Friedlichkeit statt Traditionen


Traditionen sind keine Friedensföderer

Auf dunkelblauem Hintergrund eine transparente Konstruktion, schwungvoll gebogenWir finden es oft sehr wichtig, unsere national-kulturellen Traditionen zu pflegen. Sie geben uns unsere Identität und Zugehörigkeit, verbunden mit einem Sicherheitsgefühl. Wir sagen: Ich bin ein Amerikaner, ein Deutscher, ein Nigerianer, ein Mitglied meiner Familie. Dieses Nigerianische, Amerikanische, Deutsche oder Familiäre findet einen spezifischen Ausdruck in unseren nationaltypischen Brauchtümern und Traditionen, die uns von den anderen Nationen unterscheiden, abgrenzen und gleichzeitig unseren sozialen Hintergrund bestimmen.

Unser sozio-kultureller Hintergrund wird uns aber durch Zufall in die Wiege gelegt, wir müssen ihn nicht erst irgendwie erwerben oder uns durch Leistung verdienen. Trotzdem sind wir auf ihn stolz, als wäre er eine erbrachte Leistung. Aus diesem Grund bedeutet dieser Stolz nicht viel. Besäßen wir eine andere nationale Angehörigkeit, wären wir halt auf diese stolz. Es ist beliebig!

Eine braune Struktur, wie ineinander verschlungene FetzenEine gleiche Bedeutung besitzen unsere Sprachen, mit denen wir uns gegen andere Nationen abgrenzen. Wir bewahren und pflegen sie genauso wie unsere Traditionen, die Teil unserer Identität sind. Regional haben unsere Dialekte eine ähnliche Funktion. Je stärker unsere Identität von unserer Sprache oder unserem Dialekt abhängt, desto stärker wehren wir uns gegen fremde Einflüsse und grenzen uns ab. Sprache dient uns nicht allein zur Kommunikation, sie hält auch unsere Identität aufrecht. Folglich vermeiden wir Fremdeinflüsse, die unsere Identität stören oder verfälschen, wie beispielsweise Anglizismen, die wir umso stärker ablehnen, je mehr unsere Identität von unserer nationalen Zugehörigkeit abhängt.
Anglizismen sind übrigens so was Ähnliches wie Ausländer: Wer nichts gegen ausländische Menschen hat, stört sich auch an deren Wörtern nicht. Denn warum sollte man sagen, „Ich mag Ausländer, deren Sprache aber nicht?“ Das ergäbe keinen Sinn! Wer Anglizismen nicht mag, bringt damit nur seinen Nationalismus zum Ausdruck.

Unser Selbstbewusstsein ist also nicht viel wert, da es auf Traditionen, Brauchtümern oder unserer Sprache angewiesen ist. Nichts davon haben wir selbst erschaffen, sondern nur geerbt. Es ist ein geborgtes Selbstbewusstsein, denn nimmt man uns unsere Traditionen weg oder verlieren wir sie, verschwindet auch unsere Identität und damit unser Selbstbewusstsein.

Weniger Traditionen und mehr Friedlichkeit

Eine Küste mit einem stürmischen MeerAus diesem Grund sollten wir unseren heimatlichen Traditionen und Bräuchen weniger Aufmerksamkeit schenken und stattdessen – wenn man so will – eine neue Tradition entwickeln, auf die wir stolz sein können: die »Tradition der grundsätzlichen Friedlichkeit und Freundlichkeit«.
Das wäre die einzige Tradition mit zukunftsstabilisierenden Eigenschaften, denn die konventionellen, auf nationalen Besonderheiten gründenden Traditionen, besitzen solche Eigenschaften leider nicht – sie sind eher die vergangenheitsbewahrenden Faktoren einer Kultur. Sie fungieren in erster Linie als Identitätsbewahrer und Stabilisatoren der gesellschaftlichen Ordnung. Stabilität einer Gesellschaft ist wichtig – allerdings sind unsere kulturbewahrenden Traditionen direkt oder indirekt auch für die Trennung der Länder verantwortlich. Das bedeutet, es gibt traditionsbedingt! periodisch Konflikte zwischen den Nationen.

Wir müssen lernen, unser Selbstbewusstsein, unsere Identität oder unseren Stolz nicht auf äußere, zufällig geerbte Umstände zu gründen, sondern auf innere Werte, auf das was wir wissen, fühlen und wirklich geleistet haben. Denn eine solche Identität kann man uns nicht nehmen. Dann benötigen wir keine nationale Zugehörigkeit, um mental stabil zu sein.

Doch leider gibt es keine »Tradition der Friedlichkeit und Freundlichkeit«. Es wäre gut, eine solche möglichst schnell zu entwickeln, denn für unsere globale Zukunft werden wir sie dringend brauchen. Die besten nationalen Traditionen taugen nämlich nicht viel, wenn sie uns nicht helfen, friedlich miteinander auszukommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.