Wahrheit


Kategorien der Wahrheit

„Alle Wahrheiten sind relativ, bis auf die, dass alle Wahrheiten relativ sind“, ist ein lustiger Spruch – mehr allerdings nicht!

Ein rotes, zerfassertes Element, hinter einem Bienenwaben ähnlichem Gitter, zusammen auf einem Globus ähnlichem Hintergrund.Denn viele andere Wahrheiten sind ebenfalls nicht relativ. Zum Beispiel ist die Aussage: „Die Welt braucht dringend freundliche und friedliche Menschen, wenn sie eine brauchbare Zukunft haben will“, absolut wahr, denn mit Hass und Gewalt lassen sich keine Welt gestalten, die zukunftstauglich ist.
Wir können nur dann von Wahrheit sprechen, wenn gleichzeitig die Möglichkeit zur Unwahrheit besteht. Die Aussage: „Es ist wahr, dass es mich gibt“, ist zwar wahr, doch ist diese Feststellung einer Tautologie ähnlich und deswegen tendenziell unsinnig. Denn damit ich sagen kann: „Es ist wahr …“, muss es mich geben. Zurzeit sind mir vier Wahrheitskategorien bekannt:

1. Kategorie: Objektive, allgemeine Wahrheiten.

Die Welt der Dinge, Formen und Tatsachen. Wir wissen, dass all das, was uns materiell und ideell umgibt, tatsächlich existiert, obwohl wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen können, ob auch auf die Art und Weise, wie es uns erscheint oder wir es wahrnehmen. Doch das ist ein philosophischer Aspekt und hat in unserer Alltagsexistenz keine Bedeutung.

2. Kategorie: Subjektive, relative Wahrheiten.

Die Welt der Geschmäcker, Meinungen, Interpretationen und individuellen Wahrnehmungen. Es ist wahr, dass uns eine bestimmte Speise schmeckt, ein bestimmtes Buch gefällt oder ein bestimmtes Geräusch stört. Doch das kann sich ändern und gilt nicht für jeden. Das, was uns heute gefällt, können wir morgen hassen und umgekehrt. Was heute wahr ist, kann morgen falsch sein.

3. Kategorie: Unscharfe Wahrheiten – virtuelle Gültigkeit.

Die Welt der Theorien, Vermutungen und Überzeugungen. Wir glauben an etwas und halten es für wahr. Diese vermuteten, geglaubten oder gefühlten Wahrheiten existieren alleine in unserer Vorstellung. Ob sie tatsächlich Wahrheiten sind, wissen wir nicht – wir glauben es nur. Einige werden wahr sein, andere nicht. Unser Glaube ist kein Indikator für Wahrhaftigkeit, obwohl wir das oft denken.

4. Kategorie: Formelle Wahrheiten – suggestive Gültigkeit.

Die Welt der Täuschungen, Lügen und offiziellen Wahrheiten. Wir wissen manchmal, dass etwas unwahr ist, trotzdem behandeln wir es als wahr. Wir wissen vielleicht, unser Partner ist untreu, tun aber so, als wüssten wir es nicht. Wir wissen, unsere Politiker sagen aus diplomatischen oder taktischen Gründen die Unwahrheit, akzeptieren es aber. Wir lügen einen Freund an, um ihn vor einer unangenehmen Wahrheit zu schützen. Unser Leben ist mit formellen Wahrheiten (indirekten Lügen) durchwachsen und verflochten, was nicht selten die Voraussetzung für ein reibungsloses Funktionieren der Gesellschaften ist.

Eine braun-orangene Struktur auf blauen HintergrundViele unserer tatsächlichen objektiven Wahrheiten können wir anzweifeln, aus philosophischer Sicht sogar fast alle. Außer ein paar grundsätzlichen Sachen gibt es kaum etwas, was definitiv beweisbar ist und deshalb den Charakter einer objektiven Wahrheit hat. Zum Beispiel ist die Existenz meines Schreibtischs vor mir eine objektive Tatsache – genau wie all die anderen Objekte, die in der Welt »objektiv«, also gegenständlich sind. Doch ob es all diese Dinge auch auf die Art gibt, auf der wir sie wahrnehmen, können wir nicht beweisen. „Theoretisch“ könnten sie Bestandteil eines großen Traums sein und nur virtuell existieren.
Meine eigene Existenz ist für mich die einzige Tatsache, die für mich unumstößlich wahr ist. Und das gilt für jeden. Denn es macht keinen Sinn zu sagen: „Vielleicht bilde ich mir meine Existenz nur ein.“ Damit ich mir etwas einbilden kann, muss es mich geben. Das ist der definitive Beweis für meine Existenz – selbst wenn meine Existenzform die eines träumenden Geist sein sollte.

Rein theoretisch – aus solipsistischer Sicht – könnte es nur uns (also den Einzelnen) geben und wir „träumen“ die anderen Menschen, die Welt und das Universum nur. Alles, was es gibt – außer uns selbst – könnte also eine Illusion sein, denn das Gegenteil ist definitiv nicht zu beweisen.

Das ist natürlich extrem unwahrscheinlich und nur eine philosophische Spielerei. Trotzdem wäre es »rein theoretisch« möglich, denn das Gegenteil ist definitiv nicht beweisbar. Und aus diesem Grund ist die solipsistische Idee bis heute noch lebendig. In unserem realen Alltagsleben besitzt sie jedoch keine Relevanz, denn sie hat keinen praktischen Nutzen. Wenn wir uns also fragen, was wahr und falsch ist, sollten wir uns auf das konzentrieren, was für unser Leben Bedeutung hat.

