Welt der unge­nutz­ten Mög­lich­kei­ten


Mög­lich­kei­ten

Wir haben alle Mög­lich­kei­ten unse­ren Pla­ne­ten zu einem fried­li­chen, freund­li­chen und krea­ti­ven Ort für alle Men­schen zu machen. Statt­des­sen füh­ren wir stän­dig Krie­ge, betrü­gen und berau­ben uns gegen­sei­tig und ver­skla­ven und miss­brau­chen die Schwa­chen.

Doch war­um tun wir das?
Lebens­mit­tel, Geld und Logis­tik sind aus­rei­chend vor­han­den. Alles, was eine fried­li­che, freund­li­che und krea­ti­ve Welt benö­tigt, steht uns bereits im Über­maß zur Ver­fü­gung: Trink­was­ser, frucht­ba­rer Boden, Mine­ra­li­en, Erze sowie vie­le ande­re wich­ti­ge Res­sour­cen. Krie­ge und ähn­li­che Kon­flik­te zwi­schen den Natio­nen müss­te es in einer glo­ba­li­sier­ten Welt des­halb nicht mehr geben.

Welt­weit gibt es mehr als genug Anbau­flä­chen, die zur Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on geeig­net sind. Unse­re Pro­duk­ti­ons­me­tho­den sind inzwi­schen hoch­mo­dern und effek­tiv. Wir könn­ten Mil­li­ar­den Men­schen mit allem ver­sor­gen, was die­se in allen Berei­chen und Belan­gen des Lebens benö­ti­gen.

Wenn trotz­dem in Tei­len der Welt Nah­rungs­man­gel herrscht, liegt das nicht dar­an, dass wir even­tu­ell zu wenig davon haben, son­dern ver­schwen­de­risch damit umge­hen, Ver­tei­lungs­pro­ble­me haben oder aus unter­schied­li­chen Grün­den Profit‑, Macht- und Miss­wirt­schaft damit betrei­ben.

Ein Baum mit vielen Ästen und Zweigen ähnlich einer BirkeDie für unse­re Ener­gie­ge­win­nung wich­ti­gen fos­si­len Roh­stof­fe Erd­öl und Koh­le erzeu­gen inzwi­schen enor­me Ver­schmut­zung und sind des­halb als zukünf­ti­ge Ener­gie­trä­ger unge­eig­net. Wenn wir woll­ten, könn­ten wir bereits heu­te größ­ten­teils auf sie zur Ener­gie­ge­win­nung ver­zich­ten. Doch da sie nach wie vor ein gutes Geschäft sind, hal­ten wir dar­an fest.

Die moder­nen Tech­ni­ken und Metho­den zur Nut­zung der umwelt­freund­li­chen, rege­ne­ra­ti­ven und roh­stoff­un­ab­hän­gi­gen Ener­gie­quel­len (Wind, Was­ser, Son­ne, Wel­len, Erd­wär­me) sind inzwi­schen weit ent­wi­ckelt und im grö­ße­ren Rah­men ein­setz­bar. Platz­man­gel gibt es eben­falls nicht. Die Vor­aus­set­zun­gen sind somit gege­ben.

Eigent­lich haben wir kei­ne Grün­de mehr uns zu strei­ten, gegen­sei­tig zu bekämp­fen, zu betrü­gen, aus­zu­nut­zen oder umzu­brin­gen, denn für jeden ist genug da.

 

Kei­ne Lust auf Ver­än­de­rung

Was ist die Ursa­che für unse­re Unfä­hig­keit, auf brei­ter Basis freund­lich und fried­lich mit­ein­an­der aus­zu­kom­men? Manch­mal bezeich­nen wir die Idee einer rund­um fried­li­chen und freund­li­chen Welt als unrea­lis­tisch, lang­wei­lig oder sogar auch “gefähr­lich”. Denn damit eine sol­che wahr wer­den kann, müss­ten wir unser Ver­hal­ten ändern, auf unse­re lieb gewon­ne­nen Gewohn­hei­ten ver­zich­ten und uns für Neu­es und Frem­des öff­nen – wor­auf wir abso­lut kei­ne Lust haben.

Wir haben eine instink­ti­ve Abnei­gung gegen alles, was sich irgend­wie nach dem Wort „Welt­frie­den“ anhört, denn die­ser Begriff ist ver­pönt und hat eine ähn­li­che nega­ti­ve Kono­ta­ti­on wie „Gut­mensch“. Wir soll­ten uns schä­men.

Unse­re Unfä­hig­keit und unser Unwil­le zum Tei­len sind daher das Pro­blem, und nicht die Wirt­schafts- oder Gesell­schafts­sys­te­me. Die­se funk­tio­nie­ren sowie­so nur so gut, wie wir es zulas­sen. Und je offe­ner ein Sys­tem ist, des­to ein­fa­cher lässt es sich miss­brau­chen.

Gäbe es ein Gesell­schafts­sys­tem, das ein fried­li­ches und krea­ti­ves Zusam­men­le­ben aller Men­schen garan­tiert, hät­te es sich schon längst im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te in irgend­ei­nem Teil der Erde her­aus­kris­tal­li­siert und von dort auf die gesam­te Welt über­tra­gen, denn das, was am bes­ten funk­tio­niert, setzt sich letzt­end­lich auch durch.¹

Doch das ist nie gesche­hen und des­halb scheint es ein Sys­tem, das alle Pro­ble­me der Mensch­heit löst, nicht zu geben. Offen­bar liegt es an uns selbst, dass die Welt in einem so schreck­li­chen Zustand ist.


1) Die Natur (die Evo­lu­ti­on) fin­det im Lau­fe der Zeit immer die bes­te und sta­bils­te Lösung. Die­ses Prin­zip kann auf die mensch­li­che Zivi­li­sa­ti­on ange­wandt wer­den (die nichts ande­res ist, als eine wei­ter­füh­ren­de Evo­lu­ti­on).

Hybris der Ideo­lo­gi­en und Reli­gio­nen


Ideo­lo­gi­en sind geis­ti­ge Gefäng­nis­se

Nicht auf die bür­ger­li­che, intel­lek­tu­el­le, the­is­ti­sche oder athe‍is‍ti‍sche Sicht­wei­se kommt es an, son­dern ganz allein auf unser Ver‍hal‍ten.

