Behaup­tun­gen


Ein junger Mann sitzt mit einer Katze auf einer Bank und liest einen Artikel mit der Überschrift „Fantasie verbessert die Welt“. Vor ihm ziehen verhüllte Menschen in einer langen Reihe zu einem monumentalen Gebäude mit der Aufschrift „Nutzer“. Weitere Fassaden tragen die Begriffe „Ordnung“, „Strategie“, „Effizienz“ und „Gehorsam“. Auf der Bank und unter der Szene steht: „Freiheit beginnt im Kopf.“ sowie „Wer alles denkt, was man ihm sagt, verpasst das, was noch keiner gesagt hat.“

Behaup­tun­gen soll­ten begrün­det wer­den kön­nen

Eine Behaup­tung ohne Begrün­dung besitzt kei­nen Wert, denn es ist kei­ne Kunst etwas zu behaup­ten – das kann jeder.

Stel­len wir eine Behaup­tung auf, soll­ten wir die­se auch begrün­den kön­nen. Die Begrün­dung muss dann unse­re Behaup­tung aus­rei­chend erklä­ren. Tut sie das nicht, soll­ten wir nach einer bes­se­ren suchen. Fin­den wir kei­ne, soll­ten wir unse­re Behaup­tung noch ein­mal über­prü­fen und ggf. revi­die­ren.

Behaup­tet bei­spiels­wei­se jemand etwas sehr Unwahr­schein­li­ches, das nir­gend­wo beob­ach­tet oder abge­lei­tet wer­den kann, muss er die Behaup­tung auch aus­rei­chend erklä­ren (wenn er ernst genom­men wer­den will). Tut er das nicht, darf er sich nicht wun­dern, wenn ihm nicht geglaubt und viel­leicht auch über ihn gelacht wird.

Die Per­son, die etwas nicht behaup­tet bzw. sich einer Behaup­tung nicht anschließt, muss hin­ge­gen nicht erklä­ren, war­um sie das nicht tut. Nur der Behaup­ten­de hat eine Erklä­rungs­pflicht.

Selbst­er­klä­ren­de Behaup­tun­gen gibt es nicht

Begrün­den wir eine Behaup­tung, ist es rat­sam, sorg­fäl­tig dabei vor­zu­ge­hen. Unse­re Begrün­dung darf kei­ne wei­te­re Behaup­tung sein. Lei­der ist das oft doch der Fall, ohne dass wir es mer­ken: Wir wie­der­ho­len unse­re Äuße­rung ledig­lich aus­führ­li­cher oder mit ande­ren Wor­ten und den­ken, jetzt wäre sie nach­voll­zieh­bar.

Wird uns unse­re Behaup­tung nicht geglaubt, soll­ten wir sie anhand fol­gen­der und ähn­li­cher Fra­gen prü­fen und noch ein­mal reka­pi­tu­lie­ren:

  • War­um bin ich die­ser Mei­nung?
  • War­um ist sie mir so wich­tig?
  • Wo kann man mei­ne Behaup­tung beob­ach­ten?
  • Kann mein Gesprächs­part­ner mei­ne Argu­men­ta­ti­on nach­voll­zie­hen?

Sind uns die­se Fra­gen egal, legen wir wahr­schein­lich kei­nen oder nur wenig Wert dar­auf, dass unse­re Behaup­tung über­haupt stimmt. Wir mögen dann nur die Idee dahin­ter. Sind wir hin­ge­gen wirk­lich von ihr über­zeugt, wer­den wir uns auch die Mühe geben, sie ver­ständ­lich dar­zu­le­gen und logisch zu begrün­den. Es ist uns wich­tig, dass man uns nicht nur glaubt, son­dern auch rich­tig ver­steht.

Leh­nen wir es ab, unse­re Behaup­tung zu begrün­den, kann das auch dar­an lie­gen, dass wir sie für eine aprio­ri­sche Tat­sa­che hal­ten. Die Fra­ge nach der Erklä­rung emp­fin­den wir dann viel­leicht als absicht­li­ches Stör­feu­er, Pro­vo­ka­ti­on oder auch Bös­ar­tig­keit.

Behaup­tungs­ka­te­go­rien

Tat­sa­chen­be­haup­tung
„Die Erde bewegt sich auf einer Bahn um die Son­ne.“ Ist nur for­mell eine Behaup­tung, son­dern eher eine Tat­sa­chen­fest­stel­lung, denn wir kön­nen es beob­ach­ten.

