abstraktes Verstehen reicht nicht aus. Um den Geschmack einer Speise nicht zu mögen, müssen wir sie gegessen haben. Es reicht nicht aus, sich vorzustellen, wie sie schmeckt. (Von dieser Regel gibt es jedoch Abweichungen: Kot essen wir nicht deswegen nicht, weil er uns nicht schmeckt, sondern weil wir so etwas einfach nicht tun. Die Abneigung gegen Kot ist also keine Geschmackssache, sondern hat andere, prinzipielle Gründe. Wir können jetzt natürlich argumentieren: Genauso verhält es sich auch beim Atheismus! Atheisten glauben aus prinzipiellen Gründen nicht an Gott. Sie müssen nicht erst wissen, was es bedeutet, an dieses omnipotente, außeruniverselle Superwesen glauben, um diesen Glauben nicht zu mögen. Doch bei Kot handelt es sich um eine reale, physische Substanz, deren Ekelhaftigkeit eine Tatsache ist. Gott hingegen ist eine reine Imagination oder Fiktion, die wir für wahr halten können, selbst wenn es ihn nicht gibt.)
Und das, was wir heute nicht (mehr) mögen, werden wir vielleicht irgendwann (wieder) mögen. Das ist meistens so. Das Pendel schwingt hin und her. Es ist einem Naturgesetz ähnlich!

Theismus ist der Glaube an eine außeruniverselle Macht, die das Universum und das Leben erschaffen hat. Atheismus der Glaube an einen naturwissenschaftlichen Entstehungsprozess des Universums und des Lebens. Für keines dieser Erklärungsmodelle gibt es definitive Beweise oder Indizien, sondern nur Wahrscheinlichkeiten. Wir haben bloß Mutmaßungen, und die sind alle abhängig von unseren persönlichen intellektuellen Gemütern.

Und das, was wir fühlen, spüren oder intuitiv wissen, (das, wovon wir innerlich überzeugt sind) ist bedeutungslos bei dieser Frage, denn unserer Intuition können wir nicht trauen, wenn wir emotional eingebunden sind. Und wir sind außergewöhnlich stark emotionalisiert, wenn es um den »Sinn des Lebens«, »Ursprung der Existenz« oder ähnliche Dinge geht. Es ist uns also nicht möglich, dieses Thema neutral und nüchtern zu behandeln. Ob wir an die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes glauben, hängt daher von unseren persönlichen, subjektiven Vorlieben ab, die vom intellektuellen Gemüt bestimmt werden, das sich im Laufe der Jahrzehnte ändern kann und oft auch tut.

Heute Theist, morgen Atheist, übermorgen Theist…

Es gibt jede Menge Biografien, die man grob so beschreiben kann:

In der Jugend/Kindheit Theismus, meistens aufgrund Indoktrination des Umfeldes.

Im frühen Erwachsenenalter dann der Wechsel zum Atheismus, beispielsweise durch intellektuelle Weiterentwicklung. Die elterlich-schulischen Konditionen werden abgeschüttelt, um selbstständiger zu werden.

Im späten Erwachsenenalter die Rückkehr zum Theismus, zum Beispiel aufgrund eines Schicksalsschlages oder allgemeiner Desillusionierung im Leben. Man erinnert sich an den Trost spendenden Effekt der Religion.

Das geht logischerweise auch in die andere Richtung: Vom Elternhaus erfahren wir eine atheistische Erziehung, entdecken dann später die Religion und kehren noch später aus unterschiedlichen Gründen zum Atheismus zurück. Vielleicht gibt es auch mal ein agnostisches Intermezzo.

Die beste Voraussetzung, ein guter Atheist zu werden, ist also ein Theist zu sein. Und die beste Voraussetzung, ein guter Theist zu werden, ist der Atheismus.

