Kri­tik am Den­ken


Eine kleine mosaikartige Figur baut auf einem Tisch aus übergroßen Spielkarten eine fragile Konstruktion. Daneben befindet sich ein massiver blauer Kopf, aus dessen Auge eine einzelne gläserne Träne fällt und von einer metallischen Hand aufgefangen wird. Mehrere Spielchips liegen verstreut auf der glänzenden Oberfläche. Zwischen kindlichem Spiel und Trauer entsteht eine ungewöhnliche, fast zärtliche Spannung.

Weni­ger Stur­heit im Den­ken

Wir müs­sen drin­gend ler­nen, unser Den­ken nur als Aus­druck einer momen­ta­nen Wahr­neh­mung oder auch Lau­ne zu ver­ste­hen. Wir soll­ten es weni­ger ernst neh­men.

Ein Umstand, der uns das unab­hän­gig Den­ken erschwert, ist unse­re ver­krampf­te Hal­tung zum Leben selbst. Um ein neu­es, offe­nes Den­ken zu ent­wi­ckeln, ist daher eine locke­re Ein­stel­lung zum Leben, zu uns selbst und allem, was uns wich­tig ist, eine zwin­gen­de Vor­aus­set­zung.

Dass die Gedan­ken ande­rer Men­schen poten­zi­ell feh­ler­haft sind, berei­tet uns kei­ne Kopf­schmer­zen, doch bei der Beur­tei­lung unse­ren eige­nen lei­den wir unter der soge­nann­ten Betriebs­blind­heit. Doch es wäre klug, uns zu fra­gen: „War­um soll­te aus­ge­rech­net mein Den­ken ohne Feh­ler sein? Bin ich denn etwas Beson­de­res?“

Wir sind nichts Beson­de­res

Viel­leicht hal­ten wir uns dafür, doch wenn wir ehr­lich sind, müs­sen wir die­se Fra­ge ver­nei­nen. Zu die­ser ein­fa­chen und ent­span­nen­den Bezie­hung zu unse­ren eige­nen intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten sind wir lei­der nur sel­ten fähig. Um uns wei­ter­ent­wi­ckeln zu kön­nen, soll­ten wir es jedoch sein, denn Wei­ter­ent­wick­lung ist alles, wor­um es im Leben geht.

Wenn wir ver­ste­hen, dass unser Den­ken nicht zwangs­läu­fig rich­tig ist, nur weil es unse­res ist, haben wir eine wich­ti­ge Hür­de genom­men. Mit die­ser Ein­stel­lung kön­nen wir unser Den­ken als Phä­no­men ver­ste­hen und ler­nen, es nüch­tern und neu­tral wahr­zu­neh­men und zu bewer­ten. Wir kön­nen uns dann ehr­lich fra­gen: „Wel­che Gedan­ken und Mei­nun­gen habe ich selbst ent­wi­ckelt und wel­che von ande­ren über­nom­men?“


Kon­di­tio­nier­tes Den­ken erken­nen


Eine blauhäutige Frau hebt in einem wohnlichen Zimmer einen schweren gemusterten Teppich an, unter dem ein schmaler Streifen grünen Rasens hervorführt. Eine kleine humanoide Figur mit kugelförmigem Kopf trägt ein Stück des Teppichmusters davon und folgt dem grünen Weg zur offenen Gartentür. Warmes Sonnenlicht fällt aus dem Garten in den dunkleren Innenraum. Die vertraute häusliche Umgebung öffnet sich dadurch unmerklich zu einer anderen Wirklichkeit.

In unse­rer Kind­heit glaub­ten wir fast alle an Din­ge, die nicht exis­tie­ren – bei­spiels­wei­se den Weih­nachts­mann (zumin­dest kurz­fris­tig). Er ist eine erfun­de­ne Figur, die Kin­der zum Gehor­sam anre­gen soll. Das wuss­ten wir damals natür­lich nicht und des­halb haben wir die­sen Glau­ben auch nicht ange­zwei­felt.