Infor­ma­ti­ons­be­haup­tung
„Die Musik gefällt mir nicht.“ Ist ähn­lich der ers­ten Kate­go­rie, denn wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass ich kei­nen Grund zur Lüge habe. Im Gegen­satz zur Tat­sa­chen­be­haup­tung könn­te das jedoch der Fall sein, denn Infor­ma­tio­nen sind nicht immer rich­tig. Doch höchst­wahr­schein­lich stimmt sie.

Ver­mu­tungs­be­haup­tung
„Wenn du die­ses Buch liest, wirst du schlau­er sein als vor­her.“ Ich über­tra­ge ein per­sön­li­ches Erleb­nis auf ande­re. Ich berück­sich­ti­ge dabei nicht den sub­jek­ti­ven Cha­rak­ter mei­ner Erfah­rung. Das, was für mich gilt, muss für ande­re nicht auch gel­ten. Ob ich recht habe, wird sich erst noch bewei­sen müs­sen. Könn­te stim­men oder auch nicht.

Glau­bens­be­haup­tung
„Gott erschuf den Men­schen.“ Ich gebe einen über­lie­fer­ten Glau­bens­satz wie­der. Mei­ne Behaup­tung ist kei­ne Erfah­rung und reflek­tiert kein Wis­sen. Sie ist eine Äuße­rung, die weder wider­legt noch bestä­tigt wer­den kann.


Sub­jek­ti­ve Logik


Logik ist ein Prin­zip, mit dem wir oft und ger­ne argu­men­tie­ren, wenn wir eine Mei­nung oder Ansicht ver­tre­ten. Wir sagen: „Das ist doch logisch!“, und glau­ben, damit wären alles klar. Wir emp­fin­den es als über­flüs­sig, unse­re Logik zu über­prü­fen, weil wir ein­fach davon aus­ge­hen, dass sie rich­tig ist.

Über­prü­fen wir sie trotz­dem, benut­zen wir dazu oft unse­re eige­nen Kri­te­ri­en, die eben­falls sub­jek­ti­ve Annah­men sind. Das ist im Gro­ßen und Gan­zen die Beweis­füh­rung, mit der wir unse­re Logik veri­fi­zie­ren.

Wir nei­gen also dazu, unse­re sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung zu ver­all­ge­mei­nern. Das machen wir ganz selbst­ver­ständ­lich. Wir spre­chen dann ger­ne vom »gesun­den Men­schen­ver­stand«, der uns die Auf­ga­be abnimmt, über unse­re Behaup­tung oder Mei­nung ernst­haft nach­zu­den­ken.

Die­se Nei­gung wird durch unse­re Unfä­hig­keit geför­dert, nicht immer zwi­schen Sub­jek­ti­vi­tät und Objek­ti­vi­tät unter­schei­den zu kön­nen. Aller­dings wol­len wir das oft auch gar nicht, denn dann müss­ten wir uns Fra­gen stel­len, die uns nicht gefal­len.

Sub­jek­ti­ve Objek­ti­vi­tät

Wir kön­nen bei­spiels­wei­se nicht nach­voll­zie­hen, war­um ein ande­rer Mensch eine Musik­form, eine Spei­se oder eine Mode mag, die uns selbst nicht gefällt. Da wir aber gelernt haben, dass Geschmä­cker unter­schied­lich sein kön­nen, sind wir fähig, ande­re Geschmä­cker zu tole­rie­ren.

Schwie­rig wird es, wenn wir zwi­schen einer objek­ti­ven Tat­sa­che und einer sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung unter­schei­den sol­len, denn Letz­te­res hat für uns – aus unse­rer sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve – oft einen objek­ti­ven Anschein. Die­se Unfä­hig­keit zur objek­ti­ven Beur­tei­lung unse­rer Wahr­neh­mun­gen ist umso stär­ker aus­ge­prägt, je mehr wir emo­tio­nal von einer Mei­nung abhän­gig sind.


Ver­klau­su­lier­te Logik


Eine Rennbahn in Spiralen und Schildkröten und kleinen Achillesse, die herumlaufen.

