Feindschaft

Künstliche Feindschaft

Jede Form von Feindschaft ist künstlich. Es gibt keine natürlichen Feindschaften, wie beispielsweise Naturkräfte, die sich aufgrund ihrer gegensätzlichen Eigenschaften bekämpfen müssen, obwohl es manchmal so scheinen mag: Wasser ist beispielsweise nicht der natürliche Feind von Feuer. Ein Brand kann mit Wasser gelöscht werden, doch es gibt viele Dinge, mit denen man ein Feuer löschen kann. Jeder Stoff oder Effekt, der die Sauerstoffzufuhr verhindert, kann genutzt werden, um eine Flamme zu ersticken. Wasser eignet sich dafür gut, denn es umschließt den brennenden Gegenstand schnell, da es sehr flüssig ist. Es ist jedoch nicht das Wasser, welches das Feuer löscht, sondern der Sauerstoffmangel lässt die Flamme ausgehen. Und ist das Feuer sehr heiß, verdampft das Wasser, bevor es den brennenden Gegenstand umschließen kann, sodass es seine Löscheigenschaften verliert und das Feuer jetzt sogar noch stärker entfachen kann. Das ist bei Ölbränden zum Beispiel der Fall. Dann ist Wasser sogar der Freund des Feuers!

Eine hölzerne Planke, mit Rissen und grober Obenflächenstruktur, die perspektivisch in die Länge gezogen ist.

Bekämpfen sich im Tierreich zwei Arten, hat das stets einen situationsbedingten Anlass: Es geht um die Nahrungskonkurrenz. Ameisenstaaten bekämpften andere Ameisenstaaten, weil sie das Territorium, aus dem sie ihre Nahrung beziehen, für sich allein beanspruchen, und nicht weil die andere Ameisenart als Erzfeind betrachtet wird, der vernichtet werden muss. Das gilt für alle Kämpfe und Feindschaften in der Tierwelt, denn Tiere sind reine Opportunisten – sie interessieren sich allein für ihre Fortpflanzung und Existenzsicherung. Werden Fortpflanzung und Existenz durch das Verhalten einer anderen Tierart bedroht, bekämpfen sie diese. Andernfalls beachten sie diese gar nicht.

Feindschaften sind ausnahmslos zweckgebundene und zeitliche begrenzte Aggressionen, mit denen sich die Kontrahenten Vorteile verschaffen wollen.

Wird ein Land ohne einen pragmatischen Zweck angegriffen (beispielsweise der Erweiterung des Territoriums), handelt es sich nicht um eine Feindschaft, sondern um einen willkürlichen Akt der Aggression. Diese Aggression verfolgt keinen besonderen Zweck: Sie ist selbst der Zweck. Vielleicht möchte man den Gegner vernichten, verletzen oder demütigen, weil man ihn nicht mag oder ein Ventil für angestaute Aggressionen braucht.

Tradition der künstlichen Feindschaft

Eine felsenartige Struktur, in braunen und gelben Farben, hinter der ein Licht zu scheinen scheint.Ein gutes Beispiel ist der Antisemitismus. Neonazis behaupten, die Juden sind per se der Feind der Deutschen oder sogar der ganzen Menschheit und müssten deshalb bekämpft und vernichtet werden. Infolgedessen gäbe es eine natürliche Feindschaft zwischen den Juden und dem Rest der Welt, sagen sie. Mit dieser Behauptung begründen die militanten Antisemiten ihren Hass auf die Juden und rechtfertigen offiziell ihre Judenbekämpfung. Die Juden wären ein natürlicher, ewiger Feind der Menschheit.
Doch für diese Behauptung gibt es weder irgendwelche Beweise noch Indizien. Juden mögen ihre (manchmal skurrilen) Eigenarten haben und im Laufe der Geschichte haben sie auch ihre Nische in der Wirtschaftswelt gefunden, doch das trifft auf viele Völker zu.

Juden sind nicht anders als andere Völker: Sie machen Politik, die genauso egoistisch und kurzsichtig ist, wie die Politik anderer Nationen. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, um sich Vorteile zu sichern, auf Kosten anderer Länder – genau wie andere Nationen!

