Archaische Gewohnheiten

Archaische Gewohnheiten

19 Aug 2013 4 Von Stirzeltuff

Pseudomoderne Zeiten

Unser Zeitalter nennen wir das Zeitalter der Aufklärung und Moderne, inzwischen auch das Atom- oder Computerzeitalter oder Anthropozän (Zeitalter des modernen Menschen). Wir glauben, die Primitivität des Mittelalters weit hinter uns gelassen zu haben. Trotzdem ist unser Leben in vielen Bereichen von mittelalterlichen und sogar archaischen Traditionen und Strukturen durchdrungen. Diesen Umstand nehmen wir kaum wahr.

Die bedeutendste aus Vorzeiten überlieferte Tradition ist die Religion. Es gibt praktisch kein Land, das nicht religiös geprägt ist, obwohl der Glaube an einen Gott in den Staaten und Kulturen unterschiedlich ausgeprägt ist. Religion ist eine globale Tradition und betrifft die gesamte Menschheit.

Sie reflektiert ausschließlich archaisches Denken und Assoziieren – was uns selten bewusst ist. Es gibt keine Religion, die in moderner Zeit entstanden ist. Die Scientology bezeichnet sich selbst zwar als Religion, doch das ist nur ein Trick, mit dem die Gewerbesteuer umgangen wird. Wird doch einmal in moderner Zeit eine neue Religion gegründet, handelt es sich um eine Sekte, also einen Ableger einer bereits bestehenden, traditionellen Religion.

Die Entstehung des Phänomens des religiösen Glaubens wurzelt in der Angst unserer archaischen Vorfahren vor den Naturgewalten. Eine Ausnahme bildet der Buddhismus. Er ist eher eine Philosophie als eine Religion. Allerdings wird er oft nicht viel anders praktiziert, als der Glaube an einen Schöpfergott. Das ist sehr schade.

Die drei großen Buchreligionen sind das kumulative Ergebnis der über Jahrtausende hinweg stattgefundenen Sublimierung unserer archaischen Ängste. Diese müssen wir als moderne Menschen überwinden und zum Teil ist uns das schon gelungen. An ihren Produkten (dem Glauben an Gott Co.) halten wir jedoch weiterhin fest, obwohl wir es besser wissen könnten. Unsere archaischen Ängste haben sich inzwischen in unser Unterbewusstsein zurückgezogen (beispielsweise die Angst, im Dunkeln angesprungen zu werden), dafür wird unser Tagesbewusstsein heute mehr und mehr von modernen Existenzängsten beherrscht (Arbeitsplatzverlust und Ähnliches).

Moderne Technik und veraltete Moral

Das zeigt, wir sind nicht wirklich die modernen, aufgeklärten Menschen, für die wir uns halten. Denn solche richten ihr Leben nicht nach dem aus, was andere niedergeschrieben haben und erst recht nicht, wenn diese Schriften schon Jahrtausende alt sind. Moderne Menschen wissen, die Niederschriften unserer archaischen Vorfahren sind ausnahmslos Mythen und überzogene Dichtungen, geboren aus einer Kombination aus Unwissenheit und Angst.

Modern an unserem Zeitalter ist hauptsächlich unsere Technik. Wir fliegen zum Mond, kreieren im Computer virtuelle Welten, können mit einer einzigen Bombe eine Großstadt in Schutt und Asche legen und bringen theoretisch die gesamte Weltliteratur auf ein paar Quadratzentimetern unter. Doch unsere Moral und Ethik unterscheidet sich nur geringfügig von der unserer archaischen oder mittelalterlichen Vorfahren.

Sicherlich haben wir uns seit der Steinzeit ethisch weiterentwickelt, jedoch nicht in dem Maß, wie wir es uns gerne suggerieren. Wir führen immer noch Kriege – genau wie unsere archaischen Vorfahren. Allerdings sind unsere bewaffneten Konflikte jetzt 1000 Mal zerstörerischer – das ist kein Fortschritt, sondern ein Armutszeugnis! Wir betrügen, rauben, vergewaltigen und missbrauchen – genau wie unsere archaischen Vorfahren. Wir sind kaum weniger gewalttätig als ein durchschnittlicher Steinzeitmensch oder ein Kreuzritter, der im Namen seines Gottes andere Menschen abschlachtet – obwohl wir uns als aufgeklärte Menschen verstehen.

