Reli­giö­se Gewalt


Schlim­mes im Namen des Guten

Men­schen, die ande­ren Men­schen im Namen Got­tes oder ihrer Reli­gi­on schlim­me Din­ge antun, täten das auch ohne Gott oder ihre Reli­gi­on.

Man­che Men­schen glau­ben, Gewalt im Namen Got­tes ist gute Gewalt, da die­se sich gegen Men­schen rich­tet, die Got­tes Gebo­te nicht ein­hal­ten und sei­ne Stra­fe des­halb ver­die­nen. Eine sol­che Mei­nung ist jedoch nur dem mög­lich, der Gewalt grund­sätz­lich nicht ablehnt bezie­hungs­wei­se nicht zwi­schen defen­si­ver und aggres­si­ver Gewalt unter­schei­det.

Men­schen, die der Mei­nung sind, aggres­si­ve Gewalt sei ein legi­ti­mes Mit­tel zur Durch­set­zung ver­meint­lich guter Glau­bens­in­hal­te, stö­ren sich nicht am wider­sprüch­li­chen Cha­rak­ter ihrer Vor­ge­hens­wei­se. Sie fin­den in der Bibel eine Bestä­ti­gung und Recht­fer­ti­gung für ihre Ein­stel­lung, was ihnen erlaubt mit gutem Gewis­sen ande­ren Men­schen schlim­me Din­ge anzu­tun. Wäre der bibli­sche Gott aber nicht gewalt­tä­tig, grau­sam und unge­recht, wür­de das an der Ein­stel­lung die­ser Men­schen wahr­schein­lich nichts ändern. Gewalt wäre auch dann ein Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen, aller­dings ohne sich auf Gott und die Bibel zu beru­fen.

Kein Vor­bild in Sachen Fried­lich­keit

Nicht der Glau­be an Gott bringt uns dazu, gewalt­tä­tig zu sein. Aller­dings kann er den Hang zur Gewalt­tä­tig­keit för­dern, denn der bibli­sche Gott ist bekann­ter­ma­ßen kein Frie­dens­freund. Wir kön­nen es nach­le­sen:

In der Bibel wird gemor­det, gebrand­schatzt, geplün­dert, gefol­tert und zer­stü­ckelt – ent­we­der in Got­tes Auf­trag oder von ihm selbst. Es zieht sich ein roter Faden der Gewalt und Into­le­ranz mehr oder weni­ger durch die­ses Werk, beson­ders im alten Tes­ta­ment, aber auch abge­schwächt im neu­en. Die­ser könn­te lau­ten: „Habt kein Erbar­men mit dem Feind (Frem­de oder Anders­gläu­bi­ge). Tötet sie, selbst wenn sie sich erge­ben und um Ver­scho­nung bit­ten. Tötet alle — selbst die Alten, Frau­en und Kin­der.“


Frau­en oder Mäd­chen, die noch Jung­frau­en waren, durf­ten aller­dings schon mal an Leben gelas­sen wer­den — jedoch nicht aus Barm­her­zig­keit, son­dern eher aus „ero­ti­schen“ Grün­den. All das befiehlt der bibli­sche Gott und wer es wag­te, einen Feind zu ver­scho­nen, muss­te selbst mit einer schlim­men Bestra­fung rech­nen. Von Barm­her­zig­keit, wie sie Jeho­va oft unter­stellt wird, ist in der Bibel also so gut wie nichts zu fin­den. Sie ist nur eine Legen­de mit der wir unser kri­ti­sches Bewusst­sein betäu­ben.

Karl­heinz Desch­ner (gestor­ben 8. April 2014 — Haupt­werk: Kri­mi­nal­ge­schich­te des Chris­ten­tums) leis­te­te mit sei­ner Kir­chen­kri­tik Wich­ti­ges. Er sorg­te dafür, dass die unzäh­li­gen Ver­bre­chen der Kir­che nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Doch ich bin mir ziem­lich sicher: Auch ohne Kir­che und Chris­ten­tum gäbe es die­se Ver­bre­chen – aller­dings unter ande­rer Flag­ge oder auch ganz ohne! Nicht Orga­ni­sa­tio­nen machen uns gewalt­tä­tig, ver­lo­gen und heuch­le­risch, son­dern als gewalt­tä­ti­ge, ver­lo­ge­ne und heuch­le­ri­sche Men­schen grün­den wir Orga­ni­sa­tio­nen oder benut­zen bereits bestehen­de, um unser destruk­ti­ves Ver­hal­ten offi­zi­ell legi­ti­mie­ren oder ver­ste­cken zu kön­nen. Das Pro­blem ist also nicht die Kir­che, das Chris­ten­tum oder der reli­giö­se Glau­be, son­dern unser Hang zur Gewalt­tä­tig­keit und Heu­che­lei.