Das zeigt, wie labil unsere geistige und intellektuelle Grundeinstellung als Theisten und Atheisten meistens ist. Atheismus ist eine Aversion gegen das Irrationale, obwohl diese Aversion selbst gewisse irrationale Züge besitzt. Und Theismus die Angst vor der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung in ethischen und moralischen Fragen.
Wie bereits oben gesagt, setzt eine Aversion gegen etwas eine Beziehung voraus, denn wenn einem etwas egal ist, gibt es keinen Grund, sich dagegen zu positionieren.
Gefällt mir eine bestimmte Musik nicht, höre ich sie mir nicht an – das ist alles. Engagiere ich mich aber gegen sie, bedeutet sie mir auch etwas. Und wer weiß, vielleicht wird sie mir ja eines Tages gefallen. Oder: Sie gefällt mir bereits, doch ich kann mir das nicht eingestehen (weil ich von anderen oder mir selbst konditioniert wurde, sie nicht zu mögen). Manche Atheisten haben deshalb nur eine negative Beziehung zu ihrem latenten Glauben an Gott.

Atheisten begründen ihr Engagement gegen den Theismus unter anderem oft mit den vielen Verbrechen und Schreckenstaten, die seit Jahrtausenden im Namen Gottes und der Religion verübt werden. Sie übersehen dabei, dass es diese Gräuel auch ohne die Religionen und den Glauben an Gott geben würde. Denn wir verstecken uns gerne hinter Institutionen, um Taten zu legitimieren, die eigentlich falsch sind. Unsere Vorfahren hätten diese schlimmen Dinge auch in einem anderen Namen verübt – oder komplett ohne.

Sieht man sich an, wie Theisten und Atheisten sich manchmal beschimpfen, kann man keinen großen Unterschied feststellen. Beide bezeichnen sich gegenseitig schon mal als dumm, ignorant, verantwortungslos und so weiter. Die beiden Positionen sind austauschbar. Beide Lager benutzen im verbalen Umgang miteinander oft das gleiche Vokabular.

Das kann kein Zufall sein! Die Beziehung zwischen ihnen ist einer Hassliebe ähnlich. Die Argumente gegen den Theismus können in vielen Fällen auch als Argumente gegen den Atheismus eingesetzt werden (und umgekehrt), wenn man einfach nur ein paar Wörter austauscht! Das dürfte nicht möglich sein, wäre der Atheismus nicht mit dem Theismus verwandt. Deswegen sind Theismus und Atheismus – in gewisser Weise – zwei Konfessionen des gleichen Glaubens. Und woran wir glauben, was wir »intuitiv wissen« oder wovon wir »überzeugt« sind, hängt von unseren – wie oben bereits mehrfach bemerkt – persönlichen Vorlieben und unserem intellektuellen Temperament ab.

Der Trick des Agnostikers

Ergänzend ist noch der Agnostiker zu erwähnen. Er ist der »raffinierte« unter den Gläubigen. Er bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig Theist und Atheist zu sein. Ihm ist bewusst, dass es weder für, noch gegen Gottes Existenz Beweise gibt. Aufgrund seines intellektuellen Temperaments braucht er aber dringend welche, um sich für eine der beiden Glaubensrichtungen endgültig zu entscheiden. Er möchte nicht an etwas glauben, was es vielleicht gar nicht gibt und hofft, irgendwann einmal mehr Informationen zu erhalten, die ihm eine sichere Wahl ermöglichen. Er glaubt, dass es entweder einen Gott gibt oder nicht gibt. Doch er möchte nicht riskieren, auf das falsche Pferd zu setzen und wendet deshalb einen Trick an: Er geht in Wartestellung, nimmt also eine formal neutrale Haltung ein. Eine andere Möglichkeit zieht er nicht in Betracht.

An dieser Stelle werden wahrscheinlich viele sagen: „Ja klar, was für Möglichkeiten kann es da noch geben? Entweder gibt es einen Gott oder nicht. Entweder ist das eine oder das andere Welterklärungsmodell richtig.“

Das Undenkbare

Ich verstehe das Problem, das an dieser Stelle entsteht. Es hat etwas mit unseren beschränkten Assoziationsfähigkeiten und der ursprünglichen Frage nach dem Ursprung und Sinn der Existenz zu tun.

Nehmen wir zunächst an, es gäbe einen Schöpfergott und wir wüssten es definitiv! Dann wäre unsere Frage trotzdem nicht beantwortet. Wir wüssten zwar, woher das Universum und das Leben kommen (von Gott erschaffen), doch unser Problem hätte sich nur verlagert. Denn woher käme Gott? Der hätte ebenfalls eine Erklärung nötig, da auch er ein Bestandteil der Existenz wäre!