Es geht auch nicht dar­um, ein bür­ger­li­cher Mensch oder ein Intel­lek­tu­el­ler zu sein, auch kein Athe­ist, The­ist, Anar­chist oder Demo­krat. Denn die­se Kate­go­ri­en, mit denen wir uns oft nur ober­fläch­lich eti­ket­tie­ren oder aus­schmü­cken, sind alle rela­tiv und bedeu­ten ohne eine kon­kre­te Zuord­nung und Inter­pre­ta­ti­on sowie­so kaum etwas. Ein intel­lek­tu­el­ler Mensch kann genau­so destruk­tiv han­deln wie ein bür­ger­li­cher — und das gilt für alle „Kate­go­ri­en“. Oft glau­ben wir jedoch, nur eine bestimm­te Ideo­lo­gie oder Reli­gi­on könn­te die Welt und das Gesche­hen in ihr in eine posi­ti­ve Rich­tung len­ken.

The­is­ten sagen, allein der Glau­be an Gott kann die Welt ret­ten.
Intel­lek­tu­el­len ist die Auf­klä­rung der Men­schen das Wich­tigs­te.
Athe­is­ten sehen das Wohl der Mensch­heit viel­leicht im Ratio­na­lis­mus.
Für Anar­chis­ten ist die Herr­schafts­lo­sig­keit die Lösung aller gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me.

Gleich­zei­tig sieht jede die­ser Grup­pen in ihrem tat­säch­li­chen oder gefühl­ten Gegen­spie­ler den Grund für das Übel in der Welt:

Für The­is­ten ist es die Gott­lo­sig­keit, für Athe­is­ten die eta­blier­ten Reli­gio­nen und die Pries­ter­schaft, für Anar­chis­ten die Bür­ger­lich­keit und für Intel­lek­tu­el­le ist die man­gel­haf­te Bil­dung der Mas­sen ver­ant­wort­lich für das Übel in der Welt. Die­se Ein­stel­lung hin­dert uns zu erken­nen, dass wir (als Ein­zel­ne und Gemein­schaf­ten) für die Miss­stän­de in der Welt ver­ant­wort­lich sind. Wir sind also die Übel­tä­ter in der Welt — und nicht irgend­wel­che Ideo­lo­gi­en oder Glau­bens­sys­te­me. Die­se die­nen uns oft nur als Ali­bi für unser eigent­lich frag­wür­di­ges Ver­hal­ten.

Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en ratio­na­li­sie­ren Leid

Leid wird fast immer von ande­ren Men­schen erzeugt, und nicht von der Reli­gi­on, Bür­ger­lich­keit oder Intel­lek­tua­li­tät. Die­se sind »Instru­men­te«, die wir benutz­ten, um unse­re Destruk­ti­vi­tät (meis­tens unbe­wusst) im Zaum zu hal­ten, zu legi­ti­mie­ren oder zu kaschie­ren. Nicht die Bür­ger­lich­keit, Intel­lek­tua­li­tät, Reli­gio­si­tät oder Anti­re­li­gio­si­tät sind daher für den Zustand der Welt ver­ant­wort­lich, son­dern ganz allein unser Ver­hal­ten. Das muss immer wie­der gesagt wer­den, denn es ist wich­tig, die­se Tat­sa­che zu erken­nen und nicht zu ver­ges­sen.

Es ist voll­kom­men egal, wie wir uns nen­nen, was wir glau­ben oder behaup­ten zu sein, denn nur auf unser Ver­hal­ten kommt es an. Doch die­ses ist bis­her unge­eig­net zur Gestal­tung einer fried­li­chen und freund­li­chen Welt.

Dass wir alle sosehr an unse­ren Ideo­lo­gi­en und Glau­bens­sys­te­men fest­hal­ten, die letzt­end­lich nur unse­re Ent­wick­lung behin­dern, zeigt: Fried­lich­keit und Freund­lich­keit sind gar nicht unse­re obers­ten Prio­ri­tä­ten, obwohl wir das oft und gern behaup­ten und viel­leicht auch glau­ben. Natür­lich haben wir nichts gegen Fried­lich­keit und Freund­lich­keit – wich­ti­ger ist uns aller­dings der Glau­be oder die poli­ti­sche Ein­stel­lung. Und für jeden ist der eige­ne Glau­be oder die eige­ne Ideo­lo­gie natür­lich rich­ti­ger als die ande­ren.

Ideo­lo­gi­en und Reli­gio­nen sind kei­ne Frie­den­stif­ter

Bis­her haben weder Reli­gio­nen noch Sys­te­me Fried­lich­keit und Freund­lich­keit dau­er­haft her­vor­ge­bracht. In kei­nem Land der Welt! Oft ist sogar das Gegen­teil der Fall: Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en sind in vie­len Fäl­len die Ursa­chen für Strei­tig­kei­ten, die Fried­lich­keit und Freund­lich­keit unmög­lich machen. Denn alle Glau­bens­sys­te­me und Ideo­lo­gi­en haben eine Eigen­schaft gemein­sam: Sie dif­fe­ren­zie­ren sich im Lau­fe der Zeit aus und aus einer ursprüng­lich ein­heit­li­chen Leh­re ent­ste­hen im Lauf der Jahr­zehn­te oder Jahr­hun­der­te unter­schied­li­che, die sich unter Umstän­den dann gegen­sei­tig bekämp­fen. Vor zwei­tau­send Jah­ren gab es bei­spiels­wei­se nur ein Chris­ten­tum, inzwi­schen gibt es diver­se christ­li­che Kon­fes­sio­nen, die sich in eini­gen Fäl­len sogar im Krieg mit­ein­an­der befin­den oder befan­den. Nicht anders ist es im Islam und im Hin­du­is­mus.

Oft sind die­se Dif­fe­ren­zen unwe­sent­lich und trotz­dem die Ursa­chen für schreck­li­ches Leid. Das lässt ver­mu­ten, die eigent­li­chen Grün­de für unse­re reli­gi­ons­be­ding­ten oder ideo­lo­gi­schen Kon­flik­te sind gar nicht die angeb­li­chen Unver­ein­bar­kei­ten bestimm­ter reli­giö­ser oder poli­ti­scher Inhal­te. Unse­re reli­giö­sen und ideo­lo­gi­schen Unter­schie­de die­nen uns ledig­lich als Recht­fer­ti­gung für unser krie­ge­ri­sches Gemüt. Pro­vo­kant aus­ge­drückt: Wir brau­chen Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en, um mit gutem Gewis­sen Krie­ge füh­ren zu kön­nen.

Die Welt braucht also kei­ne Ideo­lo­gi­en, Reli­gio­nen oder Dog­men. Die­se sind zur Frie­dens­stif­tung alle unge­eig­net. Zur Fried­lich­keit und Freund­lich­keit kön­nen wir sowie­so nur vor­über­ge­hend kon­di­tio­niert oder ani­miert wer­den, denn die gelern­te Fried­lich­keit basiert meis­tens auf der Unter­drü­ckung unse­rer destruk­ti­ven Impul­se. Frü­her oder spä­ter bre­chen die­se wie­der durch und rich­ten dann viel­leicht mehr Scha­den an als zuvor.

