Hybris der Ideo­lo­gi­en und Reli­gio­nen

Hybris der Ideo­lo­gi­en und Reli­gio­nen

26 Jul 2018 0 Von Stirzeltuff

Nicht auf die bür­ger­li­che, intel­lek­tu­el­le, the­is­ti­sche oder athe­is­ti­sche Sicht­wei­se kommt es an, son­dern ganz allein auf unser Ver­hal­ten.

Es geht auch nicht dar­um, ein bür­ger­li­cher Mensch oder ein Intel­lek­tu­el­ler zu sein, auch kein Athe­ist, The­ist, Anar­chist oder Demo­krat. Denn die­se Kate­go­ri­en, mit denen wir uns oft nur ober­fläch­lich eti­ket­tie­ren oder aus­schmü­cken, sind alle rela­tiv und bedeu­ten ohne eine kon­kre­te Zuord­nung und Inter­pre­ta­ti­on sowie­so kaum etwas. Ein intel­lek­tu­el­ler Mensch kann genau­so destruk­tiv han­deln wie ein bür­ger­li­cher — und das gilt für alle „Kate­go­ri­en“. Oft glau­ben wir jedoch, nur eine bestimm­te Ideo­lo­gie oder Reli­gi­on könn­te die Welt und das Gesche­hen in ihr in eine posi­ti­ve Rich­tung len­ken.

The­is­ten sagen, allein der Glau­be an Gott kann die Welt ret­ten.
Intel­lek­tu­el­len ist die Auf­klä­rung der Men­schen das Wich­tigs­te.
Athe­is­ten sehen das Wohl der Mensch­heit viel­leicht im Ratio­na­lis­mus.
Für Anar­chis­ten ist die Herr­schafts­lo­sig­keit die Lösung aller gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me.

Gleich­zei­tig sieht jede die­ser Grup­pen in ihrem tat­säch­li­chen oder gefühl­tem Gegen­spie­ler den Grund für das Übel in der Welt:
Für The­is­ten ist es die Gott­lo­sig­keit, für Anar­chis­ten die Bür­ger­lich­keit und für Intel­lek­tu­el­le ist die man­gel­haf­te Bil­dung der Mas­sen ver­ant­wort­lich für das Übel in der Welt. Die­se Ein­stel­lung hin­dert uns zu erken­nen, dass wir (als Ein­zel­ne und Gemein­schaf­ten) für die Miss­stän­de in der Welt ver­ant­wort­lich sind. Wir sind also die Übel­tä­ter in der Welt — und nicht irgend­wel­che Ideo­lo­gi­en oder Glau­bens­sys­te­me.

Reli­gio­nen ratio­na­li­sie­ren Leid

Leid wird fast immer von ande­ren Men­schen erzeugt, und nicht von der Reli­gi­on, Bür­ger­lich­keit oder Intel­lek­tua­li­tät. Die­se sind »Werk­zeu­ge«, die wir benutz­ten, um unse­re Destruk­ti­vi­tät (meis­tens unbe­wusst) im Zaum zu hal­ten, zu legi­ti­mie­ren oder zu kaschie­ren. Nicht die Bür­ger­lich­keit, Intel­lek­tua­li­tät, Reli­gio­si­tät oder Anti­re­li­gio­si­tät sind daher für den Zustand der Welt ver­ant­wort­lich, son­dern ganz allein unser Ver­hal­ten. Das muss immer wie­der gesagt wer­den, denn es ist wich­tig, die­se Tat­sa­che zu erken­nen und nicht zu ver­ges­sen.