Man kann den Juden nichts vorwerfen, was man anderen Nationen nicht ebenfalls vorwerfen kann – und trotzdem sind sie für viele Menschen der Sündenbock der Welt.
Das liegt daran, weil wir als Einzelne und als Nationen Sündenböcke brauchen, die wir für unser Versagen oder unsere Unfähigkeiten verantwortlich machen können – und die Juden waren aus irgendeinem Grund für die Rolle des universellen Sündenbocks wohl prädestiniert. Vielleicht war es aber nur Zufall und es hätte genauso gut ein anderes Volk treffen können. Inzwischen ist Judenhass oder Antisemitismus so etwas wie eine Tradition, die wir gedankenlos übernehmen, selbst wenn wir noch nie Kontakt zu einem Juden hatten.

Beim Antisemitismus handelt es sich daher um eine künstliche Feindschaft, deren Funktion es ist, von den eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten abzulenken.

Eine kontrastreiche, abstrakte Struktur, in blauen, roten und gelben Farben.Sollten wir es irgendwann nicht mehr nötig haben, andere für unsere eigenen Fehler verantwortlich zu machen, brauchen wir keine künstlichen Feindschaften mehr. Und weil der Antisemitismus eine künstliche Feindschaft ist, wird er dann verschwinden, denn nichts Künstliches kann ewig bestehen.
Feindschaft ist folglich stets eine bewusste Intension, die sich auch in ihr Gegenteil wandeln kann. Aus diesem Grund können Naturgewalten wie schwere Stürme, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder gefährliche Raubtiere nicht als feindlich gelten, denn diese Naturgewalten werden immer eine Bedrohung sein. Bei den Naturgewalten handelt es sich um Gefahren, die das Leben mit sich bringt. Genauso wenig kann man den Zufall oder die Ungewissheit als Feind bezeichnen.

Funktion der »natürlichen« Feindschaft

Natürliche Feindschaft ist übrigens mit der Natürliche Ordnung verwandt: Beide sind von uns erfundene »Wertesysteme«, mit deren Hilfe wir unbewusst Erkenntnisse über uns selbst und unser Leben vermeiden wollen. Denn alle Erkenntnisse, die uns in unserer gewohnten Routine stören, mögen wir normalerweise nicht. Erkenntnisse können Veränderungen einleiten und Veränderung bedeutet potenzielle Unsicherheit. Sicherheit (Stabilität in sozialen und wirtschaftlichen Belangen) ist uns jedoch sehr wichtig (was verständlich ist, denn in erster Linie wollen wir ein möglichst bequemes Leben) und deswegen verzichten wir lieber auf Authentizität, Originalität und Individualität, denn davon können wir uns nichts kaufen – so die bestechende Logik unseres Alltagsverstandes.

Natürliche Feindschaft und insbesondere natürliche Ordnung ersetzen somit individuelle Erfahrungen und Gedanken. Sie nehmen uns die Aufgabe ab, selbst entscheiden zu müssen, was gut oder richtig ist und damit das Risiko, falsche oder unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Denn wir sind auf die eine oder andere Art alle Opportunisten und Feiglinge und tun meistens nur das, was uns den größtmöglichen Vorteil für unsere augenblickliche Situation verspricht

Eine düstere Küstenlandschaft, die sehr verlassen wirkt, über die am Boden Nebelschwaden kriechen.Sprechen wir von natürlicher Feindschaft, geht es uns weniger um die Feindschaft selbst. Wir brauchen »Prinzipien« (Ausländer, Juden, Außerirdische, Andersdenkende), auf die wir unsere Fehler projizieren können – das ist alles. Unsere wirklichen Feinde erkennen wir stattdessen oft nicht oder halten sie sogar für Freunde: Unsere Trägheit im Denken, unseren ausgeprägten Hang zum Opportunismus, unsere Unfähigkeit, uns von unseren überflüssigen und hinderlichen Gewohnheiten zu lösen.

Unsere wahren und einzigen natürlichen Feinde sind daher nicht irgendwelche Mächte, die es gilt außerhalb uns selbst zu bekämpfen, sondern unsere entwicklungshemmenden Angewohnheiten und Dummheiten, mit denen wir uns ein selbstbestimmtes und kreatives Leben verbauen.

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