Feindschaft

Künstliche Feindschaft

Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übel nimmt, ist ein Antisemit.

(Hendrik M. Broder)

Jede Form von Feindschaft ist künstlich. Es gibt keine natürlichen Feindschaften, wie beispielsweise Naturkräfte, die sich aufgrund ihrer gegensätzlichen Eigenschaften bekämpfen müssen, obwohl es manchmal so scheinen mag: Wasser ist beispielsweise nicht der natürliche Feind von Feuer. Ein Brand kann mit Wasser gestoppt werden, doch es gibt viele Dinge, mit denen man ein Feuer löschen kann. Jeder Stoff oder Effekt, der die Sauerstoffzufuhr verhindert, kann eine Flamme ersticken. Wasser eignet sich dafür gut, denn es umschließt den brennenden Gegenstand schnell, da es sehr flüssig ist. Es ist jedoch nicht das Wasser, welches das Feuer ausgehen lässt, sondern der Sauerstoffmangel. Und ist das Feuer sehr heiß, verdampft das Wasser, bevor es den brennenden Gegenstand bedeckt, sodass es seine Löscheigenschaften verliert und das Feuer jetzt sogar stärker entfachen kann. Das ist bei Ölbränden zum Beispiel der Fall. Dann ist Wasser sogar der Freund des Feuers!
Eine hölzerne Planke, mit Rissen und grober Obenflächenstruktur, die perspektivisch in die Länge gezogen ist.

Bekämpfen sich im Tierreich zwei Arten, hat das stets einen situationsbedingten Anlass: Es geht um die Nahrungskonkurrenz. Ameisenstaaten bekämpften andere Ameisenstaaten, weil sie das Territorium, aus dem sie ihre Nahrung beziehen, für sich allein beanspruchen, und nicht weil die andere Ameisenart als Erzfeind betrachtet wird, der vernichtet werden muss. Das gilt für alle Kämpfe und Feindschaften in der Tierwelt, denn Tiere sind reine Opportunisten – sie interessieren sich allein für ihre Fortpflanzung und Existenzsicherung. Werden Fortpflanzung und Existenz durch das Verhalten einer anderen Tierart bedroht, bekämpfen sie diese. Andernfalls wird sie nicht beachtet.

Feindschaften sind ausnahmslos zweckgebundene, zeitliche begrenzte Aggressionen, zum Grund der Vorteilsbeschaffung.

Wird ein Land ohne einen pragmatischen Grund angegriffen (beispielsweise der Erweiterung des Territoriums), handelt es sich um eine willkürliche Aggression. Vielleicht will man den Gegner vernichten, verletzen oder demütigen, weil man ihn nicht mag oder ein Ventil für angestaute Aggressionen braucht. Das gilt natürlich auch für einzelne Menschen.

Tradition der künstlichen Feindschaft

Eine felsenartige Struktur, in braunen und gelben Farben, hinter der ein Licht zu scheinen scheint.Ein gutes Beispiel einer künstlichen Feindschaften ist der Antisemitismus. Der stark ausgeprägte Antisemitismus behauptet, Juden sind per se der Feind der Deutschen und sogar der gesamten Menschheit und müssten deshalb bekämpft und letztendlich vernichtet werden. Infolgedessen gäbe es eine natürliche Feindschaft zwischen ihnen und dem Rest der Welt, sagen sie. Mit dieser Behauptung begründen sie ihren Hass auf die Juden und rechtfertigen ihre Gewalttaten. Doch für diese Behauptung gibt es weder irgendwelche Beweise noch Hinweise. Juden mögen ihre (manchmal skurrilen) Eigenarten haben und im Laufe der letzten 1000 Jahre haben sie ihre Nischen in der Wirtschaftswelt gefunden, doch das trifft auf viele Völker zu.
Viele Juden sind in Showbusiness, Wirtschaft und der Geldwirtschaft tätig. Schon im Mittelalter hatte man ihnen alle bürgerlichen Berufe verboten und ihnen nur die gelassen, die als unmoralisch galten. Sie durften Juweliere, Geldverleiher, Kaufleute oder auch Gaukler sein, weil diese Berufe einen schlechten Ruf hatten (und einige davon heute immer noch). Es ist also ganz natürlich, dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte auf diese Tätigkeiten spezialisiert haben und aus diesem Grund heute dort überrepräsentiert sind.
Die Art und Weise, wie der Staat Israel 1948 entstand, ist ziemlich fragwürdig. Er wurde gegen den Willen der Palästinenser auf deren Territorium gegründet, umgeben von judenfeindlichen Nachbarstaaten. Das war nicht nur unsensibel, sondern auch extrem dumm. Denn aus diesem Grund gibt es bis heute permanent Konflikte zwischen dem restlichen Palästina und Israel. Israel muss sich gegen seine Nachbarstaaten abschotten und überleben nur, weile es von den USA und der UNO im allgemein beschützt wird. Das ist auf Dauer kein akzeptabler Zustand und es gibt auch keine Anzeichen, dass diese Situation sich irgendwann einmal entspannen könnte.