Manche Philosophen und Historiker behaupten, Kriege gehören zum menschlichen Dasein dazu. Ohne sie würden die Zivilisationen sich nicht weiterentwickeln. Sie wären ein wichtiger Fortschrittsbeschleuniger in Technik und Kultur. Möglicherweise stimmt das ja, doch das bedeutet nicht, dass es so bleiben muss. Auch hier gilt: Was für unsere Vergangenheit sinnvoll war, kann für unsere Zukunft schädlich sein. Jedes Werkzeug verliert irgendwann seine Nützlichkeit und wird durch ein besseres ersetzt. Und so ist es auch mit Methoden, Funktionen oder Prinzipien. Krieg war in der Vergangenheit ein Beschleunigungsfaktor unserer Entwicklung, weil wir zur kreativen Konfliktlösung nicht fähig waren.

Krieg beziehungsweise Destruktivität ist die primitivste aller Konfliktlösungsmethoden. Sie wird schon seit der Steinzeit angewandt. Nur unsere Waffen haben sich im Laufe der Jahrtausende weiterentwickelt, doch das Prinzip des Krieges ist heute noch das gleiche wie von 5000 Jahren: Wir töten unsere Konkurrenten, anstatt uns mit ihnen irgendwie zu einigen!

Um Krieg zu führen, sind auch keine besonderen Fähigkeiten nötig. Die wichtigsten Eigenschaften, die ein Krieger oder Soldat besitzen muss, sind Skrupellosigkeit und Gleichgültigkeit. Doch streng genommen sind das keine Eigenschaften, sondern Unfähigkeiten: die Unfähigkeit zum Mitgefühl. Mitgefühl und Empathie sind außergewöhnlich wichtig für die Zukunft der Menschheit. Gelingt es uns nicht, in den nächsten hundert Jahren unsere durchschnittliche Empathiefähigkeit signifikant zu erhöhen, wird die Welt der Zukunft wahrscheinlich eine Welt des globalen Elends sein.

Ende der großen Katharsis

Unsere technischen Fortschritte dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns als Menschheit noch in der gleichen Entwicklungsphase befinden, wie vor 2000 oder 3000 Jahren. Außerdem: Das, was heute als fortschrittlich gilt, wird in Tausend Jahren primitiv sein.
Möglicherweise findet diese Phase, die „große Katharsis“, in den nächsten Jahrhunderten ihr Ende. Wir können uns schließlich nicht ewig bekriegen, ausrauben oder übervorteilen. Die Pessimisten gehen davon aus, dass dieses Ende von einem letzten, großen Krieg eingeleitet wird, einem globalen Atomkrieg. In diesem Szenario vernichtet die Menschheit sich fast komplett selbst und aus der sprichwörtlichen Asche erhebt sie sich neu, geläutert und weiser als zuvor. Die Optimisten glauben an einen Bewusstseinssprung (auch Quantensprung genannt), der mehr oder weniger die gesamte Menschheit erfasst und reifer werden lässt. Welches der beiden Szenarien zutreffen wird, kann allerdings niemand sagen. Eventuell sind beide falsch und die Menschheitsgeschichte verläuft anders, als wir es voraussehen können. Das wäre nicht verwunderlich, denn oft entwickeln die Dinge sich nicht so, wie wir es erwarten.

Im Prinzip ist alles noch offen. Klar ist nur: Wir müssen uns ändern. Gelingt uns das nicht, könnten die Pessimisten recht behalten – doch das müssen wir uns nicht antun. Die Lösung des Problems: Wir müssen unsere Möglichkeiten endlich wahrnehmen und erkennen, dass die Welt nur deshalb ein Ort der Kriege, des Elends, der Armut und des Hungers ist, weil wir sie dazu machen. Denn wir verstehen uns nach wie vor nicht als Erdenbürger, sondern als Deutsche, Geschäftsmänner, Familienmitglieder oder Konkurrenten. Mit dieser Mentalität haben wir die Welt der Vergangenheit gestaltet, zur Gestaltung einer zukünftigen, globalen Welt ist sie jedoch vollkommen ungeeignet. Bevor wir unser Verhalten dauerhaft ändern können, müssen wir das verstehen lernen.