Zwi­schen­be­mer­kung zum The­ma Jeho­vas Gerech­tig­keit:
Moses berich­tet Gott, dass der Pha­rao die Juden dem­nächst frei­las­sen wird. Doch Gott ist über die­se gute Nach­richt nicht erfreut. Statt­des­sen ver­här­tet er das Herz des Pha­ra­os, um ihn dar­an zu hin­dern, die Juden zie­hen zu las­sen, also dass zu tun, wozu er ihn angeb­lich ani­mie­ren woll­te. (Moses 10,11).
 
Gott hat­te die Pla­gen über das Ägyp­ti­sche Reich gebracht, um den Pha­rao zu zwin­gen, sein aus­er­wähl­tes Volk frei­zu­las­sen. Er hät­te also hoch erfreut sein müs­sen, sein ange­streb­te Ziel erreicht zu haben. Doch in Wirk­lich­keit ging es ihm um etwas ande­res: ordi­nä­re Rache und Scha­den­freu­de. Das ist zynisch, hin­ter­häl­tig und auch ver­lo­gen. Das Fata­le: Bibel­lieb­ha­ber mögen wahr­schein­lich genau die­se Cha­rak­ter­ei­gen­schaft Got­tes! Sie ver­schafft ihnen Genug­tu­ung.

Sexu­el­ler Miss­brauch in der Kir­che

Lebt ein Mensch im »Geist der Wahr­heit und des Guten«, kann er unmög­lich fähig sein, fal­sche oder böse Din­ge zu tun. Denn der Kern fal­scher oder böser Din­ge ist kor­rupt.

Die Kir­che – beson­ders die katho­li­sche – behaup­tet bekann­ter­ma­ßen, den Geist des Guten und Wah­ren zu ver­kör­pert. In den letz­ten Jahr­zehn­ten ist immer mehr öffent­lich bekannt gewor­den, dass vie­le Pfar­rer, Pries­ter, Mön­che und selbst Non­nen der katho­li­schen Kir­che (weni­ger der evan­ge­li­schen) Kin­der sexu­ell miss­braucht haben. Und wir müs­sen davon aus­ge­hen, dass das immer noch geschieht (wenn auch in gerin­ge­rem Umfang), denn eine alte, tief sit­zen­de Gewohn­heit kann nicht ein­fach abge­legt, nur weil es erwar­tet wird. Die­se Män­ner und Frau­en behaup­ten von sich selbst, das Wah­re und Gute zu ken­nen, zu ver­kör­pern und natür­lich auch in die­sem Sinn zu han­deln und zu leben.

Sexu­el­ler Miss­brauch ist so ziem­lich das Schlimms­te, was Kin­dern ange­tan wer­den kann. Sich an Kin­dern zu ver­ge­hen ist schwer­wie­gen­der als bei­spiels­wei­se Dieb­stahl, Raub­über­fall oder Betrug, wird aber oft weni­ger bestraft, manch­mal über­haupt nicht. Zumin­dest war das frü­her oft der Fall. Sexu­ell miss­brauch­te Kin­der sind oft für den Rest ihres Lebens trau­ma­ti­siert und nur ein­ge­schränkt bezie­hungs­fä­hig. Doch aus­ge­rech­net die Men­schen, die sich das Gute, Rich­ti­ge und Wah­re im Namen Got­tes auf ihre Fah­ne schrei­ben und damit auch hau­sie­ren gehen, zer­stö­ren das Leben von Kin­dern und wer­den anschlie­ßen­den von ihrer Orga­ni­sa­ti­on in Schutz genom­men. So war es jeden­falls bis­her und wahr­schein­lich wird sich an die­ser Vor­ge­hens­wei­se im Wesent­li­chen nichts geän­dert haben.


Erfährt die Öffent­lich­keit von einer sexu­el­len Bezie­hung zwi­schen einem katho­li­schen Pries­ter und einer erwach­se­nen Frau, darf der Pries­ter sein Amt nicht mehr aus­üben, obwohl die­se Art von Lie­be und Sex natür­lich und gut ist. Miss­braucht er hin­ge­hen sexu­ell ein Kind (was nicht natür­lich, nicht gut und nicht von einem guten Gott gewollt sein kann), wird er ledig­lich in eine ande­re Gemein­de ver­setzt. Dort darf er wei­ter­hin Pries­ter sein, obwohl mit erneu­ten Miss­bräu­chen an Kin­dern zu rech­nen ist. Die Kir­chen­ober­häup­ter wis­sen das, denn sie sind bestimmt nicht dumm. Die Ver­set­zung in eine ande­re Gemei­ne ist also kei­ne Stra­fe, son­dern der Ver­such, die Tat zu ver­tu­schen. Sie wird tole­riert, solan­ge sie nicht öffent­lich wird.