Es ist voll­kom­men egal, wie wir uns nen­nen, was wir glau­ben oder behaup­ten zu sein, denn nur auf unser Ver­hal­ten kommt es an. Doch die­ses ist bis­her unge­eig­net zur Gestal­tung einer fried­li­chen und freund­li­chen Welt

Dass wir alle sosehr an unse­ren Ideo­lo­gi­en und Glau­bens­sys­te­men fest­hal­ten, die letzt­end­lich nur unse­re Ent­wick­lung behin­dern, zeigt: Fried­lich­keit und Freund­lich­keit sind gar nicht unse­re obers­ten Prio­ri­tä­ten, obwohl wir das oft und gern behaup­ten und viel­leicht auch glau­ben. Natür­lich haben wir nichts gegen Fried­lich­keit und Freund­lich­keit – wich­ti­ger ist uns aller­dings der Glau­be oder die poli­ti­sche Ein­stel­lung. Und für jeden ist der eige­ne Glau­be oder die eige­ne Ideo­lo­gie natür­lich rich­ti­ger als ande­re.

Ideo­lo­gi­en und Reli­gio­nen fun­gie­ren als Ali­bi

Bis­her haben weder Reli­gio­nen noch Sys­te­me Fried­lich­keit und Freund­lich­keit dau­er­haft her­vor­ge­bracht. In kei­nem Land! Oft ist sogar das Gegen­teil der Fall: Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en sind in vie­len Fäl­len die Ursa­chen für Strei­tig­kei­ten, die Fried­lich­keit und Freund­lich­keit unmög­lich machen. Denn alle Glau­bens­sys­te­me und Ideo­lo­gi­en haben eine Eigen­schaft gemein­sam: Sie dif­fe­ren­zie­ren sich im Lau­fe der Zeit aus und aus einer ursprüng­lich ein­heit­li­chen Leh­re ent­ste­hen im Lauf der Jahr­zehn­te oder Jahr­hun­der­te unter­schied­li­che, die sich unter Umstän­den dann gegen­sei­tig bekämp­fen. Vor zwei­tau­send Jah­ren gab es bei­spiels­wei­se nur ein Chris­ten­tum, inzwi­schen gibt es diver­se christ­li­che Kon­fes­sio­nen, die sich in eini­gen Fäl­len sogar im Krieg mit­ein­an­der befin­den oder befan­den. Nicht anders ist es im Islam und im Hin­du­is­mus.

Oft sind die­se Dif­fe­ren­zen unwe­sent­lich und trotz­dem die Ursa­chen für schreck­li­ches Leid. Das lässt ver­mu­ten, die eigent­li­chen Grün­de für unse­re reli­gi­ons­be­ding­ten oder ideo­lo­gi­schen Kon­flik­te sind gar nicht die angeb­li­chen Unver­ein­bar­kei­ten bestimm­ter reli­giö­ser oder poli­ti­scher Inhal­te. Unse­re reli­giö­sen und ideo­lo­gi­schen Unter­schie­de die­nen uns ledig­lich als Recht­fer­ti­gung für unser krie­ge­ri­sches Gemüt. Pro­vo­kant aus­ge­drückt: Wir brau­chen Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en, um mit gutem Gewis­sen Krie­ge füh­ren zu kön­nen.

Die Welt braucht also kei­ne Ideo­lo­gi­en, Reli­gio­nen oder Dog­men. Die­se sind zur Frie­dens­stif­tung alle unge­eig­net. Zur Fried­lich­keit und Freund­lich­keit kön­nen wir sowie­so nur vor­über­ge­hend kon­di­tio­niert oder ani­miert wer­den, denn die gelern­te Fried­lich­keit basiert meis­tens auf der Unter­drü­ckung unse­rer destruk­ti­ven Impul­se. Frü­her oder spä­ter bre­chen die­se wie­der durch und rich­ten dann viel­leicht mehr Scha­den an als zuvor.

Der ein­zi­ge Erfolg ver­spre­chen­de Weg in eine bes­se­re Welt scheint somit zu sein: Fried­lich­keit und Freund­lich­keit, weil wir Fried­lich­keit und Freund­lich­keit mögen, und nicht weil wir uns dazu genö­tigt füh­len!