Wis­sen oder Glau­ben


Gren­zen des Glau­bens

Oft sind wir über­zeugt die Wahr­heit zu ken­nen und im Recht zu sein — und irren uns trotz­dem.

Man­che Din­ge kön­nen wir wis­sen — und wis­sen sie des­we­gen auch. Ande­re kön­nen wir nicht wis­sen, und wenn sie uns wich­tig sind, müs­sen wir sie glau­ben. Dann sind drei Zustän­de mög­lich: Unser Glau­be stimmt mit der Rea­li­tät über­ein, er tut es nicht, oder nur zum Teil. Im letz­ten Zustand befin­den wir uns wahr­schein­lich den größ­ten Teil unse­res Lebens, in der Annah­me im ers­ten zu sein.

Wir haben unser Auto an einer bestimm­ten Stel­le geparkt. Wir wis­sen, dass wir es ges­tern dort abge­stellt haben. Des­we­gen sind wir über­zeugt, es steht jetzt immer noch dort. War­um soll­ten wir etwas ande­res den­ken? Doch die­ses Wis­sen ist kein wirk­li­ches Wis­sen. Denn unser Auto könn­te inzwi­schen gestoh­len oder abge­schleppt sein. Das ist zwar höchst unwahr­schein­lich und mit ziem­li­cher Sicher­heit wer­den wir unser Fahr­zeug dort, wo wir es am Abend zurück­ge­las­sen haben, am nächs­ten Tag wie­der­fin­den. Wis­sen wer­den wir es aller­dings erst, sobald wir davor ste­hen.

Es ist schon vor­ge­kom­men und pas­siert immer wie­der: Dort wo das Auto am Abend stand, steht es am nächs­ten Mor­gen nicht mehr, eben weil es gestoh­len oder abge­schleppt wur­de: Wir glaub­ten nur zu wis­sen, wo unser Auto steht.

Die Vor­stel­lungs­welt auf­bre­chen

Es bedeu­tet nicht viel, davon über­zeugt zu sein, etwas zu wis­sen. Das, was uns als Wis­sen erscheint, ist oft nur eine Annah­me, die auf­grund unzu­rei­chen­der Infor­ma­tio­nen zustan­de kam. Und da uns die­se Ein­schrän­kung nicht bewusst ist, haben wir kei­nen Grund, an unse­rem ver­meint­lich defi­ni­ti­ven Wis­sen zu zwei­feln. Solan­ge uns der Dieb­stahl des Autos nicht bekannt ist, erscheint uns unse­re Über­zeu­gung als Wis­sen, obwohl sie das zu die­sem Zeit­punkt schon längst nicht mehr ist! Unser Wis­sen ist also oft nur eine Illu­si­on.

Natür­lich bedeu­tet das nicht, wir sol­len auf­hö­ren, uns auf unse­re Gefüh­le und Ver­mu­tun­gen zu ver­las­sen. Das wäre dumm. Wir soll­ten uns von unse­ren Über­zeu­gun­gen jedoch nicht abhän­gig machen, denn das wäre noch viel düm­mer. In All­tags­din­gen ist das aber nicht wich­tig, denn Irr­tü­mer gehö­ren zum Leben. Sie kön­nen uns hin und wie­der sogar erfri­schen und rege­ne­rie­ren­de Impul­se geben.

Bei welt­be­we­gen­den und fun­da­men­ta­len Fra­gen ist es jedoch bes­ser, wenn wir uns zurück­hal­ten und unse­re Über­zeu­gun­gen und unse­ren Glau­ben mit Abstand betrach­ten. Das hält uns offen, macht uns beweg­lich im Geist und im Den­ken und ver­hin­dert so die Sta­gna­ti­on und Fana­ti­sie­rung unse­rer Ent­wick­lung. Doch lei­der sind wir meis­tens in unse­rer vor­de­fi­nier­ten Vor­stel­lungs­welt gefan­gen. Die­se müs­sen wir unbe­dingt auf­bre­chen, wenn wir krea­ti­ve, eman­zi­pier­te und ver­ant­wor­tungs­vol­le Men­schen wer­den wol­len.


Der Fluch des Wis­sens

Nur zu glau­ben, weil wir uns nicht zu wis­sen trau­en, ist dumm, denn das, was wir auf­grund unse­rer Angst vor dem Wis­sen nicht wis­sen, exis­tiert ja trotz­dem.

Ver­schie­de­ne For­men bewuss­ter und unbe­wuss­ter Ängs­te las­sen uns fast alle, auf die eine oder ande­re Art, an Reli­gio­nen, Ideo­lo­gi­en oder Eso­te­rik glau­ben. Wenn wir als Schöp­fer­gott­gläu­bi­ge Men­schen die Exis­tenz des Uni­ver­sums und des Lebens auf das Wir­ken eines über­na­tür­li­chen Wesens redu­zie­ren, ent­mys­ti­fi­zie­ren wir das Phä­no­men der Exis­tenz. Glei­ches tun wir als Athe­is­ten, wenn wir im Ratio­na­len und der Wis­sen­schaft beru­hi­gen­de Erklä­rung für das Rät­sel der Exis­tenz fin­den. Unse­re Welt- und Exis­tenz­er­klä­rungs­mo­del­le geben uns ein Gefühl der Kon­trol­le und Sicher­heit.