Stel­len wir uns nun vor, dass so etwas immer noch mög­lich ist und wir als Erwach­se­ne an etwas glau­ben, das es gar nicht gibt. Mit etwas Mut und Fan­ta­sie gelingt uns das. Anschlie­ßend brin­gen wir die Kraft und den Wil­len auf, ernst­haft nach über­flüs­si­gen und fremd­be­stimm­ten men­ta­len Kon­di­tio­nie­run­gen zu suchen. Wir müs­sen dar­an inter­es­siert sein und mit uns selbst ins Gericht gehen.

Das ist schwer und Ener­gie rau­bend, da wir gegen uns selbst kämp­fen müs­sen. Um dabei erfolg­reich sein zu kön­nen, müs­sen wir offen und ent­spannt blei­ben. Dann kön­nen wir Mei­nun­gen und Lebens­ein­stel­lun­gen auf­spü­ren, die wir unre­flek­tiert von ande­ren über­nom­men haben.

Jetzt müs­sen wir den auf der vor­an­ge­gan­gen Sei­te (Star­res Den­ken) erwähn­ten Feh­ler ver­mei­den, die­se Fremd-Kon­di­tio­nie­run­gen durch neue zu erset­zen, denn das pas­siert oft und ziem­lich schnell, ohne dass wir es mer­ken.

Bes­ser kei­ne Mei­nung haben, als eine fal­sche

Es ist bes­ser, in einer bestimm­ten Ange­le­gen­heit kei­ne Mei­nung (oder zumin­dest kei­ne end­gül­ti­ge) zu haben, als eine fal­sche. Das ist kein Makel. Es ist bes­ser, so lan­ge offen zu blei­ben, bis wir wirk­lich etwas wis­sen.

Offen­heit, Ein­fach­heit und Ent­spannt­heit hel­fen uns dabei. Denn wir dür­fen nicht ver­ges­sen, unse­re men­ta­len Kon­di­tio­nie­run­gen haben nur des­halb Bedeu­tung für uns, weil wir sie nie infra­ge gestellt, sie nie kri­tisch betrach­tet haben.

Feh­ler­frei­es Den­ken ist unmög­lich

Wir soll­ten unse­re Den­ke in einem per­ma­nen­ten Pro­zess auf Plau­si­bi­li­tät und Authen­ti­zi­tät über­prü­fen.

Unse­re Gedan­ken dür­fen nicht bloß unse­re pro­gramm­ge­mä­ßen Gefüh­le und Kon­di­tio­nie­run­gen reka­pi­tu­lie­ren. Es ist wich­tig, unser Den­ken nicht als unein­ge­schränkt rich­tig und natur­ge­ge­ben zu ver­ste­hen. Wir müs­sen erken­nen, dass Tei­le unse­res Den­kens falsch sein müs­sen, weil es abso­lut feh­ler­frei­es Den­ken nie­mals geben kann. Dann wird es uns mög­lich sein, die­se fal­schen Tei­le aus­fin­dig zu machen.

Es ist schwer, die­se fest aus­ge­tre­te­nen Pfa­de in unse­ren Köp­fen zu ver­las­sen, beson­ders wenn wir gar nicht wis­sen, dass es Pfa­de sind. Doch wenn wir wirk­lich an uns selbst inter­es­siert sind (was lei­der nicht ein­fach ist), wer­den wir sie nach und nach auf­spü­ren. Ab dann beginnt unse­re Wei­ter­ent­wick­lung.


Letz­te Ände­rung am 25 Okt. 2026

2 Kommentare zu „Kri­tik am Den­ken“

  1. Ich wür­de es so nicht sagen; ich wür­de nicht sagen, dass Den­ken feh­ler­haft ist – es ist unvoll­stän­dig, muß unvoll­stän­dig sein. Denn es ist nur eine Moment­auf­nah­me, ein Bild, dass man sich macht, viel­leicht und im bes­ten Fall ein win­zi­ger Teil der „Wahr­heit“. Ein Bild wird nie­mals die Rea­li­tät in ihrer Ganz­heit dar­stel­len (abbil­den) kön­nen. Und die­ses Bild wird bestimmt von all den Kon­di­tio­nie­run­gen (oder nen­nen wir es Sozia­li­sa­ti­on), die auch wie­der Bil­der sind, und die wir im Lau­fe unse­res Lebens erwor­ben und gespei­chert haben, an denen wir des­halb fest­hal­ten, weil sie uns Sicher­heit zu geben schei­nen. Das wäre dann jeweils „mei­ne“ „dei­ne“ „unse­re“ Per­spek­ti­ve, aus der wir die Din­ge betrach­ten, eine von unzäh­li­gen Ande­ren und jede hat sicher ihre Berech­ti­gung. Mensch darf nur nicht dem Irr­tum anhän­gen, die­se sei­ne Per­spek­ti­ve sei die ein­zig Gül­ti­ge und Wahr­haf­ti­ge.
    Mit­ge­fühl wäre dann der Ver­such, die Per­spek­ti­ve eines Ande­ren nach­zu­emp­fin­den.