Selbst­ver­ständ­lich wis­sen wir, Zen­ons Para­do­xon von Achil­les und der Schild­krö­te ist nicht wirk­lich stim­mig. Trotz­dem fas­zi­niert es uns, denn sonst wür­den wir nicht seit Jahr­tau­sen­den dar­über phi­lo­so­phie­ren und Abhand­lun­gen dazu ver­fas­sen. Doch es besitzt nur des­halb eine phi­lo­so­phi­sche Rele­vanz, weil sei­ne sug­ges­ti­ve und unvoll­stän­di­ge For­mu­lie­rung die­se Asso­zia­ti­on her­aus­for­dert.

Es ist eigent­lich gar kein Para­do­xon, son­dern bloß ein rhe­to­ri­sches Kon­strukt, das uns zu Asso­zia­tio­nen ver­lei­tet, die von der dar­ge­stell­ten Situa­ti­on gar nicht ableit­bar wären, wür­den wir auf­merk­sam zuhö­ren. Doch das tun wir nicht. Denn was beschreibt Zen­on?

1. Etap­pe: Achil­les star­tet von Punkt 1 (der Start­li­nie) und läuft zu Punkt 2, dem Ort, an dem die Schild­krö­te sich befand, als er von Punkt 1 star­te­te.

2. Etap­pe: Ohne anzu­hal­ten oder sei­ne Geschwin­dig­keit zu min­dern, läuft er von Punkt 2 wei­ter zu Punkt 3, dem Ort, an dem die Schild­krö­te sich befand, als Achil­les Punkt 2 erreich­te.

3. Etap­pe: Wie­der ohne anzu­hal­ten oder lang­sa­mer zu wer­den, läuft Achil­les wei­ter von Punkt 3 zu Punkt 4, dem Ort, an dem die Schild­krö­te sich befand, als er Punkt 3 erreich­te. Und so wei­ter und so fort …

Jede Etap­pe ist kür­zer als die vor­an­ge­gan­ge­ne. Irgend­wann sind sie so kurz, dass sie gegen null gehen. Das bedeu­tet: Bevor Achil­les eine neue Etap­pe star­ten kann, hat er den nächs­ten Etap­pen­punkt bereits erreicht. Achil­les über­holt die Schild­krö­te also nicht des­halb nicht, weil ihm das aus irgend­ei­nem Grund nicht mög­lich ist, son­dern weil ab einem gewis­sen Punkt sein Etap­pen­start mit sei­nem Etap­pen­ziel ver­schmilzt.

Kein wirk­li­ches Para­do­xon

In der dar­ge­stell­ten, idea­li­sier­ten Sze­ne ist es näm­lich gar nicht Achil­les Auf­ga­be, die Schild­krö­te zu über­ho­len, son­dern nur ihre Höhe zu errei­chen. Und das gelingt ihm auch. Achil­les erreicht sein Ziel schon, doch das ist eben nicht das Ende der Stre­cke, son­dern die Posi­ti­on der Schild­krö­te.

Nur wenn Achil­les Schrit­te kon­ti­nu­ier­lich klei­ner wer­den wür­den, hät­te das Para­do­xon einen phi­lo­so­phi­schen Wert.

Die Geschich­te von Achil­les und der Schild­krö­te ist somit kein Para­do­xon. Das Para­do­xon, das wir in die­ser Erzäh­lung zu erken­nen glau­ben, ist nur das Resul­tat der ver­klau­su­lier­ten For­mu­lie­rung von Zen­on, die uns etwas asso­zi­ie­ren lässt, was gar nicht da ist. Wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, wie Achil­les Schritt­län­ge und die Grö­ße der Schild­krö­te, wer­den ein­fach weg­ge­las­sen.

Die dar­ge­stell­te Sze­ne hat ein ent­schei­den­des Feh­ler: Sie wäre theo­re­tisch stim­mig, wenn Achil­les Schrit­te klei­ner als die der Schild­krö­te wären und nach jeder Etap­pe klei­ner wer­den und ins »unend­lich Klei­ne« ten­die­ren. Das ist jedoch nicht mög­lich. Bekä­me die Schild­krö­te bei­spiels­wei­se nur einen hal­ben Meter Vor­sprung, wür­de Achil­les sie bereits mit einem Schritt über­ho­len!

Es ist eigent­lich also absurd, dar­über zu phi­lo­so­phie­ren. Dass wir es trotz­dem tun, zeigt: Wir hören oft nicht rich­tig zu, sehen nicht rich­tig hin, lesen nicht rich­tig und sind oben­drein leicht mit Effek­ten zu beein­flus­sen. Selbst die Intel­li­gen­tes­ten unter uns.