Der ein­zi­ge Erfolg ver­spre­chen­de Weg in eine bes­se­re Welt scheint somit zu sein: Fried­lich­keit und Freund­lich­keit, weil wir Fried­lich­keit und Freund­lich­keit mögen, und nicht weil wir uns dazu genö­tigt füh­len!

Archai­sche Gewohn­hei­ten


Pseu­do­mo­der­ne Zei­ten

Unser Zeit­al­ter nen­nen wir das Zeit­al­ter der Auf­klä­rung und Moder­ne, inzwi­schen auch das Atom- oder Com­pu­ter­zeit­al­ter oder Anthro­po­zän (Zeit­al­ter des moder­nen Men­schen). Wir glau­ben, die Pri­mi­ti­vi­tät des Mit­tel­al­ters weit hin­ter uns gelas­sen zu haben. Trotz­dem ist unser Leben in vie­len Berei­chen von mit­tel­al­ter­li­chen und sogar archai­schen Tra­di­tio­nen und Struk­tu­ren durch­drun­gen. Die­sen Wider­spruch neh­men wir kaum wahr.

Die bedeu­tends­te aus Vor­zei­ten über­lie­fer­te Tra­di­ti­on ist die Reli­gi­on. Es gibt prak­tisch kein Land, das nicht reli­gi­ös geprägt ist, obwohl der Glau­be an einen Gott in den Staa­ten und Kul­tu­ren unter­schied­lich aus­ge­prägt ist. Reli­gi­on ist eine glo­ba­le Tra­di­ti­on und betrifft die gesam­te Mensch­heit.

Sie reflek­tiert aus­schließ­lich archai­sches Den­ken und Asso­zi­ie­ren — was uns sel­ten bewusst ist. Es gibt kei­ne Reli­gi­on, die in moder­ner Zeit ent­stan­den ist. Die Sci­en­to­lo­gy-Orga­ni­sa­ti­on bezeich­net sich selbst zwar als Reli­gi­on, doch das ist nur ein Trick, mit dem man in den USA leicht die Gewer­be­steu­er umge­hen kann. Wird doch ein­mal in moder­ner Zeit eine neue Reli­gi­on gegrün­det, han­delt es sich stets um eine Sek­te, also einen Able­ger einer bereits bestehen­den, tra­di­tio­nel­len Reli­gi­on.

Die Ent­ste­hung des Phä­no­mens des reli­giö­sen Glau­bens wur­zelt u. A. in den Ängs­ten unse­rer archai­schen Vor­fah­ren vor den Natur­ge­wal­ten. Eine Aus­nah­me bil­det der Bud­dhis­mus. Er ist eher eine Phi­lo­so­phie als eine Reli­gi­on. Aller­dings wird er oft kaum anders prak­ti­ziert, als der Glau­be an einen Schöp­fer­gott. Das ist sehr scha­de.

Die drei gro­ßen Buch­re­li­gio­nen sind das kumu­la­ti­ve Ergeb­nis der über Jahr­tau­sen­de hin­weg statt­ge­fun­de­nen Sub­li­mie­rung unse­rer archai­schen Ängs­te. Die­se müs­sen wir als moder­ne Men­schen über­win­den und zum Teil ist uns das schon gelun­gen. An ihren Pro­duk­ten (dem Glau­ben an Gott & Co.) hal­ten wir jedoch wei­ter­hin fest, obwohl wir es bes­ser wis­sen könn­ten.

Unse­re archai­schen Ängs­te haben sich inzwi­schen in unser Unter­be­wusst­sein zurück­ge­zo­gen (bei­spiels­wei­se die Angst, im Dun­keln ange­sprun­gen zu wer­den), dafür wird unser Tages­be­wusst­sein heu­te mehr und mehr von moder­nen Exis­tenz­ängs­ten beherrscht (Arbeits­platz­ver­lust und Ähn­li­ches).

Moder­ne Tech­nik und ver­al­te­te Moral

Das zeigt, wir sind nicht wirk­lich die moder­nen, auf­ge­klär­ten Men­schen, für die wir uns hal­ten. Denn sol­che rich­ten ihr Leben nicht nach dem aus, was ande­re nie­der­ge­schrie­ben haben und erst recht nicht, wenn die­se Tex­te schon Jahr­tau­sen­de alt sind. Moder­ne Men­schen wis­sen, die Nie­der­schrif­ten unse­rer Vor­fah­ren aus der Stein- und Bron­ze­zeit sind aus­nahms­los Mythen und über­zo­ge­ne Dich­tun­gen, gebo­ren aus einer Kom­bi­na­ti­on aus Unwis­sen­heit und Angst.

Modern an unse­rem Zeit­al­ter ist haupt­säch­lich unse­re Tech­no­lo­gie. Wir flie­gen zum Mond, kre­ieren im Com­pu­ter vir­tu­el­le Wel­ten, kön­nen mit einer ein­zi­gen Bom­be eine Groß­stadt in Schutt und Asche legen und brin­gen theo­re­tisch die gesam­te Welt­li­te­ra­tur auf ein paar Qua­drat­zen­ti­me­tern unter. Doch unse­re Moral und Ethik unter­schei­det sich nur gering­fü­gig von der unse­rer archai­schen oder mit­tel­al­ter­li­chen Vor­fah­ren.

Sicher­lich haben wir uns seit der Stein­zeit ethisch und mora­lisch wei­ter­ent­wi­ckelt, jedoch nicht in dem Maß, das wir uns ger­ne sug­ge­rie­ren. Wir füh­ren immer noch Krie­ge – genau wie unse­re archai­schen Vor­fah­ren. Aller­dings sind unse­re bewaff­ne­ten Kon­flik­te jetzt 1000 Mal zer­stö­re­ri­scher – das ist kein Fort­schritt, son­dern ein Armuts­zeug­nis! Wir betrü­gen, rau­ben, ver­ge­wal­ti­gen und miss­brau­chen – genau wie unse­re archai­schen Vor­fah­ren. Wir sind kaum weni­ger gewalt­tä­tig als ein durchschnitt­licher Stein­zeit­mensch oder Kreuz­rit­ter, der im Namen sei­nes Got­tes ande­re Men­schen abschlach­tet – obwohl wir uns als auf­ge­klär­te Men­schen ver­ste­hen.