Das Seltsame an einem der Hauptargumente der Schöpfergottgläubigen ist: Sie sagen, nichts kann ohne Ursprung existieren. (siehe das Uhrmacher-Gleichnis) Deshalb muss es einen Schöpfer geben. Doch weist man sie darauf hin, dass dieses Verfahren auf den Schöpfer selbst auch angewandt werden kann und eigentlich auch muss, verweigern sie die Einsicht.

Sie sprechen dem Schöpfer kurzerhand folgende Eigenschaft zu: Er existiert ewig ohne Anfang und Ende. Damit widersprechen sie ihrer eigenen Logik. Zuvor haben sie argumentiert, nichts kann ohne Ursprung existieren, doch im nächsten Moment sagen sie: Es existiert etwas ohne Ursprung!

Das Dilemma der Schöpfergottgläubigen ist: Sie sind auf ihren Glauben fixiert, emotional und vielleicht intellektuell von ihm abhängig. Ihr seelisches Gleichgewicht ist darauf angewiesen. Doch in der heutigen, wissenschaftsorientierten Zeit werden schöpfergottgläubige Menschen mehr und mehr auf- und herausgefordert, ihren Glauben zu erklären. Da es ihnen nicht möglich ist, zu sagen: „Ich glaube an einen Schöpfergott, weil ich das tun will und ich weiß, dieser Glaube ist irrational“, versuchen sie ihn logisch abzuleiten, übersehen oder ignorieren dabei allerdings die Inkohärenz ihrer Logik. Man kann eine Regel, auf die die eigene Argumentation aufbaut, nicht außer Kraft setzen, sobald Schwierigkeiten auftreten, ohne gleichzeitig unglaubwürdig zu werden.

Können wir auf eine Erklärung für die Existenz Gottes verzichten (was Theisten tun), dann auch auf eine für die Existenz des Universums. Wenn ein allmächtiges Lebewesen ohne Anfang und Ende existieren kann, dann auch ein Universum, denn Gottes Ursprungslosigkeit würde beweisen, dass ursprungslose Existenz möglich ist. Das Postulat eines Schöpfergottes ist daher unnötig und auch ungeeignet. Es ist nur der Versuch, das Wunder der Existenz durch ein weiteres Wunder plausibel zu machen. Doch ein Konzept ist ungeeignet ein Phänomen zu erklären, wenn es Bestandteil des Phänomens ist!

Manchmal argumentieren schöpfergottgläubige Menschen auch folgendermaßen: „Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie etwas aus dem Nichts heraus entsteht, muss ein Schöpferwesen das Universum geschaffen haben.“ Doch die Existenz eines Wesens ohne Anfang und Ende ist ebenfalls nicht vorstellbar. Das zeigt, es geht ihnen nicht wirklich darum, etwas zu verstehen oder nachzuvollziehen.
Als schöpfergottgläubige Menschen genügt uns Gottes Existenz, denn es geht uns nur um die höhere Instanz, die uns die Verantwortung für unser Denken und Handeln abnimmt. Religionen können dieses Bedürfnisses sehr gut befriedigen.

