Die Interpretation der Bibel


Notwendige Interpretation von Texten

Wir interpretieren Texte, wenn diese ohne Weiteres nicht zu verstehen sind. Kann ein Text ohne Interpretation nicht verstanden werden, liegt das stets am Text selbst (außer, der Leser besitzt nur eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten, die es ihm schwer machen, selbst einfache Texte zu verstehen).

Benötigt ein Text eine Interpretation, ist er also umständlich geschrieben oder besitzt einen akademischen, wissenschaftlichen oder philosophischen Charakter.

Eine bunte, fließende Verflechtung von Kurven und Linien

Bei philosophischen Schriften ist das oft der Fall. Ein gutes Beispiel sind die Bücher von Hegel: Ohne Interpretation und Analyse sind diese kaum zu verstehen. Und ob die Interpretation richtig ist, ist noch eine andere Frage. Mehrere Interpretationen können unterschiedliche Ergebnisse liefern. Selbst profane Texte müssen manchmal interpretiert werden: Man kann darüber streiten, wie ein Text zu verstehen ist, denn Menschen drücken sich mitunter missverständlich aus. Manchmal ist es selbst dem Autor nicht ganz klar, wie er das, was er schreibt, meint oder wie er das, was er sagen will, ausdrücken soll, will oder kann. Dann ist eine Interpretation des Geschriebenen nicht nur nötig, sondern eine unbedingte Voraussetzung. Ob und in welchem Umfang ein Text interpretiert werden muss, hängt also vom Grad seiner Komplexität ab.

Die Bibelexegese

Eine rot-braune Masse, ähnlich wie verwelktes, leicht schimmeliges Laub.

Bei der Bibelauslegung, Exegese oder Interpretation verhält es sich hingegen anders. Erstens besitzt die Bibeltexte keinerlei Komplexität, die es schwierig macht, sie zu verstehen. Verschachtelte, mehrstufige Sätze gibt es nicht. Abgesehen von der manchmal etwas langatmigen und altertümlichen Ausdrucksweise, sind die Bibeltexte in einer einfachen Sprache verfasst, man kann sagen, in Alltagssprache. Die Autoren waren auch keine Philosophen oder Wissenschaftler. Ihre Schriften besitzen folglich und nachweislich keinen akademischen oder intellektuellen Charakter. Eine Vorbildung, als Voraussetzung zum Verständnis dieser Texte, ist also nicht nötig. Jeder, der halbwegs gut lesen kann, versteht sie ohne Weiteres. Wer trotzdem der Meinung ist, Aussagen wie »… tötet alle, Brüder, Freunde und Verwandte …“ (Zürcher Bibel, Exodus 32;27) müssen interpretiert werden, damit sie richtig verstanden werden können, macht nichts anderes als Schönfärberei.

Zweitens handelt es sich bei der Bibel offiziell um die geoffenbarte Wahrheit Gottes. Der Überlieferung nach stammen diese Texte direkt von Gott selbst – dem Erschaffer des Universums! – und wurden in seinem Auftrag von Menschen lediglich niedergeschrieben, also nicht verfasst. Bei den Bibeltexten handelt es sich im Sinne der Überlieferung also um die Gedanken Gottes.

Wenn Menschen ihre Gedanken aufschreiben, tun sie das nicht immer auf eine klare, unmissverständliche Weise. Das, was wir niederschreiben, kann als Ausdruck unserer mangelhaften Gedanken, Meinungen, Gefühle und Beobachtungen gelten. Allein deshalb können unsere Texte interpretationsbedürftig sein.

Von Gottes Texten kann das allerdings nicht gesagt werden! Er wird von den Gläubigen als absolutes, vollkommenes Wesen verstanden, das sich naturgemäß nur absolut und vollkommen ausdrücken kann. Gottes Botschaft kann deshalb keine Interpretationssache sein. Nur das, was nicht vollkommen ist, kann auf unterschiedliche Weisen verstanden werden. Das Vollkommene kann nicht auf verschiedene Arten wahrgenommen werden. Das bedeutet: falls irgendwelche Schriften wirklich wortwörtlich zu verstehen sind, dann die eines vollkommenen Wesens! Ist eine Interpretation von Nöten, kann der Verfasser nicht vollkommen sein. Denn warum sollte ein vollkommenes Wesen sich unvollkommen ausdrücken?