Man­che Phi­lo­so­phen und His­to­ri­ker behaup­ten, Krie­ge gehö­ren zum mensch­li­chen Dasein dazu. Ohne sie wür­den die Zivi­li­sa­tio­nen sich nicht wei­ter­ent­wi­ckeln. Sie wären ein wich­ti­ger Fort­schritts­be­schleu­ni­ger in Tech­nik und Kul­tur. Das mag wohl stim­men, doch bedeu­tet es nicht, dass es so blei­ben muss. Auch hier gilt: Was in unse­rer Ver­gan­gen­heit funk­tio­niert hat, kann für unse­re Zukunft schäd­lich sein. Jedes Werk­zeug ver­liert irgend­wann sei­ne Nütz­lich­keit und wird durch ein bes­se­res ersetzt. Und so ist es auch mit Metho­den, Funk­tio­nen oder Prin­zi­pi­en.

Krieg war in der Ver­gan­gen­heit ein Beschleu­ni­gungs­fak­tor unse­rer Ent­wick­lung, weil wir zur krea­ti­ven Kon­flikt­lö­sung nicht fähig waren. Die­se Zei­ten soll­ten jetzt vor­bei sein.

Krieg bezie­hungs­wei­se Destruk­ti­vi­tät ist die pri­mi­tivs­te aller Kon­flikt­lö­sungs­me­tho­den. Sie wird schon seit der Stein­zeit ange­wandt. Nur unse­re Waf­fen haben sich im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de wei­ter­ent­wi­ckelt, doch das Prin­zip des Krie­ges ist heu­te noch das glei­che wie von 5000 Jah­ren: Wir töten unse­re Kon­kur­ren­ten, anstatt uns mit ihnen irgend­wie zu eini­gen!

Um Krieg zu füh­ren, sind auch kei­ne beson­de­ren Fähig­kei­ten nötig. Die wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten, die ein Krie­ger oder Sol­dat besit­zen muss, sind Skru­pel­lo­sig­keit und Gleich­gül­tig­keit. Doch streng genom­men sind das kei­ne Eigen­schaf­ten, son­dern Unfä­hig­kei­ten: die Unfä­hig­keit zum Mit­ge­fühl. Mit­ge­fühl und Empa­thie sind für die Zukunft der Mensch­heit außer­ge­wöhn­lich wich­tig. Gelingt es uns nicht, in den nächs­ten hun­dert Jah­ren unse­re durchschnitt­liche Empa­thiefä­hig­keit signi­fi­kant zu erhö­hen, wird die Welt der Zukunft wahr­schein­lich eine Welt des glo­ba­len Elends sein.

Ende der gro­ßen Kathar­sis

Unse­re tech­no­lo­gi­schen Fort­schrit­te dür­fen uns nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass wir uns als Mensch­heit noch in der glei­chen Ent­wick­lungs­pha­se befin­den, wie vor 2000 oder 3000 Jah­ren. Außer­dem: Das, was heu­te als Fort­schritt gilt, wird in Tau­send Jah­ren pri­mi­tiv sein.Ein undurchdringliches Dickicht in einem Wald.

Mög­li­cher­wei­se fin­det die­se Pha­se, die „gro­ße Kathar­sis“, in den nächs­ten Jahr­hun­der­ten ihr Ende. Wir kön­nen uns schließ­lich nicht ewig bekrie­gen, aus­rau­ben oder über­vor­tei­len. Die Pes­si­mis­ten gehen davon aus, dass die­ses Ende von einem letz­ten, gro­ßen Krieg ein­ge­lei­tet wird, einem glo­ba­len Atom­krieg. In die­sem Sze­na­rio ver­nich­tet die Mensch­heit sich fast kom­plett selbst und aus der sprich­wört­li­chen Asche erhebt sie sich neu, geläu­tert und wei­ser als zuvor. Die Opti­mis­ten hin­ge­gen glau­ben an einen Bewusst­seins­sprung (auch Quan­ten­sprung genannt), der mehr oder weni­ger die gesam­te Mensch­heit erfasst und sie rei­fer wer­den lässt. Wel­ches der bei­den Sze­na­ri­en zutref­fen wird, kann aller­dings nie­mand sagen. Even­tu­ell sind bei­de falsch und die Mensch­heits­ge­schich­te ver­läuft anders als wir es vor­aus­se­hen kön­nen. Das wäre nicht ver­wun­der­lich, denn oft ent­wi­ckeln die Din­ge sich nicht so, wie wir es erwar­ten.

Im Prin­zip ist also alles noch offen. Sicher ist nur: Wir müs­sen unser Ver­hal­ten ändern. Gelingt uns das nicht, könn­ten die Pes­si­mis­ten recht behal­ten — doch das müs­sen wir uns nicht antun. Die Lösung des Pro­blems: Wir müs­sen unse­re Mög­lich­kei­ten end­lich wahr­neh­men und erken­nen, dass die Welt nur des­halb ein Ort der Krie­ge, des Elends, der Armut und des Hun­gers ist, weil wir sie dazu machen. Denn wir ver­ste­hen uns nach wie vor nicht als Erden­bür­ger, son­dern als Ange­hö­ri­ge einer bestimm­ten Nati­on, Geschäfts­män­ner, Fami­li­en­mit­glie­der oder Kon­kur­ren­ten. Mit die­ser Men­ta­li­tät haben wir die Welt der Ver­gan­gen­heit gestal­tet, zur Gestal­tung einer zukünf­ti­gen, glo­ba­len Welt ist sie jedoch voll­kom­men unge­eig­net. Bevor wir unser Ver­hal­ten also dau­er­haft ändern kön­nen, müs­sen wir das ver­ste­hen. Eine ech­te Her­aus­for­de­rung für uns alle.

Archai­sche Gewohn­hei­ten able­gen


Angst und Trau­ma­ti­sie­rung

Fast alles Elend in der Welt ist auf unse­re Abnei­gung gegen das Tei­len zurück­zu­füh­ren. Unse­re Angst, zu kurz zu kom­men, zwingt uns Schät­ze und Vor­rä­te anzu­häu­fen, die wir rea­lis­tisch betrach­tet nie­mals ver­brau­chen kön­nen. Wir sind trau­ma­ti­siert und lei­den unter der stän­di­gen Angst, nicht genug zu haben. Mög­li­cher­wei­se ist die­ser Trieb zur über­mä­ßi­gen Anhäu­fung von Vor­rä­ten ein Erbe unse­rer archai­schen Ver­gan­gen­heit, eine gene­ti­sche Ver­an­la­gung, von der die gesam­te Mensch­heit betrof­fen ist.