Nehmen wir andererseits an, wir wissen definitiv, dass es keinen Gott gibt: Das Dilemma wäre das gleiche: Das Mysterium der Existenz wird dadurch nicht weniger unerklärlich. Wir haben jetzt zwar nicht mehr das Problem, die Bedeutung und Herkunft eines Schöpfergottes erklären zu müssen, an der Situation ändert das jedoch nichts: Wir können nur feststellen, dass die Existenz ein Mysterium ist und bleiben wird. Sämtliche Erklärungsmodelle taugen deshalb nichts. Sie werfen bloß neue Fragen auf und führen uns in eine unendliche Schleife.
Ob das Universum also aus dem Nichts entstanden ist, oder von einem Gott ohne Anfang und Ende erschaffen wurde, ist unwesentlich. (Übrigens: Sprechen Astrophysiker vom Nichts, meinem sie nicht das, was unser Alltagsverstand darunter versteht. Der Ausdruck »Nichts« ist nur der Versuch einer Terminologiefindung für etwas, was nicht assoziiert werden kann.)
Keines der beiden Erklärungsmodelle ist geeignet, unsere Frage zu beantworten. Wurde das Universum von einem Schöpferwesen erschaffen, stellt sich anschließend die Frage, was dieses Wesen ist und vorher es kommt. Ist das Universum hingegen aus dem Nichts entstanden, müssen wir uns fragen, was dieses Nichts ist! Beide Fragen können wir nicht beantworten. Also ist es besser, von Anfang an darauf zu verzichten, das Phänomen der Existenz verstehen zu wollen. Es wird uns nicht gelingen, sondern nur von der wirklich wichtigen Frage ablenken: Wie können wir es als Menschheit schaffen, friedlicher und freundlicher zu werden?
Erklärungsmodelle beruhigen bestenfalls ängstliche Gemüter, mehr nicht. Und das ist auch ihre Funktion oder Aufgabe.

Das Ausschließungsprinzip

Für das oben dargestellte Problem bietet sich eine einfache Lösung an: Vergessen wir die Fragestellung und hören auf, das Rätsel der Existenz lösen zu wollen. Akzeptieren wir die Unbeantwortbarkeit diese Frage. Hören wir auf, bei diesem Problem eine Haltung einzunehmen. Falls überhaupt, können wir uns allein in negativer Weise dem Problem ein wenig scheinbar nähern, es aber niemals lösen: Denn alles was wir sagen, assoziieren, denken oder uns vorstellen (also alles, was uns einfällt), hat nichts mit dem Ursprung der Existenz zu tun – sondern nur mit uns selbst!

Das, was übrig bleibt, also das, was wir nicht denken und nicht assoziieren, das könnte es sein.

Egal was uns in den Sinn kommt, hat mit dem Grund für die Existenz des Universums und des Lebens nichts zu tun. Denn: Warum sollte es das? Weil es uns gefällt? Weil es unsere Gedanken sind? Weil diese Vorstellungen uns schmeicheln? Weil es uns gelehrt wurde? Weil wir davon überzeugt sind? All diese und ähnliche Gründe sind weder ein Garant noch ein Indiz für die Richtigkeit unserer Existenzerklärungsmodelle, denn diese spiegeln bloß unsere kollektiven oder individuellen Ängste und Hoffnungen, unsere durch unseren beschränkten Verstand beschränkten Assoziationsmöglichkeiten wider – sonst nicht!

Wie wissen nur eins: Alles, was uns als Ursache für die Existenz und das Leben in den Sinn kommt, ist es nicht. Denn warum sollten unsere Assoziationen irgendeine Relevanz in diesem Zusammenhang haben? Diese Vorstellung ist ziemlich albern. Die Existenz lässt sich nicht mit unserer beschränkten Vorstellungskraft erklären. Wie sollte das gehen? Sinn und Grund für die Existenz sind nicht assoziierbar. Andernfalls wäre die Menschheit in ihrer Entwicklung schon längst weiter.
Anmerkung: Diese Vorgehensweise ist der sogenannten negativen Theologie bei flüchtiger Betrachtung ähnlich. Allerdings geht Letztere von der Existenz Gottes aus. Sie sagt nur, dass wahre Aussagen über ihn unmöglich sind. „Gott ist die Ursache allen Seins“ ist – so weit ich weiß – die einzige Aussage, welche die negative Theologie über Gott anerkennt.
Das von mir oben dargestellte „ontologische Ausschließungsprinzip“ behandelt hingegen das Phänomen der Existenz (die eine Schöpferinstanz, falls es sie denn gibt, mit einschließt). Die Existenz ist tatsächlich als Phänomen erkennbar. Im Gegensatz zu Gott ist sie keine Spekulation, an die wir glauben können oder nicht. Es macht also keinen Sinn zu sagen: „Ich glaube, dass es die Existenz gibt.“ Was auch immer sie ist oder bedeutet: Es gibt sie – das ist definitiv wahr. Von Gott können wir das allerdings nicht sagen – nur glauben. Doch diese Tatsache gefällt uns nicht. Und so verschleiern wir sie, mit allen möglichen rhetorischen und mentalen Tricks, um unseren Verstand zu betäuben.