Wären die Kir­chen­ober­häup­ter tat­säch­lich gute Men­schen, wür­den sie die­se Pries­ter und Non­nen sofort uneh­ren­haft ent­las­sen, ohne ihnen Ruhe­stands­ge­häl­ter zu zah­len, selbst wenn die­se Miss­brauchs­fäl­le bereits ver­jährt sind. Außer­dem wür­den sie die­se Leu­te bei der Poli­zei anzei­gen, denn sie wüss­ten, dass die Gesell­schaft vor sol­chen Men­schen geschützt wer­den muss.

Bekannt­lich machen sie jedoch das Gegen­teil: Durch die Ver­set­zung in eine ande­re Gemein­de wird die Tat ledig­lich ver­tuscht und dem Kle­ri­ker unaus­ge­spro­chen der Frei­brief gege­ben, so wie bis­her wei­ter­ma­chen zu kön­nen. Zumin­dest für die­se Miss­brauchs­fäl­le ist die Kir­che direkt ver­ant­wort­lich.

Heu­che­lei und Lüge

Es ist nicht vor­stell­bar, dass Kle­ri­ker nicht wis­sen was sie tun, wenn sie Kin­der sexu­ell miss­brau­chen, denn dann wären sie geis­tig nicht zurech­nungs­fä­hig.

Doch sie wis­sen vom kri­mi­nel­len Cha­rak­ter ihrer Hand­lun­gen, denn sie ver­bie­ten den Kin­dern nach began­ge­ner Tat, ande­ren davon zu erzäh­len. Es ist auch unwich­tig, ob das Zöli­bat sie zu die­sen Taten getrie­ben hat oder nicht, was manch­mal ver­mu­tet wird. Immer­hin muss man zu einer sol­chen Tat fähig sein, was bei freund­li­chen, ehr­li­chen und lie­be­vol­len Men­schen nie­mals der Fall sein kann. Eine sol­che Tat, die Men­schen zer­stört, setzt ein ver­wahr­los­tes oder mor­bi­des Gemüt vor­aus.

Die­se Tat­sa­che sagt viel über die Moral der Kir­che und ihrer Wür­den­trä­ger aus: Sie pre­digt das Gute und tole­riert das Böse in den eige­nen Rei­hen. Die Kir­che ver­tei­digt sich, indem sie sagt, dass sexu­el­ler Miss­brauch in der Gesell­schaft nun mal vor­kommt, also auch in der Kir­che. Doch die­se Recht­fer­ti­gung ver­trägt sich nicht mit dem kirch­li­chen Anspruch, den Geist des Guten zu ver­kör­pern! Dort, wo ein sol­cher Geist herrscht, kann es den Geist des Bösen nicht geben. Und sexu­el­ler Miss­brauch von Kin­dern ist sehr böse. Der Anteil Kin­der miss­brau­chen­der Kle­ri­ker ist min­des­tens genau­so hoch, wie der Anteil pädo­phi­ler Straf­tä­ter ohne kle­ri­ka­len Hin­ter­grund. Wären die­se Miss­brauchs­fäl­le in der Kir­che also nur ein paar „bedau­erns­wer­te Aus­nah­men“, müss­te ihr Anteil sehr viel gerin­ger sein. Das beweist ein wei­te­res Mal, die Kir­che ist eben kein Ort des Guten und Wah­ren, son­dern nur ein Ort der Heu­che­lei und Lüge.

Wäre die Kir­che wirk­lich ein Hort der Fried­lich­keit, Freund­lich­keit und Gerech­tig­keit, müss­ten die aller­meis­ten Kle­ri­ker eben­falls fried­li­che, freund­li­che und gerech­te Men­schen sein. Doch nach wie vor wer­den über­wie­gend lebens­feind­li­che und emo­tio­nal gehemm­te Men­schen von der Kir­che ange­zo­gen. Heim­lich­tue­rei, Heu­che­lei, Unehr­lich­keit und auch Deka­denz sind die her­aus­ste­chen­den Merk­ma­le der kirch­li­chen Wür­den­trä­ger. Das kann nur an dem lebens­feind­li­chen Cha­rak­ter die­ser Orga­ni­sa­ti­on und des reli­giö­sen Glau­bens selbst lie­gen. Ein sol­cher Ort zieht logi­scher­wei­se Heuch­ler und Lüg­ner an. Das ist ganz nor­mal. Kein Heuch­ler und Lüg­ner geht dort hin, wo Lüge und Heu­che­lei es schwer haben (außer er ist dumm oder möch­te ent­deckt wer­den), son­dern er geht dort hin, wo Heu­che­lei und Lüge es leicht haben, also Teil des Sys­tems sind.