Damals war es tat­säch­lich sinn­voll, mehr Vor­rä­te als nötigt zu besit­zen, denn wir wuss­ten nie, was das nächs­te Jahr bringt. Wir konn­ten auf die Bedürf­nis­se frem­der Men­schen kei­ne Rück­sicht neh­men, denn es war schon schwie­rig genug, das eige­ne Über­le­ben zu sichern.

Kei­ne Not­wen­dig­keit mehr zur über­mä­ßi­gen Anhäu­fung

Doch die­se Zei­ten sind vor­bei. Wir sind dem Will­kür­cha­rak­ter der Natur wei­test­ge­hend nicht mehr aus­ge­lie­fert, wie noch im Mit­tel­al­ter, in der Stein­zeit oder zu prä­his­to­ri­schen Zei­ten.

Wir kön­nen heu­te unse­re Umwelt gestal­ten und haben gro­ßen Ein­fluss auf unse­re Ern­te­er­trä­ge. Wir haben die Mög­lich­keit, Über­flüs­se der einen Regi­on an ande­re mit Unter­ver­sor­gung wei­ter­zu­lei­ten. In kei­nem Land der Erde müss­ten heu­te noch Men­schen hun­gern oder im Elend leben, wäh­rend in ande­ren Tei­len Über­fluss herrscht. Ist so etwas der Fall, dann nur, weil wir es zulas­sen.

Die rei­chen Län­der könn­ten ihre Über­schüs­se pro­blem­los an die armen wei­ter­lei­ten, ohne dar­un­ter zu lei­den, denn die­se Lebens­mit­tel wer­den in der Regel sowie­so ver­nich­tet (aus markt­po­li­ti­schen Grün­den) — was auch noch Geld kos­tet. Anstatt Geld zur Lebens­mit­tel­ver­nich­tung aus­zu­ge­ben, könn­ten wir es nut­zen, um unse­re über­flüs­si­gen Lebens­mit­tel dort­hin zu brin­gen, wo sie drin­gen gebraucht wer­den. Doch das inter­es­siert uns nicht, denn damit lässt sich nichts ver­die­nen. Das wis­sen wir zwar, spre­chen es aber nicht aus.

Fau­le Aus­re­den und Gleich­gül­tig­keit

Statt­des­sen behaup­ten wir, das Ver­schen­ken von Lebens­mit­teln an arme Län­der ist aus logis­ti­schen Grün­den nicht mög­lich oder wür­de an inter­na­tio­na­len Aus­fuhr­be­stim­mun­gen oder ähn­li­chen Hemm­nis­sen schei­tern. Das ist natür­lich eine Aus­re­de, denn wenn wir wirk­lich woll­ten, fän­den wir auch Wege — selbst wenn es schwie­rig ist. Doch wir tun es nicht, weil uns die Men­schen ande­rer Län­der egal sind. Außer­dem mögen wir die Vor­stel­lung nicht, ande­re „durch­zu­füt­tern“.

Doch es kommt noch schlim­mer: Vie­le der Miss­stän­de in Län­dern der soge­nann­ten Drit­ten Welt sind direkt oder indi­rekt auf die Wirt­schafts­po­li­tik der west­li­chen Staa­ten und unser Kon­sum­ver­hal­ten zurück­zu­füh­ren. Das wis­sen wir mehr oder weni­ger alle. Die west­li­chen, rei­chen Indus­trie­staa­ten toben sich auf dem Rücken der armen Län­der aus, die sich das gefal­len las­sen müs­sen, denn sie kön­nen sich gegen die dreis­ten Über­grif­fe der trans­na­tio­na­len Kon­zer­ne nicht weh­ren.

Aus­beu­tung der Drit­ten Welt

Wir las­sen in Län­dern der soge­nann­ten 3. Welt T‑Shirts, Hosen oder ande­re Ver­brauchs­gü­ter pro­du­zie­ren, denn die Lohn­kos­ten sind dort so nied­rig, dass sie ohne Bedeu­tung sind. Wir wis­sen, dass die Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen dort von ihren Hun­ger­löh­nen nicht leben kön­nen und die dort herr­schen­den Arbeits­be­din­gun­gen men­schen­un­wür­dig sind. Wir tun aber so, als läge das nicht in unse­rer Ver­ant­wor­tung.

Die Situa­ti­on der Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen in die­sen Staa­ten ist jedoch nur des­halb so kata­stro­phal, weil unser Kon­sum der dort her­ge­stell­ten Pro­duk­te die­ses Sys­tem der Aus­beu­tung mög­lich macht. Wür­den wir uns wei­gern die­se Pro­duk­te zu kau­fen, wür­de die­ses Modell der moder­nen Skla­ve­rei sich nicht hal­ten kön­nen. Dann hät­ten wir viel­leicht weni­ger Kla­mot­ten in unse­ren Schrän­ken, aber immer noch genug.

Eini­ge unse­rer gro­ßen Kon­zer­ne und Unter­neh­men las­sen von der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung in den 3. Welt­län­dern wich­ti­ge und wert­vol­le Roh­stof­fe wir Kobalt, Lithi­um oder Nickel aber auch Edel­me­tal­le und Edels­tei­le abge­baut. Obwohl die­se Län­der auf­grund die­ser Boden­schät­ze als reich gel­ten soll­ten, ist die Bevöl­ke­rung dort bit­ter­arm.

Natür­lich liegt das auch an den kor­rup­ten Regie­run­gen die­ser Län­der, doch unse­re Auto­bau­er, Bat­te­rie- Han­dy- und Com­pu­ter­her­stel­ler arbei­ten Hand in Hand mit die­sen Regie­run­gen. Sie müss­ten das nicht tun und könn­ten Wege fin­den, die dafür sor­gen, dass die Arbei­ter in die­sen Län­dern anstän­dig bezahlt wer­den. Doch dar­an haben sie kein Inter­es­se, denn alles, wor­um es ihnen geht, ist die Kos­ten für die­se wich­ti­gen Mate­ria­li­en so nied­rig wie mög­lich zu hal­ten.

Man­gel­haf­te Zivil­cou­ra­ge

Als Kon­su­men­ten könn­ten wir auf die Stra­ße gehen und dage­gen pro­tes­tie­ren und durch Kon­sum­ver­wei­ge­rung die Kon­zern dazu zwin­gen, ihr Ver­hal­ten zu ändern. Doch wir wis­sen auch, dass unse­re High­tech-Spiel­zeu­ge dann teu­rer wer­den wür­den. Des­we­gen ist es uns egal.