Einen guten Artikel zum Thema Glaubenssysteme, findet man auch auf ef-magazin.de: Das Individuum und sein Glaube: Theismus, Atheismus und Agnostizismus.

8 thoughts on “Glaubenssysteme

    1. Doch was ist Schicksal?
      Zufall? Vorsehung? Kausalität?
      Gibt es das alles überhaupt und wenn ja, was ist es?
      Oder sind es unsere Erfindungen, mit denen wir uns die Willkürlichkeiten des Lebens erklären wollen?

      Und was ist Spiel, was ist Freiheit und was Denken?

      Fragen über Fragen, die niemand beantworten kann … nur ein weiteres Spiel.

  1. Hier steht leider viel Unsinn. Die Logik ist leider falsch. Gott muß nicht deshalb erschaffen worden, weil das Universum erschaffen wurde. Umgekehrt kann auch nicht von der Ewigkeit Gottes auf die Ewigkeit des Universums geschlossen werde. Leider hast Du einiges falsch verstanden. Logik ist nur vorhanden, wenn eine Aussage wahr ist und nicht widerlegt werden kann. Die Logik für die Existenz Gottes ist demnach wahr, weil nichts aus dem Nichts entstehen kann, wie viele Astrophysiker heute wissen und auch argumentieren. Aber damit meinen Sie natürlich nicht gar nichts, sondern dies ist exakt der Beweis für die Existenz Gottes. Da nichts aus dem Nichts entstehen kann, kann nur Gott das Universum erschaffen haben. Soweit so gut. Der Unterschied zwischen Gott und dem Universum ist, daß Gott ewig ist, aber das Universum endlich. Hier ist dein zweiter Denkfehler. Es ist heute bewiesen, daß das Universum einen Anfang hat. Daher ist es nicht ewig, sondern endlich. Wenn es endlich ist, kann es nicht aus dem Nichts entstanden sein. Wenn es aber doch aus dem Nichts entstanden ist, dann kann nur Gott es enstanden haben lassen. Diese Logik ist unumstößlich, wird aber leider von Vielen nicht verstanden. Gott hingegen kann nicht erschaffen worden sein, da er ewig ist. Etwas Ewiges kann nicht erschaffen worden sein. Das ist ja gerade die alte Logik, die die Atheisten verwendet haben, um die Entstehung des lebens auf der Erde ohne Gott zu erklären. Leider ist aber bereits seit einigen Jahrzehnten die Endlichkeit des Universums bewiesen, so daß Atheisten schon lange nicht mehr auf dem Neuesten Stand sind. Sie versuchen weiter krampfhaft etwas zu widerlegen mit einer Logik, die falsch ist.

    1. Du schreibst:
      Gott muß nicht deshalb erschaffen worden [sein], weil das Universum erschaffen wurde.

      Wo schreibe ich, dass Gott erschaffen hätte sein müssen, weil das Universum erschaffen wurde?
      Ich schreibe nirgends, dass das Universum erschaffen wurde, weder direkt noch implizit oder zwischen den Zeilen. Auch lässt sich das, was ich schreibe, so nicht verstehen.
      (Ich vermute aber, dass du dich auf das beziehst, was ich im Absatz »Das Undenkbare« schreibe.)

      Du schreibst:
      Umgekehrt kann auch nicht von der Ewigkeit Gottes auf die Ewigkeit des Universums geschlossen werde.

      Auch das schreibe ich nirgendwo – weder direkt noch indirekt.
      Bitte zitier die Stelle(n), von denen du meinst, dass ich das meine. Ich spreche an keiner Stelle von einer Ewigkeit Gottes oder der Ewigkeit des Universums.

      Du schreibst:
      Logik ist nur vorhanden, wenn eine Aussage wahr ist und nicht widerlegt werden kann. Die Logik für die Existenz Gottes ist demnach wahr, weil nichts aus dem Nichts entstehen kann, wie viele Astrophysiker heute wissen und auch argumentieren.