Wahr ist das, was wir für wahr halten

Ein längliches, senkrechtes Element, an einen Baumstamm erinnerndDie Wahrheit ist relativ, heißt es bekanntlich. Was für den einen wahr ist, kann für den anderen falsch sein. Es ist beispielsweise wahr, dass dem einen Spinat schmeckt und dem anderen nicht. Wahr ist also, Spinat schmeckt und es ist auch wahr, dass er es nicht tut. Dabei handelt es sich um eine »persönliche Wahrheit« – sie ist subjektiv oder auch privat. Die Aussage »Spinat schmeckt« ist demnach wahr und falsch – oder: weder wahr noch falsch!
Wenn wir von Wahrheit sprechen, meinen wir aber in der Regel nicht die subjektive sonder die objektive Wahrheit. Allerdings bestimmen wir oft selbst, was objektiv und subjektiv ist. Wir empfinden unsere persönlichen Eindrücke oder Erfahrungen nicht selten als objektiv bzw. allgemeingültig, weil es unsere Erfahrungen sind. Personen, die nicht genauso empfinden wie wir, unterstellen wir manchmal Realitätsverweigerung. Unsere persönliche Sichtweise empfinden wir als allgemeingültig und normal. Für Theisten ist beispielsweise die Existenz Gottes eine objektive Wahrheit. Sie haben zwar keine definitiven Beweise, sind aber so sehr von dem »Schöpfergottkonzept« fasziniert, dass sie es für wahr halten und deswegen keine Beweise benötigen. Ihr Glaube an Gott ist für sie der Beweis seiner Existenz.

Wenn wir sagen: Wahrheit ist relativ, bedeutet das eigentlich: Unsere Geschmäcker, Empfindungen oder Interpretationen sind von Individuum zu Individuum unterschiedlich.

Geschmäcker und Empfindungen weichen voneinander ab, auch unsere Körpergrößen, Nasenformen, Haut- und Haarfarben oder Augenabstände sind nicht einheitlich. Keine dieser Eigenschaften ist wahrhaftiger als die andere. Das haben wir noch nicht in allen Teilen verstanden.

Missbrauch des Ausdrucks Wahrheit

Wahrheit interessiert uns in der Regel nur, wenn sie uns einen Vorteil bietet. Dann machen wir auf sie aufmerksam (spielen den Wahrheitsliebenden) und nutzen sie zur Durchsetzung unserer Interessen. Bedeutet sie einen Nachteil für uns, ignorieren oder leugnen wir sie. Oder wir relativieren sie (spielen ihren Wert herunter), um uns mit ihr nicht weiter beschäftigen zu müssen. Deswegen ist der oft und gern zitierte Satz von der Relativität der Wahrheit so beliebt. Eigentlich sollte klar sein, dass – wenn von Wahrheit gesprochen wird – es um Tatsachen geht. Doch die unsere Welt bestimmenden Tatsachen besitzen oft unangenehme Aspekte, denen wir gerne aus dem Weg gehen. Deshalb ist für uns oft das wahr, was unsere Sichtweise bestätigt und nützlich für uns ist. Das ist verständlich, denn niemand mag unangenehme Dinge.

Eine kristallähnliche Struktur, auf dem Hintergrund eines kosmischen Abgrunds.

Ein anderer Aspekt von Wahrheit ist: Da, wo plakativ von ihr gesprochen wird, findet man sie in der Regel am wenigsten. Da, wo Wahrheit draufsteht, ist meistens das Gegenteil drin. Da, wo man sich brüstet, die Wahrheit zu kennen, interessiert man sich in Wirklichkeit nur wenig bis gar nicht für sie.
Denn wir missbrauchen das »Attribut« Wahrheit oft, um unseren Behauptungen und unserem Glauben mehr Überzeugungskraft zu verleihen. Ein Trick, mit dem wir andere – aber auch uns selbst – quasi hypnotisieren wollen. Doch wer die Wahrheit kennt, hat es nicht nötig, explizit darauf hinzuweisen. Denn eine Wahrheit sollte stets für sich selbst sprechen können, aufgrund tatsächlich erkennbarer, nachweisbarer und nachvollziehbarer Fakten. Wenn extra betont wird – beispielsweise mit einer aggressiven Rhetorik – dass etwas wahr ist, ist an dieser „Wahrheit“ meistens etwas faul.

Wer schön ist, hat es nicht nötig darauf hinzuweisen. Wer reich ist, hat es nicht nötig davon zu sprechen. Wer intelligent ist, hat es nicht nötig damit anzugeben. Und wer die Wahrheit kennt, hat all das ebenfalls nicht nötig. Wer tatsächlich an der Wahrheit interessiert ist, weiß, sie ist nicht deswegen deutlicher zu erkennen, wenn man ständig von ihr spricht.

Wer trotzdem wiederholt von seiner Schönheit, seinem Reichtum, seiner Intelligenz oder der Wahrheit spricht, besitzt diese Attribute wahrscheinlich nur in eingeschränkter Form oder wünscht sich nur, sie zu besitzen.
Natürlich gibt es von dieser Regel Ausnahmen. Wer sehr eitel ist, redet vielleicht oft von seiner Schönheit oder seiner Intelligenz und nervt – ohne es zu wollen und merken – damit seine Mitmenschen. Wer allerdings plakativ von der eigenen Wahrheitsliebe spricht (wie beispielsweise die sogenannte „Truther“) sollte diesen Anspruch auch mit der Darlegung von Tatsachen oder Beweisen untermauern können, wenn er ernst genommen werden will. Andernfalls wirkt sein Anspruch nur lächerlich. Das ist bei den selbst ernannten Wahrheitsliebenden leider oft der Fall.