Und wenn unse­re Com­pu­ter und Han­dys dann kaputt sind oder nicht mehr dem Stan­dard ent­spre­chen, schi­cken wir unse­ren gif­ti­gen Elek­tro­schrott in die­se Län­der zurück. Sol­len die doch sehen, wie sie damit klar­kom­men, ist unse­re zynisch Gleich­gül­tig­keits­hal­ten.

Gleich­gül­tig­keit und Geschäfts­tüch­tig­keit

Ein wei­te­res augen­fäl­li­ges Merk­mal unse­rer man­gel­haf­ten Empa­thiefä­hig­keit sind unse­re Waf­fen­ex­por­te an des­po­ti­sche Regie­run­gen. Wir wis­sen, dass dort mit die­sen Waf­fen die Bevöl­ke­rung bru­tal unter­drü­cken wird. Doch unse­re ver­ant­wort­li­chen Regie­rungs­mit­glie­der, die die­se Expor­te geneh­mi­gen, haben auch hier eine Aus­re­de parat: Es kann nicht bewie­sen wer­den, dass mit die­sen Waf­fen die Bevöl­ke­rung unter­drückt wird. Die des­po­ti­schen Regie­run­gen wür­den dazu ande­re benut­zen. Wür­den wir die­se Waf­fen dort­hin nicht ver­kau­fen, wür­de das an der Situa­ti­on der Bevöl­ke­rung dort nichts ändern, wird behau­ten. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on zeigt, die Men­schen ande­rer Län­der sind uns völ­lig egal, solan­ge die Geschäf­te gut gehen.

Unser man­gel­haf­tes bis über­haupt nicht vor­han­de­nes Inter­es­se an der Situa­ti­on ande­rer ist größ­ten­teils für all das ver­ant­wort­lich. Das Leben frem­der Men­schen “inter­es­siert” uns nur, wenn wir davon pro­fi­tie­ren.

Heu­che­lei und Vor­teil­si­che­rung

Unser Inter­es­se für die Belan­ge ande­rer ist meis­tens vor­ge­täuscht, es dient uns zur per­sön­li­chen Vor­teils­si­che­rung. Wir benut­zen ande­re Men­schen und deren Situa­ti­on für unse­re eige­nen ego­is­ti­schen Zie­le und sind dabei sehr geschickt, die­se Tat­sa­che zu ver­ber­gen. Wir gau­keln Anteil­nah­me vor, in Wirk­lich­keit ist es Geschäfts­tüch­tig­keit. Das ist die Stra­te­gie, mit der wir seit Jahr­tau­sen­den erfolg­reich sind. Doch wie bereits erwähnt, wird sie nicht geeig­net sein, die Zukunft der Mensch­heit zu gestal­ten.

Noch sind wir gewohn­heits­mä­ßig davon über­zeugt, dass wir (als ein­zel­ne und Natio­nen) nur im erbar­mungs­lo­sen Kon­kur­renz­kampf eine Chan­ce haben. Die­ser Glau­be lebt von der Gier und der Angst über­vor­teilt zu wer­den, von der Angst zu kurz zu kom­men. Wir wol­len Freund­schaft, ohne dabei unse­ren per­sön­li­chen Vor­teil aufs Spiel zu set­zen. Unse­re Freund­schaf­ten, beson­ders die inter­na­tio­na­len, sind Part­ner­schaf­ten, Alli­an­zen oder Föde­ra­tio­nen, die von gemein­sa­men Inter­es­sen am Leben gehal­ten wer­den. Ver­schwin­den die­se, ver­schwin­det auch die Freund­schaft.


Orga­nis­mus Mensch­heit


Destruk­ti­ve Sei­te der Mensch­heit

Die Mensch­heit hat ihre Stär­ken und ihre Schwä­chen. Mit den Schwä­chen müs­sen wir leben, solan­ge wir sie nicht tran­szen­diert haben. Und nur eine Tran­szen­die­rung kann die Mensch­heit auf eine höhe­re Bewusst­seins­ebe­ne heben. Wir kön­nen die nega­ti­ven Sei­ten des Orga­nis­mus Mensch­heit nicht abschaf­fen oder weg­züch­ten. Die Mensch­heit kann nicht zum Guten oder zur Fried­lich­keit erzo­gen wer­den. Das wur­de schon oft ver­sucht, doch funk­tio­niert hat es nie. Wir kön­nen uns zwar fried­li­ches und freund­li­ches Ver­hal­ten antrai­nie­ren, doch das allei­ne reicht nicht. Denn solan­ge Fried­lich­keit und Freund­lich­keit nur Optio­nen sind, die wir wahr­neh­men kön­nen oder auch nicht, ist das Pro­blem nicht gelöst.

Wir kön­nen unse­re destruk­ti­ve Sei­te nicht direkt bekämp­fen, ohne dabei Metho­den anwen­den, die der destruk­ti­ven Sei­te ange­hö­ren.

Ange­nom­men, wir wür­den alle Men­schen, die einen kor­rup­ten Cha­rak­ter zu besit­zen schei­nen, dar­an hin­dern, öffent­li­che Ämter zu beklei­den. Höchst­wahr­schein­lich wür­den wir dann auch ehr­li­che Men­schen aus­schlie­ßen, denn Irr­tü­mer gibt es immer. Wir wür­den glau­ben, Gutes zu tun, in Wirk­lich­keit täten wir das Gegen­teil, ohne es zu mer­ken. Damit wür­den wir das Übel, das wir zu bekämp­fen glau­ben, unbe­merkt för­dern und kämen uns dabei auch noch fort­schritt­lich vor.

Macht­miss­brauch und Mani­pu­la­tor

Ein einem Zepter ähnlicher Gegenstand, sehr bunt.Denn wir dür­fen nicht ver­ges­sen: Wir sind fast alle (auf unter­schied­li­che Arten) emo­tio­nal kor­rupt und miss­brau­chen im All­tag und im Beruf unse­re Macht und Mög­lich­kei­ten. Wir mani­pu­lie­ren uns selbst und ande­re, ohne es rich­tig zu wis­sen. Eltern miss­brau­chen oft ihre Macht gegen­über ihren Kin­dern, Leh­rer die Macht gegen­über ihren Schü­lern, Vor­ge­setz­te die Macht gegen­über ihren Unter­ge­be­nen und Tier­hal­ter die Macht gegen­über ihren Tie­ren. Wir tun es auf unter­schied­li­che Wei­sen, sub­til oder offen­sicht­lich, in unter­schied­li­chen Gra­den sowie auf unter­schied­li­chen Gebie­ten.