      Wo ist der logische Schluss, wenn du schreibst: »Die Logik für die Existenz Gottes ist demnach wahr …«? Es ist logisch, dass etwas wahr ist, wenn es definitiv existent ist (Z. B. wenn ich vor dir stehe und du mich sehen kannst, ist es wahr das es mich gibt.)
      Warum ist es deiner Meinung nach logisch, dass es Gott gibt, »weil nichts aus dem Nichts entstehen kann«? Was hat das damit überhaupt zu tun? Ich kann da keinen Zusammenhang erkennen. Das müsstest du dann dringend erklären! Man könnte auch fragen: Warum kann es etwas (in diesem Fall: Gott) ohne Ursprung geben, etwas anderes (in diesem Fall: das Universum) jedoch nicht? Logisch ist: Wenn Gott ohne Ursprung existiert, ist bewiesen, dass ursprungslose Existenz möglich ist. Die Behauptung, »nicht kann ohne Ursprung existieren«, wäre demnach falsch.
      Welche Astrophysiker argumentierten mit dem Satz »Nichts kann aus dem Nichts entstehen«? Mag ja sein, dass es ein paar wenige gibt, die das tun, die große Mehrzahl aller Physiker spricht jedoch immer noch von der Entstehung des Universums aus dem Nichts. Da Physiker jedoch nie erklären, was dieses Nichts eigentlich ist oder sein könnte, kann unterstellt werden, dass der Ausdruck »Nichts« nur der (etwas hilflose) Versuch einer Begriffsfindung für etwas ist, das nicht assoziiert werden kann.

      Du schreibst:
      Der Unterschied zwischen Gott und dem Universum ist, daß Gott ewig ist, aber das Universum endlich. Hier ist dein zweiter Denkfehler. Es ist heute bewiesen, daß das Universum einen Anfang hat. Daher ist es nicht ewig, sondern endlich.

      Bewiesen? Bewiesen ist gar nichts! Es ist nur eine Theorie! Woher willst du wissen, dass das Universum endlich ist? Es gibt auch die Theorie vom unendlichen Universum: »Es kommt zum Urknall, das Universum entsteht, expandiert, bläht sich auf und fällt irgendwann (in 1000 Milliarden Jahren oder noch viel später) wieder in sich zusammen, verdichtet sich erneut zu einer Quantensingularität, aus der dann der nächste Urknall resultiert usw. usf.« Das kann bis in alle Ewigkeiten so weitergehen.

      Du schreibst:
      Wenn es endlich ist, kann es nicht aus dem Nichts entstanden sein.

      Warum? Warum sollte etwas endliches nicht aus dem Nichts entstehen können? (Vorausgesetzt, Letztes ist möglich.) Meinst du dann, etwas unendliches könnte aus dem Nichts entstehen? Das wäre im Sinn deiner Argumentation dann logisch. Dann könnte man sagen: Gott ist aus dem Nichts entstanden. Dann wäre er aber nicht mehr unendlich … und so beißt sich die Logikkette mal wieder in den Schwanz, was zu nichts führt.

      Du schreibst:
      Wenn es aber doch aus dem Nichts entstanden ist, dann kann nur Gott es entstanden haben lassen. Diese Logik ist unumstößlich, wird aber leider von Vielen nicht verstanden.

      Warum? Warum ist diese Logik unumstößlich? Wenn diese Logik so wichtig und ein zentrales Element in deiner Argumentation ist, wäre es nur folgerichtig, dass du sie an dieser Stelle ausführlich erklärst, sie also plausibel macht. Es reicht einfach nicht aus, zu sagen: »Diese Logik ist unumstößlich«. Auch wenn für dich etwas völlig logisch ist, solltest du nicht davon ausgehen, dass es das für andere auch ist.

      Du schreibst:
      Gott hingegen kann nicht erschaffen worden sein, da er ewig ist. Etwas Ewiges kann nicht erschaffen worden sein.