Abschlie­ßen­de Bemer­kung zum The­ma Logik


Logik ist eigent­lich etwas Ein­fa­ches. Sie setzt aller­dings eine Fähig­keit vor­aus, die wir nicht immer besit­zen: die Fähig­keit, Fak­ten, Gescheh­nis­se oder Umstän­de (tech­nisch gespro­chen: Daten) mit Abstand zu betrach­ten, damit wir sie auch wahr­neh­men und beur­tei­len kön­nen.

Denn meis­tens sind wir ziem­lich zer­streut und abge­lenkt, weil wir emo­tio­nal ein­ge­bun­den sind – also abhän­gig von einem bestimm­ten Ergeb­nis unse­rer soge­nann­ten Unter­su­chung. Und das auf einer Ebe­ne, die uns gar nicht bewusst ist. Des­halb über­se­hen wir vie­les oder inter­pre­tie­ren die Daten falsch. In die­sem Zustand befin­den wir uns lei­der fast unser gesam­tes Leben.

Sicher­lich spielt der Grad der Kom­ple­xi­tät auch eine wich­ti­ge Rol­le. Wer nach­voll­zie­hen will, wie bespiels­wei­se eine mecha­ni­sche Uhr im Detail funk­tio­niert, muss schon ein Uhr­ma­cher sein.

Doch nor­ma­ler­wei­se sind die Umstän­de, Situa­tio­nen und Sach­ver­hal­te, mit denen wir es im Leben zu tun haben, bei Wei­tem nicht so kom­plex wie eine mecha­ni­sche Uhr. So ist es bei­spiels­wei­se leicht nach­zu­voll­zie­hen, dass Fried­lich­keit und Freund­lich­keit für alle Men­schen gut sind und des­we­gen auch für den Ein­zel­nen.

Will man freund­lich und fried­lich behan­delt wer­den (was im Prin­zip auf jeden zutrifft) ist es abso­lut zwin­gend und logisch, sich selbst freund­lich und fried­lich zu ver­hal­ten.

Doch selt­sa­mer­wei­se ver­schlie­ßen wir uns oft der ein­fa­chen Logik des Lebens. Han­deln oder den­ken wir unlo­gisch, liegt das also nicht unbe­dingt an unse­rer Unfä­hig­keit dazu, son­dern weil Logik uns den Spaß am irra­tio­na­len Leben ver­der­ben kann. Krieg kann Spaß machen, weil er Aben­teu­er beinhal­tet, doch in der Rück­schau ist er schreck­lich. Trotz­dem wol­len wir nicht dar­auf ver­zich­ten. Das ist extrem unlo­gisch.


Letz­te Ände­rung am 24 Okt. 2026

2 Kommentare zu „Behaup­tun­gen“

  1. Feh­ler sind nicht das Pro­blem – ent­schei­dend ist der Wil­le, der dahin­ter­steckt.
    Nach Kant: das Wol­len.
    Wenn Jour­na­lis­ten Infor­ma­tio­nen und Bei­trä­ge nach ihrer per­sön­li­chen Welt­an­schau­ung aus­wäh­len und das auch noch objek­tiv begrün­den wol­len, dann habe ich ein Pro­blem mit der Nach­voll­zieh­bar­keit.

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    • Ja klar gibt es das, denn Jour­na­lis­ten sind letzt­end­lich auch nur nor­ma­le Men­schen und des­halb beein­fluss­bar oder sub­jek­tiv. Manch­mal geht es aber auch nur um die Kar­rie­re, sodass ein Jour­na­list das schreibt, was man von ihm hören will. Bei recht­se­so­te­ri­schen Jour­na­lis­ten beob­ach­tet man das oft.

      Im Gro­ßen und ganz ist die Medi­en­land­schaft in Deutsch­land aber objek­tiv. Natür­lich gibt es Jour­na­lis­ten, die absicht­lich Fal­sch­nach­rich­ten ver­öf­fent­li­chen, um sich einen Namen zu machen. Aber geschum­melt und betro­gen wird über­all.

      Ich den­ke, Wis­sen­schaft­ler, Poli­ti­ker, Kauf­män­ner, Taxi­fah­rer, Brief­trä­ger, Bus­fah­rer etc. schum­meln auch nicht weni­ger oder mehr als ande­re Leu­te.

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