Poli­ti­ker, Beam­te, Mana­ger und Ban­kiers scha­den mit ihrem Macht­miss­brauch der All­ge­mein­heit. Der Macht­miss­brauch, der in Fami­li­en, unter Freun­den oder Arbeits­kol­le­gen statt­fin­det, rich­tet nur ver­ein­zelt Scha­den an, doch da er in Mil­lio­nen Fäl­len geschieht und Mil­lio­nen Indi­vi­du­en davon betrof­fen sind, ist auch er groß, viel­leicht sogar der grö­ße­re. Und glo­bal sind es Mil­li­ar­den Men­schen, die auf­grund von Macht­miss­brauch psy­chisch und phy­sisch geschä­digt sind und dadurch selbst zum Macht­miss­brauch ani­miert oder genö­tigt wer­den.

Aus die­ser Mas­se der psy­chisch und sozi­al geschä­dig­ten Men­schen rekru­tie­ren sich unse­re Mana­ger und Poli­ti­ker, wel­che die Wirt­schaft und Poli­tik gestal­ten.

Wir alle sind von der Wider­sprüch­lich­keit des gesell­schaft­li­chen Lebens kor­rum­piert, oft bereits von Kind­heit an. Das wis­sen wir meis­tens und haben uns damit abge­fun­den und anrangiert. „So ist das Leben nun mal“, ver­tei­di­gen wir unse­re Gleich­gül­tig­keit ach­sel­zu­ckend und gehen zur Tages­ord­nung über. Wir fin­den es nor­mal, mani­pu­liert zu wer­den und selbst zu mani­pu­lie­ren. Wir den­ken, Gewalt, Mani­pu­la­ti­on, Betrug und Hin­ter­list sind natür­li­che und nor­ma­le Bestand­tei­le des Lebens und hal­ten die Vor­stel­lung einer gewalt­frei­en und freund­li­chen Welt für unrea­lis­tisch oder uto­pisch, manch­mal sogar für falsch, denn für vie­le scheint das Leben ein ein­zi­ger Kampf zu sein.

Ende der Jugend

Die­se Ein­stel­lung spie­gelt unse­re unrei­fe Bezie­hung zum Mensch­sein selbst wider. Uns ist nicht bewusst, dass die Mensch­heit ein Orga­nis­mus ist, der sich ent­wi­ckelt. Noch ist er rela­tiv pri­mi­tiv und befin­det sich gegen­wär­tig am Ende sei­ner „Jugend“. Sei­ne Kind­heit hat er zwar hin­ter sich, erwach­sen ist er des­halb nicht. Doch wie es bei Jugend­li­chen oft der Fall ist: Weil sie kei­ne Kin­der mehr sind, füh­len sie sich erwach­sen.

Wir soll­ten das beden­ken, wenn wir über die Mensch­heit urtei­len, denn es ist wenig sinn­voll, ihr ein Ver­hal­ten abzu­ver­lan­gen, zu dem sie aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht noch gar nicht fähig sein kann. Als Ein­zel­we­sen kön­nen wir sehr reif und wei­se sein – unab­hän­gig von unse­rem Alter! Doch als Mensch­heit sind wir wenig mehr als ein puber­tie­ren­der Jugend­li­cher, der das Ende sei­ner Trotz­pha­se durch­lebt. Dass also die Mensch­heit noch nicht fähig ist, sich als Gan­zes fried­lich und freund­lich zu ver­hal­ten, braucht uns nicht zu ver­un­si­chern, beschä­men oder ängs­ti­gen, denn die Ent­wick­lung der Mensch­heit folgt ihrem natür­li­chen Ver­lauf und ist noch längst nicht been­det.


Kathar­sis der Men­schen­heit


Der Weg durchs Feu­er

Die Mensch­heit befin­det sich seit Jahr­tau­sen­den in einer per­ma­nen­ten Kathar­sis, einem Rei­ni­gungs­pro­zess. Wir sind damit beschäf­tigt, unse­re archa­isch-pri­mi­ti­ven Gewohn­hei­ten zu über­win­den, indem wir sie aus­le­ben.

Die Mensch­heit kann ihr Ver­hal­ten nicht auf­grund von Erkennt­nis ändern, denn sie besitzt kein Bewusst­sein. Wäre es so, wür­de sie sich anders ver­hal­ten. Nur als Ein­zel­we­sen kön­nen wir das – und das auch nicht immer! Unser tie­ri­sches Erbe zwingt uns nach wie vor, uns gegen­sei­tig zu betrü­gen, aus­zu­rau­ben, umzu­brin­gen oder ande­re schlim­me Din­ge anzu­tun. Nicht alle ver­hal­ten sich so — viel­leicht noch nicht ein­mal die Mehr­heit — doch die es tun, beein­flus­sen oder bestim­men das all­ge­mei­ne mora­li­sche und ethi­sche “Kli­ma” in den Gesell­schaf­ten. Wir gestal­ten unse­rer Leben oft nur dann fried­lich, wenn die Umstän­de es erlau­ben.

Erst wenn uns die Ent­wick­lung der Mensch­heit wich­ti­ger ist, als unse­re per­sön­li­chen Vor­tei­le, wer­den wir unser Ver­hal­ten ändern.

Wir müs­sen also erken­nen, dass der Nach­teil ande­rer Men­schen nicht unser Vor­teil, son­dern auch unser Nach­teil ist. Die­se Erkennt­nis ist zum gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lungs­stand der Spe­zi­es Mensch nur ein­zel­nen mög­lich, denn unse­re archai­schen Wesens­an­tei­le sind noch sehr hoch und beein­flus­sen unser Han­deln und Den­ken mehr, als uns bewusst ist.

Kon­kur­renz­den­ken und Über­le­bens­wil­le (der die Fort­pflan­zung mit ein­schließt) sind die haupt­säch­li­chen Beweg­grün­de für unser all­täg­li­ches Han­deln. Über­le­bens­wil­le ist ein natür­li­cher Trieb. Aller­dings leben wir ihn zu Tei­len immer noch so aus, wie einen Über­le­bens­kampf in einer lebens­feind­li­chen Umwelt. Doch die ist längst nicht mehr so, wie zu prä­his­to­ri­schen Zei­ten. In der Regel gibt es kei­ne wil­den Raub­tie­re mehr, mit denen wir unse­ren Lebens­raum tei­len müs­sen. Wet­ter und Kli­ma sind kei­ne unbe­re­chen­ba­ren Varia­blen mehr, die unse­ren Lebens­raum jeder­zeit zer­stö­ren kön­nen. Aus­nah­men gibt es natür­lich schon (Flut­ka­ta­stro­phen, Erd­be­ben, Stür­me etc.), doch die sind rela­tiv sel­ten und manch­mal auch auf Nach­läs­sig­keit zurück­zu­füh­ren (bei­spiels­wei­se Fluss­be­gra­di­gun­gen). Und um Nah­rung müs­sen wir auch nicht mehr so uner­bitt­lich kon­kur­rie­ren, wie es frü­her oft der Fall war.

