Friedlichkeit


Friedlichkeit ohne Vorbild

Die wichtigste aller Klugheiten ist die Friedlichkeit. Unsere Friedlichkeit sollte ein inneres Bedürfnis sein. Denn solange wir noch Anleitungen oder Vorbilder benötigen, um friedlich und freundlich durchs Leben zu gehen, sind wir nicht wirklich friedlich und freundlich. Wir verhalten uns zwar so – und das ist sehr gut! – aber es ist eben bloß ein Verhalten. Freundlichkeit und Friedlichkeit, die Vorbilder oder Lehren benötigen, sind Nachahmungen – und jede Nachahmung erlahmt irgendwann, weil sie aufrechterhalten werden muss. Außerdem können Vorbilder und Lehren sich ändern oder verschwinden.

Allerdings dürfen wir Friedlichkeit nicht mit Passivität oder Gleichgültigkeit verwechseln. Es ist selbstverständlich legitim, sich gegen Angriffe zu wehren. Leider wird das Recht auf Verteidigung von Gewaltbefürwortern zur Rechtfertigung ihrer Aggressivität missbraucht. Legitime Gewalt kann daher nur einen defensiven Charakter besitzen. Doch das sollte klar sein.
Natürlich ist es gut, wenn wir aufgrund eines Vorbildes (zum Beispiel Jesus oder Buddha) friedlich und freundlich unser Leben gestalten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es diese Vorbilder tatsächlich gegeben hat oder gibt oder ob sie nur Legenden oder Mythen sind. Hauptsache sie erfüllen ihre Funktion. Doch besser ist es, ohne sie auskommen. In gewisser Weise ist es ein Armutszeugnis, dass wir zur friedlichen Gestaltung unseres Lebens welche benötigen. Denn diese Art von Friedlichkeit und Freundlichkeit kommt nicht aus uns selbst. Wir haben sie erlernt oder uns angeeignet und das bedeutet, wir könnten sie wieder verlernen.

Es gab bestimmt schon viele Menschen, die aufgrund eines Vorbildes oder einer Lehre ihr Leben friedlich und freundlich gestalteten. Doch dann ist etwas Schreckliches passiert, sodass sie ihren Glauben an das Vorbild oder die Lehre verloren haben.

Friedlichkeit ohne moralische Krücken

Wir müssen also lernen, unabhängig von irgendwelchen Vorbildern oder Lehren friedlich und freundlich miteinander auszukommen. Wir müssen lernen, ohne besonderen Grund oder Bedingung, friedlich und freundlich zu sein. Wir dürfen unser friedliches Verhalten nicht von bestimmten Umständen abhängig machen, denn die ändern sich mit der Zeit. Und das geht nur, wenn Friedlichkeit und Freundlichkeit Teile unseres Wesen sind. Diese Forderung ist ohne Zweifel die utopischste von allen. Trotzdem gibt es keine Alternative: Wir müssen diese Utopie wahr werden lassen. Friedlichkeit und Freundlichkeit dürfen keine Künste sein, die es zu beherrschen gilt, denn jede Kunst versagt irgendwann.
Wenn wir also nicht gewalttätig sind, nicht betrügen, andere Menschen nicht ausbeuten, ausrauben oder missbrauchen, dann deshalb, weil unser Wesenskern einen friedlichen und freundlichen Charakter besitzt.

Anmerkung:

Das Wort »Liebe« kommt auf dieser Website nur selten zum Einsatz. Das hat einen Grund: Der Spruch „All you need is love“ ist viel zu hochgegriffen. Es muss nicht gleich Liebe sein. Freundlichkeit ist vollkommen ausreichend. Außerdem ist Liebe ein Ideal, unter dem jeder etwas anderes verstehen kann. Im Namen der Liebe wurden schon schreckliche Dinge getan und es geschieht noch immer. Wir missbrauchen den Begriff Liebe manchmal, um Taten zu rechtfertigen, die sonst nicht vertretbar wären. Deswegen ist es besser, auf ihn zu verzichten und durch Freundlichkeit und Friedlichkeit zu ersetzen. Friedlichkeit kann niemals so interpretiert werden, dass sie Gewalthandlungen einschließt, Liebe allerdings schon.

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