Bibelauslegung ist Umdeutung

In der Mitte einer grün-blauen Struktur leuchtet eine weiß-gelbes LichtInterpretieren wir Gottes Schriften, unterstellen wir ihm also unbemerkt eine unklare oder unvollkommene Ausdrucksweise.
Wir sind mit dem, was er uns mitteilt, nicht einverstanden, sprechen es aber nicht aus. Deswegen verändern wir die Bedeutung seiner an uns gerichteten Botschaften und bezeichnen diese Änderung anschließend als Interpretation oder Auslegung. Wir nehmen uns das Recht heraus zu bestimmen, was unser oberster Herr meint, wenn er zu uns spricht, obwohl seine Worte ganz einfach und auch nicht mehrdeutig sind.
Wie gesagt, Interpretationen sind für von Menschen verfasste Texte sinnvoll. Bei von Gott gemachten Schriften gleichen sie eher einer Blasphemie oder Beleidigung Gottes. Denn wenn wir Gottes Schrift interpretieren, nehmen wir sie und damit ihn nicht ernst. Interpretieren wir sein Wort, bevormunden wir ihn und sagen: „Wir wissen besser als du, was du mit deinen an uns gerichteten Schriften gemeint hast.“

Entlarvend ist auch folgende Beobachtung: Das, was uns an Gottes Schriften gefällt, verändern wird nicht. Doch die Stellen, die uns nicht gefallen, deuten wir um. Wir vergreifen uns an seinem Wort, um es für unsere Zwecke gefügig zu machen.

Sicherlich sind die Heiligen Schriften (Bibel, Koran) zu 100 Prozent Menschenwerk, doch das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Immerhin verstehen viele Christen und Juden (besonders die orthodoxen) und fast alle Muslime ihre Heilige Schriften als tatsächlich von Gott verfasst. Das sollte berücksichtigt werden.

Ein Waldlichtung mit nebelhafte, gestalthafte Formen.Interpretieren wir Gottes Schrift, bringen wir damit unser Desinteresse an seiner Botschaft zum Ausdruck. Andernfalls würden wir sie so akzeptieren, wie sie ist. Wir benutzen sie nur für unsere politischen, sozialen und persönlichen Zwecke und legitimieren so unsere oft fragwürdigen Handlungen. Doch in der Bibel steht nicht: „Ihr sollt mein Wort nach eurem Gutdünken interpretieren!“ Sinngemäß steht dort das Gegenteil: „Es darf kein Wort hinzugefügt oder entfernt werden.“

Auf diesen Umstand hingewiesen, behaupten wir wahrscheinlich, dass eine Interpretation keine Änderung ist. Doch auch das ist nur eine rhetorische Spitzfindigkeit. Mit unserer Interpretation ändern wir zwar den Text nicht, aber seine Aussage oder Bedeutung. Doch die Aussage eines vollkommenen Textes kann nur das sein, was er aussagt, und nicht das, was wir gerne in ihm sehen möchten!

Anpassung und Modernisierung

Ist durch unsere Auslegung die wortwörtliche Aussage eine andere, haben wir den Text zumindest indirekt geändert oder verfälscht.

Ein weiterer Grund für unsere Interpretationswut ist Folgendes: Die Heiligen Schriften wurden in archaischen, antiken und mittelalterlichen Zeiten verfasst und reflektieren deshalb das Denken und Fühlen dieser Epochen. Der archaische Gott ist ziemlich grausam und kriegerisch. Das passt nicht mehr zu unserem heutigen Gottesbild, denn inzwischen haben unsere moralischen und intellektuellen Werte sich geändert.

In jedem Jahrhundert oder in jeder Epoche werden und wurden die Heiligen Schriften im Sinn der vorherrschenden Zeit interpretiert, besser gesagt, den Werten der vorherrschenden Zeit angepasst, damit sie weiterhin als übergeordnete moralische Instanz fungieren können.

Mit der Kirche ist ja ähnlich: Sie modernisiert sich in unregelmäßigen Abständen (wenn auch nicht sehr), denn sonst laufen ihr die Mitglieder weg. Aus einem ähnlichen Grund modernisieren wir unser Verständnis von den Heiligen Schriften. Nur sprechen wir dann von Interpretation. In Wirklichkeit ist es eine Anpassung. Unsere Bibelauslegungen sind nur ein weiteres Zeichen unserer in mehr oder weniger allen Lebensbereichen vorhandenen Inkonsequenz.
Unsere Bibelinterpretation soll uns also vor der Erkenntnis schützen, dass wir aus traditionellen Gründen Dinge glauben, die wir sonst nicht ernst nehmen könnten.


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