Unse­re Sinn­su­che im Über­sinn­li­chen oder der Wis­sen­schaft zeigt lei­der unse­rer Des­in­ter­es­se an dem Phä­no­men der Exis­tenz selbst. Es zeigt, dass wir den Kern unse­rer Aus­gangs­fra­ge (die wie auf dem Hin­ter­grund einer moder­nen Welt im 21. Jahr­hun­dert gestellt haben) gar nicht rich­tig ver­stan­den haben: War­um gibt es über­haupt etwas, das Uni­ver­sum, die Welt und uns selbst als Bewusst­sein? Sind unse­re Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen »Gott« oder »Wis­sen­schaft«, haben wir das eigent­li­che Phä­no­men nicht erkennt. Denn solan­ge uns die Vor­stel­lun­gen „Gott hat alles erschaf­fen“ oder „das Uni­ver­sum ist aus dem Nichts her­aus ent­stan­den“ befrie­di­gen, begnü­gen wir uns nur mit der zwei­ten Wahl.

Hät­te ein gött­li­cher Schöp­fungs­akt das Uni­ver­sum her­vor­ge­bracht, wäre das Phä­no­men der Exis­tenz Got­tes dadurch nicht geklärt. Und hät­ten die Natur­ge­set­ze das Uni­ver­sum her­vor­ge­bracht, wüss­ten wir trotz­dem nicht, was die­se Natur­ge­set­ze bedeu­ten. Bei unse­ren Welt­erklä­rungs­sys­te­men han­delt es sich daher um Pla­ce­bo­wis­sen.

Wer ein rei­ches und inter­es­san­tes Leben will, muss dafür etwas tun, bei­spiels­wei­se eige­ne Inter­es­sen ent­wi­ckeln und krea­tiv tätig sein. Doch das ist unser Makel, denn Krea­ti­vi­tät und Fan­ta­sie sind Her­aus­for­de­run­gen, denen wir meis­tens nicht gewach­sen sind. Daher blei­ben wir beim Alt­ver­trau­ten, bei dem, was man uns aus tra­di­tio­nel­len Grün­den vor­setzt (in die­sem Zusam­men­hang, die Reli­gi­on oder die Ableh­nung der­sel­ben).

Über­lie­fer­te Glau­bens­sät­ze unre­flek­tiert zu über­neh­men ist sicher, denn die­se haben sich über Jahr­hun­der­te oder Jahr­tau­sen­de bewährt. Des­we­gen muss »an ihnen etwas dran sein«, den­ken wir. Sie hel­fen uns, die unan­ge­neh­men Aspek­te des Lebens aus­zu­blen­den — die­se Eigen­schaft schät­zen wir sehr. Wir haben ein tief sit­zen­des Miss­trau­en gegen­über dem Wis­sen über uns, der Welt und dem Leben selbst.


Posi­ti­ves Glau­ben

Es gibt eine krea­ti­ve Art des Glau­bens, die kei­ne Flucht vor dem Wis­sen ist: Opti­mis­mus.

Müs­sen wir unter Zeit­druck drin­gend irgend­wo hin, ohne den kür­zes­ten Weg zu ken­nen, son­dern nur die Rich­tung, tun wir uns kei­nen Gefal­len, wenn wir resi­gnie­ren und sagen: „Solan­ge mir die kür­zes­te oder schnells­te Stre­cke nicht bekannt ist, mache ich mich gar nicht erst auf den Weg.“ Das wäre dumm, denn dadurch näh­men wir uns die Mög­lich­keit, unser Ziel doch noch recht­zei­tig zu errei­chen. Des­halb ist fol­gen­de Vor­ge­hens­wei­se sinn­voll:
 
Wir wäh­len eine Stre­cke, von der wir glau­ben, dass sie die kür­zes­te oder schnells­te ist. Wäh­rend wir unter­wegs sind, soll­ten wir das nicht ver­ges­sen. Das moti­viert uns, schnell zu gehen. Mög­li­cher­wei­se haben wir bloß den zweit- oder dritt­schnells­ten Weg gewählt, doch der Glau­be, auf dem schnells­ten zu sein, kann uns beflü­geln und wir errei­chen unser Ziel auf­grund die­ser posi­ti­ven Ein­stel­lung doch noch recht­zei­tig. Ohne den Glau­ben, auf dem schnells­ten Weg gewe­sen zu sein, hät­ten wir uns viel­leicht nicht beeilt.
 
Eine opti­mis­ti­sche Ein­stel­lung zum Gesche­hen, die durch­aus den Cha­rak­ter eines (blin­den) Glau­bens haben kann, ist in bestimm­ten Situa­tio­nen also hilf­reich.

Es gibt noch genü­gend ande­re Lebens­be­rei­che, in denen der opti­mis­ti­sche Glau­be an das Gelin­ge eines Vor­ha­bens vor­teil­haf­te Aus­wir­kung auf das Resul­tat hat. Wich­tig ist, unser Glau­be darf kein Wunsch­den­ken unter­stützt. Glau­ben wir, eines Tages reich und berühmt zu sein, wer­den wir höchst­wahr­schein­lich eine bit­te­re Ent­täu­schung erle­ben. Glau­ben wir, unser Enga­ge­ment im Job oder im All­tag könn­te unser Leben berei­chern, wer­den wir ver­mut­lich recht haben. Posi­ti­ves Den­ken ist wich­tig und eine gute Moti­va­ti­ons­tech­nik, doch dür­fen wir nicht ver­su­chen, das Unmög­li­che mög­lich zu machen. Oft sind wir beschwingt von der Idee: „Wenn ich es nur wirk­lich will/glaube, wird es auch wahr wer­den.“ So etwas geschieht nur sel­ten und ist eher Zufall als das Ergeb­nis einer Affir­ma­ti­on. Wir soll­ten unse­re »Glau­bens­en­er­gie« also krea­tiv nut­zen.


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