Das Böse

Das Böse


Das Böse ist menschlich

Der Ausdruck »das Böse« impliziert oder suggeriert, dass es sich bei diesem Phänomen um etwas Unabhängiges oder Eigenständiges handelt. Wir sprechen von Mächten (beispielsweise Dämonen), die Menschen in Besitz nehmen können, um sie zum Bösen zu verleiten. Oder es gibt Menschen, die böse sind, weil sie es mögen, böse zu sein. Man könnte sie als das bewusste Böse bezeichnen.
Naturkatastrophen, die viele Todesopfer fordern, werden als besonders schlimm bezeichnet, als ein großes Unglück, allerdings nie als böse. Gleiches gilt für Todesopfer, die von gefährlichen Raubtieren verursacht werden oder für schreckliche Unfälle, wie Flugzeugabstürzen oder Zugentgleisungen.

Da es das Böse nur in der Menschenwelt gibt und wir vermutlich die einzigen Lebewesen mit reflexivem Bewusstsein sind (der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis), können böse Geschehnisse als absichtliche Schreckenstaten bezeichnet werden. Tiere sind unfähig böse zu handeln, weil sie unbewusst sind (was in letzter Konsequenz noch nicht bewiesen ist), obwohl die Folgen ihrer Taten genauso schrecklich sein können, wie unsere. Es ist nur eine schreckliche Tragödie oder ein schrecklicher Unfall, wenn ein Raubtier einen Menschen anfällt und tötet. Dem Tier werden keine bösen Absichten unterstellt. Es handelt nur instinktiv.

Rechtfertigung des Bösen

Es gibt die Meinung oder Theorie, dass jeder Mensch zum Bösen fähig ist. Es käme nur darauf an, inwieweit wir es beherrschen, beziehungsweise unterdrücken können. Früher oder später verlöre jedoch fast jeder einmal, zumindest vorübergehend, die Kontrolle darüber – so die Vermutung. Deswegen heißt es manchmal: „Jeder Mensch könnte einen Mord begehen.“

Goethe soll einmal gesagt haben: Es gibt kein Verbrechen, dass ich mir unter bestimmten Voraussetzungen nicht vorstellen könnte. Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen könnten 38% aller Deutschen sich vorstellen, einen Mord zu begehen, wenn sie dafür keine Bestrafung zu erwarten hätten. Sie wären also in der Lage, anderen Menschen das anzutun, was sie selbst niemals erleben wollen. Diese Menschen vergessen oder übersehen, dass das eigentliche Leid, das eines solche Tat erzeugt, nicht das Totsein des Getöteten ist, sondern das Leid der Verwandten und Freunde des Mordopfers. Diese haben für den Rest ihres Lebens den Verlust eines geliebten Menschen zu beklagen.

Die Behauptung „Jeder ist zu einem Mord fähig“ scheint daher eher so etwas wie eine Flucht nach vorne zu sein. Je mehr Menschen sich ihr anschließen, desto weniger müssen wir uns kritisch mit unserer eigenen Destruktivität auseinandersetzen. Wer sich dieser Theorie nicht anschließen mag, wird sich vielleicht genötigt fühlen, es dennoch zu tun, weil er befürchtet, als Realitätsverweigerer zu gelten. Doch bei der „Mordfähigkeitstheorie“ handelt es sich nur um etwas schnell Gesagtes, denn niemand weiß wirklich, ob sie stimmt. Sie ist nur ein bequemer Gedanke, der es uns leicht macht, unkritisch mit uns selbst umzugehen.

Kategorien des Bösen

1. Das versehentliche, unbeabsichtigte Böse
Verursachte durch Tiere, Naturkatastrophen oder Unfälle. Es besitzt keine Intention und ist im strengen Sinn der Definition gar nicht böse.

2. Das nebensächliche, banale Böse
Verursacht durch Menschen. Mord, Totschlag, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Raubüberfall, Einbruch und Ähnliches mehr. Das Leid, das diese Taten erzeugt, ist vom Täter nicht direkt beabsichtigt. Es ist ein Nebenprodukt und wird entweder gar nicht bemerkt oder als unbedeutend hingenommen. Dem Täter mangelt es an Sensibilität.

3. Das absichtliche Böse
Verursacht durch Menschen. Hier steht das Leid, das der Täter erzeugt, im Mittelpunkt. Die bösen Taten sind für den Täter eher Mittel zum Zweck. Der eigentliche Zweck ist, dem Opfer Leid zuzufügen. Die Macht, andere Menschen leiden zu lassen, bereitet ihm Vergnügen oder Genugtuung.

4. Das bewusste Böse
Verursacht durch Menschen. Ähnlich wie Punkt drei. Hier steht jedoch nicht das Leid anderer Menschen im Mittelpunkt, sondern die »Idee des Bösen«. Der Täter berauscht sich nicht mehr am Leid, das er erzeugt, sondern an seiner „Fähigkeit“ böse handeln zu können, ohne moralische Bedenken zu haben. Er ist der Meinung, Gut und Böse gibt es gar nicht, und es folglich heuchlerisch oder verlogen sei, sich für einen guten Menschen zu halten.

Diese Aufteilung ist nur als grobe Orientierung zu verstehen. Sie soll die unterschiedlichen Intensionen und Beweggründe für unsere Destruktivitäten aufzeigen. Es ist auch nicht klar bestimmbar, wo beispielsweise der Übergang vom absichtlichen zum bewussten Bösen ist. Wir können uns auch fragen, ob »absichtlich« und »bewusst« nicht dasselbe ist. Besonders das bewusste Böse kann als Kategorie angezweifelt oder komplett abgelehnt werden. Deshalb möchte ich hier eine Idee vorstellen, die das »Phänomen Böse« neu beleuchtet.