    Ich habe mal irgend­wo ein Gleich­nis gele­sen von Men­schen (Blin­den), die gebe­ten wur­den zu bestim­men, wie ein Ele­fant aus­sieht, indem sie – jeder für sich – einen ande­ren Kör­per­teil des Tie­res unter­su­chen. Tat­säch­lich ist es – wie ich nun sehe – auf Wiki­pe­dia zu fin­den (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_blinden_M%C3%A4nner_und_der_Elefant).

    Einen schö­nen Tag wünscht
    Uwe

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    • Dan­ke für Dei­nen sehr anre­gen­den Kom­men­tar. Ich gebe dir in allen Punk­ten recht.

      Du schreibst, unser Den­ken wäre nicht feh­ler­haft, son­dern unvoll­stän­dig. Das stimmt mit Sicher­heit. Voll­stän­di­ges, all­um­fas­sen­des Den­ken kann es gar nicht geben. Doch da uns meis­tens gar nicht bewusst ist, dass unser Den­ken unvoll­stän­dig ist (also nicht alle Aspek­te der zu behan­deln­den Aus­gangs­fra­ge berück­sich­tigt), kann das Ergeb­nis unse­res Den­kens auch nicht wirk­li­chen kor­rekt sein. Es liegt dann an uns selbst, ob wir fähig sind, unse­re intel­lek­tu­el­le Gren­zen zu erken­nen und zu respek­tie­ren. Besit­zen wir die­se Fähig­keit, kön­nen wir unse­re Mei­nung rela­ti­vie­ren und sagen: „Ich glau­be zwar, dass es so ist, wie ich behaup­te, ich könn­te mich aber trotz­dem irren.“ Lei­der sind wir dazu nur sel­ten bereit.

      Du schreibst: „Ein Bild wird nie­mals die Rea­li­tät in ihrer Ganz­heit dar­stel­len (abbil­den) kön­nen.“
      Doch das ist uns sel­ten bewusst und des­halb hal­ten wir die­ses „Ein­zel­bild“ für die gan­ze Wahr­heit. Unser Den­ken besteht nicht nur dar­aus, dass wir Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten und uns so eine Mei­nung bil­den. Wir las­sen auch unse­re Gefüh­le und Wün­sche mit ein­flie­ßen – und die sind meis­tens irra­tio­nal. Das heißt, wir sind nicht objek­tiv bei der Beur­tei­lung unse­rer eige­nen Gedan­ken, Mei­nun­gen und Gefüh­le (und könn­ten es wahr­schein­lich auch gar nicht sein – selbst wenn wir woll­ten).

      Du schreibst: „Mensch darf nur nicht dem Irr­tum anhän­gen, die­se sei­ne Per­spek­ti­ve sei die ein­zig Gül­ti­ge und Wahr­haf­ti­ge.“
      Doch genau das tun wir die meis­te Zeit, denn wir ken­nen nur unse­re Per­spek­ti­ve und inter­es­sie­ren uns auch nur sel­ten für ande­re. Natür­lich sind nicht alle Men­schen so, die Mehr­heit lei­der schon. Das ist mei­ne Beob­ach­tung.

      Ich wer­de die­sen „Unvoll­kom­men­heits-Aspekt“, den du auf­ge­zeigt hast, dem­nächst in die Sei­te ein­fü­gen. Dan­ke für den Hin­weis.

      Das Bei­spiel mit den Ele­fan­ten und den Blin­den hat­te ich auch schon irgend­wo schon mal gele­sen oder gehört.

      Gruß
      Micha­el

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