Orga­nis­mus Mensch­heit

Trotz­dem ver­hal­ten wir uns oft so, als wäre die Welt eine, in der nur der über­lebt, der stär­ker, raf­fi­nier­ter, lis­ti­ger oder kalt­blü­ti­ger ist. Doch um zu über­le­ben, ist Kon­kur­renz­kampf heut­zu­ta­ge nicht mehr nötig. Das haben wir noch nicht ver­stan­den. Wir brau­chen nicht mehr um die glei­chen Res­sour­cen, Nah­rungs­quel­len oder Ter­ri­to­ri­en strei­ten. Wir kön­nen tei­len. Wir sind zwar ver­nunft­be­gab­te Wesen, doch wären wir das wirk­lich alle, wüss­ten wir, dass es kei­nen Grund mehr gibt, uns so zu ver­hal­ten, wie unse­re tie­ri­schen Gene es uns viel­leicht befeh­len. Das ist natür­lich nur eine Hypo­the­se oder Ver­mu­tung. Sie kann jedoch erklä­ren, war­um unser Ver­hal­ten zum Teil noch das von Stein­zeit­men­schen ist, die aller­dings über moder­ne Waf­fen und Tech­nik ver­fü­gen.

Die Mensch­heit des­halb als unver­bes­ser­lich oder krank zu ver­ur­tei­len, wäre über­eilt. Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass der »Orga­nis­mus Mensch­heit« sein Bes­tes gibt. Wir haben es aller­dings nicht leicht, denn als Mensch­heit sind wir mora­lisch und ethisch ziem­lich inho­mo­gen. Es gibt fried­li­che und aggres­si­ve, dum­me und klu­ge, bös­ar­ti­ge und gut­ar­ti­ge Men­schen. Doch die aggres­si­ven, kor­rup­ten, gleich­gül­ti­gen oder macht­hung­ri­gen drän­gen sich oft in den Vor­der­grund, indem sie ihre fried­li­chen, ehr­li­chen oder krea­ti­ven Kon­kur­ren­ten mit unfai­ren Mit­teln über­vor­tei­len. Des­halb sind vie­le Posi­tio­nen in Poli­tik und Wirt­schaft von Men­schen besetzt, die für die­se Auf­ga­ben eigent­lich unge­eig­net sind.

Als fai­rer, ehr­li­cher und freund­li­cher Mensch kann man sich in die­ser Welt gegen Unehr­lich­keit und Ver­schla­gen­heit nur durch­set­zen, wenn man selbst unehr­lich und ver­schla­gen ist. Doch damit kor­rum­piert der ehr­li­che Mensch sich und wird zu dem, was er nicht sein will.

Selbst­be­zo­ge­ne Macht­men­schen haben es hin­ge­gen leicht sich durch­zu­set­zen, denn ihnen ist es egal, Heuch­ler zu sein, selbst wenn die All­ge­mein­heit das weiß. Solan­ge es vor Gericht nicht beweis­bar ist, bzw. kei­ne straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen hat, stört es sie nicht. Sie behaup­ten offi­zi­ell, sich für das Wohl der Gesell­schaft oder der Men­schen ein­zu­set­zen. Wir glau­ben ihnen das meis­tens zwar nicht wirk­lich, sind aber genö­tigt, es for­mell zu tun oder uns damit abzu­fin­den, da das Gegen­teil nicht nach­zu­wei­sen ist. Das ist ein zusätz­li­cher Fak­tor, der die Wei­ter­ent­wick­lung der Gesell­schaf­ten und der Mensch­heit zu einem so schwie­ri­gen und zähen Pro­zess macht.


Dumm­heit und Angst


Furcht vor dem Neu­en und Frem­den

Solan­ge wir uns nur aus Ver­nunft­grün­den fried­lich und freund­lich ver­hal­ten, wird es immer wie­der krie­ge­ri­sche Kon­flik­te zwi­schen den Natio­nen geben. Unse­re Fried­lich­keit muss einem inne­ren Bedürf­nis ent­sprin­gen, muss weni­ger künst­lich sein, damit sie dau­er­haft ist. Zu die­ser Ein­sicht sind wir nur sel­ten fähig, denn Dumm­hei­ten und Ängs­te der unter­schied­lichs­ten Kate­go­ri­en haben unse­ren Ver­stand ver­ne­belt und auch kor­rum­piert.

Wir haben Angst, unse­ren und den Ansprü­chen der ande­ren nicht zu genü­gen. Angst vor der Mei­nung ande­rer, die uns ver­let­zen kön­nen, auch wenn wir es nicht zuge­ben kön­nen oder wol­len, denn die­ses unrei­fe Ver­hal­ten ist uns pein­lich. Wir haben all­ge­mein Angst vor Ver­än­de­run­gen, denn die­se bedeu­ten Unsi­cher­heit. Der stän­di­ge Ver­such, unse­ren eige­nen Ansprü­chen und dem gesell­schaft­li­chen Lebens- und Leis­tungs­druck gerecht zu wer­den, machen es uns unmög­lich ruhig und ent­spannt unser Leben wahr­zu­neh­men. Dar­um ver­hal­ten wir uns oft dumm.

Ein dunkler Haufen von vergessenen Dingen, die uns den Blick auf den offenen Himmel versperren.Die gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen sind uns wich­ti­ger als unser Leben. Wir ver­leug­nen unser inne­res Sein, neh­men uns die Mög­lich­keit zu wach­sen und mer­ken es nicht.

Des­we­gen ent­wi­ckeln wir uns lebens­lang kaum wei­ter, denn der selbst ver­schul­de­te Stress, der Druck des sozia­len Lebens, aber auch man­gel­haf­ter Wil­le, neh­men uns den Raum für die­se Mög­lich­keit. Letzt­end­lich liegt es aber an uns selbst, denn in unse­rer Bla­se aus immer wie­der­keh­ren­den Abläu­fen ist es bequem und alles bleibt so, wie wir es gewohnt sind.

Wir müs­sen die Bla­se auf­ste­chen. Mit etwas Mut wird es uns dann gelin­gen, die Angst vor etwas zu ver­lie­ren, das sowie­so nie eine Bedro­hung war.