      Hier drängt sich die Frage auf: Woher willst du denn wissen, dass Gott ewig ist? Hast du das erfahren? Das wäre nur möglich, wenn du ebenfalls ewig existierst, und deswegen bestätigen könntest, dass Gott es auch tut. Die Logik, die du anwendest, hat etwas Tautologisches: Denn mit „ewig“ wird bereits ausgedrückt, dass es keinen Zeitpunkt davor gab, der als Voraussetzung zur Erschaffung dieses ursprungslos ewig existierende außeruniverselle omnipotente Superwesen unbedingt nötig wäre. Denn wenn man sagt: »Etwas existiert ewig«, sagt man implizit auch: »Es wurde nicht erschaffen.«

      Du schreibst:
      Das ist ja gerade die alte Logik, die die Atheisten verwendet haben, um die Entstehung des lebens auf der Erde ohne Gott zu erklären.

      Echt? Habe ich noch nie gehört, dass Atheisten so argumentieren. Letztendlich machen Atheisten nichts anderes als Theisten: Weil beide sich nicht damit abfinden können, dass die Existenz ein unerklärliches Phänomen ist, benutzen sie Welterklärungsmodellen, mit denen sie ihren Verstand beruhigen. Das Welterklärungsmodell der Theisten ist Gott, das der Atheist die Wissenschaft. Der Unterschied ist letztendlich nicht so groß: Beide tun so, als wären ihr Modelle mehr als nur Hypothesen/Vermutungen. In Wirklichkeit handelt es sich – in beiden Fällen – aber nur um Glauben – denn nichts von dem, was sie denken und sagen kann definitiv bewiesen werden. Und dieser Glaube ist abhängig vom intellektuellen Gemüt oder Temperament.

      Du schreibst:
      Leider ist aber bereits seit einigen Jahrzehnten die Endlichkeit des Universums bewiesen, so daß Atheisten schon lange nicht mehr auf dem Neuesten Stand sind. Sie versuchen weiter krampfhaft etwas zu widerlegen mit einer Logik, die falsch ist.

      Tja, wie gesagt … das stimmt so nicht. Bewiesen ist gar nicht! Es gibt verschiedene Modelle, Theorien (endliches, unendliches, aus dem Nichts entstandenes, erschaffenes oder ewiges Multiversum u. Ä. m.) und zumindest eins davon erlaubt dem Universum die Unendlichkeit. Keine Ahnung, ob es wahr ist. Oder: Im Multiversum gibt es unendlich viele Universen, die sich irgendwie gegenseitig durchdringen und im Anfang und Ende miteinander verwoben sind. Ob dieses Erklärungsmodell geeignet ist, das Phänomen der Existenz des Universums besser zu begreifen, weiß ich nicht und habe auch keine Ahnung, ob es stimmt. Das Schöpfergott-Modell geht von einer externen „Initiationsinstanz“ aus, die Gott genannt wird. Die Fragen nach dem Wie, Warum und Wo des Universums werden dadurch zweitrangig, bzw. stellen sich erst gar nicht mehr, denn Gott ist der Ursprung des Universum. Keine Ahnung, ob es wahr ist.
      Nicht nur die Logik der Atheisten ist falsch, sondern auch die der Theisten. Wobei der Ausdruck »falsch« in diesem Zusammenhang nicht ganz angemessen ist. Inkohärent oder unstimmig wäre besser (vielleicht könnte man auch sagen: schlampig). Beide versuchen mit ungeeigneten Mitteln (unserem beschränkten Verstand) das Phänomen der Existenz zu erfassen. Ich bin der Meinung, das geht nicht. Vielleicht ist eine von den vielen Theorien wahr,

  2. Meiner wiederholten Aufforderung an den Kommentator, seine Anschuldigungen zu belegen (einfach, indem er mir die betreffenden Zeilen in meinem Text aufzeigt), ist er nicht nachgekommen. Stattdessen hatte er seine verunglimpfenden Behauptungen bis zur Beleidigung gesteigert und sogar neue hinzugefügt. Deswegen habe ich diese Kommentare gelöscht.

    Der Administrator

  3. Meiner wiederholten Aufforderung an den Kommentator, seine Anschuldigungen zu belegen (einfach, indem er mir die betreffenden Zeilen in meinem Text aufzeigt), ist er nicht nachgekommen. Stattdessen hatte er seine verunglimpfenden Behauptungen bis zur Beleidigung gesteigert und sogar neue hinzugefügt. Deswegen habe ich diese Kommentare gelöscht.

    Der Administrator

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