Das Böse ist unbewusst

Es gibt kein bewusstes Böses. Böse Taten sind stets ein Ausdruck von Unbewusstheit. Das Wort Böse könnte als Synonym für »destruktive Unbewusstheit« verstanden werden.

Meine These lautet: Wirklich bewusste Menschen können gar nicht böse handeln. Unbewusstheit ist eine Voraussetzung für böses Tun. Und wir sind nicht deshalb bewusst, weil wir glauben es zu sein. Sich selbst Bewusstheit zu attestieren, ist ein Trick, mit dem wir uns (wiederum unbewusst) darüber hinwegtäuscht, dass wir gar nicht verstanden haben, was Bewusstheit eigentlich bedeutet.

Das heißt: Es gibt »das Böse« in der klassischen Definition nicht. Es gibt nur von Menschen verübte schreckliche Taten, die möglich sind, weil wir nicht wirklich wissen, was wir tun.
Unser böses Handeln mag zwar beabsichtigt sein, doch absichtliches Handeln setzt nicht zwingend Bewusstheit voraus, denn Wissen ist nicht mit Bewusstsein gleichzusetzen. Beabsichtigtes Handeln muss die tiefer liegenden Hintergründe nicht kennen. Wir handeln oft mit Absicht und wissen trotzdem nicht, was wir tun, was unsere verborgenen Beweggründe sind. Oft wird uns das erst nach der Tat klar.

Selbstverständlich ist Unbewusstheit nicht mit Böse gleichzusetzen. Bloß weil ein Mensch unbewusst ist, handelt er nicht automatisch böse. Wir alle sind mehr oder weniger unbewusst. Unbewusstheit ist nur das »Tor«, das zu dem führen kann, was wir dann das »das Böse« nennen. Böses entsteht, sobald Unbewusstheit mit Destruktivität gepaart wird.

Kampf zwischen Gut und Böse

Der »Kampf zwischen Gut und Böse« ist daher ein Kampf zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Eine gute Analogie ist die Beziehung zwischen hell und dunkel: Wir können Dunkelheit nicht erzeugen, sondern Dunkelheit bleibt zurück, wenn das Licht verschwindet. Schalten wir die Lichtquelle aus, gibt es kein Licht mehr, und diese Abwesenheit nennen wir Dunkelheit. Genauso ist es auch mit dem Unbewussten: Wir können es nicht erzeugen, indem wir etwas hinzutun, sondern es bleibt zurück, weil wir etwas wegnehmen.

Der oft und gern zitierte Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, ist daher nicht wirklich ein Kampf. Ein Kampf ist eine Auseinandersetzung, ein Konflikt zwischen zwei oder mehr Gegnern, bei dem unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Das ist beim Kampf zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein jedoch nicht möglich, da die »Fraktion Unbewusstsein« keine aus sich selbst heraus existierende Größe ist, denn dazu müsste sie absichtsgesteuert sein, was Bewusstsein voraussetzt. Das Unbewusste kann aber kein Bewusstsein haben, da es sich wesensbedingt durch die Abwesenheit desselben definiert. Es ist sich seiner Existenz nicht bewusst, das Bewusste jedoch schon. Es gibt genauso wenig das bewusste Unbewusste, wie das gute Böse, das helle Dunkle oder das trockene Nasse.

Böse ist die Abwesenheit von Gut

Da das Böse also nur eine destruktive Ausdrucksform von Unbewusstsein ist, gibt es das Böse genauso wenig, wie das Unbewusste. Unbewusstsein ist nur die Abwesenheit von Bewusstsein, Böse nur die Abwesenheit von Gut – also nicht sein Gegenspieler. Wie Erich Kästner so treffend sagte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Das Gute ist eine bewusste, kreative, schöpferische Intension,
die aufrechterhalten werden muss, damit sie nicht vergeht.

Verschwindet das Bewusstsein, verschwindet auch das Gute, beispielsweise die absichtliche Gestaltung und Aufrechterhaltung einer friedlichen und freundlichen Welt. Je bewusster wir sind, desto mehr liegt uns eine solche Welt am Herzen. Der sogenannte Kampf zwischen Gut und Böse ist in Wahrheit also ein Bewusstwerdungsprozess, der sich bereits seit über Jahrmillionen erstreckt.

Handeln wir böse, bringen wir damit unsere Unbewusstheit zum Ausdruck. Unser unbewusstes Handeln hat einen monströs-destruktiven Charakter, mit dem wir andere und letztendlich uns selbst schaden.

Diese Definition soll das Böse nicht verharmlosen, nach dem Motto: „Böses ist ja nur Unbewusstsein – wir können nichts dafür, wenn wir böse handeln.“ Das wäre Quatsch. Unbewusstheit ist zwar ein Ausdruck von seelischer Unreife (für die wir normalerweise nichts können), unsere Unreife ist allerdings oft auch selbst verschuldet, also künstlich. Wir wollen oft nichts wissen, weil Unwissenheit bequem ist. Wissen ist für uns manchmal eine Bürde, der wir gerne ausweichen.

Wenn wir so tun (bewusst oder unbewusst), als wäre das Böse eine externe oder interne Macht (beispielsweise Dämonen oder animalische Triebe), der wir ausgeliefert sind, schieben wir die Verantwortung für unser destruktives Handeln von uns. Doch das wird nicht immer funktionieren und sich irgendwann rächen.