Unabhängig davon ist der Staat Israel nicht anders als alle anderen: Er macht Politik, die genauso egoistisch und kurzsichtig ist, wie die Politik anderer und nutzt seine Möglichkeiten, um sich Vorteile zu sichern, auf Kosten anderer Länder – genau wie alle Nationen!

Wir können diesem Staat also nichts vorwerfen, was wir anderen nicht auch vorwerfen können. China hält beispielsweise seit fast 70 Jahren Tibet besetzt – kein Neonazi stört sich daran. Russland hat sich die Halbinsel Krim in aller Öffentlichkeit einverleibt (und ist augenblicklich damit beschäftigt, sich den Rest der Ukraine zu holen) – auch dagegen protestiert kein Neonazi.

Beim Antisemitismus handelt es sich daher um eine künstliche Feindschaft. Sie hat die Funktion eines Sündenbocks und soll uns von unseren eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten ablenken.

Eine kontrastreiche, abstrakte Struktur, in blauen, roten und gelben Farben.Sollten wir es also irgendwann nicht mehr nötig haben, anderen Menschen oder Völkern Machenschaften, Böswilligkeiten, Intrigen oder Betrügereien zu unterstellen, um eigene Fehler nicht sehen zu müssen, brauchen wir auch keine Feindschaften mehr. Dann wird der Antisemitismus verschwinden, denn nichts Künstliches kann ewig bestehen.
Feindschaften sind absichtliche Aggression, die aufgrund ihrer Künstlichkeit in ihr Gegenteil umschlagen können. Aus diesem Grund können Naturgewalten wie schwere Stürme, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder gefährliche Raubtiere nicht als feindlich gelten, denn diese Gefahren werden immer eine Bedrohung sein. Genauso wenig können wir den Zufall oder die Ungewissheit als Feind bezeichnen.

Funktion der »natürlichen« Feindschaft

Die sogenannte »natürliche Feindschaft« ist übrigens mit der »natürliche Feindschaft« verwandt: Beide sind von uns erfundene Vorurteilssysteme, die uns helfen, Erkenntnisse über unser Leben zu vermeiden, denn alles, was unsere gewohnten Routinen stört, mögen wir nicht. Sicherheit (also Stabilität in sozialen und wirtschaftlichen Belangen) ist uns wichtiger als Authentizität, Originalität und Individualität, denn davon können wir uns nichts kaufen – so die Logik unseres Alltagsverstandes.

Natürliche Feindschaft und natürliche Ordnung ersetzen somit individuelle Erfahrungen und Gedanken. Sie nehmen uns die Aufgabe ab, selbst bestimmen zu müssen, was gut oder richtig ist. Denn wir sind auf die eine oder andere Art alle Opportunisten und Feiglinge und tun meistens nur das, was uns den größtmöglichen Vorteil für unsere augenblickliche Situation verspricht.

Eine düstere Küstenlandschaft, die sehr verlassen wirkt, über die am Boden Nebelschwaden kriechen.Sprechen wir von natürlicher Feindschaft, geht es uns weniger um die Feindschaft selbst. Wir brauchen »Projektionsflächen« (Ausländer, Juden, Außerirdische, Andersdenkende), auf die wir unsere Fehler und Unzulänglichkeiten auslagern können – das ist alles. Unsere wirklichen Feinde erkennen wir stattdessen oft nicht oder halten sie sogar für Freunde: Unsere Trägheit im Denken, unseren ausgeprägten Hang zum Opportunismus, unsere Unfähigkeit, uns von unseren überflüssigen und hinderlichen Gewohnheiten zu lösen.

Unsere wahren und einzigen natürlichen Feinde sind daher nicht irgendwelche Mächte, die es gilt außerhalb uns selbst zu bekämpfen, sondern unsere entwicklungshemmenden Angewohnheiten und Dummheiten, mit denen wir uns ein selbstbestimmtes und kreatives Leben verbauen.

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